+++ Fr.28.07.06, 07:05
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Irak am siebenhundertneunundfünfzigsten Tag nach Erlangung der
formellen Souveränität
Mindestens 31 Tote bei Anschlag in irakischer Hauptstadt Bagdad.
US-Truppenzahl im Irak steigt
Fr.28.07.06 - Bei einem kombinierten Bomben- und Granatenangriff auf ein
Geschäftsviertel in Bagdad sind mindestens 31 Zivilisten
getötet worden. Zunächst explodierte in dem schiitischen
Viertel Karrada eine starke Autobombe, wie die Sicherheitsbehörden
mitteilten. Danach hätten die Attentäter Granaten und
Schrapnell-Geschosse auf den Platz gefeuert, wo die Menschen in Panik
umherliefen. Mindestens 115 Menschen wurden verletzt. Wie ein
AFP-Reporter berichtete, befanden sich zahlreiche Frauen und Kinder
unter den Opfern. Mehrere umliegende Gebäude wurden durch die
massive Explosion zerstört.
Das schiitische Viertel Karrada galt als relativ ruhig und blieb
bislang weitgehend von Gewalt verschont. Es war einer der wenigen
Bagdader Stadtteile, in dem Schiiten und Sunniten noch Seite an Seite
ihre Einkäufe tätigten. Die Granaten wurden nach
Polizeiangaben kurz nach der Explosion vom sunnitischen Viertel El Dura
über den Tigris hinweg auf Karrada abgefeuert. In dem Stadtteil
befinden sich der Sitz der größten Schiitenpartei SCIRI
sowie mehrere Ministerien, das Theater und die Börse der Stadt.
Im Bagdader Stadtteil Mansur wurden drei Menschen von Unbekannten
erschossen. Bei der Explosion einer Autobombe in der Stadt Baakuba
wurden mindestens fünf Menschen verletzt. Erst am Vortag hatte der
irakische Ministerpräsident Nuri el Maliki in einer Rede vor dem
US-Kongress in Washington gesagt, der Kampf gegen den Terrorismus in
seinem Land dürfe nicht verloren worden. Sollte die Demokratie im
Irak scheitern und der Terror siegen, könne der Krieg gegen den
Terror auch nirgendwo anders gewonnen werden, sagte Maliki.
Im vergangenen Monat hatte Maliki einen Sicherheitsplan für die
Hauptstadt verkündet. Am Dienstag erklärte US-Präsident
George W. Bush, die US-Truppen würden sich stärker auf Bagdad
konzentrieren, wo jeden Tag Menschen bei Anschlägen sterben. Unter
US-Soldaten vor Ort wächst inzwischen der Unmut über die
irakischen Truppen, die künftig mehr Verantwortung in Bagdad
übernehmen sollen. Major Scott Paulson sagte: "Die irakischen
Patrouillen müssten eigentlich zunehmen, sie nehmen aber wegen
logistischer Probleme ab." Den Irakern fehle es an Treibstoff und
Waffen für die Patrouillengänge.
Wie das Pentagon mitteilte, wird der einjährige Einsatz einer
bisher im Norden des Irak operierenden Brigade kurzfristig um bis zu
vier Monate verlängert. Der Ersatz für die ursprünglich
zur Heimkehr anstehenden Truppen trifft dagegen planmäßig
ein. Damit steigt die Soldatenzahl von 127 000 auf mehr als 130 000.
Das Pentagon folgte mit der Verlängerung einer Bitte des US-
Befehlshabers der multinationalen Truppen im Irak, George Casey.
(Quellen: afp, dpa)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. 2003 bis 30.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Teil 7: 01.05. 2005 bis 28.07.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_07.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am dreihundertfünfundneunzigsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
Do.28.07.05 - Iraks Regierung für baldigen Abzug ausländischer Truppen.
US-Verteidigungsminister in Bagdad eingetroffen. US-General spricht von
Abzug ab Frühjahr 2006 +++ Sondergipfel soll über irakische
Verfassung beraten +++ Entführte algerische Diplomaten im Irak
getötet +++ Anschlag auf irakische Soldaten. Pentagon: Derzeit 12.000
bis 17.000 Iraker in US-Gefangenschaft +++ US-Bericht rügt mangelnde
Vorbereitung der Nachkriegszeit im Irak...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv7/k0507280.htm#news
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.04 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3\irak_k01.htm#bodycount
Sa.04.02.06 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 2.248
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen. Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
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Nahost-Konflikt
Israel sieht in Libanon-Konferenz Bestätigung für Offensive.
