Aktuelle Nachrichten
Irak am sechshunderteinundsiebzigsten Tag nach Erlangung der formellen
Souveränität
Zehntausende Iraker auf der Flucht vor Gewalt. Mindestens vierzehn Tote
bei Anschlägen und Übergriffen. US-Oberstleutnant wegen
Folter in Abu Ghraib angeklagt. Zehntausende fordern in New York ein
Ende des Irak-Kriegs
So.30.04.06 - Die anhaltende Gewalt im Irak hat nach Angaben der Regierung in Bagdad
bereits zehntausende Menschen in die Flucht getrieben.
Vizepräsident Adil Abdul Mahdi sprach von rund 100.000 Familien,
die vor Anschlägen und Übergriffen geflohen seien. 90 Prozent
davon seien Schiiten, sagte er. Landesweit wurden am Samstag erneut
mindestens 14 Iraker getötet.
Die Schiitische Stiftung bezifferte die Zahl der Flüchtlinge auf
90.000 beziehungsweise 13.750 Familien. Allein 25.000 Iraker seien seit
den Anschlägen auf die Goldene Moschee von Samarra am 22. Februar
auf der Flucht, sagte Stiftungssprecher Salah Abdul Rassak.
Im Bagdader Stadtteil Dora wurden am Samstag die Leichen von sechs
gefesselten Männern gefunden, die offenbar zu Tode gefoltert
wurden, wie die Polizei mitteilte. Ebenfalls in der Hauptstadt wurden
zwei Brüder, die für ein ausländisches Unternehmen
arbeiteten, aus einem fahrenden Auto heraus erschossen. In der
sunnitisch dominierten Ortschaft Dschurf el Sachar südlich von
Bagdad überfielen Bewaffnete einen Polizisten und seinen Bruder
und richteten beide regelrecht hin.
Im Westen Bagdads riss eine am Straßenrand versteckte Bombe einen
Polizisten in den Tod, zwei weitere wurden verletzt. In Tal Afar im
wurden bei einer Mörserexplosion ein Iraker getötet und zwei
Kinder verletzt. In Dijala überfielen Bewaffnete einen Kleinbus
mit Studentinnen und töteten eine Frau und ihren Vater, der am
Steuer saß.
US-Präsident George W. Bush räumte in seiner
wöchentlichen Radioansprache ein, auch die lang erwartete Bildung
einer neuen Regierung werde das Blutvergießen im Irak vorerst
nicht beenden. Die Menschen müssten weiterhin mit «Tagen des
Opfers und des Kampfes» rechnen. Die Regierungsbildung im Irak
sei «ein riesiger Schritt auf dem Weg zu Sieg» und ein
Schlag gegen «die Feinde der Freiheit», erklärte Bush
weiter. Da die Aufständischen wüssten, dass der Aufbau einer
Demokratie im Irak ihre Niederlage bedeute, würden sie jedoch
weitere «verzweifelte Gewalttaten» begehen.
Mit mindestens 67 getöteten Soldaten haben die
US-Streitkräfte im April so viele Verluste erlitten wie seit
Monaten nicht mehr: Im März wurden 31 US-Soldaten im Irak
getötet, im Februar waren es 55 und im Januar 62. Bushs
Umfragewerte sind wegen seiner Irak-Politik so schlecht wie nie zuvor.
Zehntausende Demonstranten haben am Samstag in New York den sofortigen
Rückzug der amerikanischen Truppen aus dem Irak gefordert.
An der Protestkundgebung in Manhattan nahm die als «Peace
Mom» bekannte Friedensaktivistin Cindy Sheehan teil, deren Sohn
im Irak getötet worden war. Unter den Teilnehmern waren ferner die
Schauspielerin Susan Sarandon und der Bürgerrechtler Jesse
Jackson. Eine Gruppe marschierte unter dem Banner «Veteranen
für Frieden». Der Geistliche Al Sharpton sagte: «Wir
sind heute hier, weil der Krieg unrechtmäßig, unmoralisch
und unethisch ist.» Die USA müssten ihre Soldaten nach Hause
holen.
«Beendet diesen Krieg, bringt die Truppen nach Hause», war
auf Transparenten zu lesen. Die Organisatoren wollten nach eigenem
Bekunden mit der Demonstration zugleich auf ihren Protest gegen einen
möglichen Militäreinsatz gegen den Iran im Zusammenhang mit
dem Streit um das iranische Atomprogramm zum Ausdruck bringen.
Im Folterskandal von Abu Ghraib ist in den USA ein Oberstleutnant als
bisher ranghöchster US-Militär in dem Fall unter Anklage
gestellt worden. Dem Geheimdienstoffizier Steven Jordan werden
Grausamkeit und die Misshandlung von Gefangenen sowie sechs weitere
Punkte vorgeworfen, wie aus der Anklageschrift hervorgeht. Jordan war
früher Leiter des Verhörzentrums in Abu Ghraib.
