Aktuelle Nachrichten
Irak am siebenhundertneunundneunzigsten Tag nach Erlangung der
formellen Souveränität
Großbritanniens Außenministerin Beckett will irakischer
Regierung mehr Verantwortung übergeben. Irakisches Parlament
verlängert landesweiten Notstand. El Kaida dementiert Festnahme von
Vize-Chef im Irak
Mi.06.09.06 - Die britische Außenministerin Margaret Beckett hat die
Übernahme von mehr Verantwortung seitens der irakischen Regierung
als wichtigen Schritt für das Land bezeichnet. Beckett
erklärte am Dienstag während eines Besuchs in Bagdad,
teilweise sei dies bereits geschehen, «und wir glauben, dass
dieser Prozess fortgesetzt wird». Die Ministerin erörterte
das Thema bei einem Treffen mit dem stellvertretenden irakischen
Ministerpräsidenten Barham Saleh.
Die britischen Streitkräfte übergaben im Juli die Kontrolle
über die Provinz Muthana im Süden des Landes an die irakischen
Truppen. Ministerpräsident Nuri al-Maliki kündigte
kürzlich an, die Provinz Dhu Kar werde im September folgen.
«Die Sicherheit in diesem Land muss schlussendlich eine
Hauptverantwortung der irakischen Regierung und der irakischen
Sicherheitsdienste sein», sagte Saleh. Er brach nach dem Treffen
mit Beckett zu einer Reise in den Iran auf, wo er nach einem Bericht des
staatlichen Fernsehens den geplanten Besuch von Regierungschef
Al-Maliki in Teheran vorbereiten wollte.
Beckett war am Montag zu dem nicht angekündigten Besuch in Bagdad
eingetroffen. Wie das Außenministerium in London mitteilte, ist es
ihre erste Reise in den Irak seit ihrem Amtsantritt im Mai. «Wir
unterschätzen die vor uns liegenden Herausforderungen
nicht», erklärte Beckett. Aber dabei dürfe auch der
Fortschritt, den es in den vergangenen zwölf Monaten gegeben habe,
nicht vergessen werden. Großbritannien hat rund 7.000 Soldaten im
Irak stationiert, zumeist im Süden des Landes um Basra.
Das irakische Parlament verlängerte am Dienstag mit klarer
Mehrheit des landesweiten Notstand. Mit der Verlängerung des
Notstandes behalten die irakischen Sicherheitskräfte ihre weit
reichenden Befugnisse, wie die Verhängung von Ausgehverboten und
Festnahmen ohne Haftbefehl. Die Entscheidung im Bagdader Parlament fiel
mit 161 zu 19 Stimmen. Der Notstand im Irak besteht schon seit November
2004 und wird monatlich verlängert.
In Saweria südlich von Bagdad fand die Polizei die Leichen von
fünf Menschen. Die Opfer hätten mehrere Schusswunden und
Spuren von Folter aufgewiesen, erklärte die Polizei. In Bakuba, 60
Kilometer nordöstlich von Bagdad, wurden bei Anschlägen und
Überfällen mindestens acht Menschen getötet, darunter
drei Polizisten.
Das Terror-Netzwerk El Kaida hat am Montag die Festnahme ihres
Vize-Chefs im Irak, Hamed Dschumaa el Saidi, dementiert. "Die
Marionetten-Regierung im Irak versucht ihre Niederlagen zu verschleiern,
indem sie die Festnahme der 'Nummer zwei von El Kaida in Mesopotamien'
bekannt gibt", hieß es auf einer Internet-Seite der Organisation.
Die Regierung in Bagdad hatte am Sonntag die Festnahme verkündet.
Sicherheitsberater Muaffak el Rubaie sagte, der Vize-Chef sei "vor
einigen Tagen" gefasst worden. "Wir versichern unseren Brüdern,
dass unsere Führer weiter an der Front für den Glauben
kämpfen", hieß es auf der Internet-Seite.
(Quellen: ap, afp)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. 2003 bis 30.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Teil 7: 01.05. 2005 bis 06.09.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_07.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am vierhundertfünfunddreißigsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.04 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3\irak_k01.htm#bodycount
Sa.04.02.06 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 2.248
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen. Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
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Blutige Kämpfe im Süden Afghanistans dauern an
Mi.06.09.06 - Drei Tage nach Beginn der NATO-Offensive im Süden Afghanistans
dauern die blutigen Kämpfe weiter an. Dabei seien am Dienstag 50
bis 60 Taliban-Kämpfer getötet worden, sagte NATO-Sprecher
Quentin Innis. US-Truppen lieferten sich mit den Rebellen anhaltende
Gefechte im Bezirk Pandschwaji nahe der Stadt Kandahar. Die Kämpfe
gehören zu den heftigsten seit dem Sturz des Taliban-Regimes vor
fünf Jahren.
Die NATO-Truppen haben nach eigenen Angaben etwa 700
Taliban-Kämpfer eingeschlossen. Die Rebellen befinden sich nach
Angaben von NATO-Sprecher Scott Lundy in einem mehrere hundert
Quadratkilometer großen Gebiet in den Bezirken Pandschwaji und
Schari. Einige von ihnen hätten sich in befestigten Stellungen
verschanzt, andere seien in offenem Gelände unterwegs. Der
NATO-Sprecher sprach von einem «komplexen Schlachtfeld».
Die NATO-Truppen leiteten ihre «Operation Medusa» am
Samstag ein. Taliban-Kommandeur Mullah Dadullah wies die Zahl von 200
getöteten Rebellen am Montag als falsch zurück. Auf Seiten
der ausländischen Truppen kamen fünf kanadische Soldaten ums
Leben.
