Aktuelle Nachrichten
Irak am siebenhundertundachten Tag nach Erlangung der formellen
Souveränität
Irakischer Regierungschef will Versöhnung nach
südafrikanischem Vorbild: Freilassung von 2500 Häftlingen
angeordnet. Sunniten machen Innenministerium für
Massenentführung verantwortlich. Irakische Polizei findet neun
abgetrennte Köpfe in Obstkisten. US-Soldaten haben offenbar im
Nordirak Zivilperson ermordet. Drei britische Soldaten vom Vorwurf des
Totschlags freigesprochen
Mi.07.06.06 - Als Teil seines neuen Sicherheitskonzepts hat der irakische
Ministerpräsident Nuri el Maliki eine nationale
Versöhnungsstrategie nach südafrikanischem Vorbild
angekündigt. Als eine der ersten Maßnahmen würden 2500
irakische Gefangene aus den Gefängnissen entlassen, sagte er in
Bagdad. Zudem solle wie in Südafrika eine Wahrheits- und
Versöhnungskommission zur Wiedereingliederung ehemaliger
Mitglieder der Baath-Partei in die Gesellschaft eingerichtet werden.
Das Verteidigungsministerium kündigte die Entwaffnung der
Zivilbevölkerung in Bagdad und Umgebung an.
"Viele Baathisten wollen ihre Vergangenheit hinter sich lassen, und wir
benötigen die Mechanismen, um ihnen dabei zu helfen", sagte
Maliki. In Südafrika habe die Wahrheitskommission "Kriminelle vor
Gericht gestellt und andere Leute in die Gesellschaft
wiedereingegliedert, nachdem diese versprochen hatten, die verbotene
Partei nicht wiederaufzubauen". Um den Terrorismus im Irak zu
bekämpfen, sei mehr als ein einzelner Ansatz vonnöten. Neben
der Anwendung von Gewalt gehörten dazu auch die nationale
Versöhnung und die Zusammenarbeit mit den Nachbarländern.
Die Freilassung von 2500 irakischen Gefangenen, "an deren Händen
kein Blut klebt", sei eine der ersten Maßnahmen auf dem Weg zur
nationalen Versöhnungen, betonte Maliki. Die ersten 500
Häftlinge sollten bereits am Mittwoch frei kommen. Weitere
Maßnahmen wolle die Regierung in den kommenden zwei Tagen
verkünden.
Mit diesen Ankündigungen rückte Maliki von seiner einstigen
harten Linie gegen Ex-Baathisten ab. Der Schiit war früher
stellvertretender Leiter der Entbaathisierungskommission und galt
gegenüber Anhängern des gestürzten Staatschefs Saddam
Hussein als Hardliner. Nach dem Einmarsch der USA in den Irak hatten
tausende Mitglieder der Baath-Partei ihren Arbeitsplatz verloren. Viele
Menschen hatten der Partei allerdings nicht aus Überzeugung
angehört, sondern aus beruflichen Gründen. Vor allem in der
sunnitischen Gemeinde schürte die Entbaathisierung den Unmut gegen
die Besatzer und die neue Regierung.
Angesichts der täglichen Bombenanschläge in Bagdad
kündigte das Verteidigungsministerium die Entwaffnung der
Bevölkerung an. Vom 14. Juni an werde in Zusammenarbeit mit den
internationalen Streitkräften ein Sicherheitsplan für Bagdad
und Umgebung umgesetzt, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Ziel sei
es, Waffen "nur noch in den Händen der Sicherheitskräfte" zu
lassen.
Die Entführung von 50 Menschen in Bagdad droht unterdessen den
blutigen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten im Irak weiter
anzuheizen. Die sunnitische Irakische Islamische Partei warf dem
schiitisch dominierten Innenministerium am Dienstag eine Verwicklung in
die Tat vor. Die Behörde versuche nun, die Beteiligung der Polizei
zu verdecken, obwohl es dafür Beweise gebe, sagte der Politiker
Alaa Maki.
Als Polizisten gekleidete Männer stürmten am Montag am
helllichten Tag Bushaltestellen in der Innenstadt und entführten
Busfahrer, Passagiere sowie Arbeiter und Angestellte in der Gegend. Das
Innenministerium bestritt am Dienstag, etwas mit dem Vorgang zu tun zu
haben. Ein Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums sagte vor
Journalisten, zwei der 50 Verschleppten seien wieder frei. Einzelheiten
nannte er nicht.
Der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki versicherte, seine
Regierung werde ihre Bemühungen verstärken, die ausufernde
Gewalt in den Griff zu bekommen. Sein Sicherheitsplan für die
Hauptstadt Bagdad sei überarbeitet worden und werde in Kürze
umgesetzt. Al-Maliki forderte die USA auf, die mutmaßliche
Ermordung irakischer Zivilpersonen durch amerikanische Soldaten in den
Ortschaften Haditha und Ischaki aufzuklären.
Bei einem Bombenanschlag in Südwesten Bagdads wurden am Dienstag
mindestens vier Menschen getötet. Der Sprengsatz detonierte in
einem geparkten Auto, als gerade eine schiitische Trauerfeier
stattfand, wie die Polizei erklärte. 18 Menschen wurden verletzt,
einige von ihnen schwer. In Basra griffen maskierte Männer die
Angehörigen eines getöteten sunnitischen Händlers an.
Fünf der Verwandten wurden getötet, als sie zur Leichenhalle
kamen.