Wegen des dortigen Folterskandals wurden bisher hauptsächlich
untere Dienstgrade verurteilt, teilweise zu mehrjährigen
Haftstrafen. Der bislang ranghöchste US-Soldat, der wegen
Misshandlungen in irakischen Gefängnissen verurteilt wurde, ist der
Major Clarke Paulus. Er wurde wegen des Falles eines Häftlings,
der in dem US-Militärgefängnis Camp Whitehorse tot
aufgefunden worden war, unehrenhaft aus der Armee entlassen, musste
aber nicht in Haft.
(Quellen: ap, afp)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. 2003 bis 30.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Teil 7: 01.05. 2005 bis 01.05.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_07.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am dreihundertundsechsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
Sa.30.04.05 - Mindestens 23 Tote bei Anschlagsserie. Sarkawi ruft irakische
Aufständische zu weiteren Anschlägen gegen +++ US-Truppen auf.
Massengrab mit ermordeten Kurden im Irak gefunden +++ USA und Italien
streiten weiter über Fall Calipari +++ Pentagon gibt Fotos von
Särgen getöteter US-Soldaten frei
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/k0504300.htm#news
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.04 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3\irak_k01.htm#bodycount
Sa.04.02.06 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 2.248
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen. Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
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Iran will unter Bedingungen UN-Überwachung zustimmen
So.30.04.06 - Der Iran hat angeboten, einer teilweisen Überwachung seines
Atomprogramms zuzustimmen. Bedingung sei jedoch, dass der
UN-Sicherheitsrat sich nicht weiter mit dem Fall beschäftige, sagte
der Vize-Chef der iranischen Atomenergiebehörde, Mohammed Saidi,
am Samstag im staatlichen Fernsehen. Die Angelegenheit müsse
wieder an die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA)
zurückverwiesen werden. Der Forderung nach einem Stopp der
Uran-Anreicherung werde der Iran aber keinesfalls nachkommen.
Unangemeldete Kontrollen seiner Atomanlagen würde das Land dann
aber zulassen.
Die IAEA hatte am Vortag in einem Bericht an den Rat erklärt, der
Iran habe Forderungen der internationalen Gemeinschaft zu seinem
Atomprogramm nicht erfüllt. Mehrere westliche Staaten
verdächtigen das Land, nach Atomwaffen zu streben. Der Iran hat
dies zurückgewiesen. Vertreter der fünf ständigen
Mitglieder des Sicherheitsrates und Deutschlands sollen am Dienstag in
Paris zu Gesprächen zusammenkommen. Der Rat könnte Sanktionen
verhängen.
"Der Bericht war für uns nicht vollkommen zufrieden stellend, und
wir glauben, dass er hätte besser gemacht werden können",
sagte Saidi im Fernsehen. Die im Zusatzprotokoll zum
Atomwaffensperrvertrag festgelegten unangemeldeten Kontrollen von
Atomanlagen würden als freiwillige Maßnahme behandelt. Sollte
die internationale Gemeinschaft ihre Entscheidung ändern und den
Fall an die IAEA zurückverweisen, könne der Iran die in dem
achtseitigen Bericht aufgeführten Problem schnell lösen,
sagte er.
(Quelle: rtr)
Chirac schlägt Nahost-Quartett Weltbankfonds für
Palästinenser vor
So.30.04.06 - Nach der Machtübernahme der radikalislamischen Hamas hat
Frankreich vorgeschlagen, die Hilfe für die Palästinenser
künftig über einen Treuhandfonds der Weltbank laufen zu
lassen. Ein Sprecher von Präsident Jacques Chirac sagte am Freitag
in Paris, die französische Regierung schlage "insbesondere mit
Blick auf das Treffen des (Nahost-) Quartetts am 9. Mai" vor, dass "sehr
schnell über eine Regelung nachgedacht wird, die eine
Wiederaufnahme der Hilfe erlaubt". Dazu könne ein Treuhandfonds
gegründet werden, "der zum Beispiel von der Weltbank verwaltet
wird." Daraus sollten unter anderem die Gehälter für die
160.000 palästinensischen Beamten bezahlt werden.