Am (heutigen) Mittwoch wird der pakistanische Präsident Pervez
Musharraf in Kabul erwartet. Die afghanische Regierung erhoffe sich von
den Gesprächen mit Musharraf «einen positiven Schritt
für die Beziehungen zwischen beiden Ländern und für die
Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terrorismus», sagte der
Sprecher des Kabuler Außenministeriums, Sultan Ahmad Bahin. Die
pakistanische Grenzregion gilt als zentrales Rückzugsgebiet der
Taliban-Kämpfer.
(Quelle: ap)
Nahost-Konflikt
Libanon stellt Bedingungen für Bundeswehr-Einsatz. Annan erwartet
baldige Aufhebung von Libanon-Blockade. Wiederaufbau im Libanon kommt
nur langsam in Gang. Israel stellt Palästinensern neue
Gespräche in Aussicht. Vier Palästinenser bei israelischen
Luftangriffen getötet
Mi.06.09.06 - Der Libanon macht das Ende der israelischen Seeblockade zur Bedingung
für den Einsatz der Bundesmarine an seiner Küste.
Erst dann werde die Hilfe Deutschlands bei den Vereinten Nationen (UN)
angefordert, sagte ein hochrangiger Regierungsvertreter der
Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag in Beirut. Das libanesische
Kabinett habe am Vorabend den Grundsatzbeschluss gefasst, eine Bitte an
die UN-Friedenstruppe Unifil vorzubereiten, bei der Überwachung der
Seegrenze mitzuwirken. Die Anfrage werde aber erst weitergeleitet, wenn
die Forderung erfüllt sei, sagte der Vertreter. Israel
begründet seine anhaltende Seeblockade damit, dass
Waffenlieferungen an die Hisbollah-Miliz unterbunden werden müssten.
"Sowie das Embargo aufgehoben ist, werden wir die Unifil bitten,
deutsche Marine-Einheiten zur Kontrolle der Küste anzufordern",
sagte der Regierungsvertreter. Ministerpräsident Fuad Siniora
informierte Angaben seines Büros zufolge noch in der Nacht zum
Dienstag die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel über den
Beschluss seiner Regierung. Die deutsche Regierung bestätigte das
Telefonat. Deutschland hat den Vereinten Nationen (UN) den Einsatz von
Marine-Einheiten als Beitrag zur Friedenstruppe angeboten. Die
Unterstützung beim Küstenschutz wurde auch deshalb in Aussicht
gestellt, weil Deutschland keine Bodentruppen in den Südlibanon
schicken wollte, der an Israel grenzt.
Der erste Einsatz der Bundeswehr im Nahen Osten bedarf aber einer
Anforderung aus dem Libanon und der Vereinten Nationen (UN). Deren
Generalsekretär Kofi Annan äußerte im ägyptischen
Alexandria die Hoffnung, dass Israel in den nächsten 48 Stunden
einen Termin für das Ende der Blockade nennen werde.
Die Stationierung ausländischer Soldaten vor der Küste ist im
Libanon umstritten, weil einige Minister auf die Hoheit des Landes und
eine Grenzkontrolle durch libanesische Kräfte pochten. Die
radikal-schiitische Miliz hat bislang den Südlibanon
militärisch beherrscht, ist aber auch mit zwei Ministern im
Beiruter Kabinett vertreten.
UN-Generalsekretär Kofi Annan erwartet derweil nach eigenen Worten
eine baldige Entscheidung zur Aufhebung der israelischen See- und
Luftblockade des Libanons. Er rechne innerhalb von 48 Stunden mit einer
guten Nachricht aus Israel, sagte Annan am Dienstag nach einem Treffen
mit dem ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak in Alexandria.
Der UN-Generalsekretär schloss damit seine Nahostreise ab, die ihn
auch nach Beirut, Jerusalem, Damaskus und Teheran geführt hat.
Annan und die libanesische Regierung haben in den vergangenen Tagen
wiederholt die Aufhebung der Blockade gefordert, die Israel während
des 34-Tage-Krieges gegen die Hisbollah-Miliz verhängt hat. Die
israelische Regierung hat jedoch erklärt, dass sie erst dann dazu
bereit sei, wenn garantiert sei, dass es keine Waffenlieferungen mehr
an die Hisbollah gebe.
Eine Milliarde Dollar soll der Libanon für den Wiederaufbau nach
den israelischen Angriffen erhalten. Doch in südlichen Ortschaften
wie Siddikine ist der Wiederaufbau noch gar kein Thema. Die Menschen
sind damit beschäftigt, in den Trümmern ihrer Häuser nach
verbliebenen Habseligkeiten zu suchen. Der Bürgermeister hat nach
eigenen Angaben noch kein Geld aus Beirut erhalten und kann wenig mehr
tun, als die Gebäude in drei Kategorien einzuteilen:
vollständig zerstört, teilweise zerstört, beschädigt.
Es wird wohl noch Monate dauern, bis die ersten Hilfszahlungen
Siddikine erreichen. Bis dahin kommen Familien, deren Häuser
zerstört wurden, bei Verwandten unter, deren Häuser noch
stehen. In der Nacht wird es in vielen Orten im Südlibanon
vollständig dunkel, weil die Stromleitungen beschädigt wurden
- genauso wie die Wasser- und Telefonleitungen. In Siddikine
bemühen sich Mitarbeiter der Elektrizitätswerke, die
Versorgung wiederherzustellen. Sie sind jedoch zu wenige und haben
angesichts der israelischen Land- und Seeblockade nicht ausreichend
Material für die Reparaturen zur Verfügung.
