Aktuelle Nachrichten
Irak am siebenhunderteinundzwanzigsten Tag nach Erlangung der formellen
Souveränität
US-Truppen wollen Aufständische in Ramadi isolieren. Polizei
findet zehn Leichen von gefolterten Zivilisten in Bagdad
Mo.19.06.06 - Tausende amerikanischer und irakischer Soldaten haben am Sonntag mit
dem Aufbau neuer Stützpunkte in der Stadt Ramadi begonnen. In einem
ersten Schritt seien Außenposten um die Stadt westlich von Bagdad
errichtet worden, erklärten die US-Streitkräfte. Sie wiesen
arabische Medienberichte zurück, nach denen ein Angriff auf Ramadi
geplant sei, um die Aufständischen aus der Stadt zu vertreiben.
Es gehe vielmehr darum, die Aufständischen zu isolieren, damit sie
keinen Nachschub von außen erhalten könnten, erklärten
die amerikanischen Truppen. Die Soldaten stießen auf geringen
Widerstand, als sie am Samstag den Süden Ramadis umstellten.
Aufständische feuerten Granaten ab, verletzten aber niemanden. Vor
zwei Jahren hatten die US-Truppen gemeinsam mit irakischen Soldaten
Falludscha angegriffen, um die Aufständischen aus der Stadt zu
vertreiben.
Die US-Truppen suchten außerdem im so genannten «Dreieck
des Todes» südlich von Bagdad den zweiten Tag in Folge nach
zwei vermissten Kameraden. Augenzeugen sagten, die Soldaten seien nach
einem Angriff am Freitag von maskierten Männern verschleppt worden.
Die amerikanischen Streitkräfte wollten dies jedoch nicht
bestätigen.
Bewaffnete Männer entführten am Sonntag in einem
überwiegend von Schiiten bewohnten Stadtviertel Bagdads zehn
Arbeiter aus einer Bäckerei. Nach Polizeiangaben fuhren die
Täter in zwei Autos vor und drangen in die Bäckerei in
Kasimija ein. Erst am Samstag war in dem Stadtviertel auf einem Markt
eine Mörsergranate eingeschlagen. Dabei kamen vier Menschen ums
Leben, 13 wurden verletzt.
Darüber hinaus entdeckte die Polizei in Bagdad die Leichen von
zehn Männern. Die Opfer wiesen Schussverletzungen auf,
außerdem seien sie offenbar gefoltert worden, erklärte ein
Polizeisprecher. Auch in Kerbela wurde die Leiche eines Mannes gefunden.
Sie wies ebenfalls Folterspuren auf. In Mossul detonierte eine Bombe in
der Nähe einer Universität. Eine Frau wurde getötet,
weitere 19 Menschen erlitten Verletzungen, wie die Polizei
erklärte. Bei den meisten Verletzten handele es sich um
Studentinnen.
Am Samstag hatte eine Serie von Anschlägen und
Überfällen im Irak fast 40 Menschen das Leben gekostet. Trotz
der jüngsten Sicherheitsoffensive in Bagdad starben allein in der
irakischen Hauptstadt 27 Menschen, Dutzende wurden verletzt. Die
schwerste Explosion wurde von einem Selbstmordattentäter
ausgelöst, der sich nahe einer Gruppe irakischer Soldaten in seinem
Auto in die Luft sprengte und sieben Menschen mit in den Tod riss. Am
Abend explodierte in der Nähe eines Supermarkts im Bagdader Bezirk
Um al Maarifa eine Autobombe, dabei kamen sechs Menschen ums Leben.
Der stellvertretende Ministerpräsident Salam Sikam Ali al Subaie
erklärte, der verstärkte Einsatz der Sicherheitskräfte in
Bagdad werde vermutlich noch mindestens ein Jahr lang dauern. Er sei
nicht zufrieden damit, wie die groß angelegte Offensive geplant
worden sei, sagte Al Subaie dem Fernsehsender Al Dschasira. Bevor
Erfolge sichtbar seien, müssten im Innenministerium die Leute
entlassen werden, die möglicherweise für
Menschenrechtsverletzungen verantwortlich seien, erklärte der
sunnitische Politiker. Viele Sunniten kritisieren, die von Schiiten
dominierten Sicherheitsdienste seien von Aufständischen
unterwandert.