(Quelle: afp)
Rebellen im Osten Indiens töten 13 Geiseln
So.30.04.06 - Maoistische Rebellen im Osten Indiens haben nach örtlichen
Medienberichten 13 Geiseln getötet. Demnach brachten die
Aufständischen im Unionsstaat Chattisgarh am vergangenen Dienstag
52 Dorfbewohner in ihre Gewalt. Zwei von ihnen seien am Freitag
getötet worden und elf weitere am Samstag, berichtete die
Nachrichtenagentur PTI unter Berufung auf Polizeikreise. Die als
Naxalites bekannten Rebellen kämpfen in mehreren indischen Staaten
schon seit zwei Jahrzehnten um Grundbesitz und Arbeitsplätze
für die arme Landbevölkerung. In der Vergangenheit haben sie
häufig Polizisten und Regierungsbeamte angegriffen, die sie als
Kollaborateure der Großgrundbesitzer brandmarken. Die Dorfbewohner
gerieten ins Visier der Rebellen, weil sie gegen den Aufstand
protestierten, der schon mehr als 6.000 Menschenleben gekostet hat.
(Quelle: ap)
Proteste zum Amtsjubiläum des kirgisischen Präsidenten
So.30.04.06 - Gut ein Jahr nach der so genannten Tulpenrevolution in Kirgisien haben
rund 10.000 Oppositionsanhänger am Samstag eine Protestkundgebung
gegen Präsident Kurmanbek Bakijew veranstaltet. Trotz heftigen
Regens versammelten sie sich auf dem zentralen Platz der Hauptstadt
Bischkek und forderten Reformen sowie die Bekämpfung der
Korruption. Nachdem sich der Präsident und der
Ministerpräsident an die Demonstranten gewandt hatten, löste
sich die Menge friedlich wieder auf.
Bakijew wurde am 24. März vergangenen Jahres nach dem Sturz von
Präsident Askar Akajew zum Übergangsministerpräsidenten
ernannt und später mit überwältigender Mehrheit in dieses
Amt gewählt. Er versprach damals demokratische Reformen und ein
entschlossenes Vorgehen gegen Verbrechen und Korruption. Die
Demonstranten riefen ihm am Samstag zur Einlösung dieser Zusagen
auf. Ferner forderten sie die Entlassung von zwei ranghohen
Sicherheitsbeamten und dem Generalstaatsanwalt wegen Bestechlichkeit.
Bakijew, der von der Menge zunächst ausgebuht wurde,
erklärte, seit seinem Amtsantritt habe sich schon vieles zum
Besseren gewandelt. Auch Ministerpräsident Felix Kulow betonte, man
könne nicht alles über Nacht verändern. Die Opposition
erklärte schließlich, sie wolle der Regierung zur
Erfüllung ihrer Forderungen noch einen Monat Zeit geben.
(Quelle: ap)
'Linkes' Handelsbündnis in Lateinamerika besiegelt
So.30.04.06 - Die linksgerichteten Staatschefs von Kuba, Venezuela und Bolivien haben
am Samstag ein ausdrücklich gegen die Bemühungen der USA
gerichtetes Handelsabkommen geschlossen. Fidel Castro empfing dazu
seine Kollegen Hugo Chávez und Evo Morales in Havanna. Der von
dem Trio unterzeichnete Vertrag richtet sich gegen die US-Pläne
für eine panamerikanische Freihandelszone. Außerdem
schlossen die drei Nationen einen "Volkshandelsvertrag", der eine
Erhöhung der venezolanischen Öl- und Gasexporte nach Bolivien
vorsieht. Venezuela unterstützt auch die kubanische Wirtschaft mit
Öllieferungen.
(Quelle: afp)
US-Wirtschaft boomt so stark wie seit Jahren nicht mehr
So.30.04.06 - Die US-Wirtschaft ist im zu Anfang 2006 dank deutlich gestiegener
Investitionen so stark gewachsen wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr.
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der weltgrößten
Volkswirtschaft kletterte im ersten Vierteljahr um 4,8 Prozent nach 1,7
Prozent im Vorquartal, wie das US-Wirtschaftsministerium am Freitag
mitteilte. Damit lag der auf das Jahr hochgerechnet Zuwachs zwar leicht
unter den Erwartungen der Analysten von 4,9 Prozent. Es war aber der
stärkste Anstieg der Wirtschaftsleistung seit dem dritten Quartal
2003. Die Finanzmärkte reagierten kaum auf die Daten. Kurse
für Anleihen blieben weitgehend stabil. Der Dollar gab zum Euro
etwas nach. Die Währung litt weiter unter der Aussicht auf eine
Pause im aktuellen Zinserhöhungszyklus in den USA. Diese hatte der
Chef der US-Notenbank (Fed), Ben Bernanke, am Donnerstag signalisiert.
Einer der Hauptwachstumsmotoren waren die Firmen-Investitionen, die
nach dem schwachen Schlussquartal des vergangenen Jahres in den ersten
drei Monaten 2006 um 14,3 Prozent zulegten - so viel wie seit knapp
sechs Jahren nicht mehr. Die Regierung setzte wegen der
Zerstörungen entlang der Golfküste der USA durch die Hurrikane
ebenfalls mehr Geld frei. Sie gab 10,8 Prozent mehr für
Investitionen aus, soviel wie seit dem zweiten Quartal 2003 nicht mehr.