Bei Bakuba entdeckte die Polizei neun abgetrennte Köpfe in
Obstkisten. Bei den Opfern handelte es sich um Männer. Die Kisten
standen an einer Straße in dem Dorf Hadid rund 60 Kilometer
nordöstlich von Bagdad, in der Gegend ist es schon mehrfach zu
Gewalttaten zwischen den Religionsgruppen gekommen. Erst am Samstag
waren in dem Dorf acht abgeschlagene Köpfe entdeckt worden. Bei
diesen Leichenteilen war eine Notiz gefunden worden, die einem der
Opfer den Mord an vier schiitischen Ärzten und einem Exgouverneur
vorwarf.
Das irakische Gesundheitsministerium erklärte, die
größte Leichenhalle Bagdads habe in diesem Jahr bereits
6.000 Tote aufgenommen. Viele von ihnen seien gewaltsam ums Leben
gekommen.
Die US-Streitkräften übergaben die Verantwortung für
Patrouillen in der sunnitisch dominierten Provinz Anbar an eine
irakische Einheit. Die 1. Heeresdivision habe am Freitag offiziell die
Kontrolle über einen Stützpunkt zwischen Ramadi und
Falludscha übernommen.
Gegen die US-Truppen im Irak ist ein neuer Vorwurf der Ermordung von
Zivilpersonen erhoben worden. Nach Ermittlungen der amerikanischen
Militärbehörden sollen Soldaten in Hamdanija unweit von
Mossul am 26. April einen Mann gezielt getötet und ihn dann so
hergerichtet haben, als habe es sich um einen Aufständischen
gehandelt. Nach den mutmaßlichen Massakern in Haditha und Ischaki
wäre dies ein weiterer Fall, der Beobachtern zufolge zu einem
enormen Ansehensverlust der Besatzungstruppen im Irak beitragen
dürfte.
Ein ranghoher Beamter des US-Verteidigungsministeriums erläuterte
am Dienstag in Washington die Theorie der Ermittler zum Vorfall in
Hamdanija. Demnach drang eine kleine Gruppe von Marineinfanteristen auf
der Suche nach einem mutmaßlichen Aufständischen in die
nordirakische Stadt ein. Weil sie den Verdächtigen nicht gefunden
hätten, hätten die Soldaten schließlich einen
unbewaffneten Zivilisten aus seinem Haus gezerrt und erschossen. Dann
hätten sie ein Sturmgewehr vom Typ AK-47 sowie eine Schaufel neben
die Leiche gelegt.
Dem Gewährsmann zufolge wollten sie damit den Eindruck erwecken,
der Mann habe am Straßenrand gerade ein Loch zur Deponierung
eines Sprengsatzes gegraben und sei dann bei einem Schusswechsel mit
den Soldaten getötet worden. Die Ermittlungen sollen sich auf
sieben Marineinfanteristen und einen Sanitäter der Marine
erstrecken.
Der US-Senat erklärte unterdessen, er wolle schon bald mit
Anhörungen zum mutmaßlichen Massaker in Haditha westlich von
Bagdad beginnen. Sowohl Demokraten als auch Republikaner im
Streitkräfte-Ausschuss riefen die Militärbehörden auf,
ihre eigenen Ermittlungen schnellstmöglich abzuschließen. In
Haditha sollen US-Soldaten am 19. November ein Massaker an bis zu 24
irakischen Zivilpersonen verübt haben. In Ischaki nördlich
von Bagdad geht es um die mutmaßliche Ermordung von bis zu elf
Zivilpersonen.
Ein britisches Militärgericht hat am Dienstag drei Soldaten vom
Vorwurf des Totschlags an einem irakischen Jugendlichen freigesprochen.
Die drei Angeklagten im Alter zwischen 22 und 39 Jahren seien nicht
für den Tod des damals 15-jährigen Ahmad Dschabbar Karim
verantwortlich, der im Mai 2003 in einem Kanal in Basra ertrank,
erklärte das Gericht. Die Anklage hatte erklärt, die drei
Soldaten hätten den Jungen und drei weitere mutmaßliche
Plünderer ins Wasser gezwungen, «um ihnen eine Lektion zu
erteilen». Der Junge konnte nicht schwimmen und ertrank. Soldaten
hatten während des fünfwöchigen Prozesses ausgesagt, die
Bestrafung von Plünderern im Kanal sei damals üblich gewesen.
(Quellen: ap, afp)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. 2003 bis 30.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Teil 7: 01.05. 2005 bis 07.06.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_07.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am dreihundertvierundvierzigsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.04 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3\irak_k01.htm#bodycount
Sa.04.02.06 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 2.248
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen. Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
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Atomstreit: Iran rechnet nach Angebotspaket mit weiteren Gesprächen
Mi.07.06.06 - Nach Erhalt des Angebotspakets der UN-Vetomächte und Deutschlands
geht der Iran seinem Chefunterhändler Ali Laridschani zufolge von
weiteren Gesprächen zur Beilegung des Atomstreits aus.
EU-Chefdiplomat Javier Solana legte das Paket aus Anreizen und
Drohungen am Dienstag vor. Laridschani sagte nach den rund
zweistündigen Gesprächen mit Solana, das Paket beinhalte
positive Punkte, aber auch solche, die gestrichen werden müssten.
"Wir hoffen, dass, nachdem wir den Vorschlag im Detail geprüft
haben, wir eine neue Runde von Gesprächen und Verhandlungen haben
werden, um zu einem ausgewogenen und logischen Schluss zu kommen."