(Quelle: ap)
Bushs billiges Kanonenfutter
Britische und amerikanische Söldnerfirmen auf Anwerbetour:
Exsoldaten der Fidschi-Inseln werden als Sicherheitskräfte im Irak
verheizt... Mehr in der Tageszeitung 'junge Welt' vom 19.06.06:
http://www.jungewelt.de/2006/06-19/012.php
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. 2003 bis 30.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Teil 7: 01.05. 2005 bis 19.06.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_07.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am dreihundertsechsundfünfzigsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
So.19.06.05 - 20 Zivilisten kommen bei Kämpfen zwischen Aufständischen und
US-Soldaten ums Leben +++ Nach US-Angaben wurden rund 50 Aufständische
bei 'Operation Speer' getötet +++ Die USA hatten laut Londoner Regierungsdokumenten
nie einen klaren Plan für die Zeit nach dem Sturz des irakischen Staatschefs Saddam
Hussein....
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv7/k0506190.htm#news
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.04 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3\irak_k01.htm#bodycount
Sa.04.02.06 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 2.248
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen. Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
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US-Armee fliegt in Afghanistan doppelt so viele Angriffe wie im Irak
Mo.19.06.06 - Die US-Armee hat die Zahl ihrer Luftangriffe in Afghanistan in den
vergangenen drei Monaten drastisch erhöht. Das Militär habe
dort in dieser Zeit mehr als doppelt so viele Angriffe geflogen wie im
Irak, berichtete die US-Zeitung "Washington Post" am Sonntag unter
Berufung auf das US-Hauptquartier. In Afghanistan habe es 340
Bombardements gegeben, im Irak 160. Wegen der Großoffensive gegen
die radikalislamischen Taliban im Süden des Landes habe sich die
Zahl in den vergangenen Tagen offenbar nochmals erhöht.
Die Großoffensive hat bis zum Sonntag rund 85 mutmaßliche
Aufständische das Leben gekostet. Allein am Freitag seien in der
Provinz Urusgan etwa 40 Taliban-Kämpfer getötet worden, sagte
Militärsprecher Oberstleutnant Paul Fitzpatrick. Die Rebellen
setzten ihre Anschläge unterdessen fort: Am Sonntag wurden in der
Provinz Helmand der frühere Gouverneur Dschama Gul und vier seiner
Leibwächter getötet.
Die britischen Streitkräfte erklärten am Sonntag, im
Süden von Helmand hätten sich Soldaten in der Nähe eines
Damms ein Feuergefecht mit Taliban-Kämpfern geliefert. Zwei der
Kämpfer seien dabei ums Leben gekommen. In den vergangenen Tagen
hätten die Aufständischen den Damm immer wieder angegriffen
mit dem Ziel, ihn zu beschädigen, hieß es weiter. In der
Provinz Sabul kostete am Sonntag ein gemeinsamer Einsatz von Polizei und
alliierten Truppen zwei Kämpfer das Leben. Zwei weitere verletzte
Kämpfer seien festgenommen worden, sagte Polizeichef Nur Mohammad
Paktin.
In Urusgan sei ein «bekanntes feindliches Lager» Ziel der
Angriffe gewesen, sagte Militärsprecher Fitzpatrick. Die Truppen
hätten abgewartet, bis sich etwa 50 Extremisten versammelt
hätten und dann angegriffen. Das Lager sei dabei schwer
beschädigt worden, ein US-Soldat habe Verletzungen erlitten. Unter
den Getöteten sind den Angaben zufolge auch Finanziers der
Aufständischen.
An der «Operation Mountain Thrust», der größten
Offensive seit dem Sturz der Taliban 2001, sind mehr als 10.000 Soldaten
beteiligt. Schwerpunkt der Operation sind die Provinzen Urusgan,
Helmand, Kandahar und Sabul. Die Aufständischen hatten in den
vergangenen Monaten ihre Anschläge deutlich verschärft.
(Quellen: afp, ap)
Iran lobt 'positive Atmosphäre' im Atomkonflikt mit dem Westen
Mo.19.06.06 - Der Iran hat eine Verbesserung der Atmosphäre im Atomkonflikt mit
dem Westen gelobt.
Die "positive Atmosphäre" nach einem Angebotspaket der
internationalen Gemeinschaft zur Lösung des Atomstreits könne
den Weg für eine Verständigung ebnen, sagte der iranische
Außenminister Manuchehr Mottaki am Sonntag im staatlichen
Fernsehen. Mottaki ließ allerdings offen, bis wann der Iran auf
das Paket aus Anreizen und Drohungen reagieren wird, mit dem das Land
zur Aussetzung seiner umstrittenen Urananreicherung bewegt werden soll.
