Aktuelle Nachrichten
Irak am siebenhundertsiebenundsiebzigsten Tag nach Erlangung der
formellen Souveränität
Mehr als 70 Tote bei Bombenserie in Bagdader Vorort
Di.15.08.06 - Bei einer Bombenserie in einem Vorort von Bagdad sind nach Angaben vom
Montag mindestens 76 Menschen ums Leben gekommen. Bei den Bluttaten
seien am Vorabend 188 Menschen verletzt worden, teilten Polizei und
Krankenhausärzte mit.
In Safaranija im Südosten der irakischen Hauptstadt waren kurz
hintereinander eine Granate, eine Autobombe sowie weitere
Sprengsätze explodiert. Drei Gebäude und 23 Autos waren bei
der Attacke auf einen Markt und ein angrenzendes Wohnviertel
gänzlich zerstört worden. In Safaranija leben Sunniten und
Schiiten, unter ihnen zahlreiche Angehörige der
Sicherheitskräfte aus der Ära von Ex-Machthaber Saddam
Hussein.
Die US-Armee und die irakischen Sicherheitskräfte setzten
unterdessen ihre Razzien in Vierteln von West-Bagdad fort, in denen die
Staatsmacht weitgehend die Kontrolle verloren hatte. Ein Sprecher des
Verteidigungsministeriums sagte am Montag, die irakische Armee habe
seit der vergangenen Woche in Bagdad 150 mutmaßliche
«Terroristen» und 594 weitere Verdächtige festgenommen.
In Bagdads Sajuna-Viertel wurden am Montag nach Angaben von Augenzeugen
drei Menschen getötet, als vor der Post- und Passbehörde kurz
hintereinander eine Autobombe und mehrere weitere Sprengsätze
explodierten. Neun weitere Zivilisten wurden verletzt. In der Region
Bakuba nördlich von Bagdad töteten Extremisten sieben Iraker,
darunter ein Polizist.
Die regierungsnahe irakische Zeitung «Al-Sabah» listete in
ihrer Ausgabe vom Montag 13 Forderungen eines Vertreters der
Aufständischen für eine Anerkennung der Regierung auf. Dazu
gehöre die Abschaffung des Gesetzes, wonach hochrangige
Angehörige der früheren Baath-Partei von Saddam Hussein keine
Führungspositionen mehr bekleiden dürfen.
(Quelle: dpa)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. 2003 bis 30.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Teil 7: 01.05. 2005 bis 15.08.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_07.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am vierhundertunddreizehnten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.04 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3\irak_k01.htm#bodycount
Sa.04.02.06 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 2.248
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen. Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
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Gewalt in Afghanistan kostet mehr als 15 Menschen das Leben
Di.15.08.06 - Bei Gefechten und Anschlägen in Afghanistan sind am Montag
mindestens 18 Menschen ums Leben gekommen. Auch die internationale
Afghanistan-Schutztruppe ISAF wurde erneut Ziel von Anschlägen,
vier ihrer Soldaten wurden bei einer Bombenexplosion in Kabul verletzt.
An verschiedenen Straßen der afghanischen Hauptstadt explodierten
zwei an Fahrrädern befestigte Bomben jeweils zu dem Zeitpunkt, als
eine ISAF-Patrouille vorbeikam. Eine dritte Bombe wurde
entschärft. Bei der ersten Explosion, die sich im nördlichen
Stadtteil Chajrchana ereignete, wurden nach NATO-Angaben vier Soldaten
leicht verwundet. Die Nationalität der Betroffenen wurde nicht
bekanntgegeben, Deutsche waren nach Angaben der Bundeswehr nicht
darunter.
Bei Gefechten in der südafghanischen Provinz Helmand kamen am
Montag elf mutmaßliche Taliban-Kämpfer und zwei afghanische
Polizisten ums Leben, wie die Provinzregierung mitteilte. Drei
Aufständische seien festgenommen worden. In der Provinz Ghasni
wurden vier Polizisten getötet, als sie gegen einen Überfall
einschreiten wollten. In der benachbarten Provinz Paktika explodierte
auf einem Basar eine Autobombe. Bis auf den Fahrer gab es keine Toten,
sechs Polizisten und ein Zivilist wurden verletzt.
(Quelle: ap)
Nahost-Konflikt
Waffenruhe im Libanon-Krieg. Hisbollah-Chef spricht von 'historischem
Sieg' über Israel. Israels Ministerpräsident Olmert sieht
Erfolg im Kampf gegen die Hisbollah. Tausende libanesische
Flüchtlinge auf dem Weg nach Hause. Israel und Libanon sprechen
über Umsetzung der UN-Resolution. Libanon will binnen dreier Tage
Soldaten im Süden stationieren. Palästinenserpräsident
Abbas bemüht sich um Ende der Gewalt im Gazastreifen. Drei Tote
bei israelischem Angriff im Gazastreifen
Di.15.08.06 - Im Libanon schweigen nach knapp fünf Wochen Krieg die Waffen.