Weiter Luftangriffe Israels und Tote. Seit Beginn der israelischen
Offensive starben 415 Menschen im Libanon. UN-Sicherheitsrat 'tief
schockiert' über Angriff auf UN-Posten. Al-Kaida droht Israel
wegen Offensive im Libanon. Umfrage: 87 Prozent im Libanon für
Kampf der Hisbollah
Fr.28.07.06 - Israel sieht sich nach der internationalen Libanon-Konferenz in seiner
Militäroffensive gegen die Hisbollah bestätigt. Das Treffen
in Rom habe "faktisch die Erlaubnis" zur Fortsetzung der Angriffe
gegeben, sagte Justizminister Haim Ramon. Angesichts der anhaltenden
Kämpfe im Südlibanon billigte Israels Sicherheitskabinett
neben einer Verstärkung der Luftangriffe auch die Mobilisierung
weiterer Reservisten. Der UN-Sicherheitsrat äußerte sich
"tief schockiert und beunruhigt" über den israelischen Luftangriff
auf einen UN-Posten im Libanon am Dienstag, verzichtete jedoch auf eine
Verurteilung.
"Gestern in Rom haben wir faktisch die Erlaubnis erhalten, unsere
Operationen so lange fortzusetzen, bis die Hisbollah nicht mehr im
Südlibanon präsent und entwaffnet ist", sagte Justizminister
Ramon im Militärrundfunk. Die hochkarätig besetzte
Libanon-Konferenz hatte sich nicht auf eine gemeinsame Forderung nach
einer sofortigen Waffenruhe verständigen können. Stattdessen
wurde vereinbart, schnell auf einen Waffenstillstand hinzuarbeiten.
Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD)
widersprach der Einschätzung Ramons. Eine derartige Interpretation
sei ein "großes Missverständnis".
Die Verstärkung der Luftangriffe im Libanon sei wegen der
zunehmenden Verluste beim Bodeneinsatz beschlossen worden, meldete der
israelische Militärrundfunk. Am Mittwoch waren am Boden neun
israelische Soldaten ums Leben gekommen, mehr als je zuvor an einem Tag
seit Beginn der Offensive am 12. Juli. Eine Ausweitung der
Bodenoffensive lehnte das Kabinett ab. Insgesamt kamen bisher 51
Israelis ums Leben, darunter 18 Zivilisten.
Die israelische Luftwaffe flog nach eigenen Angaben binnen 24 Stunden
120 Angriffe auf Ziele im Libanon, darunter das Zentrum der Hafenstadt
Tyrus. Dabei wurde eine Frau getötet. Insgesamt kamen bei
Luftangriffen neun Zivilisten und ein Polizist ums Leben. Seit Beginn
der Offensive starben bisher 415 Menschen im Libanon, darunter 348
Zivilisten. Laut UNO stieg die Zahl der Flüchtlinge im Libanon auf
rund 600.000.
In einer in New York veröffentlichten Erklärung verzichtete
der UN-Sicherheitsrat auf eine Verurteilung des israelischen Angriffs,
bei dem am Dienstag vier Blauhelmsoldaten ums Leben gekommen waren. Am
Vortag war ein Entwurf zu einer deutlich schärferen Erklärung
des Sicherheitsrates zu dem Angriff an der Blockade der USA gescheitert.
El-Kaida-Vize Aiman el Sawahiri sagte in einer vom TV-Sender El
Dschasira ausgestrahlten Videobotschaft, niemand dürfe
"untätig und unterwürfig" bleiben, wenn "Raketen auf unsere
Brüder im Gazastreifen und im Libanon herabregnen". Israel werde
in seinen Angriffen "von allen Ländern der Kreuzfahrer-Allianz"
unterstützt. "Deshalb muss jeder, der an diesem Verbrechen
beteiligt ist, den Preis dafür zahlen."
Nach einer libanesischen Umfrage heißen 87 Prozent der Libanesen
den Kampf der radikal-islamischen Hisbollah-Miliz gegen Israel gut. Die
Umfrage des Beiruter Studien- und Informationszentrums (BCRI) wurde am
Donnerstag in der libanesischen Hauptstadt veröffentlicht. 70
Prozent der rund 800 Befragten bejahten zudem die Frage, ob es richtig
war, dass die Hisbollah am 12. Juli zwei israelische Soldaten über
die Grenze hinweg in den Libanon verschleppte. Dies war der
Auslöser der israelischen Angriffe.Bei den Kämpfen kamen
deutlich mehr als 400 Menschen ums Leben.
Die Extremistengruppe Al-Kaida hat sich erstmals seit Ausbruch der
jüngsten Nahost-Krise zu Wort gemeldet und Moslems auf der ganzen
Welt zum Kampf gegen Israel aufgerufen.
Al-Kaida-Vize-Chef Aiman al-Sawahri warnte in einer Videobotschaft
über den arabischen Fernsehsender Al-Dschasira Israel vor
Konsequenzen bei einer Fortsetzung der Offensive gegen die libanesische
Hisbollah-Miliz und die Palästinenser.