Die Offerte war von den UN-Vetomächten Russland, China, Frankreich,
Großbritannien und den USA zusammen mit Deutschland ausgearbeitet
und der Islamischen Republik Anfang Juni vorgelegt worden.
Der Iran habe mit einer ernsthaften und genauen Prüfung des Pakets
begonnen, sagte Mottaki weiter. "Am Ende der Bewertung werden wir - so
Gott will - zunächst unsere europäischen Kollegen und dann die
Öffentlichkeit informieren". Einen Zeitplan hierfür nannte
der Minister jedoch nicht.
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad hatte am Freitag das
Angebotspaket begrüßt, jedoch betont, sein Land fürchte
sich im Falle einer Ablehnung nicht vor möglichen Sanktionen. Der
Westen vermutet hinter der iranischen Urananreicherung ein geheimes
Programm zum Bau von Atomwaffen. Der Iran hält dagegen, sein
Atomprogramm diene ausschließlich friedlichen Zwecken.
(Quelle: rtr)
Nahost-Konflikt
Umstrittener Abschnitt des Grenzwalls in Jerusalem genehmigt
Mo.19.06.06 - Der Oberste Gerichtshof Israels hat den Bau eines umstrittenen
Abschnitts des Grenzwalls in Ostjerusalem genehmigt.
Palästinensische Anrainer hatten geklagt, dass der geplante
Verlauf sie von ihrem Lebenszentrum abtrennen würde und zudem
private Grundstücke zerschneide. Auch ein Friedhof werde tangiert.
Die Richter entschieden am Sonntagabend jedoch im Sinne der Regierung,
die den Grenzwall aus Sicherheitsgründen für unabdingbar
hält.
Nach Angaben des israelischen Verteidigungsministeriums ist etwa die
Hälfte des künftig 760 Kilometer langen Zauns fertig
gestellt. Ein Abschluss der Bauarbeiten wird im Laufe des Jahres 2008
erwartet - je nach Ausgang noch anhängiger Gerichtsverfahren. Die
Obersten Richter haben mehrfach auch im Sinne der Palästinenser
entschieden und Änderungen angeordnet, wenn der geplante Verlauf
als unzumutbar für die Bewohner des Westjordanlands erschien.
(Quelle: ap)
Palästinenser erhalten Lebensmittelpakete von UN
Mo.19.06.06 - Wegen den seit Monaten ausgebliebenen Gehaltszahlungen an Mitarbeiter
der palästinensischen Autonomiebehörde haben die Vereinten
Nationen im Gazastreifen Lebensmittelpakete verteilt. Etwa 90.000
Betroffene, die in Flüchtlingslagern leben, reihten sich am
Sonntag mit rund 635.000 weiteren Bedürftigen in Warteschlangen
ein, um die Pakete des UN-Hilfswerks für
Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) entgegen zu nehmen. Beobachtern
zufolge half ihnen dies über eine Versorgungskrise hinweg,
versetzte aber auch ihrem Selbstwertgefühl einen Dämpfer.
Die meisten der rund 160.000 Mitarbeitern im öffentlichen Dienst
der Autonomiegebiete haben seit vier Monaten kein Gehalt mehr bekommen,
weil die neue Hamas-Regierung infolge eines internationalen
Finanzboykotts zahlungsunfähig ist. Das Nahost-Quartett aus UN,
EU, USA und Russland beschloss am Wochenende ein neues Hilfsprogramm,
wonach die palästinensische Bevölkerung an der Hamas vorbei
Finanzhilfen über die Weltbank erhalten soll.
(Quelle: ap)
Spanien: Katalanen sprechen sich für mehr Autonomie aus
Mo.19.06.06 - Die nordspanische Region Katalonien erhält eine größere
Autonomie gegenüber der Madrider Zentralregierung. In einem
Referendum stimmten die Katalanen am Sonntag mit 74 Prozent für
eine entsprechende Vorlage, nur knapp 21 Prozent der Wähler waren
dagegen, wie die katalanische Regierung nach Auszählung fast aller
Stimmen bekannt gab. Die Beteiligung lag bei 49 Prozent. Vorgesehen ist
unter anderem, dass das wohlhabende Katalonien einen deutlich
größeren Teil seines Steueraufkommens selbst behalten darf.