Pünktlich um 07.00 Uhr MESZ trat am Montag der unter Vermittlung
der Vereinten Nationen (UN) vereinbarte Waffenstillstand in Kraft und
wurde auf beiden Seiten weitgehend eingehalten. Israel begann damit,
einige Soldaten aus dem Libanon zurückziehen. Tausende libanesische
Flüchtlinge machten sich auf den Weg nach Hause. Bis wenige
Minuten vor Beginn der Feuerpause griffen israelische Luftwaffe und
Artillerie libanesischen Sicherheitskreisen zufolge Ziele im
Nachbarland an. Dabei wurden mindestens 18 Menschen getötet. Neue
Raketenangriffe der Hisbollah-Miliz auf Israel wurden zunächst
nicht gemeldet. Während des Krieges kamen im Libanon etwa 1100 und
auf israelischer Seite 156 Menschen ums Leben. An die eine Million
Zivilisten flüchteten libanesischen Angaben zufolge vor den
Kämpfen in Richtung Norden.
"Der Waffenstillstand beginnt, der Kampf ist vorbei." Mit diesen Worten
befahl ein hoher israelischer Offizier seinen Soldaten über Funk,
das Feuer einzustellen. "Wir hoffen, dass der Waffenstillstand
hält. Bleiben Sie bitte wachsam und bereit, da die Hisbollah ihn
brechen könnte." Einem israelischen Internetdienst zufolge schossen
Soldaten nach Beginn des Waffenstillstands auf einen
Hisbollah-Kämpfer, der das Feuer auf sie eröffnen wollte. Ein
Informant aus der israelischen Armee kündigte an, Israel werde die
Luft- und Seeblockade des Nachbarlandes bis auf weiteres
aufrechterhalten. Damit solle Waffenschmuggel verhindert werden. Die vom
Iran und Syrien unterstützte Hisbollah hat immer wieder vom
Südlibanon aus Raketen auf Israel abgefeuert.
Der Waffenstillstand soll von einer bis zu 15.000 Mann starken
internationalen Schutztruppe und eben so vielen libanesischen
Regierungssoldaten überwacht werden. Diplomaten gehen von einer
brüchigen Waffenruhe aus, da die zehntausenden israelischen
Soldaten erst mit Einrücken der Schutztruppe vollständig aus
dem Libanon zurückgezogen werden dürften. Gleichwohl
bezeichnete der libanesische Finanzminister Dschihad Asur den
Waffenstillstand als stabil. Es komme zu keinen Schusswechseln mehr,
sagte er dem französischen Fernsehsender France 2. Entlang der
gesamten Grenze sowie in den anderen Zonen, in denen es zuvor zu
Feindseligkeiten gekommen war, werde die Feuerpause nach den ihm
vorliegenden Informationen eingehalten.
Die Hisbollah-Miliz hat nach den Worten ihres Führers Scheich
Hassan Nasrallah einen «strategischen, historischen Sieg»
über Israel errungen. «Wir sind siegreich aus einem Krieg
hervorgegangen, in dem große arabische Armeen (zuvor) geschlagen
wurden», sagte Nasrallah am Montag in einer vom Fernsehsender der
Miliz, Al Manar, ausgestrahlten aufgezeichneten Rede.
Mit Blick auf die in der UN-Resolution zur Beendigung der Kämpfe
zwischen Israel und der Hisbollah geforderte Entwaffnung der Miliz
sagte Nasrallah, es sei jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für
eine Diskussion darüber. «Wer wird den Libanon im Falle
einer neuen israelischen Offensive verteidigen?», fragte der
Hisbollah-Führer. Die libanesischen Streitkräfte und eine
internationale Truppe wären nicht in der Lage, den Libanon zu
schützen. Er sei offen für einen Dialog über die Waffen
der Hisbollah, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen sei.
Die Hisbollah werde dabei helfen, die von israelischem Bombardement in
den vergangenen 34 Tagen zerstörten Häuser im Libanon wieder
aufzubauen, sagte Nasrallah weiter. Die im Libanon angerichtete massive
Zerstörung spiegele Israels «Versagen und Impotenz»,
erklärte der Hisbollah-Führer. 15.000 Häuser seien von
israelischem Bombardement vollständig zerstört worden.
Unmittelbar nach der Rede feuerten Anhänger Nasrallahs in ganz
Beirut Freudenschüsse in die Luft ab.
Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert sieht durch die
Militäroffensive im Libanon die Hisbollah geschwächt. Das
Waffenarsenal der Miliz sei weitgehend zerstört und ihr
Selbstvertrauen unterhöhlt, sagte Olmert am Montag vor dem
Parlament in Jerusalem, der Knesset. «Wir werden sie weiter
überall und zu jeder Zeit verfolgen», betonte der
Ministerpräsident, der am Morgen den vom Weltsicherheitsrat
geforderten Waffenstillstand umgesetzt und den Streitkräften eine
Einstellung der Angriffe im Libanon befohlen hatte.