"Wie können wir ruhig bleiben, während wir Bomben auf unser
Volk regnen sehen?", fragte Sawahri. "Moslems überall, ich fordere
Euch auf, zu kämpfen und Märtyrer im Krieg gegen die Zionisten
und die Kreuzritter zu werden." Die Botschaft trug die Überschrift
"Der Zionisten-Kreuzritter-Krieg gegen Libanon und die
Palästinenser". In dem Video machte der Al-Kaida-Vize keine
konkreten Angaben, wie seine Organisation auf die israelischen
Luftangriffe auf den Libanon und die Palästinenser-Gebieten
reagieren werde.
Die Äußerungen Sawahris waren die erste Reakation der
Al-Kaida, seit Israel vor mehr als zwei Wochen mit seinen Angriffen auf
vermutete Hisbollah-Stellungen im Libanon begonnen hat.
(Quellen: dpa, rtr, afp)
Deutsche Generäle für Teilnahme der Bundeswehr an
Friedenseinsatz in Nahost
Fr.28.07.06 - Generäle der Bundeswehr befürworten eine Teilnahme deutscher
Soldaten an einem möglichen multinationalen Friedenseinsatz im
Nahen Osten. «Noch weiß niemand, wie der gordische Knoten
durchschlagen, das schier unlösbar scheinende nahöstliche
Problem annähernd gelöst werden kann», sagte ein General
der Nachrichtenagentur ddp am Donnerstag in Berlin. Sollte aber eine
diplomatische Lösung gelingen, «müssen wir wegen
unserer besonderen historischen Verantwortung gegenüber Israel bei
einer internationalen Friedensmission im Nahen Osten mitmachen.»
Diese Verantwortung werde zudem auch im neuen Weißbuch zur
Sicherheitspolitik Deutschlands ausdrücklich hervorgehoben, betonte
der General.
Ein solcher Einsatz müsse aber auf jeden Fall »durch ein
robustes Mandat der Vereinten Nationen« abgesichert werden. Es
müsse gewährleistet sein, «dass die Friedenssoldaten
notfalls auch mit der nötigen Gewalt gegen die Streithähne
vorgehen können», unterstrich einer der hohen Offiziere. Er
verwies auf das Schicksal der UN-Friedenstruppe UNIFIL, die seit Beginn
ihrer Mission 1978 im Süden des Libanons nur den Status von
Beobachtern hat, ohne in irgendeiner Weise eingreifen zu können.
«Das hätte keinen Sinn mehr», heißt es in
Führungskreisen der Bundeswehr.
Es gebe «eindeutige Signale» aus Israel, dass der
größte Teil der israelischen Bevölkerung heutzutage die
Teilnahme von deutschen Soldaten an einer internationalen
Friedensstreitmacht befürworten würde. Die Offiziere wiesen
auf die gute Zusammenarbeit mit dem israelischen Heer hin.
Vorreiter dieser Entwicklung war der frühere Heeresinspekteur der
Bundeswehr, General Helmut Willmann. Er knüpfte Ende der neunziger
Jahre die ersten Kontakte. Seit acht Jahren besuchen deutsche
Offiziersanwärter auf Initiative von Willmann die israelische
Armee. Ihr erster Besuch gilt stets der «Gedenkstätte
für Holocaust und Heldentum Yad Vashem» in Jerusalem. Zudem
gibt es zwischen Deutschland und Israel regelmäßige
Generalstabsgespräche.
Ein weiterer Friedenseinsatz würde für die Bundeswehr
allerdings «erhebliche Probleme mit sich bringen», wie in
Generalskreisen betont wird. Ein Nahost-Einsatz sei nur zu
bewerkstelligen, wenn bei den laufenden Auslandseinsätzen
«etwas zurückgeschraubt wird». Es fehlen insbesondere
die militärischen Spezialisten, die vom Balkan bis Afghanistan und
jetzt auch im Kongo im Einsatz sind.
«Problemzonen» sind für die Bundeswehr insbesondere
die Logistik, das Sanitätswesen, die Kapazitäten zur
Aufklärung und Fernmeldeeinrichtungen. «Hier müssen wir
möglichst schnell draufsatteln», betonten die Generale. Auch
müssten wesentlich mehr gut gepanzerte Fahrzeuge zum Schutz der
Soldaten angeschafft werden.
Über die Größenordnung einer multinationalen
Friedensstreitmacht für den Nahen Osten besteht nach Aussage der
Generäle bisher «überhaupt keine Vorstellung». In
der Diskussion sind 30 000 bis 40 000 Mann. Der ehemalige
Bundeswehrgeneral Hermann Hagena gab zu bedenken, wenn es um die
Entwaffnung der Hisbollah gehe, sei es mit einigen Bataillonen
«sicher nicht getan». Unklar ist weiterhin, wie die Mission
der Staatengemeinschaft «marschieren will» - unter dem
Kommando der NATO, der Europäischen Union oder der Vereinten
Nationen. Die Generäle der Bundeswehr neigen zu einer EU-Truppe,
wie sie derzeit im Kongo eingesetzt wird.