Laridschani ergänzte: "Wir hatten konstruktive Gespräche. Das
ist ein Rahmen für eine Zusammenarbeit." Der Iran
begrüße die Entschlossenheit der europäischen
Länder, den Atomstreit auf diplomatischem Wege zu lösen. "Die
Vorschläge führen einige positive Schritte auf und einige
Zweideutigkeiten, die beseitigt werden müssen."
Immer wieder hat der Iran bekräftigt, nicht auf die friedliche
Nutzung der Atomenergie verzichten zu wollen. Vor allem der Westen will
das Land zu einem vollständigen Verzicht auf sein Atomprogramm
bewegen. Ein Streitpunkt ist vor allem die Urananreicherung. Je nach
Grad der Anreicherung kann Uran sowohl für zivile Zwecke als auch
zum Bau von Atomwaffen verwendet werden. Der Westen befürchtet,
dass die Regierung in Teheran unter dem Deckmantel einer zivilen Nutzung
ein solches Arsenal aufbauen will. Der Iran hat dies stets
zurückgewiesen.
Das Angebot geht auf die drei größten EU-Staaten
Deutschland, Großbritannien und Frankreich zurück und hat
anschließend die Zustimmung der USA, Chinas und Russlands
erhalten. Es beinhaltet konkrete Anreize, droht aber auch nicht
näher genannte Strafmaßnahmen des Sicherheitsrats der
Vereinten Nationen (UN) für den Fall an, dass der Iran nicht
kooperiert. Nach russischen Angaben wird kein Militärschlag
angedroht.
Der Vorschlag ermögliche Verhandlungen auf der Grundlage
gegenseitigen Respekts und Vertrauens, sagte Solana am Montag kurz nach
seiner Ankunft in Teheran. Irans Außenminister Manuchehr Mottaki
hat zuletzt die Möglichkeit einer Einigung grundsätzlich
hervorgehoben. "Wir werden zu angemessener Zeit antworten."
Einzelheiten des Angebots wurden nicht veröffentlicht, um so den
Iran nicht zusätzlich unter Druck zu setzen. Diplomaten zufolge
soll es aber unter anderem mögliche Technologie-Angebote und
Sicherheitsgarantien geben. Wie die "New York Times" berichtete,
beinhalten die Anreize auch den Zugang zu Flugzeugteilen von Boeing und
Airbus. Der Iran soll zudem auch Agrartechnologie aus den USA kaufen
können. Die USA haben Wirtschaftssanktionen gegen die Islamische
Republik verhängt. Unter die angedrohten Strafmaßnahmen
fällt nach Angaben von Diplomaten in Washington ein Waffenembargo
gegen den Iran, sollte das Land das Angebot zurückweisen.
(Quelle: rtr)
Nahost-Konflikt
Abbas verlängert Ultimatum an Hamas
Mi.07.06.06 - Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas hat sein
Ultimatum an die Hamas zur Abhaltung eines Referendums verlängert.
In der Volksabstimmung sollen die Palästinenser über einen
zukünftigen palästinensischen Staat und damit auch über
eine Anerkennung Israels entscheiden. Ursprünglich hatte Abbas der
Hamas-Regierung bis Dienstag Zeit gegeben, einem politischen
Grundsatzdokument zuzustimmen, das zumindest indirekt das Existenzrecht
Israels anerkennt. Nach Beratungen mit dem PLO-Exekutivkomitee
verlautete, das Ultimatum werde um drei Tage verlängert. Abbas will
die Volksabstimmung notfalls auch gegen den Widerstand der
Hamas-Regierung durchsetzen.
(Quelle: ap)
Für einen unabhängigen palästinensischen Staat
Das Dokument der nationalen Einigung, über das der
palästinensische Präsident Mahmud Abbas in einem
Volksentscheid abstimmen lassen will, wurde von palästinensischen
Kämpfern verschiedener Fraktionen ausgearbeitet, die in
israelischer Haft sitzen. Die Regierungspartei Hamas lehnt den
Vorschlag ab, weil er in ihren Augen indirekt den Staat Israel
anerkennt. Die Nachrichtenagentur AFP dokumentierte am Dienstag die
wichtigsten Punkte des Plans:
– Gründung eines unabhängigen palästinensischen Staats
in den von Israel 1967 besetzten Gebieten mit Jerusalem als Hauptstadt
– Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge in ihre
Heimat
– Eingliederung von Hamas und Islamischem Dschihad in die
Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) als einziger
legitimer Vertreterin des palästinensischen Volkes
– Recht des palästinensischen Volkes, mit allen Mitteln Widerstand
gegen die israelische Besatzung zu leisten. Dieser soll sich auf die
1967 eroberten Gebieten konzentrieren
– Schutz und Konsolidierung der Palästinensischen
Autonomiebehörde als Herzstück des Staats
– Bildung einer Regierung der nationalen Einheit unter Beteiligung
aller Parlamentsfraktionen, unter anderem Fatah und Hamas
– Die PLO und der Präsident der Autonomiebehörde führen
Verhandlungen mit Israel, wobei entscheidende Abkommen durch den
palästinensischen Nationalrat oder per Volksentscheid gebilligt
werden müssen
– Verurteilung der Belagerung des palästinensischen Volks durch
Israel und die USA; Aufruf an die arabischen Völker und
Regierungen, das palästinensische Volk, die PLO und die
Autonomiebehörde zu unterstützen
– Verzicht auf Spaltungen und Streitigkeiten sowie Verbot des Einsatzes
von Waffen in innerpalästinensischen Konflikten
– Reform und Modernisierung des palästinensischen
Sicherheitsapparats
Quelle: afp, 06.06.06
Hintergrund: Palästinensergebiete auf einen Blick
Die radikal-islamische Hamas will Armut und Korruption in den
Palästinensergebieten bekämpfen. Es handelt sich um das
Westjordanland und den Gazastreifen:
GEBIET: Der Krisenherd des Nahen Ostens umfasst das Westjordanland und
den Gazastreifen und ist mit 6170 Quadratkilometern gut doppelt so
groß wie das Saarland. Auf das seit 1967 israelisch besetzte
Westjordanland entfällt der weitaus größte Teil von 5800
Quadratkilometern. Der 2005 von den Israelis geräumte Gazastreifen
ist mit 365 Quadratkilometern kleiner als das Bundesland Bremen.