Die Region wird außerdem indirekt als Nation bezeichnet und
erhält beispielsweise die Kontrolle über den Bahnverkehr und
die Erteilung von Arbeitsgenehmigungen für Einwanderer. Katalonien
ist mit seinen sechs Millionen Einwohnern für 18,5 Prozent der
spanischen Wirtschaftsleistung verantwortlich, erhält aber nur
sieben bis neun Prozent an staatlichen Investitionen in die
Infrastruktur. Innerhalb der nächsten sieben Jahre müssten
sich diese beiden Zahlen annähern, heißt es in der zur
Abstimmung vorgelegten Charta.
Der katalanische Regionalpräsident Pasqual Maragall würdigte
den Ausgang des Referendums als historisch. «Das Volk Kataloniens
hat eine Seite in unserer Geschichte geschrieben», erklärte
er. «Wir sind der Herausforderung gerecht geworden, die wir uns
selbst auferlegt haben.» Auch der spanische
Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero, der die
Vorlage ebenfalls unterstützt hat, begrüßte das Ja der
Katalanen. Auch andere Regionen seien frei, dem Beispiel Kataloniens zu
folgen.
Vor allem konservative Kritiker haben jedoch im Wahlkampf vor einem
Zerfall des Landes gewarnt. Früheren Erhebungen zufolge lehnen 54
Prozent der Bevölkerung in ganz Spanien die Charta für
Katalonien ab.
Die Abstimmung am Sonntag ist endgültig und bindend, bei einem
«Ja» wird der Entwurf Gesetz. Stimmberechtigt waren rund
5,3 Millionen Menschen.
(Quelle: ap)
Deutschland
Noch keine Einigung zu Gesundheits- und Föderalismusreform
Mo.19.06.06 - Bei Gesundheits- und Föderalismusreform hat die große
Koalition Fortschritte gemacht, aber noch keine endgültige
Lösung gefunden. «Wir kommen gut voran, wir sind im
Zeitplan», sagte SPD-Chef Kurt Beck nach einem knapp
fünfstündigen Treffen der Koalitionsspitzen in der Nacht zum
Montag. «Es ist nichts unlösbar.»
CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer sagte, bei beiden Themen habe die
Koalitionsführung Handlungsfähigkeit bewiesen. Wille und Weg
zu Ergebnissen seien jetzt klar.
Die Partei- und Fraktionsspitzen von CDU, CSU und SPD berieten im
Kanzleramt zunächst drei Stunden lang mit Gesundheitsministerin
Ulla Schmidt und Fachpolitikern über die Gesundheitsreform, deren
Grundzüge bis zur parlamentarischen Sommerpause Anfang Juli stehen
sollen. Danach blieb weiter offen, ob zur künftigen Finanzierung
des Gesundheitswesens ein Fonds eingeführt werden soll,
möglicherweise auch unter Einbeziehung der privaten
Krankenversicherung. Endgültige Entscheidungen seien noch nicht
getroffen, erklärte Schmidt nach dem Gespräch. Dazu werde man
noch die nächsten zwei Wochen brauchen. Wie
Unions-Gesundheitsexperte Wolfgang Zöller betonte sie, es komme
ganz auf die Ausgestaltung eines Fonds an.
Kanzlerin Angela Merkel hält eine Verständigung auf ein
Fondsmodell für möglich: Es sei zwar nicht die Lösung,
aber ein Mittel für mehr Transparenz der Einnahmen und Ausgaben
des Gesundheitssystems, sagte sie im ZDF: «Deshalb kann es sein,
dass wir uns für diese Variante entscheiden.» Die private
Krankenversicherung als funktionierendes System wolle sie beibehalten.
Die CDU-Chefin schloss aber nicht aus, die Krankenversicherung der
Kinder aus Steuermitteln zu finanzieren. Über diese Fragen
müsse in der Koalition noch geredet werden, «und dazu werden
wir Entscheidungen fällen». Es werde auch Lösungen
geben, die nicht am 1. Januar 2007 in Kraft träten, fügte
Merkel hinzu.
Ein Hauptstreitpunkt ist die Frage, ob und wie die privaten
Krankenversicherungen in einen Gesundheitsfonds zur Finanzierung des
Systems einbezogen werden könnten. Ein Gesundheitsfonds würde
Beitrags- und Steuergelder sammeln und als Pauschalen an die
Krankenkassen weiterleiten. Er könnte damit einen Mittelweg
zwischen den widerstreitenden Vorstellungen von Union und SPD
eröffnen.
Der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber sprach vor der Spitzenrunde von
einem «wichtigen Zwischenschritt». Er betonte jedoch, die
private Krankenversicherung dürfe «in keinster Weise»
in einen Fonds einbezogen werden. Dies sei klare Position der CSU.