Die libanesische Regierung schickte bereits Gutachter in die
Dörfer, die Zahlen auf die Trümmer der zerstörten
Häuser sprühen und notieren, wo die Gebäude nicht nur
einstürzten, sondern gewaltige Krater in der Erde
hinterließen. Auch die schiitische Hisbollah-Miliz ging in die
Dörfer und gab jeder bedürftigen Familie 10.000 Dollar. Damit
sollen sie die Miete bezahlen können, bis ihre Häuser
wiederaufgebaut sind.
Der Bürgermeister von Siddikine, Mohammed Assimi, sagt, dass in
seinem Ort 33 Prozent der Gebäude vollständig zerstört
worden seien. Weitere 40 Prozent seien teilweise zerstört und der
Rest beschädigt worden. «Nichts blieb verschont»,
erklärt er. «Ich habe diesen Ort kaum wiedererkannt, als ich
zurückkam.» Wie viele der 6.000 Einwohner von Siddikine
flüchtete auch der Bürgermeister in den ersten Tages des
Krieges Mitte Juli und kehrte erst am 14. August mit Beginn der
Waffenruhe zurück. Assimi fand sein Haus schwer beschädigt
vor. Gewaltige Trümmerberge blockierten die Straße, sein
Büro gab es nicht mehr.
Auf die Frage, wie lange der Wiederaufbau von Siddikine dauern werde,
antwortetet Assimi: «Wer weiß. Ein Jahr? Fünf Jahre?
Wir haben die vergangenen beiden Wochen damit verbracht, uns durch die
Trümmer zu graben.» Nicht explodierte Geschosse erschwerten
die Aufgabe. Minenräumkommandos hätten die Arbeit in der
Region gerade erst aufgenommen.
Bewohner wie der 45-jährige Mahmud Balhas sind enttäuscht von
den Verantwortlichen in Beirut. «Die Regierung hat Versprechen
gegeben, aber wir haben nicht gesehen, dass sie irgendetwas getan
hat», sagt er. Gemeinsam mit seinem beiden Söhnen untersucht
er seine zerstörte Wohnung im ersten Stock eines Hauses.
Schließlich laden sie einen zersprungenen Herd, einen
Kühlschrank, Teppiche und Regale auf einen Anhänger. Die
Familie ist bei Verwandten eingezogen, deren Haus zwar auch
beschädigt wurde, aber immerhin halbwegs bewohnbar ist.
Im Südlibanon wurden am Dienstag vier Menschen bei einem
Bombenanschlag auf einen führenden Polizeiermittler im Mordfall
Rafik Hariri getötet. Der Polizeioffizier Samir Schehade, dem der
Anschlag galt, wurde schwer verletzt. Bei den Toten handelt es sich um
Leibwächter des Oberstleutnants, fünf weitere
Personenschützer wurden verletzt. Der Anschlag ereignete sich in
der Ortschaft Rmaile nahe der Hafenstadt Sidon. Der Sprengsatz wurde
ferngezündet, als die beiden Polizeiautos mit Schehade und seinen
Begleitern vorbei fuhren. Schehade war im August vergangenen Jahres
mitverantwortlich für die Verhaftung von vier prosyrischen
Generälen im Libanon, die in den Mordfall Hariri verwickelt sein
sollen. Der frühere libanesische Ministerpräsident Hariri fiel
im Februar 2005 einem Bombenanschlag zum Opfer.
Der israelische Vize-Ministerpräsident Schimon Peres hat den
Palästinensern neue Friedensgespräche nach einer Freilassung
des verschleppten Soldaten Gilad Schalit in Aussicht gestellt.
Ministerpräsident Ehud Olmert werde den
Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas treffen, sobald der in
den Gazastreifen entführte Schalit frei sei, sagte Peres am
Dienstag dem israelischen Armeeradio. Gegenstand des Gespräches
werde der Nahost-Friedensplan (Road Map) sein.
Unterdessen bestritten Israelis und Palästinenser einen
Zeitungsbericht, wonach Schalit als Teil eines Häftlingstausches
bereits aus dem Gazastreifen nach Ägypten gebracht wurde. Olmert
hatte am Montag vor israelischen Abgeordneten bekräftigt, Israel
sei erst zur Freilassung gefangener Palästinenser bereit, wenn der
Soldat frei sei.
Ein führender Vertreter der regierenden, radikal-islamischen
Palästinenserorganisation Hamas, Osama Museini, sagte aber am
Dienstag in Gaza, beide Seiten müssten gleichzeitig handeln. Er
sagte dazu weiter, «technische Streitigkeiten» behinderten
den Austausch. Trotzdem wurde von palästinensischer Seite über
Fortschritte in den Verhandlungen berichtet, an denen ägyptische
Vermittler beteiligt sind.
Die israelische Zeitung «Jediot Achronot» hatte am Sonntag
berichtet, im Gegenzug für Schalit sollten zunächst 300
Gefangene auf freien Fuß gesetzt werden. Einige Monate später
sei die Freilassung weiterer 300 und bis zum Jahresende
zusätzlicher 200 Häftlinge vorgesehen. Militante
Palästinenser hatten Schalit am 25. Juni mit einem Angriff auf
einen Grenzposten in den Gazastreifen verschleppt. Die israelische Armee
hatte drei Tage nach seiner Entführung eine neue
Militäroffensive im Gazastreifen begonnen.