Einziges Tor zur Außenwelt ist der vor zwei Monaten
eröffnete Grenzübergang Rafah im südlichen Gazastreifen.
Realpolitisch sind die Palästinensergebiete bedeutend kleiner. Im
Westjordanland umfasst der Machtbereich der Palästinensischen
Autonomiebehörde nur einen Flickenteppich von etwa 200 Exklaven,
die durch israelische Siedlungsgebiete getrennt sind. Der Gazastreifen
selbst wird seit 2005 zwar nicht mehr von den Israelis kontrolliert,
wohl aber die Grenzen und der Luftraum.
BEVÖLKERUNG: Fast 3,8 Millionen Palästinenser wohnen in den
Gebieten - 2,4 Millionen neben 190 000 Israelis im Westjordanland. 1,4
Millionen leben im schmalen Gazastreifen.
Die überwältigende Mehrheit sind palästinensische Araber
islamisch-sunnitischen Glaubens. Im Westjordanland gibt es jüdische
und christliche Minderheiten. Nahezu die Hälfte der
Palästinenser ist jünger als 15 Jahre. Die Geburtenrate von
etwa fünf Kindern pro Frau sorgt für rapides
Bevölkerungswachstum.
WIRTSCHAFT UND SOZIALES: Die Palästinensergebiete gehören zu
den ärmsten Regionen der Welt. Fast zwei Drittel der Menschen leben
unter der Armutsgrenze von zwei US-Dollar pro Tag. Über 30 Prozent
sind arbeitslos. Im Gazastreifen ist die Lage noch schlechter als im
Westjordanland. Die Abwärtsspirale begann 2000 mit der Intifada.
Mehr als 100 000 Pendlerarbeitsplätze in Israel gingen verloren.
Beschäftigung bieten nur noch die Landwirtschaft, kleine
Familienbetriebe und die Verwaltung. Nur mit Milliardenhilfen aus dem
Ausland konnte der Kollaps vermieden werden.
Quelle: dpa, 06.06.06
Hintergrund: Die Hamas-Charta
Die 1987 gegründete radikal-islamische
Palästinenserorganisation Hamas hat in ihrer Charta die
Zerstörung Israels als Ziel festgelegt. Nach ihrem Wahlsieg bei der
Parlamentswahl am 25. Januar hat sie internationale Forderungen nach
einer Abkehr von ihrem Grundsatzpapier bisher ausgeschlossen. In der
Charta heißt es unter anderem:
«Israel wird aufsteigen und bestehen bleiben, bis der Islam es
auslöscht, so wie er seine Vorgänger ausgelöscht hat.
(...) Die Islamische Widerstandsbewegung ist eine betont
palästinensische Bewegung, deren Treue Allah gilt und deren
Lebensart der Islam ist. Sie strebt danach, die Flagge Allahs über
jeder Handbreit Palästinas zu hissen. (...) Palästina ist
islamisches Land. Daher ist die Befreiung Palästinas eine
individuelle Pflicht jedes Muslimen. (...) Friedensinitiativen und so
genannte friedliche Lösungen und internationale Konferenzen
widersprechen den Prinzipien der Islamischen Widerstandsbewegung. (...)
Es gibt keine Lösung des palästinensischen Problems
außer durch den Heiligen Krieg. Initiativen, Vorschläge und
internationale Konferenzen sind reine Zeitverschwendung. (...) Den Kreis
des Widerstandskampfes gegen den Zionismus zu verlassen, ist
Hochverrat, und verflucht sei, wer dies tut. (...) Der jüngste Tag
wird nicht kommen, bevor Muslime Juden bekämpfen (und töten);
bis die Juden sich hinter Felsen und Bäumen verstecken, die rufen
werden: Oh Muslim! Da versteckt sich ein Jude hinter mir, komm her und
töte ihn! (...) Hamas sieht sich als Speerspitze des Kampfes gegen
den Welt- Zionismus. Es sind mehr Schritte von arabischen und
islamischen Völkern und islamischen Gruppen in der arabischen Welt
notwendig, um die nächste Runde im Kampf gegen die
kriegstreiberischen Juden zu ermöglichen.»
Quelle: dpa, 06.06.06
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Neue Gefechte zwischen Fatah und Hamas in Gaza
Mi.07.06.06 - Milizionäre der Fatah und der Hamas haben sich in der Nacht zum
Mittwoch in Gaza abermals ein Feuergefecht geliefert. Dabei erlitt eine
Person schwere Schusswunden, wie Krankenhausbedienstete mitteilten. In
den vergangenen Wochen ist es immer wieder zu Kämpfen zwischen den
rivalisierenden palästinensischen Gruppen gekommen. Auslöser
ist ein Machtkampf zwischen dem palästinensischen Präsidenten
Mahmud Abbas, der auch Fatah-Vorsitzender ist, und dem
Hamas-Regierungschef Ismail Hanija. Abbas verlängerte am Dienstag
sein Ultimatum für ein Referendum, mit dem er die
radikalislamische Hamas zur indirekten Anerkennung Israels zwingen will.