Olmert räumte ein, bei der Militäroffensive habe es
«Unzulänglichkeiten» gegeben. Die Regierung werde
diese Fehler untersuchen und daraus ihre Lektionen für die Zukunft
ziehen. Beim nächsten Mal werde man es besser machen, sagte Olmert.
Oppositionsführer Benjamin Netanjahu warf der Regierung Versagen
vor. Der Krieg sei schlecht vorbereitet und geführt worden, sagte
der Likud-Politiker.
Vertreter Israels, Libanons und der Vereinten Nationen haben sich
derweil am Montag zu ersten Gesprächen über die Umsetzung der
jüngsten UN-Resolution getroffen. Bei der Unterredung am
Grenzübergang Ras Nakura sei es unter anderem um den Rückzug
der israelischen Streitkräfte und die Stationierung libanesischer
Soldaten im Südlibanon gegangen, sagte ein Sprecher der UN-Truppe
UNIFIL.
An dem Treffen hätten UNIFIL-Kommandeur Alain Pellegrini sowie je
ein ranghoher israelischer und libanesischer Militärvertreter
teilgenommen, sagte UNIFIL-Sprecher Milos Strugar.
Nach der Waffenstillstandsresolution, die der UN-Sicherheitsrat am
Freitagabend verabschiedet hatte, muss sich die Hisbollah aus dem
Südlibanon zurückziehen. Die radikal-schiitische Miliz hat
erklärt, sie wolle die UN-Resolution befolgen, obwohl sie einige
Teile der Entschließung als ungerecht empfinde. Sie hat offen
gelassen, ob sie ihre Kämpfer über den Litani-Fluss hinaus
nach Norden zurückziehen wird. Israel hat sich das Recht
vorbehalten, auch nach Beginn des Waffenstillstands gegen die Miliz
vorzugehen.
Bereits in den kommenden 48 bis 72 Stunden will die libanesische erste
Soldaten am Fluss Litani nördlich der israelischen Grenze
stationieren, wie Kommunikationsminister Maruane Hamadé am
Montagmorgen im französischen Rundfunk erklärte. Beirut hoffe
auf das rasche Eintreffen neuer UN-Kontingente. Seine Soldaten
würden von den ersten Verstärkungen der internationalen
Friedenstruppe begleitet, sagte Hamadé im französischen
Radiosender Europe-1.
Er rechne mit Blauhelmen aus der Türkei, aus Frankreich, Spanien
und Italien. Zugleich drückte er seine Sorge vor einem Anhalten der
Kämpfe aus. «Wenn die anderen Forderungen der Resolution
1701 nicht umgesetzt werden, steht die Waffenruhe in Frage», sagte
der Minister, der der Volksgruppe der Drusen angehört. «Wenn
die beiden Konfliktparteien (Israel und die Hisbollah) nicht wirklich
einen Wunsch nach Frieden haben, kann man das Schlimmste
befürchten.»
Die libanesischen Streitkräfte sollen zum ersten Mal seit 40
Jahren die Verantwortung für die Sicherheit an der Grenze zu Israel
selbst übernehmen. Dabei ist der Kurs gegenüber der Hisbollah
in Beirut weiter unklar. Den israelischen Forderungen nach einer
Zerschlagung der Gruppe erteilte Hamadé eine Absage: «Die
Hisbollah ist eine organisierte Partei mit sozialen Strukturen, die
tief in der Gesellschaft verankert ist.» Wie mit dem
militärischen Flügel der Organisation umzugehen sei, liege
allein in der Verantwortung der Regierung.
Unmittelbar nach Beginn des Waffenstillstands im Libanon haben sich
mehrere tausend Flüchtlinge auf den Weg zu ihren Heimatorten im
umkämpften Süden des Landes aufgemacht.
Tausende Auto stauten sich am Montag auf der von Bomben zerstörten
Hauptstraße, die von Sidon nach Süden führt. Bauarbeiter
waren mit Bulldozern damit beschäftigt, die tiefen Bombenkrater zu
füllen, die die wochenlangen israelischen Angriffe hinterlassen
hatten. Die meisten Straßen und Brücken in den
Südlibanon sind während des knapp fünfwöchigen
Krieges zerstört oder beschädigt worden.
Die Flüchtlinge machten sich - laut hupend und das Siegeszeichen
präsentierend - auf den Weg, obwohl Israel gewarnt hatte, gegen
"ungenehmigten" Straßenverkehr vorgehen zu wollen, um Bewegungen
der Hisbollah-Miliz zu verhindern. Jeder, der sich auf der Straße
bewege, sei in Gefahr, angegriffen zu werden, sagt ein israelischer
Sprecher.