(Quelle: ddp)
Venezuelas Präsident Chávez vereinbart mit Putin
Milliarden-Rüstungsgeschäft
Fr.28.07.06 - Der venezolanische Präsident Hugo Chávez hat bei einem
Besuch in Moskau mit Präsident Wladimir Putin
Rüstungsabkommen im Wert von rund drei Milliarden Dollar (knapp
2,4 Milliarden Euro) abgeschlossen. Venezuela will nach den
Vereinbarungen 24 russische Kampfjets des Typs Suchoi Su-30 erwerben.
Geplant ist außerdem die Lieferung von 30 Hubschraubern sowie die
Errichtung einer Firma zur Produktion von
Kalaschnikow-Schnellfeuerwaffen in Venezuela.
"Ich möchte Präsident Putin für seine Entschlossenheit
danken, die Verteidigungsfähigkeit Venezuelas zu verstärken",
sagte Chávez bei seiner Ankunft in Moskau gestern Abend. Er warf
der US-Regierung vor, Venezuela nicht mehr mit Ersatzteilen für
die F-16-Kampfjets aus US-Produktion beliefert zu haben. Der russische
Verteidigungsminister Sergej Iwanow wies Appelle Washingtons
zurück, das Rüstungsgeschäft mit Venezuela abzusagen.
"Das Imperium der USA ist die größte Bedrohung auf der
Welt", sagte Chávez bei der Enthüllung einer Büste des
südamerikanischen Freiheitskämpfers Simon Bolívar in
einer Moskauer Bibliothek. Bei einem Besuch 2004 hatte er mit der
russischen Regierung bereits den Kauf von 100.000 Kalaschnikow-Gewehren
und mehreren Hubschraubern ausgehandelt. Nach Informationen der
russischen Wirtschaftszeitung "Wedomosti" sollte nun auch die Lieferung
von Raketen des Typs TOR-M1 vereinbart werden.
Chávez wird nach Ankündigung der iranischen Regierung am
Freitag in Teheran erwartet. Geplant sei ein Treffen mit dem iranischen
Präsidenten Mahmud Ahmadineschad. Chávez werde
außerdem die neue venezolanische Botschaft in Teheran einweihen.
Venezuela und der Iran gehören zur Organisation Erdöl
exportierender Länder (OPEC); ihre beiden Präsidenten
zählen zu den schärfsten Kritikern von US-Präsident
George W. Bush.
(Quelle: afp)
Georgien setzt Exilregierung in abtrünniger Teilrepublik Abchasien
ein
Fr.28.07.06 - Im Machtkampf mit der abtrünnigen Teilrepublik Abchasien hat
Georgien eine Exilregierung eingesetzt. Ab sofort werde die "legitime
Regierung" Abchasiens von der Kodori-Schlucht aus arbeiten, sagte der
georgische Präsident Michail Saakaschwili in einer Ansprache. In
der Schlucht an der Grenze zu Abchasien hatten georgische
Sicherheitskräfte am Dienstag eine Offensive zur Entwaffnung von
Milizen begonnen, die von Russland scharf kritisiert wurde. Die
Regierung in Tiflis versicherte, die groß angelegte
"Polizeiaktion" gegen Milizionäre werde nicht auf abchasisches
Territorium ausgedehnt.
"Wir erklären die Kodori-Schlucht zum einzigen legitimen
Übergangsverwaltungszentrum von Abchasien", sagte Saakaschwili. Es
handele sich hierbei um eine "fundamentale politische Entscheidung".
Saakaschwili will Abchasien ebenso wie die andere abtrünnige
Teilrepublik Süd-Ossetien wieder unter die Kontrolle von Tiflis
bringen.
In den vergangenen Tagen wurden hunderte Sicherheitskräfte in der
Kodori-Schlucht eingesetzt, um die Truppen des Milizenführers
Emsar Kwiziani zu entwaffnen. Auf Kwiziani, der sich von Tiflis
losgesagt hat, wurde ein Kopfgeld von 50.000 Dollar ausgesetzt. Die
Einwohner der Schlucht seien mit der Offensive von einer "kriminellen
Bande befreit" worden, betonte Saakaschwili. Sie sollten nun
substanzielle staatliche Hilfe und Investitionen erhalten. Er habe
bereits die Verteilung von "finanzieller Hilfe, Essen und anderen
unmittelbar notwendigen Produkten angeordnet", sagte der 2004 durch die
"Rosenrevolution" an die Macht gekommene Politiker.
So lange die "zweite Phase der Operation nicht beendet und Kwiziani und
seine Verbündeten nicht gefasst sind, werden wir in der Schlucht
bleiben", sagte der georgische Verteidigungsminister Irakli
Okruaschwili. Zuvor hatte der nicht anerkannte abchasische
"Präsident" Sergej Bagapsch gewarnt, sollte auch nur ein einziger
georgischer Soldat die Grenze überschreiten, werde das Feuer auf
ihn eröffnet. Seit Beginn des Einsatzes am Dienstag wurden nach
georgischen Angaben eine Frau getötet und zwei
Sicherheitskräfte verletzt.