Im Vorquartal waren diese Ausgaben des Staates noch um 2,6 Prozent
zurückgegangen.
Auch auf der Preisseite gab es gute Nachrichten für die
US-Wirtschaft. Der für die Inflationsentwicklung in den USA
wichtige Kernpreisindex auf Basis der Konsumausgaben, der etwa
Energiekosten unberücksichtigt lässt, stieg um annualisiert
zwei Prozent. Im Vorquartal hatte er noch um 2,4 Prozent zugelegt.
Dieser Index ist für die Fed ein zentraler Inflationsindikator. Der
geringere Preisauftrieb dürfte daher Spekulationen um ein baldiges
Ende der Zinserhöhungen weitere Nahrung geben.
Im wesentlichen stützten die am Freitag vorgelegten Zahlen die
Annahme, dass das Schlussquartal 2005 ungewöhnlich schwach
ausgefallen und die US-Wirtschaft insgesamt in gesundem Zustand sei,
sagte Fred Dickson, Marktstratege bei D.A. Davidson and Co. Bei den
Investoren werde der Eindruck hängen bleiben, dass die Wirtschaft
mit gutem Schwung ins zweite Quartal gehe. US-Finanzminister John Snow
sagte dem TV-Sender CNBC allerdings, er rechne damit, dass sich das
Wachstum im Vergleich zum Auftaktquartal wieder abschwächen werde.
Es werde aber noch eine Weile über dem Trend liegen. Fed-Chef Ben
Bernanke hatte am Donnerstag bei seiner Anhörung vor dem
gemeinsamen Wirtschaftsausschusses des US-Kongresses ebenfalls
erklärt, das Wachstum werde im Laufe des Jahres voraussichtlich
moderater ausfallen.
(Quelle: rtr)
EU droht Serbien mit Aussetzung der Assoziierungsgespräche
So.30.04.06 - Die Europäische Union hat Serbien mit der Aussetzung der
Assoziierungsgespräche gedroht, falls der mutmaßliche
Kriegsverbrecher Ratko Mladic nicht "in den kommenden Tagen"
ausgeliefert werde. Komme Belgrad der Forderung nicht nach, habe die EU
"keine andere Wahl", als die nächste Gesprächsrunde abzusagen,
sagte Erweiterungskommissar Ollie Rehn am Freitag. Es sei "höchste
Zeit" Mladic ausfindig zu machen, festzunehmen und an das
UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den
Haag auszuliefern. Ende März hatte die EU der Regierung in Belgrad
eine neue Frist bis Ende April gesetzt, den Gesuchten an Den Haag zu
übergeben.
(Quelle: afp)
Tausende protestieren gegen geplantes Atomkraftwerk in der Türkei
So.30.04.06 - Rund 4.000 Menschen haben am Samstag in der Türkei gegen den
geplanten Bau des ersten Atomkraftwerks im Land protestiert. «Wir
wollen keine Kernreaktoren, wir wollen Schulen» und «Wir
wollen keinen Tod», war auf Transparenten zu lesen, wie die
halbamtliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete. Unterstützt
wurden die Demonstranten in der Hafenstadt Sinop am Schwarzen Meer von
einer türkischen Rockband und zahlreichen Fischern, die auf ihren
Booten ebenfalls Anti-Atom-Plakate ausrollten.
Die Regierung in Ankara hat Anfang des Monats Sinop als Standort
für das erste türkische Atomkraftwerk festgelegt. Erste
Pläne für den Bau eines Kernkraftwerks wurden bereits 1996
vorgestellt, wegen Finanzierungsproblemen zunächst aber wieder auf
Eis gelegt.
(Quelle: ap)
Demonstration in Paris gegen neues französisches
Einwanderungsgesetz
So.30.04.06 - Gut 5.000 Menschen haben am Samstag nach Polizeiangaben in Paris gegen
eine Reform des französischen Einwanderungsgesetzes demonstriert,
mit der Innenminister Nicolas Sarkozy eine Auswahl der Zuwanderer nach
Kriterien wie Ausbildung und Wohlstand ermöglichen will. Die
Demonstranten forderten die Rücknahme des Gesetzentwurfs, der ab
Dienstag im Parlament beraten wird, und die Legalisierung des Status'
aller in Frankreich lebender Ausländer.
Auch Spitzenvertreter der beiden großen christlichen Kirchen
brachten bei einem Treffen mit Premierminister Dominique de Villepin
Bedenken zum Ausdruck. Der Präsident der katholischen
Bischofskonferenz, Jean-Pierre Ricard, sagte im Anschluss, das Gesetz
könne in einigen Punkten noch abgeschwächt werden.