Manche Flüchtlinge, die im Stau auf der Straße die Geduld
verloren hatten, versuchten, per Anhalter voranzukommen. Die
Rückkehrer waren nach Berichten von Augenzeugen voller Jubel.
Manche feierten einen "Sieg über Israel" und ließen die
Hisbollah sowie ihren Führer Sajjed Hassan Nasrallah hochleben.
"Seit dem ersten Tag hat der Widerstand (Hisbollah) uns gesagt, dass er
uns zu unseren Häusern zurückbringen wird. Dieses Versprechen
wird nun erfüllt", sagte eine Frau.
In Sicherheitskreisen hieß es, mehrere Menschen, die in den
bombardierten Ortschaften ausgeharrt hätten, seien durch
Blindgänger verletzt worden. Das Fernsehen rief die Rückkehrer
auf, sich von unbekannten Gegenständen fern zu halten.
Bei einem israelischen Angriff im nördlichen Gazastreifen sind am
Montagmorgen drei Menschen ums Leben gekommen, wie palästinensische
Krankenhausmitarbeiter mitteilten. Die Streitkräfte
erklärten, sie hätten das Gebiet bei Beit Hanun beschossen,
nachdem drei palästinensische Extremisten von dort zwei Raketen
auf die südisraelische Stadt Aschkelon abgefeuert hätten. Ein
Verwandter der Opfer sagte, Anwohner hätten die Kämpfer
aufgefordert, das Gebiet zu verlassen. Als diese dem nachgekommen
seien, sei ein Panzergeschoss eingeschlagen und habe einen
17-Jährigen schwer verletzt. Der Jugendliche sei später
gestorben. Zwei Männer, die ihm helfen wollten, seien von einem
zweiten Geschoss getötet worden. Drei weitere Menschen seien bei
dem Angriff verletzt worden.
Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas will sich um die
Freilassung eines von Extremisten entführten israelischen Soldaten
und ein Ende der dadurch ausgelösten israelischen
Militäraktion im Gazastreifen bemühen. Abbas sei am Montag zu
Gesprächen mit der Hamas und anderen radikalen Gruppen in den
Gazastreifen gereist, teilte einer seiner Berater mit. Dabei solle es
auch um ein Ende der innerpalästinensischen Streitigkeiten gehen.
(Quellen: rtr, afp, dpa, ap)
Debatte in Deutschland um Nahost-Einsatz der Bundeswehr
Di.15.08.06 - Deutschland wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit an der
Sicherung des Waffenstillstands im Nahen Osten und einer dauerhaften
Friedenslösung in dieser Region beteiligen. Unklar waren am Montag
jedoch Art und Umfang an dieser Mission.
Die Bundesregierung will frühestens in der kommenden Woche
über die Möglichkeit und die Modalitäten einer
Beteiligung entscheiden. Vize-Regierungssprecher Thomas Steg sagte in
Berlin, Ende der Woche werde mehr Klarheit über die deutsche Rolle
bestehen.
Eine mögliche Vorentscheidung könnte dann auf der
Kabinettssitzung unter Leitung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am
Mittwoch nächster Woche getroffen werden. Die endgültige
Entscheidung wird der Bundestag treffen, der nach den Parlamentsferien
erstmals wieder Anfang September tagt.
Steg sagte, ein Beschluss sei von so weit reichender und historischer
Bedeutung, dass etwas anderes als eine Parlamentsentscheidung gar nicht
denkbar sei. Die Bundesregierung sei bereit, den Friedensprozess zu
begleiten, werde sich aber nicht in frühzeitige Festlegungen
drängen lassen, sagte Steg.
Nach Verteidigungsminister Franz Josef Jung erklärte auch
Innenminister Wolfgang Schäuble (beide CDU), Deutschland
könne bei einem europäischen Einsatz nicht außen vor
bleiben. FDP, Grüne und Linksfraktion lehnen eine Beteiligung
Deutschlands mit Soldaten aus unterschiedlichen Gründen ab.
Distanziert äußerte sich CSU-Chef Edmund Stoiber.
Das SPD-Präsidium schloss einen deutschen Einsatz im Rahmen einer
UN-Friedenstruppe «grundsätzlich» nicht aus. Damit
bestätigte die SPD-Führung bei einer Telefon-Schaltkonferenz
«einmütig» die bereits am Wochenende von Parteichef
Kurt Beck vorgegebene Linie. Schäuble betonte im ZDF: «Wir
sagen: Wir wollen uns nicht verweigern. Wir können uns nicht
verweigern.»
Stoiber lehnte einen Kampfeinsatz im Südlibanon mit dem Hinweis
auf die deutsche Geschichte erneut strikt ab. «Ich kann mir
deutsche Soldaten an der Grenze zu Israel mit einem robusten Mandat
auch für Kampfeinsätze nicht vorstellen», sagte er in
München. Es gebe eine «breite Palette von
Möglichkeiten, wie Deutschland den Friedensprozess ohne
Kampftruppen unterstützen kann».