Das georgische Außenministerium bestritt, dass die Offensive ein
Abkommen mit Russland aus dem Jahr 1994 verletze. Dieser nach Ende des
Abchasien-Kriegs geschlossene Vertrag verbiete weder den Einsatz von
Polizeikräften noch "Ordnungsmaßnahmen". Die georgische
Regierung beschuldigt Moskau, die Unabhängigkeitsbestrebungen
Abchasien und Südossetiens zu unterstützen.
(Quelle: afp)
Deutschland
Sondersitzung des Auswärtigen Ausschusses beschäftigt sich
erneut mit Nahost-Konflikt
Fr.28.07.06 - Der Nahost-Konflikt hält die deutsche Politik weiter in Atem. Der
Auswärtige Ausschuss unterbrach am Donnerstag die Sommerpause des
Bundestages wie in der Vorwoche für eine weitere Sondersitzung.
Dabei ging es nach Angaben von Sitzungsteilnehmern vor allem um Wege
zur Waffenruhe und weniger um die deutsche Beteiligung an einer
Friedenstruppe im Südlibanon. Außenminister Frank-Walter
Steinmeier (SPD) verteidigte die Ergebnisse der Nahost-Konferenz in Rom
vom Vortag.
Die Konferenz hatte sich nicht auf die Forderung nach einem sofortigen
Waffenstillstand verständigen können, aber die Notwendigkeit
einer «dauerhaften und nachhaltigen Waffenruhe»
unterstrichen. Die Teilnehmer plädierten ferner für die
Stationierung einer Friedenstruppe unter UN-Mandat und für eine
Geberkonferenz zum Wiederaufbau des Libanon. Begrüßt worden
war die Ankündigung Israels, einen Korridor für
humanitäre Hilfslieferungen zu öffnen.
Die Grünen-Außenexpertin Kerstin Müller nannte die
Ergebnisse der Konferenz von Rom «sehr mager». Die
Sprecherin des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD, Petra
Ernstberger, kritisierte, es sei «keine substanzielle
Resolution» zu Stande gekommen.
Steinmeier entgegnete, es sei in Rom ein «erster wichtiger
Schritt zur Beruhigung der Lage» erreicht worden. Man habe die
«Schockstarre der internationalen Politik» überwunden.
Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, die Konferenz sei
«von nicht zu unterschätzender Bedeutung». Dort sei
der Prozess zu einer nachhaltigen Waffenruhe eingeleitet worden, der
nun auf UN-Ebene konkretisiert werde. Wichtig sei auch die Zusage
Israels, humanitäre Hilfen zuzulassen.
Die Bundesregierung hält derweil die Frage einer deutschen
Beteiligung an einer UN-Friedenstruppe weiter offen. Merkel sagte, die
Frage stelle sich «zurzeit wirklich nicht». Steinmeier
betonte, erst nach Vorliegen eines UN-Mandats werde diskutiert, ob sich
Deutschland an einer «Stabilisierungspräsenz»
beteilige. Am Mittwoch hatte der Minister erklärt, wenn das Mandat
eines solchen Einsatzes «verantwortbar» und das Risiko
«überschaubar» sei, werde sich Deutschland «der
Überlegung nicht völlig entziehen können».
Auch die Grünen schlossen eine deutsche Beteiligung nicht
völlig aus. Außenexpertin Müller sagte, zwar sei sie
aufgrund der historischen Belastung hier «sehr skeptisch».
Eine Beteiligung sei aber vorstellbar, wenn es von den
Konfliktparteien, insbesondere von Israel, ausdrücklich
gewünscht werde. Voraussetzungen für eine solche Truppe seien
ein Waffenstillstand und ein UN-Mandat.
Der außenpolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Eckart von
Klaeden (CDU), sagte, über eine deutsche Beteiligung könne
"noch nicht geurteilt werden». Klaeden betonte, die
grundsätzlichen Bedenken in Deutschland gegen eine Beteiligung an
einer Friedenstruppe würden in Israel nicht geteilt.
Der Außenexperte der Links-Fraktion, Norman Paech, betonte, eine
internationale Friedenstruppe müsste beiderseits der
libanesisch-israelischen Grenze stationiert werden. Die Innenexpertin
der Links-Fraktion, Ulla Jelpke, forderte den Bundestag auf,
Flüchtlingen aus dem Libanon in Deutschland Schutz und Zuflucht zu
gewähren.