Bei israelischen Luftangriffen sind in der Nacht zum (heutigen)
Mittwoch im Gazastreifen vier militante Palästinenser getötet
worden. Wie Augenzeugen im Flüchtlingslager Rafah berichteten,
wurden bei zwei Angriffen drei Hamas-Mitglieder in ihren Autos
getötet. 18 Passanten seien verletzt worden. Die israelischen
Streitkräfte bestätigten den Angriff und erklärten,
militante Hamas-Mitglieder seien das Ziel gewesen. In Chan Junis wurde
ein bewaffneter Palästinenser von einem Hubschrauber aus
erschossen, der sich nach Militärangaben dem Grenzzaun
näherte. Ein weiterer sei verwundet worden.
(Quellen: rtr, ap, dpa)
Wahlgericht in Mexiko bestätigt Wahlsieg Calderóns
Mi.06.09.06 - Nach wochenlangem Streit um das Ergebnis der Präsidentschaftswahl
in Mexiko ist der konservative Politiker Felipe Calderón
offiziell als Sieger bestätigt worden. Die sieben Richter des
Wahlgerichts in Mexiko-Stadt urteilten, dass der Urnengang vom 2. Juli
rechtmäßig war und dass Calderón mit 0,56
Prozentpunkten vor seinem linksliberalen Rivalen Manuel López
Obrador lag. Obwohl nach dem Gerichtsurteil nicht mehr am Ergebnis
gerüttelt werden kann, will López Obrador seine Proteste
fortsetzen.
"Erstens erhielt nach dem Ergebnis der Wahl der Bürger Felipe
Calderón die meisten Stimmen", erklärte der Vorsitzende des
Wahlgerichts, Leonel Castillo. "Zweitens ist die
Präsidentschaftswahl gültig." Calderón von der Partei
der Nationalen Aktion (PAN) werde damit zum "gewählten
Präsidenten Mexikos vom 1. Dezember 2006 bis zum 1. November 2012"
erklärt.
López Obrador von der Partei der Demokratischen Revolution (PRD)
hatte die Wahl wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten
angefochten. Das Gericht erteilte ihm jedoch eine Absage und
erklärte, "die geltend gemachten Unregelmäßigkeiten"
seien "nicht nachgewiesen worden". Nach dem offiziellen Endergebnis kam
Calderón auf 35,89 Prozent der Stimmen und López Obrador
auf 35,33 Prozent. Es war das knappste Ergebnis, das je bei einer
mexikanischen Präsidentschaftswahl erzielt wurde.
López Obrador, ehemaliger Bürgermeister von Mexiko-Stadt,
hatte zusammen mit seinen Anhängern in den vergangenen Wochen
massive Protestaktionen veranstaltet. In der von der PRD regierten
Hauptstadt sorgten Zeltlager für Verkehrschaos und nach Angaben
von Geschäftsleuten für erhebliche Schäden der
mexikanischen Wirtschaft.
Für den Fall einer Entscheidung des Wahlgerichts zugunsten
Calderóns hatte López Obrador bereits die Bildung einer
"Regierung des zivilen Widerstandes" angekündigt. Für den 16.
September berief er einen "nationalen demokratischen Konvent" ein, bei
dem die Protestbewegung über die Fortsetzung ihrer Aktionen
beraten soll. Einer Umfrage zufolge unterstützt nur eine
Minderheit der Mexikaner die Proteste López Obradors.
Der scheidende Präsident Vicente Fox gratulierte seinem
Parteikollegen zum Wahlsieg. "Ich beglückwünsche Felipe
Calderón und wünsche ihm das Beste für die Leitung
eines großen Kollektivs aus allen Mexikanern", sagte er in
Mexiko-Stadt.
Der 44-jährige Calderón tritt am 1. Dezember die Nachfolge
von Fox an, der gemäß der Verfassung nicht mehr kandidieren
durfte. Fox hatte im Jahr 2000 mit seinem Wahlsieg nach 71 Jahren die
Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) an der Macht
abgelöst. Calderón amtierte in Fox' Regierung als
Energieminister.
(Quelle: afp)
Argentinische Justiz hebt Gnadenerlasse für Junta-Mitglieder auf
Mi.06.09.06 - Die argentinische Justiz hat Gnadenerlasse gegen zwei Minister der
früheren Militärdiktatur aufgehoben. Ein Bundesrichter
erklärte am Montag (Ortszeit) entsprechende Verfügungen von
Ex-Präsident Carlos Menem aus dem Jahr 1990 für nichtig. Damit
könnten der frühere Wirtschaftsminister José
Martínez de Hoz und Innenminister Albano Harguindeguy wegen der
Verschleppung zweier Unternehmer in den 70er Jahren angeklagt werden.
Der 80-jährige Martínez de Hoz ist derzeit auf freiem
Fuß, der 79-jährige Harguindeguy steht sich wegen seiner
Rolle bei der "Operation Condor" unter Hausarrest. Die "Operation
Condor" war eine konzertierte Aktion rechtsgerichteter
südamerikanischer Diktaturen zur Beseitigung von Oppositionellen
während der 70er und 80er Jahre.
(Quelle: afp)
Chomsky und Loach für sozialistische Kandidatin in Brasilien
Mi.06.09.06 - Aus Enttäuschung über die sozialliberale Politik des
brasilianischen Staatschefs Luiz Inácio Lula da Silva haben sich
der US-Linksintellektuelle Noam Chomsky und der sozialkritische
britische Regisseur Ken Loach für dessen sozialistische
Gegenkandidatin Heloisa Helena bei der Präsidentschaftswahl am 1.