Der außenpolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Eckart von
Klaeden (CDU), sagte im Deutschlandradio Kultur: Dass Deutschland einen
Beitrag zur Lösung des Konflikts leisten müsse, stehe
außer Frage. Er wolle sich aber nicht festlegen, ob es sich um
einen militärischen oder nichtmilitärischen Einsatz handeln
werde.
Im Nachrichtensender N24 meinte Bundespräsident Horst Köhler,
Deutschland müsse «im Rahmen auch europäischer
UN-Beschlüsse» Verantwortung übernehmen. Er
wünsche sich «durchaus noch mehr öffentliche
Diskussion». Der Sprecher des israelischen
Außenministeriums, Mark Regev, sagte im ZDF: «Israel
unterstützt die Beteiligung Europas, und wir wären sehr
erfreut, wenn sich Deutschland entschließen könnte, an
dieser Truppe mit teilzunehmen.»
FDP-Generalsekretär Dirk Niebel meinte, deutsche Soldaten
hätten im Nahen Osten nichts zu suchen, die Bundeswehr sei heute
schon überfordert. Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn sagte, die
Diskussion über einen Bundeswehr-Einsatz im Libanon komme zur
Unzeit. Ablehnend äußerte sich Oskar Lafontaine,
Fraktionschef der Linkspartei. Die Diskussionen im Regierungslager
zeigten, dass sich der Wunsch, «überall mit Soldaten dabei
zu sein, immer weiter ausbreitet».
(Quelle: dpa)
Neue Welle der Gewalt erschüttert Sri Lanka
Di.15.08.06 - Nach aufkeimenden Hoffnungen auf neue Verhandlungen zwischen Rebellen
und Armee hat eine Welle der Gewalt Sri Lanka erschüttert. In der
Hauptstadt Colombo entkam der pakistanische Botschafter Bashir Wali
Mohamed einem Anschlag. Bei der Explosion einer Mine, die offenbar
seinem Fahrzeug galt, wurden in der Nähe der
Präsidentenresidenz sieben Menschen getötet, acht weitere
verletzt. Die Rebellen der Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) warfen
der Armee vor, mit Luftangriffen mehr als 40 Waisenkinder getötet
zu haben. Die Regierung bestritt den Angriff. Im Norden setzten beide
Seiten ihre heftigen Kämpfe fort.
Bei dem Anschlag in Colombo wurde ein srilankisches
Militärfahrzeug getroffen, das den Botschafter eskortierte. Der
Botschafter sei unverletzt, teilte eine Sprecherin des pakistanischen
Außenministeriums mit. Die Regierung verurteile den Angriff und
bedauere den Verlust von Menschenleben. Pakistan gehört zu den
bedeutendsten Waffenlieferanten der srilankischen Regierung. Es war das
erste Mal seit mehr als 20 Jahren, dass ein ausländischer Zivilist
das Ziel eines Angriffs in dem Konflikt war. 1985 hatten militante
Tamilien ein Paar aus den USA entführt.
Die Befreiungstiger erklärten, die Mädchen hätten an
einem Erste-Hilfe-Kurs in der nordöstlichen Region Mullaitivu
teilgenommen, die von der LTTE kontrolliert wird. "Es ist eine
Lüge, dass wir auf Schulmädchen gezielt haben", sagte dagegen
Regierungssprecher Chandrapala Liyanage. Die Luftwaffe habe ein
LTTE-Trainingslager bombardiert. "Wir wissen nicht, ob sie
Kindersoldaten dorthin gebracht haben." Das Kinderhilfswerk UNICEF
entsandte Beobachter in die Region.
Im Norden des Landes lieferten sich Rebellen und Armee heftige
Kämpfe. Nach Angaben der Rebellen wurden am Sonntag bei Angriffen
der Armee 15 Menschen getötet, die in einer Kirche auf der Insel
Kayts in der Nähe der Halbinsel Jaffna Zuflucht gesucht hatten. 20
weitere seien schwer verletzt worden. Nach Armeeangaben mussten beide
Seiten schwere Verluste hinnehmen. Das Militär habe seit Freitag 60
Soldaten verloren, die Rebellen 200 Kämpfer. Jaffna sei
abgeschnitten, hunderte Menschen flüchteten aus dem Gebiet.
(Quelle: afp)
Japans Ministerpräsident Koizumi besucht umstrittenen Kriegsschrein
Di.15.08.06 - Der japanische Ministerpräsident Junichiro Koizumi hat am Dienstag
erneut den umstrittenen Yasukuni-Kriegsschrein besucht und damit
heftige Kritik in China und Südkorea ausgelöst. Koizumis
Gedenken am Jahrestag der japanischen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg
störe die Beziehungen zu Tokio empfindlich, erklärten die
Außenministerien in Peking und Seoul.