(Quelle: ddp)
Reallöhne in Deutschland sinken laut Experten weiter
Fr.28.07.06 - Die Reallöhne in Deutschland werden 2006 nach einer Studie der
Hans-Böckler-Stiftung das dritte Jahr in Folge sinken. "Die
Arbeitnehmer müssen in diesem Jahr eine Reallohnentwicklung von
minus 0,7 Prozent hinnehmen", sagte der Tarifexperte Thorsten Schulten
vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der
Stiftung dem "Hamburger Abendblatt" (Freitagsausgabe). Die erwartete
Inflation von mehr als zwei Prozent übersteige den Zuwachs der
Tariflöhne von durchschnittlich 1,5 Prozent. Bereits 2005 waren
die Reallöhne um 1,5 Prozent, 2004 um 1,1 Prozent gesunken.
"Viele Beschäftigte erhalten noch nicht einmal mehr die
ausgehandelten Tariferhöhungen", sagte Schulten weiter. Um
Arbeitsplätze zu sichern oder Produktionsstandorte in Deutschland
zu halten, vereinbarten viele Arbeitgeber mit den Beschäftigten
betriebliche Sonderregelungen und kürzten dabei zum Beispiel
Urlaubs- oder Weihnachtsgeld. "Oft werden Tariferhöhungen auch mit
übertariflichen Leistungen verrechnet, so dass die Mitarbeiter
dann keinen Cent zusätzlich in der Tasche haben." Angesichts der
Mehrwertsteuererhöhung erwartet Schulten für 2007 einen
weiteren Kaufkraftverlust der Arbeitnehmer.
(Quelle: afp)
Kinderschutzbund: Zahl armer Kinder höher als befürchtet
Fr.28.07.06 - Mehr als 2,5 Millionen Kinder in Deutschland leben nach Angaben des
Kinderschutzbundes auf Sozialhilfeniveau. Ihre Zahl habe sich seit 2004
mehr als verdoppelt, sagte Kinderschutzbundpräsident Heinz Hilgers
der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Er berief sich dabei auf eine
Statistik der Bundesagentur für Arbeit für Juni 2006, in der
bei den Familien von Langzeitarbeitslosen erstmals auch die Zahl der
Kinder zwischen 15 und 18 Jahren aufgeführt sei.
Bisher hatte der Kinderschutzbund die Zahl der Kinder bis 18 Jahre, die
in einer Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaft von Leistungen nach dem
Sozialgesetzbuch XII oder nach dem Asylbewerberleistungsgesetz leben,
auf rund 2,2 Millionen geschätzt. "Wir mussten vorher immer
schätzen und wurden beschimpft, Horrorzahlen zu verbreiten", sagte
Hilgers. "Aber die Wahrheit ist viel schlimmer."
(Quelle: afp)
Geraubte Zukunft
Über die schlimmen Zahlen wird wieder kaum jemand reden und
niemand wird handeln. Das war immer so, gleichgültig wer die
Regierung gestellt hat. Kinderarrnut ist kein Thema, das aufregt, schon
gar nicht Politiker. Jede neue, deprimierende Rekordstatistik legen die
Politiker nach leichtem Bedauern in die Schublade, um sich dann
offenbar wichtigeren Themen zuzuwenden, zum Beispiel dem Missbrauch bei
Hartz IV.
Den Zahlen, die der Deutsche Kindeschutzbund vorgelegt hat, wird es
nicht anders ergehen: Seit 2004, seit dem Start von Hartz IV, hat sich
die Zahl der armen Kinder und Jugendlichen verdoppelt, 2,5 Millionen
leben auf Sozialhilfeniveau. Doch niemand schreit angesichts dieser
bedrohlichen Entwicklung auf, niemand schlägt erregt Alarm - es
sind ja Ferien in Berlin, und die Politiker sind der Meinung, sie
hätten sie sich redlich verdient.
Nichts haben sie sich verdient. Seit drei Jahren warnen die
Wohlfahrtsverbände vor den schlimmen Folgen von Hartz IV für
die Familien und ihre Kinder, doch die Verbände wurden für
ihre Prognosen nur gescholten oder verlacht. Sicher, die große
Koalition hat angekündigt, sie wolle das Thema Kinderarmut in den
Mittelpunkt stellen. Dort sucht man es allerdings seit November
vergebens, nur ein paar matte Sätze wurden ihm gewidmet, auch von
der Bundeskanzlerin. "Es ist ungerecht, dass so viele Familien in
Deutschland auf Sozialhilfe angewiesen sind", hat Angela Merkel gesagt,
mehr nicht.
Kinderarmut ist aber nicht nur ungerecht. Sie vernichtet einen Staat,
sie raubt ihm seine Zukunft. Welcher Staat kann es sich leisten, dass
2,5 Millionen Kinder als benachteiligte Randgruppe aufwachsen? In
manchen Städten sind 30 oder 35 Prozent aller Kinder arm. Die
große Koalition wird nicht müde, vor schwindenden
Geburtenzahlen und der bevorstehenden demographische Katastrophe zu
warnen. Sie macht eine Politik für Kinder, sie gibt für sie
viel Geld aus - aber nicht für alle Kinder. Die Regierung schaut
nicht nach Großbritannien oder nach Skandinavien, wo Kinderarmut
durch einen intelligenten Mix von politischen Maßnahmen
beträchtlich heruntergeschraubt wurde, in Schweden auf 2,4
Prozent. Sie schaut auch nicht in Studien nach, die über die
Folgen von Kinderarmut erzählen.