«Es wäre ein Treppenwitz, wenn wir ein funktionierendes
System schleifen würden», sagte der bayerische
Ministerpräsident.
Zöller verwies darauf, dass in der kommenden Woche noch Beratungen
der Arbeitsgruppe vorgesehen seien. Über Strukturmaßnahmen
für mehr Transparenz und über «erhebliche»
Einsparpotenziale seien sich die Unterhändler aber schon ziemlich
einig. Auch Schmidt berichtete, die Fachleute seien sich schon sehr
nahe gekommen. Ergebnisse würden aber erst genannt, wenn die
Vorhaben insgesamt beschlossen seien.
Bei der Föderalismusreform zur Entflechtung der Beziehungen
zwischen Bund und Ländern wird um den endgültigen Abschluss
noch gerungen. Man sei «mitten in Bemühungen», sagte
Beck. Hier gibt es Streit zwischen Bundes- und Länderseite
über das so genannte Kooperationsverbot. Vor allem die
SPD-Bundestagsfraktion will erreichen, dass der Bund Finanzhilfen auch
auf solchen Gebieten wie der Schulpolitik leisten kann, für die er
eigentlich nicht zuständig ist. Die Länder sperren sich
dagegen, weil sie Einmischung befürchten. Der
nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen
Rüttgers hatte Nachverhandlungen am Wochenende kategorisch
abgelehnt.
(Quelle: ap)
Wirtschaftweiser: Gesundheitsfonds benachteiligt Geringverdiener
Mo.19.06.06 - Der von der großen Koalition geplante Gesundheitsfonds
benachteiligt nach Ansicht des «Wirtschaftsweisen» Peter
Bofinger einkommensschwache Gruppen. In der derzeit diskutierten Form
führe das Fondsmodell «zu einer Reallohnsenkung und zu einer
Benachteiligung von Niedrigverdienern», sagte Würzburger
Ökonom der in Düsseldorf erscheinenden «Rheinische
Post» (Montagausgabe).
Bei einer Fondslösung würden Arbeitgeber Medienberichten
zufolge rund sechs Prozent des Bruttolohns, Arbeitnehmer sieben Prozent
in einen Fonds zahlen, aus dem die Krankenkassen für jeden
Versicherten eine Pauschale erhielten.
Als «sehr problematisch» bewertet Bofinger etwa eine
mögliche zusätzliche Prämie von bis zu 40 Euro pro
Versichertem, die Kassen erheben dürften, die mit der Pauschale
nicht auskommen. Ohne sozialen Ausgleich würde dies
Geringverdiener überproportional belasten und so «allen
Bemühungen zuwiderlaufen, zu mehr Beschäftigung im
Niedriglohnsektor zu kommen», warnte Mitglied im
Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.
Auch komme das angedachte Einfrieren der Arbeitgeberbeiträge einer
Lohnsenkung zugunsten der Arbeitgeber gleich. "Stagnierende oder sogar
sinkende Reallöhne sind aber das Hauptproblem der
Binnenkonjunktur», sagte Bofinger.
(Quelle: ddp)
DGB kritisiert Millionen-Gehälter von Managern
Mo.19.06.06 - Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat exzessive Vergütungen
einiger deutscher Top-Manager kritisiert. "Ein Manager ist ein
Angestellter des Unternehmens und nicht dessen Eigentümer. Deshalb
muss seine Vergütung in einem vernünftigen Verhältnis zu
der der übrigen Mitarbeiter im Betrieb stehen", sagte
DGB-Vorstandsmitglied Dietmar Hexel der "Berliner Zeitung".
Hexel sagte, er teile die Auffassung des Vattenfall-Vorstandschefs
Klaus Rauscher, wonach sich ein angestellter Manager mit einem Gehalt
von einer Million Euro pro Jahr begnügen sollte. Vergütungen
ab zwei Millionen Euro seien dagegen "überhaupt nicht mehr
vermittelbar. Die Menschen empfinden sie auch als unanständig."