(Quelle: ap)
Bush besorgt über Lage in Somalia
Mi.07.06.06 - US-Präsident George W. Bush hat sich besorgt über die
anhaltende Gewalt in Somalia geäußert. Die Instabilität
in dem Land am Horn von Afrika gebe Anlass zu der Befürchtung,
dass Somalia zunehmend zum Stützpunkt des Terrornetzwerks Al Kaida
werden könnte, sagte Bush am Dienstagabend bei einem Besuch in
Texas. Es gelte unbedingt zu verhindern, dass Extremisten dort
ungehindert Anschläge planen und vorbereiten könnten. Die USA
beobachten die Entwicklungen sehr genau, um auf die neue Lage
angemessen reagieren zu können, sagte Bush.
Nach wochenlangen Kämpfen nahmen islamische Milizionäre am
Wochenende die somalische Hauptstadt Mogadischu ein. Zum ersten Mal
seit 15 Jahren wird die gesamte Stadt damit von einer einzigen Gruppe
kontrolliert. Die Islamisten beschuldigen die von ihnen
zurückgedrängte Allianz der Warlords, für den
US-Geheimdienst CIA zu arbeiten. Die USA haben eine Unterstützung
der Allianz bislang weder bestätigt noch dementiert.
Die jüngste Welle der Gewalt begann im Mai. Seither wurden mehr
als 300 Menschen getötet und rund 1.700 verletzt, darunter viele
Zivilpersonen. Somalia versank 1991 nach dem Sturz des
langjährigen Machthabers Mohamed Siad Barre in Anarchie.
(Quelle: ap)
Lage in Somalias Hauptstadt Mogadischu nach Kämpfen verworren
Mi.07.06.06 - Nach der von Islamisten erklärten Einnahme von Mogadischu ist die
Lage in der von Anarchie geprägten Hauptstadt Somalias verworren.
Rund 2000 Menschen protestierten im Norden und Südwesten der Stadt
gegen die Machtübernahme der Islamisten und gegen die
Einführung des islamischen Rechts. Einflussreiche Warlords
verkündeten vor den Demonstranten, ihre Gebiete gegen die
Islamisten zu verteidigen. Zeitgleich versammelten sich am
nördlichen Rand der Hauptstadt hunderte Islamisten und forderten
die Warlords zum Aufgeben auf.
Der Widerstand gegen die Islamisten wurde von einem Unterclan des
Hawiye-Stammes angeführt, der den nördlichen Teil Mogadischus
kontrolliert. Der Abgal-Clan werde nicht zulassen, dass in seinem
Territorium die Scharia eingeführt werde und habe die Islamisten
angewiesen, aus dem Gebiet herauszubleiben, sagte ein einflussreicher
Clanführer, Hussein Scheich Ahmed, der AFP. Er betonte ferner,
dass drei Warlords der Milizen-Allianz ARPCT unter dem Schutz des Clans
stünden.
Zwei von ihnen, Musa Sudi Yalahow und Bashir Raghe Shirar,
verkündeten vor den versammelten Anhängern, die Allianz
für die Wiederherstellung des Friedens und gegen den Terrorismus
(ARPCT) werde trotz ihrer militärischen Niederlage bestehen
bleiben und die Macht der Islamisten nicht anerkennen. Jeder Zentimeter
Land werde verteidigt.
Die Allianz ARPCT kämpft seit vier Monaten gegen die Islamisten.
Sie wird angeblich von den USA unterstützt, die eine
Machtübernahme der islamischen Extremisten am Horn von Afrika
fürchten. Somalia gilt als Zufluchtsort für Anhänger des
Terrornetzwerks El Kaida. Seine Regierung sei "sehr besorgt", dass
Somalia zu einem "sicheren Hafen" für islamistische Terrorgruppen
werden könnte, sagte der Sprecher des US-Außenministeriums,
Sean McCormack.
Am Montag hatten islamistische Kämpfer in Mogadischu nach
monatelangen Gefechten ihren Sieg über die angeblich von den USA
unterstützten Milizen der Warlords verkündet. In Somalia
herrscht seit 1991 Bürgerkrieg. Clanchefs stürzten damals
Diktator Mohammed Siad Barre. Seitdem gibt es in dem bitterarmen Land
am Horn von Afrika keine funktionierenden staatlichen Institutionen
mehr. Das vor anderthalb Jahren ins Leben gerufene
Übergangsparlament, der Präsident und die Regierung besitzen
keine Autorität.