Die beiden Länder haben wiederholt gegen Besuche japanischer
Politiker an dem Schrein protestiert. Dort werden rund 2,5 Millionen
japanische Kriegstote geehrt, darunter auch als Kriegsverbrecher
überführte Soldaten. Koizumi, der sein Amt im kommenden Monat
abgibt, wollte mit seinem jüngsten Gedenken nach eigenen Angaben
ein Wahlkampfversprechen einlösen. Seit seinem Amtsantritt 2001
hatte er das Ehrenmal bereits fünf Mal besucht, aber noch nie am
15. August.
Ein Sprecher des südkoreanischen Außenministeriums forderte
japanische Politiker auf, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen
beiden Ländern sowie «Frieden und Zusammenarbeit in
Nordostasien» nicht zu untergraben. Das Ministerium wollte den
japanischen Botschafter in Seoul einbestellen. Auf der Web-Site des
Außenministeriums in Peking hieß es, Koizumis Verhalten sei
schmerzhaft und werde dem politischen Verhältnis schaden.
Auch innenpolitisch wurde Koizumi teilweise kritisiert. Er hoffe, dass
seine Besuche am Yasukuni-Schrein die Beziehungen zu Südkorea und
China nicht belasteten, erklärte der scheidende Regierungschef. Er
habe an dem Ehrenmal für Frieden beten und die Kriegstoten ehren
wollen. Schließlich seien der derzeitige Frieden und Wohlstand
nicht nur ein Verdienst der heutigen Generation, sondern auch derer,
die ihr Leben geopfert hätten, sagte Koizumi.
(Quelle: ap)
Taifun in China kostete mehr als 250 Menschen das Leben
Di.15.08.06 - Der stärkste Taifun seit fünf Jahrzehnten hat an der
Südostküste Chinas mindestens 255 Menschen das Leben gekostet.
Die staatlichen Medien berichteten am Montag, vor der Hafenstadt Fuding
seien immer wieder Leichen von vermissten Seeleuten geborgen worden.
Dort waren im Wirbelsturm «Saomai» mehr als 1.000 Schiffe
gesunken.
Der Taifun zerstörte insgesamt mehr als 50.000 Häuser und
riss Stromleitungen ein. In Teilen von Fuding und fünf anderen
Städten in der Provinz Fujian fiel der Strom aus. Die Regierung
erklärte, sie habe am Montag Soldaten mobilisiert, die beim
Wiederaufbau helfen sollten. Der Südosten Chinas war erst im Juli
von dem Tropensturm «Bilis» heimgesucht worden, der mehr als
600 Menschen das Leben kostete.
(Quelle: ap)
Wirtschaft in Deutschland wächst dank Inlandsinvestitionen
Di.15.08.06 - Die deutsche Wirtschaft ist im Frühjahr so kräftig gewachsen
wie seit fünf Jahren nicht mehr. Wie das Statistische Bundesamt
mitteilte, legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen April und Juni
real um 0,9 Prozent gegenüber dem ersten Quartal zu. Dies war der
stärkste Zuwachs seit dem ersten Quartal 2001. Dabei profitierte
die Konjunktur vor allem von Impulsen aus dem Inland. Belebt wurde das
Wachstum vor allem durch die Investitionen in Bau und Ausrüstung.
Der Außenhandel schwächte sich dagegen ab. Zwischen Januar
und März war das BIP, also der Wert der im Inland erwirtschafteten
Leistung, gegenüber dem Vorquartal noch um 0,7 Prozent gewachsen.
Im Vergleich mit dem Vorjahresquartal nahm die Wirtschaftleistung
zwischen April und Juni dieses Jahr um 1,0 Prozent zu, nach 3,1 Prozent
im ersten Quartal. Zu berücksichtigen ist dabei allerdings die
unterschiedliche Zahl von Arbeitstagen je Quartal. In diesem Jahr fielen
die Osterfeiertage in den April, im Vorjahr dagegen in den März.
Dadurch wurde im zweiten Quartal 2006 drei Tage weniger gearbeitet als
ein Jahr zuvor. Nach Bereinigung dieser Kalendereffekte wuchs das BIP
im zweiten Quartal im Jahresvergleich um 2,4 Prozent. Es nahm damit
deutlich stärker zu als im ersten Quartal, als der Zuwachs noch
bei 1,8 Prozent lag.
Die Wirtschaftsleistung zwischen April und Juni wurde von 38,9
Millionen Erwerbstätigen erbracht, wie das Statistische Bundesamt
weiter mitteilte. Das waren 185.000 Beschäftigte oder 0,5 Prozent
mehr als ein Jahr zuvor.