(Quelle: afp)
Chauffeur für den Rentner
Ehemalige Karstadt-Manager dürfen Privilegien behalten
Klarer hätte die Niederlage für den Karstadt-Quelle-Konzem
kaum ausfallen können. Das Landgericht Essen gab am Freitag Walter
Deuss, dem früheren Vorstandsvorsitzenden des Kaufhauskonzerns, in
einem delikaten Prozess Recht. Deuss hatte darauf geklagt, dass ihm das
Unternehmen auch im Rentenalter die Überstunden für seinen
von Karstadt entlohnten Fahrer bezahlt. Vier weitere Ex-Vorstände
setzten durch, dass sie auch im Pensionsalter ihre Dienstwagen behalten
dürfen. Begründung: So habe es der Konzern mit den Managern
bei deren Ausscheiden vereinbart. "Solche Vereinbarungen kann man nicht
einfach kündigen", sagte Richter Harald Lütgebaucks.
Der Fall und das Urteil sorgen für Aufregung, auch und besonders
bei den Beschäftigten des Krisen-Unternehmens. Denn in ihren Augen
schaut es so aus, dass ein Manager wie Deuss, der zwanzig Jahre als
Vorstand gut verdiente, sich im Ruhestand per Gerichtsbeschluss
Privilegien sichert. Der Karstadt-Verkäufer, der um seinen
Arbeitsplatz fürchten muss, wird das nur schwer verstehen.
Schließlich ist der ehemalige Chef, der sich auf Kosten des
Konzerns gern in einer BMW-Limousine zur Jagd ins Bergische Land
kutschieren lässt, mit verantwortlich dafür, dass bei
Karstadt--Quelle heute 25 000 Mitarbeiter ihre Arbeit verlieren. "Das
Verfahren ist ganz bitter für die Beschäftigten und moralisch
verwerflich", klagte der Gesamtbetriebsrat unlängst.
Die Spitzenkräfte der deutschen Wirtschaft stehen derzeit in
keinem sonderlich guten Ruf und der Fall Deuss dürfte die Kritiker
noch bestätigen. Manager gelten in diesem Land oftmals als
abgebrühte Typen, die auch bei schlechten Leistungen hoch bezahlt
werden. Für Verdruss sorgt auch, dass die Managerbezüge
stetig steigen, während die Einkommen vieler Arbeitnehmer
stagnieren oder gar sinken. Das Misstrauen gegenüber dem Personal
in den Führungsetagen wird zudem dadurch geschürt, dass sich
noch immer viele Unternehmen weigern, die Bezüge ihrer
Spitzenkräfte offen zu legen.
Bei aller Erregung über die Karstadt-Pensionäre bleibt aber
wahr, dass der Karstadt-Aufsichtsrat seinen ExVorständen, die
großzügigen Ruhestandsbezüge genehmigt hat. Wer auf die
Privilegien von Managern schimpft, muss berücksichtigen, dass die
Aufsichtsräte oft bereit sind, große Summen für
Gehälter, Abfindungen oder Ruhestandsregelungen auszugeben.
Dennoch machen in den Aufsichtsgremien oft die Vertreter von
Gewerkschaften mit, die ansonsten gern die Maßlosigkeit von
Managern wie Deuss und Co beklagen.
Es fehlt noch immer an der Kontrolle in den Aufsichtsräten. Anders
wären viele Super-Gehälter und Nebenbezüge nicht
denkbar. Das Argument, die Spitzenmanager müssten sich im globalen
Wettbewerb bewähren und auf internationalem Niveau bezahlt werden,
greift aber nicht. Diese Konkurrenz der Spitzenkräfte gibt es
allenfalls in Ansätzen. Nur wenige Deutsche haben es bisher in die
Spitze internationaler Konzerne geschafft - und in den deutschen
Führungsgrernien gibt es nur wenige Ausländer. Die
Vorstands-Etagen hierzulande sind noch immer gut geschützte
Biotope, in denen sich ein kleiner Kreis enger Freunde gegenseitig
schützen und versorgen kann, bis hinein in die Pension.
Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 11.02.2006
|
Steinbrück: Firmensteuer soll unter 30 Prozent fallen
Mo.19.06.06 - Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat sich erneut fest
entschlossen gezeigt, mit der Reform der Unternehmensbesteuerung die
Sätze für Kapitalgesellschaften unter 30 Prozent zu senken.
Mit einem solchen Steuersatz wäre Deutschland im europäischen
Mittelfeld, sagte der SPD-Politiker der "Bild am Sonntag". "Und wenn wir
bei der Steuer im Mittelfeld sind, sind wir angesichts vieler positiver
Faktoren in Deutschland Spitze." Steinbrück machte deutlich, dass
sich die Nettoentlastung für die Unternehmen in Grenzen halten
werde. Andernfalls würden alle Verschuldungsgrenzen gesprengt.