(Quelle: afp)
Glückstag für Al-Qaida
Erstmals seit 15 Jahren wird Somalias Hauptstadt Mogadischu nicht mehr
von rivalisierenden Warlords beherrscht, sondern von islamischen
Milizen. Die Bevölkerung hofft auf eine neue Ordnungsmacht in einem
rechtlosen Staat. Die USA stehen vor einem Scherbenhaufen und
fürchten nun einen Unterschlupf für Terroristen. Um Somalias
Islamisten zurückzudrängen, setzte Washington auf die
verhassten Warlords. Diese Strategie ist gescheitert... Mehr in der taz
vom 07.06.06:
http://www.taz.de/pt/2006/06/07/a0129.1/text
http://www.taz.de/pt/2006/06/07/a0132.1/text
Landlose stürmen brasilianisches Parlament
Mi.07.06.06 - Mit Stöcken und Steinen bewaffnet haben hunderte besitzlose
Landarbeiter am Dienstag das Parlament in Brasilia gestürmt und
eine Landreform verlangt. Etwa eine Stunde lang kam es zu
Handgreiflichkeiten, bei denen etwa 20 Menschen verletzt wurden.
Zahlreiche Fensterscheiben und Möbelstücke gingen zu Bruch
auch, ein Auto vor dem Kongressgebäude wurde schwer
beschädigt. Ein Großteil der rund 300 Mitglieder der
Bewegung für die Befreiung der Landlosen wurde schließlich
festgenommen und mit Bussen in ein Stadion gebracht, wie die Polizei
mitteilte. In einer Erklärung des brasilianischen
Präsidentenbüros wurde den Demonstranten Vandalismus und
Verletzung demokratischer Prinzipien vorgeworfen.
(Quelle: ap)
Chilenische Schüler wollen weiter für Bildungsreform streiken
Mi.07.06.06 - Ungeachtet der Appelle der Regierung haben die chilenischen
Oberstufenschüler eine Fortsetzung ihrer seit drei Wochen
andauernden Proteste beschlossen. Nach sechsstündigen Beratungen
verkündeten die Streikführer am Dienstagabend im Fernsehen
diese Entscheidung. Sie bekräftigten ihre Forderung nach einer
umfassenden Reform des Bildungssystems und Mitsprache bei deren
Ausarbeitung. Die sozialistische Präsidentin Michelle Bachelet
hatte am vergangenen Donnerstag finanzielle Zusagen in Höhe von
umgerechnet 150 Millionen Euro für das kommende Jahr gemacht, was
die Schüler jedoch als unzureichend kritisierten. Am Montagabend
kam es bei den Massenprotesten in Santiago zu gewaltsamen
Ausschreitungen mit etwa 30 Verletzten.
(Quelle: ap)
Merkel und Chirac wollen Fahrplan für EU-Verfassung
Mi.07.06.06 - Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und der
französische Präsident Jacques Chirac haben ein Verfahren
für die weitere Beschlussfassung über die EU-Verfassung
verabredet. Die in Frankreich und den Niederlanden per Volksabstimmung
abgelehnte Verfassung werde in der deutschen EU-Präsidentschaft im
ersten Halbjahr 2007 "wieder auf die Tagesordnung gehoben", sagte
Merkel bei einem informellen deutsch-französischen Gipfeltreffen
im brandenburgischen Rheinsberg.
"Ein funktionsfähiges Europa braucht den Verfassungsvertrag",
sagte Merkel. Die deutsche EU-Präsidentschaft werde "eine Synthese
der möglichen Lösungen" vorlegen, ergänzte Chirac. Die
französische Präsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte
2008 solle dann "erlauben, die Schwierigkeit zu überwinden".
"Ich vertraue auf die deutsche Präsidentschaft, dass sie den Zug
erneut in die richtige Richtung in Bewegung setzen wird", sagte Chirac.
In der Zwischenzeit werde sich die französische Regierung darum
bemühen, die Funktionsweise der europäischen Institutionen
schon zu verbessern, bevor die bestehenden Verträge verändert
würden.
"Es wird nicht anders gehen, als die Institutionen zu verbessern",
sagte der französische Präsident. Die EU müsse ihre
derzeitige "Panne" überwinden. Durch die Effekte der
EU-Erweiterung könne sich die Lage sonst sogar "verschlechtern".
Auch die Kanzlerin wies darauf hin, dass die Europäische Union
ohne eine Fortentwicklung der Institutionen nicht für neue
Erweiterungsschritte gerüstet sei.
Über den möglichen Ausgang der neuen Beratung der
EU-Verfassung wollte sich die Kanzlerin nicht äußern. "Eine
Reflexionsphase ist eine Reflexionsphase", sagte Merkel. Sowohl die
Kanzlerin als auch der französische Präsident wiesen darauf
hin, dass die EU ohne eine Fortentwicklung ihrer Institutionen ihre
Integrationsfähigkeit überdehnen könnte. Trotz der
Ablehnung der Verfassung durch Niederländer und Franzosen vor
einem Jahr bestehe keine Veranlassung, "Pessimissmus zu kultivieren",
sagte Chirac. Die Europäer hätten schon wiederholt
Schwierigkeiten überwunden.
In den vergangenen Wochen habe die Union mit der Beschlussfassung
über die Dienstleistungsrichtlinie und über den Finanzrahmen
für die kommenden Jahre ihre politische Funktionsfähigkeit
bewiesen, erklärten Merkel und Chirac übereinstimmend. Beim
EU-Gipfel in der kommenden Woche würden Deutschland und Frankreich
"gemeinsam auftreten", kündigte Merkel an. Der EU-Gipfel findet am
15. Juni statt.
(Quelle: afp)
Internationale Vernetzung von Strafregistern gestartet
Mi.07.06.06 - Die Strafverfolgungsbehörden in Deutschland, Frankreich, Spanien,
Belgien und der Tschechischen Republik können sich künftig auf
elektronischem Weg über die Vorstrafen von Kriminellen
austauschen. Durch die Vernetzung der Strafregister solle
grenzüberschreitende Kriminalität wirkungsvoller und schneller
bekämpft werden, sagte die deutsche Justizministerin Brigitte
Zypries am Dienstag bei der offiziellen Vorstellung des Projekts in
Bonn.