(Quelle: afp)
Muslime fürchten überzogene Sicherheitsdebatte
Di.15.08.06 - Nach dem Terroralarm in London warnt der Zentralrat der Muslime in
Deutschland vor einer überzogenen Sicherheitsdebatte hierzulande.
Generalsekretär Aiman Mazyek sagte am Montag im
Südwestrundfunk, er rechne mit einer Verabschiedung der geplanten
Anti-Terror-Datei, wolle aber nicht in einem Land leben, das «zu
einem Überwachungsstaat mutiert». Der für September
geplante Islam-Gipfel dürfe keine reine
«Sicherheitskonferenz» werden.
«Wir können nicht Integration durch Sicherheitsgesetze
ersetzen, da brauchen wir noch weitaus mehr», betonte Mazyek. In
der Öffentlichkeit werde zudem noch viel zu wenig unterschieden
«zwischen den mehrheitlich friedliebenden Muslimen und den
potenziellen Attentätern». Der Vorwurf, die Muslime in
Deutschland böten den Radikalen unter sich nicht genügend
Paroli, entbehre jeder Grundlage. «Die Arbeit, die wir
tagtäglich leisten, ist ein klarer Beweis dafür, dass der
Extremismus und Terrorismus keinen Nährboden hat in den
Moscheengemeinden, sonst hätten wir eine ähnliche Situation
wie in England, und das ist hier nicht der Fall.»
Terror sei abzulehnen, aber «jede Bombe auf unschuldige
Zivilisten im Nahen Osten» treibe die Menschen im Westen «in
die Fänge von Scharlatanen, die das durchaus ausnutzen und
missbrauchen», sagte der Generalsekretär. Niemand schreibe
darüber, dass die Demonstrationen gegen den Krieg in Nahost in
Deutschland demokratisch und «friedliebend» seien, obwohl
die Muslime «unglaublich leiden unter dem, was tagtäglich
dort eintritt». Das müsse auch gewürdigt werden,
forderte Mazyek.
(Quelle: ap)
Nächste Runde in Streit um Berufsverbot für linken Lehrer
Di.15.08.06 - Der Rechtsstreit um das erste Berufsverbot für einen linken Lehrer
in Baden-Württemberg seit zwölf Jahren geht in die
nächste Runde: Der Verwaltungsgerichtshof des Bundeslandes
ließ die Berufung des Heidelberger Pädagogen zu und
äußerte «ernstliche Zweifel an der Richtigkeit des
Urteils» des Verwaltungsgerichts Karlsruhe. Dieses hatte die Klage
gegen die Entscheidung des Regierungspräsidiums Karlsruhe
zurückgewiesen, den Realschullehrer wegen Zweifels an seiner
Verfassungstreue nicht zu übernehmen.
Im Jahr 2004 hatte das Land Baden-Württemberg Michael
Csaszkóczy die Anstellung im Schuldienst mit Verweis auf seine
Mitgliedschaft in der vom Verfassungsschutz als linksextremistisch und
verfassungsfeindlich eingestuften Antifaschistischen Initiative
Heidelberg abgelehnt. Das Land Hessen schloss sich 2005 an. Das
Kultusministerium in Stuttgart hatte erklärt, es bestünden
erhebliche Zweifel an der Verfassungstreue des Mannes, da er seit langem
Mitglied einer Initiative sei, die sich zu Militanz bekenne. In seiner
am Montag veröffentlichten Entscheidung betonte nun der
Verwaltungsgerichtshof ausdrücklich, der Erfolg des Verfahrens sei
offen. Ein Verhandlungstermin sei noch nicht absehbar.
(Quelle: ap)
Verbot von Neonazi-Demo in Wunsiedel bestätigt
Di.15.08.06 - Die für den kommenden Samstag im bayerischen Wunsiedel geplante
Neonazi-Kundgebung zu Ehren des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß
bleibt verboten. Dies entschied das Bundesverfassungsgericht in
Karlsruhe und wies damit die Eilklage der rechtsextremen Veranstalter
ab. Zu Begründung verwiesen die Verfassungshüter auf eine
Entscheidung des Verwaltungsgerichts Bayreuth, das im vergangenen Jahr
das Heß-Gedenken in Wunsiedel erstmals verhindert hatte. Für
die Entscheidung ausschlaggebend war damals eine kurz zuvor in Kraft
getretene Gesetzesänderung, mit der ein Verbot von
Neonazi-Aufmärschen erleichtert wurde. Heß liegt in
Wunsiedel begraben.
Laut Karlsruhe können die "schwierigen verfassungsrechtlichen
Fragen" zu dem Versammlungsverbot nur in einem Hauptsacheverfahren
geklärt werden. Gleichwohl treffe die Ablehnung der Eilklage die
Antragsteller nicht übermäßig hart, weil sie schon
jetzt für 2007 ein weiteres Heß-Gedenken in Wunsiedel
angemeldet hätten. Bis dahin könne aber die anstehende
Revision des Verwaltungsgerichtsurteils von 2005 vor dem Bayerischen
Verwaltungsgerichtshof rechtzeitig vom Bundesverfassungsgericht
überprüft werden.