«Zwischen einem unverantwortlichen Laxismus und einer nahezu
fremdenfeindlichen Abschottung muss ein Gleichgewicht gefunden
werden.»
Der Gesetzentwurf von Sarkozy scheine demgegenüber zu wenig auf
die Situation etlicher Menschen Rücksicht zu nehmen, sagte Ricard.
Der Präsident des Verbandes der protestantischen Kirchen,
Jean-Arnold de Clermont, erklärte, Frankreich müsse ein
offenes Land bleiben. Den Angaben zufolge zeigte sich die Regierung
kompromissbereit, etwa die Einspruchsfrist bei der Ablehnung eines
Asylantrags zu verlängern. Geplant sind bislang 15 Tage.
Die linke Opposition wirft Sarkozy vor, mit der Verschärfung des
Einwanderungsrechts im rechtsextremistischen Lager auf Stimmenfang zu
gehen. Der Innenminister will nach eigener Darstellung die
«erduldete Einwanderung» durch eine
«erwählte» ersetzen. Er will unter anderem den
Familiennachzug erschweren.
(Quelle: ap)
Italien: Prodi-Kandidaten zu Präsidenten von Senat und Parlament
gewählt
So.30.04.06 - Nach drei gescheiterten Wahlrunden hat der designierte italienische
Ministerpräsident Romano Prodi am Samstag seine Kandidaten
für das Amt des Parlaments- und des Senatspräsidenten
durchgebracht: Fausto Bertinotti und Franco Marini konnten die
Abstimmungen doch noch für sich entscheiden, nachdem sie am
Freitag die notwendigen Mehrheiten verfehlt hatten.
Für Bertinotti, den Chef der Kommunisten, stimmten 337
Parlamentarier der Abgeordnetenkammer. Ausreichend war die einfache
Mehrheit. Am Freitag hätte Bertinotti noch eine
Zwei-Drittel-Mehrheit auf sich vereinigen müssen.
Marini gewann die Abstimmung im Senat mit 165 Stimmen, drei mehr als
erforderlich. Der ehemalige Gewerkschaftsführer war gegen den
früheren Regierungschef Giulio Andreotti angetreten, der für
das Lager des noch amtierenden Ministerpräsidenten Silvio
Berlusconis kandidierte. Auf Andreotti entfielen 156 Stimmen. Prodis
Anhänger verfügen im Senat nur über die
äußerst knappe Mehrheit von zwei Mandaten.
Marini hatte zwar bereits im zweiten Wahlgang am Freitag die absolut
Mehrheit erreicht, die Abstimmung wurde nach Angaben des amtierenden
Senatspräsidenten Oscar Luigi Scalfaro aber wegen Unstimmigkeiten
bei den Stimmzetteln annulliert. Offenbar stand auf einigen Zetteln
Francesco statt Franco Marini.
(Quelle: ap)
Deutschland
IG-Metall-Chef nennt Rente mit 67 'widersinnig'
So.30.04.06 - Kurz vor den traditionellen Kundgebungen zum Tag der Arbeit am 1. Mai
haben führende Gewerkschafter Kritik an arbeits- und
sozialpolitischen Vorhaben der Bundesregierung geübt.
IG-Metall-Chef Jürgen Peters nannte die Rente mit 67 "widersinnig"
und warf der großen Koalition eine "verkappte Rentenkürzung"
vor. Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Michael
Sommer, rief die Regierung auf, die geplante Lockerung des
Kündigungsschutzes zu überdenken. Die Präsidentin des
Bundesarbeitsgerichts verteidigte den Kündigungsschutz.
Peters begründete seine Kritik an der Anhebung des Rentenalters im
RBB unter anderem mit der hohen Arbeitslosigkeit. Die Regierung wolle
bei fünf Millionen Arbeitslosen die Menschen zwei Jahre länger
arbeiten lassen, so dass Menschen ohne Arbeit keine Chance
bekämen. Es seien "im Regelfall unsere Leute, die zum Teil gar
nicht bis 67 arbeiten können und dann noch zusätzlich zwei
Rentenversicherungsjahre abgezogen bekommen", betonte der Metaller-Chef.
"Das heißt: wir produzieren Altersarmut."
Sommer betonte im Deutschlandradio Kultur mit Blick auf den
Kündigungsschutz, er erwarte zwar in Deutschland nicht
ähnliche Proteste wie in Frankreich. "Obwohl das, was in Frankreich
schlecht ist, auch in Deutschland schlecht ist", fügte er hinzu.
Sollte der Kündigungsschutz künftig erst nach zwei Jahren
einsetzen, drohten in diesem Bereich Verhältnisse wie in den USA.