Die Vernetzung helfe, die internationale Rechtshilfe in Strafsachen
erheblich zu erleichtern, sagte Zypries. Dies sei gerade angesichts der
bevorstehenden Fußball-WM von großem Nutzen.
Bislang mussten Staatsanwaltschaften für Auskünfte aus einem
ausländischen Strafregister einen schriftlichen Antrag in der
jeweiligen Sprache des Landes stellen. Dies habe ein zeitraubendes und
umständliches Verfahren nach sich gezogen, sagte der tschechische
Justizminister Pavel Némec. Durch den elektronischen
Datenaustausch könne die Dauer der Informationsübermittlung
auf wenige Stunden reduziert werden. Eine automatische
Übersetzungshilfe erleichtert dabei die Verständlichkeit der
ausländischen Auskünfte.
Das Projekt zur Vernetzung der nationalen Strafregister geht auf eine
deutsch-französische Initiative zurück. Dieser haben sich
Spanien, Belgien und zuletzt auch die Tschechische Republik
angeschlossen. Nach einer erfolgreichen Pilotphase konnte das Projekt im
April seinen Betrieb aufnehmen. Auch der Beitritt Luxemburgs steht nach
Angaben des luxemburgischen Justizministers, Luc Frieden, kurz bevor.
(Quelle: ap)
Deutschland
Jeder Fünfte in Deutschland hat Migrationshintergrund
Mi.07.06.06 - Menschen mit Migrationshintergrund machen in Deutschland rund ein
Fünftel der Bevölkerung aus. Ihre Zahl lag im vergangenen
Jahr bei 15,3 Millionen, wie aus der jährlichen Haushaltsbefragung
Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. Als Menschen mit
Migrationshintergrund zählen neben zugewanderten Ausländern
und in Deutschland geborenen Ausländern auch als Deutsche
eingebürgerte Ausländer und Spätaussiedler sowie deren
Kinder. Der Untersuchung zufolge leben in immer mehr Haushalten immer
weniger Menschen.
Innerhalb der Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund
überwiegt laut Mikrozensus mit insgesamt acht Millionen und einem
Anteil an der Gesamtbevölkerung von rund zehn Prozent knapp die
Zahl der Deutschen. Die 7,3 Millionen Ausländer mit
Migrationshintergrund machten knapp neun Prozent der
Gesamtbevölkerung aus.
Der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Johann Hahlen,
betonte, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland "den
Alterungsprozess unserer Gesellschaft deutlich bremsen". Im Gegensatz
zu Deutschen ohne Migrationshintergrund gehe die Zahl der Altersgruppen
bis 40 Jahre bei Menschen mit Migrationshintergrund nicht zurück,
ergab der Mikrozensus. Erstmals war beim Mikrozensus, der
größten jährlichen Haushaltsbefragung in Europa, auch
nach einem Migrationshintergrund gefragt worden.
In den gut 39 Millionen deutschen Privathaushalten wohnten 2005 im
Schnitt nur noch 2,11 Menschen. 1991 hatten noch durchschnittlich 2,27
Menschen in einem Haushalt gelebt. Knapp 40 Prozent der Haushalte waren
2005 Single-Haushalte. Damit stieg der Anteil der
Ein-Personen-Haushalte seit 1991 um vier Prozent.
Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland lebten dem
Mikrozensus zufolge in Familien, also als gemischt- oder
gleichgeschlechtliche Paare oder als allein Erziehende mit einem oder
mehr Kindern zusammen. Ihr Anteil ging damit seit 1996 um vier
Prozentpunkte auf 53 Prozent zurück. Besonders stark war dieser
Rückgang in den neuen Bundesländern. Hier sank der Anteil der
in Familien lebenden Bevölkerung seit 1996 um neun Prozentpunkte
auf 49 Prozent im Jahr 2005.
Zwei Generationen, das heißt Eltern und Kinder, wohnten laut
aktuellem Mikrozensus in 31 Prozent der deutschen Haushalte zusammen.
1991 war ihr Anteil noch sieben Prozentpunkte höher. Drei oder
mehr Generationen lebten 2005 nur in knapp einem Prozent aller
Haushalte unter einem Dach.
(Quelle: afp)
Gabriel kritisiert Einfluss der Wirtschaft auf die Umweltpolitik
Mi.07.06.06 - Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) kritisiert einen wachsenden
Einfluss der Wirtschaft auf den Natur- und Klimaschutz. Die
Globalisierung werde in der Umweltpolitik «immer wieder
missbraucht, um alle Ansprüche auf eine demokratisch legitimierte
Einflussnahme auf wirtschaftliche Prozesse
zurückzudrängen», sagte Gabriel am Dienstag in Berlin.
Vom Primat der Politik könne oft keine Rede mehr sein. Nötig
sei «so etwas wie eine zweite Aufklärung»: Nach der
Trennung von staatlicher und religiöser Macht gehe es nun um die
Rückeroberung des Vorrangs der Politik über wirtschaftliche
Einzelinteressen, sagte Gabriel.