Allein am Gesundheitszustand der Kinder lässt sich der Grad von
Armut exakt messen. Je weniger Geld eine Familie hat, desto
häufiger leiden die Kinder an Asthma oder Neurodermitis, sind zu
dick, sie hören, sehen und sprechen schlechter oder nässen
ein. 13,8 Prozent aller armen Kinder sind in ihrer geistigen
Entwicklung beeinträchtigt, bei den reichen sind es nur 0,8
Prozent. Allein diese Zahlen müssten aufrütteln. Diese Kinder
werden aber nicht zum Arzt gebracht, sie fehlen im Kindergarten, sie
versagen und brechen die Schule ab, sie haben kaum Aussicht auf einen
Ausbildungsplatz. Die Kinder resignieren mit ihren Eltern, deren Armut
vererbt, sich auf sie, nicht nur psychisch, auch physisch, Armut
schändet, sie raubt den Kindem die Zukunft, klagen Ärzte, die
sich um sie kümmern.
Politik für arme Kinder aber entsteht nach wie vor aus dem Moment
heraus, hektisch und ineffektiv. Wenn in Hauptschulen wie an der
Berliner Rütlischule ein Ausnahmezustand von Gewalt herrscht, wenn
ein vernachlässigtes, misshandeltes Kind tot gefunden wird eines
von mehr als zehntausend vernachlässigten Kindern -, dann werden
aufgeregt Konsequenzen verlangt. Umfassende und langfristige
Ansätze fehlen, die vereinzelten Hilfen und Netzwerke, die derzeit
entstehen, genügen noch nicht.
Arme Familien brauchen finanzielle Grundsicherung, die sie davor
schützt, endgültig in Obdachlosigkeit und Elend abzurutschen.
Sie brauchen menschliche Begleitung, will man den Kinder langfristig
wirksam helfen, ob von Sozialarbeitem oder von Ärzten. Doch
Ärzte dürfen bisher nicht an Wohnungstüren klingeln und
sich nach den Kindern erkundigen. Und mit Hartz IV wurde nur der
Sozialdetektiv geschaffen, der bei den armen Familien nachschaut, ob
sie betrügen - nicht aber der Sozialhelfer. Die Ansprechpartner in
den Sozialämten jedoch, mit denen Familien früher schlimme
Probleme besprechen konnten, wurden mit Hartz IV abgeschafft, Jedes
arme Kind müsste in den Kindergarten geschickt werden - als
Pflicht -, es, müsste eine Ganztagsschule besuchen, wo es
zusätzliche Hilfe bekommt, es müsste in Sportvereinen
mitmachen und dort nicht nur auf der Reservebank sitzen.
Es ist falsch, dass über Integration nur in der
Ausländerpolitik diskutiert wird. Es geht um Integration von
Schwachen generell. Kluge Integrationspolitik muss
ressortübergreifend allen Kindern helfen, gleichgültig ob
ausländischen oder deutschen. Wenn es in diesem imrmer noch
reichen Land 2,5 Millionen arme Kinder gibt, dann hat die Politik
versagt, sie hat das Grundgesetz mit seinem Sozialstaatsgebot
missachtet und die UN-Charta für die Rechte der Kinder. Und sollte
sich nichts ändern, dann besteht die Gefahr, dass sich diese
Kinder ohne Perspektiven später einfach das nehmen, was ihnen die
Gesellschaft vorenthalten hat. Die Kinderarmut von heute ist der
soziale Sprengstoff von morgen.
Heidrun Graupner in der Süddeutschen Zeitung vom 28.07.2006
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BA will radikale Reduzierung der arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen
Fr.28.07.06 - Die Bundesagentur für Arbeit (BA) will den Katalog der
arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen drastisch zusammenzustreichen.
Das Angebot solle für Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Arbeitslose
übersichtlicher und effektiver werden, sagte der Vorstand der
Bundesagentur Heinrich Alt, der "Berliner Zeitung" (Freitag-Ausgabe).
"Wir haben jetzt zwischen 70 und 80 arbeitsmarktpolitische Instrumente,
deren Nutzen höchst unterschiedlich ist. Wir können uns eine
radikale Reduzierung dieser Elemente vorstellen, und wir würden
auch gern die Politik in dieser Richtung beraten."
Die arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen könnten wesentlich
schlanker und transparenter gemacht werden, sagte Alt weiter. Dann
seien sie auch effizienter zu handhaben. Die Bundesagentur sei bereit,
das gesamte System der Fördermaßnahmen zu durchforsten und
auf ein klares überschaubares Instrumentarium zu verkleinern.