Alle bisherigen "Manipulationen" am Kündigungsschutz hätten
nicht zu mehr Beschäftigung geführt, gab der DGB-Chef zu
bedenken.
Bundesarbeitsgerichts-Präsidentin Ingrid Schmidt bezeichnete es
als "Scheinproblem", wenn Politiker oder Arbeitgeber im
Kündigungsschutz eine der wesentlichen Ursachen für fehlende
Beschäftigung sähen. Es komme ihr "merkwürdig" vor, wenn
ein Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Kündigungsschutz
hergestellt werde.
Unterdessen machte der designierte SPD-Chef Kurt Beck die Union
dafür verantwortlich, dass die geplante Änderung des
Kündigungsschutzes derzeit auf Eis liegt. "Solange die Union
ständig Nachforderungen stellt, bleibt es bei der bisherigen
Regelung", sagte Beck der "Berliner Zeitung". "Die Bereitschaft zur
Umsetzung des Projekts hängt von der Bereitschaft der Union ab, das
Vereinbarte auch gemeinsam zu tragen."
(Quelle: afp)
Siemens streicht weitere tausend Stellen bei Kommunikationssparte
So.30.04.06 - Der Siemens-Konzern will weitere tausend Stellen in Deutschland
streichen. Die Arbeitsplätze sollen in der angeschlagenen
Kommunikationssparte (Com) wegfallen, teilte das Unternehmen am Freitag
in München mit. Betroffen sind demnach Mitarbeiter in Verwaltung,
Vertrieb und Entwicklung. "Die Reduzierung von Arbeitsplätzen ist
unvermeidbar, da auch Siemens Kostenpositionen erreichen muss, die im
internationalen Preiswettbewerb angemessen sind", hieß es in einer
Erklärung des Konzerns.
Für rund tausend Mitarbeiter solle nun nach einer Vereinbarung
zwischen Belegschaft und Firmenleitung ein "Interessenausgleich"
gefunden werden, hieß es. Siemens-Chef Klaus Kleinfeld hatte den
Schritt bereits am Donnerstag angekündigt, jedoch keine Zahlen
genannt. Nach seinen Angaben wurden bei Com bereits im ersten
Geschäftshalbjahr 1500 Stellen gestrichen. Im zweiten Quartal war
das Ergebnis der Sparte eingebrochen.
Siemens kämpft in seinen beiden Krisensparten Kommunikation (Com)
und IT-Dienstleistungen (SBS) seit längerem um eine Trendwende. Den
wegbrechenden Gewinnen und sich auftürmenden Verlusten versuchte
Konzernchef Kleinfeld mit einem massiven Umbau und der Kürzung von
mehreren Tausend Stellen Herr zu werden.
Schon im vergangenen Jahr hatte Siemens die Streichung von 2400
Arbeitsplätzen in der IT-Dienstleistungssparte angekündigt.
Damit wollte das Unternehmen die Kosten der Sparte bis 2007 um 1,5
Milliarden Euro drücken. Ende vergangenen Jahres wurde der Bereich
zerlegt und die produktnahen Dienstleistungen, zu dem auch die Wartung
von Großrechnern gehört, an Fujitsu Siemens verkauft. Auch in
der Kommunikationsbranche nehme der Druck nach dem Zusammenschluss der
beiden Telekomausrüster Alcatel und Lucent weiter zu,
begründete Kleinfeld die neuerlichen Einschnitte. Das
defizitäre Handy-Geschäft hatte Siemens bereits 2005 an den
taiwanischen Konzern BenQ verkauft.
(Quelle: afp)
Linkspartei: 'Es muss Schluss sein mit Arbeit, die arm macht'
So.30.04.06 - Die Linkspartei.PDS hat am Samstag eine bundesweite Kampagne zur
Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns von acht Euro
gestartet. Der «freie Fall der Löhne und Gehälter unter
die Armutsgrenze» müsse aufgehalten werden, sagte der
Vorsitzende Lothar Bisky auf dem Bundesparteitag in Halle. Zwei
Fünftel der Beschäftigten in Deutschland arbeiteten
«immer vom Absturz nach ganz unten bedroht».
Auch der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten
(NGG), Franz-Josef Möllenberg, betonte auf dem Parteitag, dem
Lohndumping müsse «mit einer Grenze nach unten endlich
Einhalt geboten werden». Nettostundenlöhne von drei oder
vier Euro seien nicht akzeptabel. Möllenberg sicherte der
Linkspartei die Unterstützung der Gewerkschaften zu, die bereits
im März eine eigene Mindestlohnkampagne begonnen hatten.