Oktober ausgesprochen. Laut Medienberichten vom Dienstag unterzeichneten
die beiden zusammen mit mehr als 350 prominenten Persönlichkeiten
aus aller Welt ein entsprechendes Manifest für die Senatorin der
Partei Sozialismus und Freiheit (PSOL), die Ende 2003 aus Lulas
regierender Arbeiterpartei (PT) ausgeschlossen worden war.
(Quelle: afp)
4.500 Kleinkinder sterben laut UN täglich wegen verdreckten Wassers
Mi.06.09.06 - Verdrecktes Wasser und schlechte sanitäre Verhältnisse sind
nach UN-Angaben für den Tod von 4.500 Kleinkindern täglich
verantwortlich. Im vergangenen Jahr kamen so 1,6 Millionen Kinder unter
fünf Jahren ums Leben, heißt es in einem am Dienstag
veröffentlichten Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO.
Weltweit verfügten mehr als 1,1 Milliarden Menschen nicht
über sauberes Trinkwasser und 2,6 Milliarden fehle es an
grundlegenden sanitären Einrichtungen. Sauberes Wasser sei eine
«Frage von Leben und Tod für Millionen Menschen auf dem
Erdball», sagte die stellvertretende WHO-Generaldirektorin
Susanne Weber-Mosdorf. Für Kinder sei eine weltweite Wasserkrise
bereits Wirklichkeit. Sie sind den Angaben zufolge besonders
anfällig für Krankheiten wie Cholera und Diarrhö.
(Quelle: ap)
Kanarische Inseln bitten Europa wegen Flüchtlingsansturm um Hilfe
Mi.06.09.06 - Die Regionalregierung der Kanaren hat angesichts des
Flüchtlingsstroms aus Afrika einen dringenden Hilfsappell an die
Europäer gerichtet. Wie viele Leichen und wie viele Bilder
entkräfteter Menschen seien noch notwendig, damit Spanien und
Europa begriffen, dass es sich um ein gemeinsames Problem handele,
fragte der Präsident der Kanarischen Inseln, Adan Martin, am
Dienstag auf einer Dringlichkeitssitzung des Regionalparlaments.
Nur wenige Stunden später trafen wieder vier Boote mit fast 400
Menschen im Hafen von Los Cristianos in Teneriffa ein. Ein
Rettungsschiff brachte weitere 112 Menschen, die in zwei Booten auf dem
Meer entdeckt worden waren, wie das spanische Rote Kreuz mitteilte. In
diesem Jahr flüchteten sich bereits mehr als 22.000 Afrikaner auf
die zu Spanien gehörende Inselgruppe im Atlantik, das sind fast
fünf Mal so viel wie im gesamten Jahr 2005. Allein am vergangenen
Wochenende kamen innerhalb von 48 Stunden mehr als 1.400 Menschen.
Mehr als 500 Leichen von Menschen, die die gefahrvolle Überfahrt
mit ihrem Leben bezahlten, wurden entdeckt. Vermutlich liegt die
tatsächliche Zahl der Opfer aber weit höher, da «das
Meer seine Beute nicht immer wiederhergibt», wie Martin sagte.
(Quelle: ap)
EU drängt Türkei zu erneutem Reformeifer
Mi.06.09.06 - Der EU-Beitrittskandidat Türkei sollte seinem «erlahmten
Reformeifer» neuen Schwung geben und vor einer Aufnahme die
Zypernfrage regeln - dies hat der auswärtige Ausschuss des
Europaparlaments gefordert.
Wichtig seien «echte Bemühungen» zur Regelung des
Zypern-Problems ebenso wie die Achtung der Meinungs- und
Religionsfreiheit, sagte am Dienstag in Straßburg der
Berichterstatter des Ausschusses, Camiel Eurlings. In drei Wochen wird
das Plenum über diesen Bericht beraten.
Gleichzeitig sollte der Völkermord an den Armeniern Anfang des 20.
Jahrhunderts anerkannt werden. Dieses Frage gehört zwar nicht zu
den offiziellen Vorbedingungen einer Mitgliedschaft, doch sollte
«ein Beitrittskandidat unbedingt auch die dunklen Kapitel der
Vergangenheit anerkennen», hieß es in dem Text. Der deutsche
Grüne Cem Özdemir nannte den Schutz der Meinungsfreiheit
besonders wichtig, um «die Willkür gegenüber
Schriftstellern und Intellektuellen» zu beenden.
Grundsätzlich stellen die Abgeordneten die «Verankerung der
Türkei in den europäischen Strukturen» nicht in Frage.
Die Aufnahme in die EU sei jedoch nicht «automatisch»,
sondern Ergebnis eines «langen und offenen Prozesses», sagte
der deutsche Ausschussvorsitzende Elmar Brok(CDU).
Die Ausschussmitglieder hatten am Montagabend mit deutlicher Mehrheit
einen abgemilderten Fortschrittsbericht angenommen, der nach
Einschätzung Eurlings «konsensfähig» ist. Positiv
vermerkt wurden darin auch die verstärkten Anstrengungen Ankaras im
Kampf gegen Korruption sowie die Fortschritte bei der Rechtsreform.
Die Zypern-Frage könnte sich jedoch zu einem ernsten Problem
entwickeln, da die Türkei entgegen vertraglich eingegangener
Verpflichtungen nach wie vor zyprischen Schiffen den Zugang zu ihren
Häfen verweigert. EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn hatte deshalb
vor einer Unterbrechung der Beitrittsverhandlungen gewarnt.