Staat und Regierung müssten vor der Androhung von
Produktionsverlagerungen immer wieder kapitulieren, kritisierte der
Minister. Vor dem Hintergrund weltweiter Märkte brauche es mehr
denn je auch «weltweite Spielregeln, die diesen Märkten
Grenzen setzen». Dazu brauche es nicht nur umweltpolitische
Mitarbeiter in der Welthandelsorganisation, sondern vor allem die
Gleichsetzung sozialer und ökologischer Standards mit den Standards
der Welthandelsorganisation.
Die sozial Schwachen litten am meisten unter Umweltproblemen, sagte
Gabriel. Weil preiswerte Wohnungen oft nur in belasteten
Innenstadtgebieten lägen, könnten sich sozial Schwache
Luftverschmutzung und Lärmbelästigung nicht entziehen. Auch in
der Dritten Welt seien es die Armen, die am meisten unter dem
Klimawandel zu leiden hätten.
Gabriel lobte zugleich die Umweltpolitik als Wirtschaftsfaktor. Die in
Deutschland Schritt für Schritt eingeführten Umweltstandards
hätten zu Produktivitätsschüben geführt und die
internationale Wettbewerbsfähigkeit erhöht. Immerhin 19
Prozent der deutschen Exporte stammten aus der Umwelttechnik. Mit 1,5
Millionen Beschäftigten sei die Umweltbranche zu einem echten
Jobmotor geworden.
(Quelle: ddp)
Eigenheimzulage gilt bei Sozialhilfeempfängern als Einkommen
Mi.07.06.06 - Sozialhilfeempfänger, denen eine Eigenheimzulage ausgezahlt wird,
müssen sich diese als Teil des Einkommens anrechnen lassen. Das hat
das Landessozialgericht Rheinland-Pfalz in einem am Dienstag in Mainz
veröffentlichten Urteil entschieden.
Es wies damit die Klage einer Frau ab, die voll erwerbsgemindert ist
und Sozialhilfe bezieht. Der für die Auszahlung zuständige
Landkreis sah die Eigenheimzulage als bedarfsminderndes Einkommen an und
bewilligte daher entsprechend geringere Sozialhilfesätze. Dagegen
beantragte die Klägerin den Erlass einer einstweiligen Anordnung
und verlangte, dass ihr die Grundsicherung ohne Anrechnung der
Eigenheimzulage gewährt werde. Die Eigenheimzulage sei ein
Zuschuss zum Erwerb von Haus- und Wohnungseigentum. Das Geld stehe ihr
auch nicht zur Verfügung, weil sie den Anspruch an ihre Bank
abgetreten habe. Das Sozialgericht lehnte den Antrag aber unter Hinweis
auf eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts ab.
Diese Entscheidung der unteren Instanz hat das Landessozialgericht
jetzt bestätigt. Der Anrechnung der Eigenheimzulage stehe nicht
entgegen, dass diese aus Anlass des Erwerbs von selbst genutztem
Wohneigentum gezahlt werde. Die Eigenheimzulage werde ohne jeden
Verwendungsnachweis und unabhängig davon gewährt, ob sie
tatsächlich zur Finanzierung des Eigenheims verwandt wird.
Schließlich komme es auch nicht darauf an, ob der Anspruch auf die
Eigenheimzulage an die Bank abgetreten ist.
Das Gericht wies darauf hin, dass Sozialhilfe immer nur nachrangig
gewährt wird. Das bedeute, dass der Hilfeempfänger vorrangig
verpflichtet sei, vorhandenes Einkommen zur Behebung der Notlage zu
verwenden. Vermögensdispositionen, die in Kenntnis der
gegenwärtigen Notlage getroffen würden, könnten nicht
berücksichtigt werden.
(Aktenzeichen Landessozialgericht Rheinland-Pfalz Beschluss vom
19.05.2006 - L 3 ER 50/06 SO).
(Quelle: ap)
Wissenschaft
Klimawandel trifft Norddeutschland besonders
Mi.07.06.06 - Der erwartete Klimawandel wird Norddeutschland nach Expertenansicht
besonders stark treffen. Bis zum Ende des Jahrhunderts sei mit einem
Anstieg der Temperatur um 1,5 bis 3,5 Grad Celsius im Jahresmittel zu
rechnen.
Das sagte am Dienstag Professor Fritz Tack von der Agrar- und
Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock vor
dem Klimaschutzkongress Mecklenburg- Vorpommern am Donnerstag und
Freitag in Güstrow. Zu erwarten seien auch ein Rückgang des
jährlichen Niederschlags und häufigere extreme Wetterlagen wie
Hitzeperioden, Stürme oder Früh- und Spätfröste.
Das gehe aus einer Analyse des wissenschaftlichen Beirats des
Landesumweltministeriums hervor.
Die erwarteten Veränderungen hätten vor allem Auswirkungen
auf Land- und Forstwirtschaft, die Ostsee und ihre Küste sowie die
Wasserwirtschaft, sagte Tack. Die Folgen seien nicht durchweg negativ:
Unter anderem könne die Biomasseproduktion insgesamt steigen, da
verstärkt Pflanzen wie Mais angebaut werden können, die bei
höheren Temperaturen und längeren Vegetationsperioden optimal
gedeihen.
In der Tierhaltung wirkten sich die steigenden Temperaturen vor allem
auf die Stallhaltung aus, erläuterte Tack. Besonders Rinder und
Geflügel würden darunter leiden, da sie nur schlecht
überschüssige Körperwärme abgeben können. Die
dadurch erhöhte körperliche Belastung mindere den Ertrag und
gefährde die Gesundheit. Um dies zu verhindern, müssten
Ställe neu gestaltet werden.
(Quelle: dpa)