Zudem wolle er Steuerschlupflöcher stopfen. Unionspolitiker
kündigten Widerstand gegen Überlegungen Steinbrücks an,
die Bemessungsgrundlage der Gewerbesteuer zu verbreitern. Auch aus der
SPD kam Kritik an den Plänen des Ministers. Bundespräsident
Horst Köhler bekräftigte seine Forderung nach einer
Vereinfachung des Steuersystems.
Union und SPD wollen am 25. Juni im Koalitionsausschuss über die
Eckpunkte zur Reform der Unternehmensbesteuerung verhandeln. Um die
steuerliche Gesamtlast der Kapitalgesellschaften unter 30 Prozent zu
drücken, plant Steinbrück eine deutliche Reduzierung des
Körperschaftsteuersatzes, die bis zu einer Halbierung auf 12,5
Prozent gehen könnte. Die Gewerbesteuer will der Minister im
Grundsatz beibehalten und zu ihrer Berechnung auch Leasingraten, Pachten
und Zinsen einbeziehen.
Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther
Oettinger und Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber lehnten die
Pläne Steinbrücks ab, die Gewerbesteuer auszuweiten. Dem werde
er auf keinen Fall zustimmen, sagte der CDU-Politiker Oettinger der
"Stuttgarter Zeitung". Das sei das falsche Signal. Huber nannte es
absurd, die Bemessungsgrundlage für die Gewerbesteuer erweitern zu
wollen. "Die wird mit der CSU nicht zu machen sein", sagte er der
"Passauer Neuen Presse".
Der finanzpolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Otto Bernhardt,
betonte Gemeinsamkeiten mit Steinbrück. "Wir sind uns über das
Ziel mit Steinbrück einig, nicht aber über den Weg", sagte
Bernhardt dem Magazin "Focus". Die Union will die
Körperschaftsteuer weniger stark senken, dafür aber die
Gewerbesteuer durch eine einfachere Kommunalabgabe ersetzen.
Auch in den eigenen Reihen stieß Steinbrück auf Widerstand.
Eine dauerhafte Entlastung der Wirtschaft um acht Milliarden Euro sei
für die Sozialdemokraten nicht akzeptabel, sagte der
SPD-Parteiratsvorsitzende Claus Möller dem Magazin "Focus". Die
Senkung der Unternehmenssteuersätze müsse durch
Subventionsabbau und eine breitere Bemessungsgrundlage weitgehend von
der Wirtschaft gegenfinanziert werden. Die öffentlichen Haushalte
vertrügen keine weiteren Einnahmeverluste. Der SPD-Parteirat, das
höchste Gremium zwischen den Parteitagen, befasst sich am Montag
mit Steinbrücks Reformplänen.
Bundespräsident Horst Köhler sagte im Deutschlandfunk, das
deutsche Steuersystem sei zu kompliziert. Niemand könne beurteilen,
ob das System noch gerecht sei. Die Bürger müssten wissen,
wer Steuern zahle und wo sie ankämen. Aber das sei kaum bekannt,
und deshalb halte er auf lange Sicht ein einfacheres Steuersystem
für erforderlich. Das setze nicht nur wirtschaftliche Dynamik
frei, sondern befähige die Menschen auch, selbst beurteilen zu
können, wie gerecht das System sei.
(Quelle: rtr)
Hartz-IV-Ombudsrat für Generalüberholung der
Arbeitsvermittlung
Mo.19.06.06 - Der Hartz-IV-Ombudsrat wird sich offenbar in seinem Abschlussbericht
für eine Generalüberholung in der Arbeitsvermittlung
aussprechen. Der Ombudsmann und frühere sächsische
Ministerpräsident Kurt Biedenkopf sagte der
«Süddeutschen Zeitung» (Montagausgabe), in den
Arbeitsgemeinschaften, die Erwerbslose betreuen sollten, herrsche
«Organisationschaos». Dazu hätten allerdings die
Ministerpräsidenten beigetragen, von denen nun einige eine
Generalrevision forderten, erklärte der CDU-Politiker weiter.
Sie hätten im Vermittlungsausschuss Strukturen vereinbart, die in
der Praxis nicht funktionierten. «Diese bedürfen einer
Generalüberholung. Dazu werden wir uns diese Woche auch
äußern», wurde Biedenkopf zitiert. Zugleich mahnte er
ein Ende der derzeitigen Missbrauchsdebatte an. Die Betroffenen
handelten nicht missbräuchlich, wenn sie Spielräume in den
Gesetzen nutzten.