(Quelle: dpa)
EU-Kommission plant Richtlinie zum Bodenschutz
Mi.06.09.06 - Die EU-Kommission plant eine Erfassung aller verseuchten Böden in
Europa. Eine Sprecherin von EU-Umweltkommissar Stavros Dimas
bestätigte am Dienstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur AP einen
Bericht der «Süddeutschen Zeitung», wonach Brüssel
eine Säuberung schadstoffbelasteter Grundstücke etwa von
Industrierückständen und landwirtschaftlichen
Düngemitteln anstrebt. Über einen entsprechenden Vorschlag
Dimas' werde die Kommission voraussichtlich nächste Woche abstimmen.
Zu Einzelheiten des Papiers wollte sich Dimas' Sprecherin Barbara
Helferich nicht äußern. Sie bestätigte aber, dass die
Kommission eine Sanierung der belasteten Böden einfordern werde:
«Es ist nicht nur eine gute Idee, die Intensität
verschmutzter Böden zu erfassen, sondern auch, die Mitgliedstaaten
aufzufordern, etwas daran zu tun.» Für eine Umsetzung der
Kommissionspläne wäre die Zustimmung der 25 Mitgliedstaaten
sowie des EU-Parlaments erforderlich.
Helferich verwies darauf, dass allein die Aufbereitung von Trinkwasser,
das über die in den Boden gelangenden Schadstoffe verschmutzt
werde, erhebliche Kosten verursache. Zudem sei ein öffentlich
einsehbares Verzeichnis belasteter Grundstücke, wie es etwa in
Großbritannien bereits existiere, eine wichtige Information
für Kaufinteressenten.
Laut «Süddeutscher Zeitung» war ein erster
Vorstoß Dimas' zu dem Thema bei Industriekommissar Günter
Verheugen auf Ablehnung gestoßen, weil die Untersuchung der
Bodenqualität die betroffenen Unternehmen viel Geld koste. Dem
Zeitungsbericht zufolge will die Kommission die Grundstücke kleiner
und mittlerer Unternehmen nun von ihrem Richtlinienvorschlag ausnehmen.
(Quelle: ap)
OECD hebt Wachstumsprognose für Deutschland auf 2,2 Prozent an
Mi.06.09.06 - Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (OECD) hat ihre Wachstumserwartung für Deutschland
deutlich angehoben. Für die größte Volkswirtschaft der
Euro-Zone sei in diesem Jahr ein realer Anstieg des
Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2,2 Prozent zu erwarten, teilte
OECD-Chefvolkswirt Jean-Philippe Cotis am Dienstag in Paris mit. In der
vorherigen Schätzung vom Mai war die Organisation noch von 1,8
Prozent ausgegangen. Cotis verwies auf die starke Entwicklung im zweiten
Quartal, in dem Deutschland von der Fußball-WM und von der stark
gestiegenen Zahl neuer Bauprojekte im Sog der Ende 2005 ausgelaufenen
Eigenheimzulage profitiert habe.
(Quelle: afp)
Finanzminister Steinbrück: Defizit von 2,8 Prozent für 2006
realistisch
Mi.06.09.06 - Bundesfinanzminister Peer Steinbrück geht von einer deutlichen
Unterschreitung der Defizitobergrenze im laufenden Jahr aus.
Er bezeichnete zu Beginn der Haushaltsdebatte am Dienstag in Berlin
einen Wert von 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts als realistisch.
Der SPD-Politiker würdigte das Einhalten des Stabilitätspaktes
als wichtigen Beitrag zur Stärkung der europäischen
Wirtschaft und des Euro. Die europäische Währung habe sich in
den vergangenen Jahren zur zweitwichtigsten der Welt entwickelt das sei
beispiellos.
Steinbrück hatte es wiederholt als wahrscheinlich bezeichnet, nach
vier Jahren erstmals wieder den Stabilitätspakt einhalten zu
können. Einen konkreten Wert hatte er bislang aber noch nicht
genannt.
(Quelle: rtr)
Wirtschaftsweise wollen Arbeitslosengeld II drastisch kürzen
Mi.06.09.06 - Mit dem Vorschlag drastischer Kürzungen beim Arbeitslosengeld II
und den 400-Euro-Jobs haben die Wirtschaftsweisen am Dienstag für
erheblichen Wirbel gesorgt. In einem Gutachten zum geplanten
Kombilohnmodell der Bundesregierung schlägt die Mehrheit des
Sachverständigenrats eine Senkung der Hartz-IV-Bezüge um 30
Prozent und höhere Zuverdienstgrenzen für Langzeitarbeitslose
vor. Die SPD reagierte empört. Aber auch der selbst zu den
fünf «Weisen» gehörende Würzburger
Ökonom Peter Bofinger will die Initiative seiner Kollegen nicht
mittragen.
Nach einem Bericht der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung»
heißt es in dem Gutachten der Ratsmehrheit, mit einem derartigen
Modell könnten rund 350.000 neue Stellen für
Geringqualifizierte und Langzeitarbeitslose geschaffen werden. Neben
der Senkung des Arbeitslosengelds um fast ein Drittel streben sie
demnach auch eine Halbierung der Höchsteinkommen für Minijobs
von 400 auf 200 Euro vor. Hinzuverdienste bis 200 Euro im Monat seien
voll auf das Arbeitslosengeld II anzurechnen. Von jedem darüber
hinausgehenden Euro sollen die Betroffenen aber künftig 50 statt
bisher nur 20 Cent behalten dürfen.