Die Vizechefin der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Margret
Mönig-Raane, kritisierte, viele Unternehmen gliederten ganze
Arbeitsbereiche aus, in denen anschließend nur noch der halbe
Lohn gezahlt werde. «Wir brauchen dringend und schnell den
gesetzlichen Mindestlohn.»
Linkspartei-Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch bezeichnete
den Versuch, mit Lohnsenkungen Arbeitsplätze zu schaffen, als
gescheitert. Er betonte: «Es muss Schluss sein mit Arbeit, die
arm macht.» Die Mehrheit der Bevölkerung wolle inzwischen
den gesetzlichen Mindestlohn. Bisky bekräftigte zugleich die
Forderung nach einer «tief greifenden Veränderung der
herrschenden Eigentums- und Machtverhältnisse».
Die Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) wollte auf
ihrem Bundesparteitag in Ludwigshafen am Wochenende eine wortgleiche
Resolution zum Thema Mindestlohn beschließen.
(Quelle: ddp)
Fusion von WASG und Linkspartei kommt voran
So.30.04.06 - Die Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit hat den Weg
für die Bildung einer neuen linken Partei freigemacht. Der
WASG-Bundesparteitag stimmte am Samstagabend in Ludwigshafen mit
deutlicher Mehrheit für den weiteren Fusionsprozess mit der
Linkspartei.PDS. Zugleich erteilte er dem geplanten eigenständigen
Antritt der Berliner WASG bei der Landtagswahl im September eine klare
Absage und ermächtigte den Bundesvorstand, dagegen vorzugehen.
Parteichef Klaus Ernst und der Vorsitzende der Bundestagsfraktion,
Oskar Lafontaine, begrüßten die Entscheidung.
Der Antrag des Parteivorstands zur Fortsetzung des Fusionsprozesses und
gegen getrennte Kandidaturen bei künftigen Wahlen wurde von den
Delegierten mit 186 zu 107 Stimmen gebilligt. In einer langwierigen
Abstimmungsprozedur wurde dann auch Lafontaines Forderung beschlossen,
das eigenständige Antreten der Berliner WASG gegen die
Linkspartei.PDS zu missbilligen. Der Parteitag forderte den
Landesverband auf, die Anmeldung für die Landtagswahl sofort
zurückzuziehen.
Die dortige Spitzenkandidatin Lucy Redler machte aber deutlich, dass
sie nicht gewillt ist, dem zu folgen. Das Parteitagsvotum werde von den
zuständigen Gremien in Berlin geprüft, doch ändere es
nichts an der Politik der dortigen PDS für Privatisierungen,
Tarifflucht und Sozialkürzungen, sagte sie der AP.
Dagegen ließ Lafontaine erkennen, dass die WASG-Spitze nunmehr
rechtliche Schritte prüft, um den Rückzug der eingereichten
Landesliste zu erzwingen. Dazu ermächtigte der Parteitag mit in
dem Fall 150 zu 110 Stimmen ausdrücklich den Bundesvorstand.
Den Berliner WASG-Mitgliedern wurde ausdrücklich freigestellt,
sich am Wahlkampf der Linkspartei zu beteiligen. Die Bundespartei soll
keinerlei politische und finanzielle Unterstützung für einen
eigenständigen Wahlantritt gewähren. Parteiausschlüsse
und die Auflösung des Berliner Landesverbandes sollen aber
vermieden werden, wie Lafontaine betonte. Der Parteitagsbeschluss gilt
ausdrücklich auch für andere Landesverbände, so dass
auch gegen einen eigenständigen Wahlantritt der Partei bei der
Wahl in Mecklenburg-Vorpommern am selben Tag wie in Berlin vorgegangen
werden kann.
Parteigründer Ernst begrüßte vor Journalisten das klare
Votum des Parteitages. Damit könne der Prozess zur Bildung einer
gemeinsamen linken Partei fortgesetzt werden. Auch der gleichzeitig
abgehaltene Parteitag der Linkspartei.PDS in Halle nahm das
Ludwigshafener Abstimmungsergebnis mit großem Beifall auf. Ihr
Fusionsbeauftragter Bodo Ramelow bekräftigte das Ziel, nunmehr
gleichberechtigt eine neue Linke aufzubauen.
(Quelle: ap)
Umwelteffizienz von Unternehmen in Euro gemessen
Bewertung wendet Logik des Kapitalmarktes auf den Ökologie-Einsatz
an
So.30.04.06 - 65 europäische Industrieunternehmen sind erstmals in einer Studie
auf ihre Ökoeffizienz hin untersucht worden. Das so genannte
ADVANCE-Projekt wurde vom Institut für Zukunftsstudien und
Technologiebewertung (IZT) in Berlin zusammen mit dem Sustainable
Development Research Centre (SDRC) im schottischen Forres und vier
europäischen Öko-Rating Agenturen durchgeführt. Die
Forscher haben die Unternehmen unter dem Aspekt des
Sustainable-Value-Ansatzes unter die Lupe genommen. Dieser Ansatz
bewertet die Umweltleistung von Unternehmen monetär und folgt der
Bewertungslogik der Finanzmärkte. So wird die Umweltleistung von
Unternehmen in die Sprache von Investoren und Managern übersetzt.