Die Behörden hatten das neue Aufmarschverbot für den
kommenden Samstag damit begründet, dass es den Veranstaltern nur
vordergründig um das Gedenken an Heß gehe. Der rechtsextreme
Aufmarsch verletze vielmehr die Würde der NS-Opfer und störe
den öffentlichen Frieden in Wunsiedel. Der Bayerische
Verwaltungsgerichtshof hatte dieses neuerliche Verbot am vergangenen
Donnerstag in einem Eilverfahren bestätigt.
Heß war 1946 bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen zu
lebenslanger Haft verurteilt worden. Von 1966 an war er der einzige
Insasse Kriegsverbrechergefängnis in Berlin-Spandau. Am 17. August
1987 nahm er sich im Alter von 93 Jahren das Leben und gilt seitdem in
der rechten Szene als Märtyrer. (Az.:1 BvQ 25/06)
(Quelle: afp)
Grass-Geständnis spaltet Öffentlichkeit
Di.15.08.06 - Das lange Schweigen von Literaturnobelpreisträger Günter
Grass über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS spaltet die
deutsche Öffentlichkeit. Der Zentralrat der Juden in Deutschland
kritisierte Grass scharf. Von Seiten der Politik und von Literaten kam
Kritik, aber auch Rückendeckung.
Grass hatte erst in der vergangenen Woche offenbart, dass er im Zweiten
Weltkrieg als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS gewesen war. Sein
Erinnerungsbuch, in dem er seine Kindheit in Danzig, Kriegsdienst und
Kriegsgefangenschaft sowie seine Anfänge als Künstler im
Nachkriegsdeutschland schildert, erscheint im September unter dem Titel
«Beim Häuten der Zwiebel».
Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland,
Charlotte Knobloch, kritisierte, Grass sei stets als strenger
moralischer Mahner aufgetreten. «Sein langjähriges Schweigen
über die eigene SS-Vergangenheit führt nun seine
früheren Reden ad absurdum», sagte Knobloch.
Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) warnte dagegen vor
«Hochmut» in der Debatte um Grass. Es wäre zwar gut
gewesen, wenn Grass sich früher offenbart hätte. Grass habe
gleichwohl viel zum Gelingen der Demokratie in Deutschland beigetragen
und tue dies weiter. Es gebe keinen Grund, «über ihn
herzufallen», sagte Müntefering. Auch SPD-Chef Kurt Beck
hatte sich bereits hinter Grass gestellt. Der Literat hatte in
Wahlkämpfen immer wieder für die SPD geworben.
Der Dramatiker Rolf Hochhuth sagte, dass er Grass
«ekelhaft» finde. Grass sei moralisch diskreditiert. Er
habe sich über den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU)
ereifert, weil dieser mit US-Präsident Ronald Reagan einen
Soldatenfriedhof besuchte, auf dem neben Hunderten US- und deutscher
Soldaten auch 49 Mitglieder der Waffen-SS begraben waren.
Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek bezeichnete es als
«ziemlich schlimm», dass Grass sich angesichts dieser
Vergangenheit als «Moralapostel» aufgespielt habe. Karasek
warf Grass vor, sich den Nobelpreis «erschlichen» zu haben.
«Ich glaube nicht, dass er ihn bekommen hätte, wenn das
bekannt gewesen wäre», sagte der Kritiker.
Der Präsident des PEN-Zentrums Deutschland, Johano Strasser,
nannte die Kritik an Grass «fürchterlich
überzogen». Es sei nicht wahr, «dass Grass durchweg
immer derjenige war, der nur mit dem großen Zeigefinger durch die
Welt gegangen ist». Der Schriftsteller Walter Jens sagte, es sei
eine eindrucksvolle und bewegende Tat, dass ein alter Mann reinen Tisch
machen wolle. Er glaube nicht, dass mit dem späten Bekenntnis
Grass und sein Werk beschädigt würden. Nach den Worten des
Autors Martin Walser hat Grass durch die souveräne Platzierung
seiner Mitteilung dem «aufpasserischen Moral-Klima» eine
Lektion erteilt.
Der CDU-Kulturexperte Wolfgang Börnsen und der Vorsitzende der
Jungen Union, Philipp Mißfelder, verlangten von Grass die
Rückgabe des Nobelpreises. Polens Ex-Präsident Lech Walesa
forderte Grass zum Verzicht auf die Ehrenbürgerschaft seiner
Heimatstadt Danzig auf. «Wenn bekannt gewesen wäre, dass er
in der SS war, hätte er die Auszeichnung nicht bekommen»,
sagte Walesa.
(Quelle: ddp)