Herkömmliche Kombilohnmodelle lehnten die Verfasser als unwirksam
ab: «Über eine bloße Veränderung der
Hinzuverdienstmöglichkeiten oder eine Verringerung der
Abgabenbelastung im Niedriglohnbereich, so wünschenswert diese
für sich genommen sein mögen, lassen sich zu vertretbaren
Kosten in den Problemgruppen keine relevanten Effekte erzielen.»
Bringe die Regierung nicht die Kraft zu Leistungskürzungen auf,
solle sie zumindest auf die wenig wirksame, aber teure Ausweitung
anderer Instrumente verzichten, heißt es dem Bericht zufolge
weiter in dem Gutachten.
Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Klaus
Brandner, betonte im «Kölner Stadt-Anzeiger», dass die
Vorschläge mit seiner Partei in der Regierung keine Chance auf
Verwirklichung haben. «30 Prozent weniger für
Hartz-IV-Empfänger, das ist mit uns nicht zu machen», sagte
er.
Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) will seine
Vorstellungen für ein Kombilohn-Modell im Herbst
präsentieren. Nach Ansicht seines Parteifreunds Brandner
fußen die Vorschläge der Gutachter auf der irrigen
Vorstellung, es gebe im Niedriglohnbereich ausreichend
Beschäftigungsmöglichkeiten, die die Arbeitslosen nur
anzunehmen hätten. «Es fehlt aber nicht an der Bereitschaft
zur Arbeit, sondern an Arbeitsplätzen im
Niedriglohnbereich», betonte der SPD-Politiker.
Der Wirtschaftsweise Bofinger will nach Informationen des
«Kölner Stadt-Anzeigers» nächste Woche ein
Minderheitsgutachten vorlegen, in dem er statt einer Kürzung des
Arbeitslosengelds II ganz andere Vorschläge zur Belebung des
Arbeitsmarkts unterbreitet.
Empört reagierte auch der wirtschaftspolitische Sprecher der
Linkspartei im Bundestag, Herbert Schui. Der Sachverständigenrat
wolle die Hartz-IV-Empfänger in eine Zwangslage bringen.
«Dadurch würde ein gnadenloser Unterbietungswettlauf um
Billigjobs ausgelöst», warnte er.
Der Bundesverband Junger Unternehmer (BJU) begrüßte dagegen
die Initiative des Sachverständigenrats zur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Seine Vorsitzende Karoline Beck
betonte: «Die Vorschläge gehen in die richtige
Richtung.» Sie hoffe sehr, dass die Bundesregierung auch den Mut
finde, den vorgeschlagenen Leistungskürzungen zu folgen.
(Quelle: ap)
Lafontaine kritisiert Außenpolitik der Koalition
Mi.06.09.06 - Nach Ansicht des Vorsitzenden der Linksfraktion im Bundestag, Oskar
Lafontaine, wird die Außenpolitik der Bundesregierung von
Dilettanten gemacht. In der in Hannover erscheinenden «Neuen
Presse» (Mittwochausgabe) bezeichnete er die frühe Debatte
über einen möglichen Libanon-Einsatz der Bundeswehr als
Fehler: «Das zeigt, dass in der Regierung viele Anfänger
sitzen, die Deutschland in militärische Abenteuer hineinschwatzen.
Das beginnt beim Verteidigungsminister und endet bei der Chefin.»
Lafontaine sprach ferner von einer «manischen Sucht mancher
Leute, deutsche Soldaten in alle Welt zu schicken». Die deutsche
Außenpolitik verfehle das Ziel, Schaden vom deutschen Volk
abzuwenden, sie hole vielmehr den Terror ins Land, sagte der ehemalige
SPD-Vorsitzende und fügte hinzu: «Wenn wir uns an
völkerrechtswidrigen Kriegen gegen andere Länder beteiligen,
kommen vielleicht auch die Angehörigen von Opfern dieser Kriege
auf die Idee, Anschläge in Deutschland zu verüben.»
(Quelle: ap)
Ruf nach mehr Polizei auf den Straßen
Mi.06.09.06 - Angesichts der gestiegenen Terrorgefahr wird der Ruf nach
stärkerer Polizeipräsenz auf Straßen und Plätzen
immer lauter. Neben der Polizeigewerkschaft GdP forderten am Dienstag
auch Kommunen und FDP die Einstellung zusätzlicher Beamter. Alle
Maßnahmen gegen den Terrorismus einschließlich der gerade
erst beschlossenen Anti-Terror-Datei seien angesichts des
Personalmangels nichts wert, sagte der GDP-Vorsitzende Konrad Freiberg.
Die Innenminister von Bund und Ländern hatten sich am Montag auf
die Einrichtung einer gemeinsamen Anti-Terror-Datei von Geheimdiensten
und Polizei sowie auf eine Ausweitung der Videoüberwachung an
Verkehrsknotenpunkten verständigt. Die Personalstärke der
Polizei stand bei der Sonderkonferenz in Berlin dagegen nicht auf der
Tagesordnung.
Freiberg wies im Südwestrundfunk darauf hin, dass seit den
Terroranschlägen vom 11. September 2001 7.000 Stellen bei der
Polizei weggefallen seien. Die Polizei habe nicht die Kapazitäten,
gefährliche Personen zu überwachen. Deswegen seien die
beschlossenen Anti-Terror-Maßnahmen «im Verhältnis zu
dem, was wir dort an Defiziten haben, nichts wert», betonte der
Gewerkschaftschef. «Wir brauchen im Vorfeld die Überwachung
dieser Leute durch die Polizei und damit brauchen wir auch das
Personal.»