"BMW setzt seine Umweltressourcen zum Beispiel siebenmal effizienter
ein als FIAT", so der Umweltwissenschaftler Tobias Hahn vom IZT im
pressetext-Interview. "Generell steigen Öl-, Gas- und
Energieunternehmen am schlechtesten aus", führt Hahn weiter aus.
Die Mineralölkonzerne BP und Shell erreichen nicht einmal ein
Fünftel der Effizienz, mit der die Umweltressourcen in den 15 alten
EU-Mitgliedstaaten durchschnittlich eingesetzt werden. "Anders
ausgedrückt heißt das: Mit den Umweltressourcen von BP oder
Shell würden selbst durchschnittlich öko-effiziente
Unternehmen in der EU-15 jedes Jahr über 100 Mrd. Euro mehr
Bruttoinlandsprodukt erzielen", meint Hahn.
"Die grundlegende Logik des Sustainable-Value-Ansatzes ist einfach",
meint Hahn. "Ein Unternehmen schafft mit einer ökologischen
Ressource, wie etwa Wasser, nur dann Wert, wenn es mit der eingesetzten
Ressourcenmenge mehr Ertrag erzielt als andere Unternehmen." Untersucht
wurden in der Studie die sieben verschiedene Ressourcen Wasser,
CO2-Ausstoß, Abfallmenge, Methan, Flüchtige Organische
Verbindungen (VOCs), Stick- und Schwefeloxide. Ein Rechenbeispiel von
Hahn erläutert das System: Henkel hat 2003 rund 9,3 Mio. Kubikmeter
Wasser eingesetzt und damit eine Bruttowertschöpfung von rund 2,9
Mrd. Euro erzielt. Hingegen hätte ein Unternehmen den EU-15 im
Durchschnitt mit dieser Menge Wasser nur eine Bruttowertschöpfung
von rund 380 Mio. Euro erzielt. "Im Vergleich zum EU-15-Durchschnitt
schafft Henkel daher einen Mehrwert von rund 2,5 Mrd. Euro", rechnet
der Forscher vor.
BMW ist der öko-effizienteste Automobilhersteller in Europa und
schaffte im Jahr 2003 einen Sustainable-Value von rund 9,5 Mrd. Euro.
Das Unternehmen BMW setzt seine Umweltressourcen fast viermal
effizienter ein als die EU-15 im Durchschnitt. Volkswagen dagegen
wirtschaftet nur knapp öko-effizienter als der EU-15-Durchschnitt.
Damit landet VW innerhalb des Automobilsektors auf dem vorletzten Platz.
Einen negativen Sustainable-Value von 13,9 Mrd. Euro erreichte der
Konzern BASF im Jahr 2003. "Dieses Unternehmen setzte seine
Umweltressourcen nur etwa halb so effizient ein wie der
EU-15-Durchschnitt", so das Studienergebnis.
Das Unternehmen, das insgesamt seine Umweltressourcen im Jahr 2003 am
effizientesten einsetzte, ist Airbus. "Der Flugzeughersteller ist
viereinhalb mal effizienter als die EU-15 im Durchschnitt. Dies betrifft
jedoch nur die Herstellung und nicht die Nutzung von Flugzeugen", so
Hahn.
"Die Ergebnisse der Studie sind nach einem transparenten Verfahren
zustande gekommen und zeigen deutlich, welche Unternehmen unsere knappen
Umweltressourcen so einsetzen, dass aus der Umweltbelastung
möglichst viel Wirtschaftsleistung erzielt werden kann. Die
beträchtlichen Unterschiede innerhalb der Branchen machen
offenkundig, welche Unternehmen beim Umgang mit ökologischen
Ressourcen großen Nachholbedarf haben", so Studien-Co-Autor Frank
Figge vom SDRC.
Ein weiteres Ergebnis der Studie machte die Forscher sehr stutzig. "Die
Zahl der europäischen Industrieunternehmen, die überhaupt
verlässliche Umweltzahlen veröffentlichen, ist immer noch
erschreckend gering", erklärt Hahn. Die von der EU mitfinanzierte
Studie, die seit Dezember 2004 läuft, geht übrigens noch
weiter. In der zweiten Jahreshälfte wollen die Forscher ein
Handbuch veröffentlichen. "Das soll ein Buch für Nachahmer
werden", meint Hahn im pressetext-Gespräch abschließend.
(Quelle: pte)