Der Ombudsrat legt in dieser Woche seinen Abschlussbericht vor. Dem
Gremium gehören neben Biedenkopf die frühere
SPD-Familienministerin Christine Bergmann und der ehemalige
IG-Chemie-Chef Hermann Rappe (SPD) an.
(Quelle: ap)
Politiker freuen sich über neuen Patriotismus
Mo.19.06.06 - Die selbstbewusste Freude der Deutschen zur Fußball-WM ist nach
Ansicht von Politikern Ausdruck eines neuen und gesunden Patriotismus in
der Bundesrepublik. Bundespräsident Horst Köhler sprach am
Wochenende von einem Zeichen dafür, «dass sich das Land
weiter normalisiert, dass man jetzt unverkrampfter auf seine eigene
Nationalfahne zeigt und sich mit ihr schmückt».
In einem Interview des Deutschlandfunks verneinte das Staatsoberhaupt
am Sonntag entschieden die Frage, ob er diese Begeisterung für ein
problematisches Vorspiel eines neuen Nationalismus halte: «Nein,
überhaupt nicht. Ich sehe da erst einmal nur etwas Schönes,
und zwar, dass die Menschen, die die Fahne schwenken oder sie um sich
drapieren, dass die Freude haben, dass sie sich mit den deutschen Farben
mit ihrem Nationalteam identifizieren.» Außerdem
brächten sie ihre Freude darüber zum Ausdruck, dass die WM in
Deutschland stattfinde.
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) nannte es gut, dass
die Menschen spontan die deutschen Farben nicht scheuen. Nur
«notorische Griesgrame zeigen, dass sie sich nicht freuen
können», sagte er über Kritik an dem Patriotismus zu
WM-Zeiten. Das Fahnengeschwenke sei aber «überhaupt kein
Chauvinismus». Andererseits lehnte der Innenminister eine
Beflaggung der öffentlichen Gebäude zur WM ab. «Dass man
das staatlicherseits anordnen muss, finde ich ein bisschen
übertrieben», sagte er am Sonntag bei einer
Diskussionsveranstaltung der «Zeit».
Die Staatsministerin im Kanzleramt, Maria Böhmer (CDU),
bezeichnete das Verhalten der Deutschen während der WM als Ausdruck
eines neuen, unverkrampften Patriotismus. Die Bundesrepublik sei nun
«in einer Phase, wo sich junge Menschen viel freudiger,
selbstbestimmter und mit einem neuen Selbstbewusstsein» der Frage
stellten, was die Deutschen verbinde, sagte die CDU-Politikerin und
Integrationsbeauftragte der Bundesregierung dem «Tagesspiegel am
Sonntag». Der fröhliche Umgang mit der eigenen Nation
während dieser WM «ist für mich ein freudiges
Indiz», fügte Böhmer hinzu.
Auch die Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag, Renate
Künast, wertete die nationale Begeisterung als positives Zeichen.
In einem Gastbeitrag der Politikerin für «Bild am
Sonntag» heißt es: «Ganz Deutschland jubelt
schwarzrotgold - und Freunde aus aller Welt feiern mit.» Die
deutsche Flagge sei der Ausweis als Gastgeber: «Kommt her, wir
zeigen euch, wie schön Deutschland sein kann.»
Gleichzeitig bezeichnete Künast die Auseinandersetzung mit der
deutschen Geschichte als Voraussetzung für die nationale
Begeisterung: «Jetzt erscheint uns das alles so normal, macht viel
Spaß und ist ganz ohne Krampf. Wir verdanken das gerade auch
unserer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.»
Ein Symbol dafür sei das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Deshalb
könnten die Deutschen entspannt mit Freunden aus allen Teilen der
Welt feiern.
Begeistert von der neuen patriotischen Stimmung in Deutschland zeigte
sich auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl
Lehmann. Dem Nachrichtenmagazin «Focus» sagte der Vertreter
der katholischen Kirche, er freue sich «über das Bekenntnis
vieler Menschen zu unserem Land». Das Bekenntnis zur Nation auch
nach der Fußball-Weltmeisterschaft lebendig zu halten,
könnte nach den Worten Lehmanns jedoch schwierig sein.
(Quelle: ap)
Gemeinschaftliches Rauscherlebnis
Deutschland ertrinkt in Schwarzrotgold und Matthias Matussek hat den
passenden Begleitsound dazu geschrieben... Mehr bei telepolis vom
19.06.06:
http://www.telepolis.de/r4/artikel/22/22918/1.html