Auch der Hauptgeschäftsführer des Städte- und
Gemeindebundes, Gerd Landsberg, forderte in der Chemnitzer «Freien
Presse» eine stärkere Polizeipräsenz. Das
Sicherheitsgefühl der Bürger müsse erhöht werden,
sagte er.
Der FDP-Innenexperte Max Stadler schloss sich den Forderungen an.
«Wir halten es als FDP für einen Fehler, dass die Zahl der
Polizeibeamten in Deutschland reduziert worden ist», sagte er dem
Nachrichtensender n-tv. «Wichtiger als immer neue Gesetze und neue
Einschnitte in die Bürgerrechte wäre eine gute personelle und
technische Ausstattung der Sicherheitsbehörden.»
(Quelle: ap)
Datenschutzbeauftragter Schaar kritisiert Anti-Terror-Datei-Kompromiss
Mi.06.09.06 - Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar sieht die Einigung der
Innenminister von Bund und Ländern über die Einführung
der Anti-Terror-Datei kritisch. «Ich glaube nicht, dass mit dem
Beschluss eine verfassungsrechtlich einwandfreie Lösung
vorgezeichnet ist», sagte Schaar der «Berliner
Zeitung» (Mittwochausgabe). Etliche Bereiche seien stark
auslegungsbedürftig. So sei unklar, welche Personen als
Terrorverdächtige eingestuft würden und was unter
Kontaktpersonen zu verstehen sei.
«Ich erwarte eine verfassungsrechtlich strikte und enge Auslegung
des Begriffs Kontaktpersonen», zitierte das Blatt Schaar. Auch
müsse die Weitergabe sensibler Informationen genau geregelt
werden. «Es darf keine reine Formalie sein. Ich erwarte, dass das
geplante Gesetz definiert, unter welchen Umständen diese Daten
weitergegeben werden dürfen», sagte der
Datenschutzbeauftragte. So müsse ausgeschlossen werden, dass
beispielsweise der Verfassungsschutz ungesicherte Informationen etwa
aus anonymen Hinweisen an die Polizei weiterleite.
(Quelle: ap)
Zentrum für Türkeistudien fordert Islamunterricht an Schulen
Mi.06.09.06 - Das Zentrum für Türkeistudien (ZfT) fordert die
Einführung von islamischem Religionsunterricht an deutschen
Schulen. Der Unterricht für die rund 900 000 muslimischen
Schüler solle in deutscher Sprache abgehalten werden, sagte
ZfT-Direktor Faruk Sen am Dienstag in Berlin. Vorbild könne der
Islamunterricht in der Türkei sein.
Die Forderung ist Teil eines Maßnahmenkatalogs «zur
Förderung des Zusammenlebens mit dem Islam in Deutschland»,
den das ZfT im Vorfeld des in der letzten Septemberwoche stattfinden
Islam-Gipfels vorlegte.
Sen betonte, dass islamische Organisationen gesellschaftlich und
rechtlich als gleichberechtigte Partner etabliert werden müssten,
um Muslime gegen Islamismus und Gewalt zu «immunisieren»
sowie den christlich-islamischen Dialog zu fördern. Gemeinsam mit
dem Islamunterricht wäre hiermit «ein Rahmen geschaffen, in
dem Muslime ihrer gesamtgesellschaftlichen Integrationsverantwortung
gerecht werden können», sagte er.
Sen forderte zudem die Einrichtung eines »Rats der Muslime«
in Deutschland als Dachorganisation für die verschiedene
muslimischen Glaubensrichtungen, um die anvisierte »Anerkennung
des Islam" hierzulande zu erwirken.
In Deutschland leben nach ZfT-Angaben 3,5 Millionen Muslime, von denen
rund 2,7 Millionen türkischer Herkunft sind. Der Islam ist damit
die zweitgrößte Religionsgemeinschaft neben dem Christentum.
(Quelle: ddp)
Greenpeace: Illegaler Gen-Reis aus China in Lebensmitteln
Mi.06.09.06 - Illegal aus China eingeführter Gen-Reis ist nach Angaben von
Greenpeace in die Lebensmittelproduktion in Deutschland, Frankreich und
Großbritannien geraten. Dieser Reis stelle eine ernsthafte Gefahr
für die Verbraucher dar, worüber die Umweltschutzorganisation
auch die Behörden informiert habe, teilte Greenpeace in
Brüssel mit. Gemeinsam mit der Umweltorganisation Friends of Earth
seien in Großbritannien Proben von mehreren Produkten getestet
worden. In fünf Proben sei der genveränderte Reis nachgewiesen
worden, der bisher nirgendwo in der Welt für die Vermarktung
zugelassen worden sei.
Greenpeace schloss nicht aus, dass es sich bei den Testergebnissen nur
"um die Spitze des Eisbergs" handele, weil Reis in sehr vielen
Lebensmitteln von der Babynahrung bis hin zu Joghurt-Speisen enthalten
sei.
Bei dem entdeckten Reis handele es sich um eine Sorte, die mit Hilfe
von Genveränderungen resistent gegen bestimmte Insekten sei und ein
Protein enthalte, für das bei Mäusen allergische Reaktionen
berichtet worden seien. Nun seien die Regierungen am Zug, sofort zu
handeln, forderte Greenpeace.
(Quelle: afp)