Gleichzeitig sprach sich Alt für die Schaffung eines so genannten
dritten Arbeitsmarktes für Personen aus, die praktisch nicht mehr
vermittelbar sind. Arbeitslose, die noch nie oder in den vergangengen
Jahren nicht beschäftigt waren, könnten in Privathaushalten
etwa bei der Pflege von Angehörigen helfen. Etwa 300.000 Menschen
seien "noch nie beschäftigt" gewesen, weitere 300.000 seien in den
vergangenen sechs Jahren nicht beschäftigt gewesen. "Es wäre
eine Illusion zu glauben, man könnte diese Menschen in den ersten
Arbeitsmarkt integrieren", sagte der BA-Chef. Der Einsatz in der
Privatpflege könnte für Hartz-IV-Empfänger eine Chance
sein.
Der BA-Vorstand verteidigte zugleich die Verschärfungen der
Bedingungen für Hartz-IV-Empfänger, die am 1. August in Kraft
treten. Danach kann unter anderem demjenigen die Leistung ganz
gestrichen werden, der dreimal einen von Agentur angebotenen Job
ablehnt. Alt sagte dazu: "Wir werden weder gnadenlos noch locker
vorgehen, sondern mit Augenmaß." Man müsse dabei das
Interesse der Hilfe-Empfänger ebenso im Blick haben wie das der
Steuerzahler.
(Quelle: afp)
Hitzewelle heizt Atomstreit an
Fr.28.07.06 - Vor dem Hintergrund der derzeitigen Hitzewelle in Deutschland ist ein
koalitionsinterner Streit um den geplanten Atomausstieg entbrannt.
Politiker von SPD und Grünen bewerteten die Schwierigkeiten bei
der Kühlung von Kraftwerken als weiteres Argument gegen die
Kernenergie. Die Union wies diese Einschätzung zurück. Aus
der Industrie wurde derweil der Ruf nach einer Abkehr vom Atomausstieg
lauter.
BDI-Präsident Jürgen Thumann mahnte, notwendig seien
längere Laufzeiten der Kernkraftwerke. Die Union müsse in
dieser Frage ihre Überzeugungsarbeit gegenüber dem
Koalitionspartner SPD verstärken. Zuvor hatte bereits
Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) den Ausstiegsbeschluss
kritisiert.
Thumann betonte: «Auf die global wachsende Energienachfrage
müssen wir mit einem möglichst breiten Energiemix reagieren,
der alle Optionen offen hält.» Deutschland könne es
sich nicht leisten, auf einzelne Energieträger zu verzichten.
«Eine sichere, zuverlässige, umweltschonende und preiswerte
Stromversorgung in Deutschland ist ohne die Kernenergie auf absehbare
Zeit nicht denkbar», sagte der BDI-Präsident.
Der Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer bezeichnete die
Vorstöße aus der Union und der Industrie als
«ideologischen Theaterdonner». Die SPD sei «klug
genug», um zum beschlossenen Atomausstieg zu stehen. «Der
Glaubwürdigkeitsverlust, den sie ansonsten erleiden würde,
wäre dramatisch», warnte Bütikofer die SPD.
Der SPD-Umweltexperte Marco Bülow betonte, die Hitze werde
«zum K.o.» für die Atomkraft. Wegen der hohen
Temperaturen müssten bereits die ersten Kraftwerke ihre Leistungen
drosseln. Bülow fügte hinzu: «Um die Atomkraftwerke im
Betrieb zu halten, sind riesige Mengen von Wasser zur Kühlung
notwendig. Wenn aber das kühlende Wasser selbst 26 Grad erreicht,
dann muss der Kraftwerksbetrieb eingestellt werden.»
Der Grünen-Energieexperte Hans-Josef Fell sagte: «Der
Atomstrom kommt ins Schwitzen.» Nun müsse der Ausbau der
Solarenergie beschleunigt werden, da sich das Kühlproblem der
großen Atom- und Kohlekraftwerke noch verschärfen werde.
Unions-Fraktionsvize Katherina Reiche (CDU) erklärte dagegen, der
«Abgesang» auf die Kernenergie komme zu früh. Die
Folgen der Hitze zeigten vielmehr, dass nur durch einen «breiten
Energiemix» die Energieversorgung sichergestellt werden
könne. Reiche verwies darauf, dass auch andere Energieträger
wie die Windenergie von den hohen Temperaturen betroffen seien.
Thumann erklärte, aus Sicht der industriellen Stromverbraucher sei
«nicht erkennbar, dass andere Technologien in der Lage sind, den
Grundlastbedarf zu wettbewerbsfähigen Preisen zu decken».
Der BDI-Präsident betonte: «Wir sehen auch keine Alternative
beim Klimaschutz.» Die Klimavorsorge werde von längeren
Laufzeiten der Kernkraftwerke profitieren, weil die Umwelt von
CO2-Emissionen entlastet werde.
(Quelle: ddp)