Aktuelle Nachrichten
Irak am achthundertundelften Tag nach Erlangung der formellen
Souveränität
Mindestens 21 Tote bei Selbstmordanschlägen in Kirkuk. Ranghohes
Mitglied der Al Kaida im Irak verhaftet. AP-Fotograf seit fünf
Monaten ohne Anklage in US-Haft im Irak
Mo.18.09.06 - Zwei Selbstmordanschläge in der nordirakischen Stadt Kirkuk haben
am Sonntag mindestens 21 Menschen das Leben gekostet. Weitere 63
Menschen wurden nach Polizeiangaben verletzt. Zunächst war ein mit
Sprengstoff beladener Lastwagen in der Nähe des Gerichts und der
Zentralen der größten kurdischen Parteien explodiert, wobei
18 Menschen starben. Dann rammte ein Fahrzeuge eine
amerikanisch-irakische Patrouille. In der Hauptstadt Bagdad fielen am
Wochenende wieder fast 60 Menschen der Gewalt zum Opfer.
Amerikanische und irakische Sicherheitskräfte verhafteten nach
eigenen Angaben ein ranghohes Mitglied der Terrorgruppe Al Kaida im
Irak. Der Verdächtige sei bereits am Mittwoch in der nordirakischen
Stadt Mossul festgenommen worden, hieß es in einer am Sonntag in
Bagdad veröffentlichten Erklärung der US-geführten
Koalitionsstreitkräfte. Die Identität des Mannes wurde nicht
veröffentlicht; er wurde als «extrem aktiver
Waffenschmuggler» bezeichnet, der in Autobombenanschläge auf
die irakische Polizei verwickelt sei. Bei weiteren Razzien seien 70
Verdächtige verhaftet worden, hieß es weiter.
In Bagdad wurde am Sonntag die Leichen von vier nicht identifizierten
Männern gefunden. Alle hatten die Augen verbunden und waren an
Händen und Füßen gefesselt, wie ein Polizeisprecher
erklärte. Zwei weitere Leichen wurden im Tigris entdeckt. Bereits
am Samstag hatte die Polizei im Stadtgebiet insgesamt 27 Leichen
gefunden. Bei drei Anschlägen mit Autobomben wurden am Samstag
erneut mindestens neun Menschen getötet.
Die irakische Innenministerium stellte unterdessen den Plan vor, die
sechs Millionen Einwohner der irakischen Hauptstadt durch Gräben
vor Selbstmordattentätern schützen. Ein Sprecher
erklärte, die ersten Gräben sollten in den kommenden Wochen
ausgehoben werden. Einzelheiten zu ihrer Länge nannte er nicht.
Fahrzeuge und Fußgänger sollen nur noch an 28 bewachten
Kontrollpunkten in die Stadt kommen. Die internationalen Truppen im Irak
bestätigten am Samstag den Plan. Der Sprecher des
Innenministeriums, Abdul Karim Chalaf, sagte der Nachrichtenagentur AP,
der Plan sei inspiriert von der Schlacht von Chandak 627. Damals hoben
die Muslime tiefe Gräben aus, um die Stadt Medina vor den Feinden
zu schützen.
Der Vertreter der Arabischen Liga im Irak, der Marokkaner Muchtar
Lamani, reichte nach Angaben aus Diplomatenkreisen seinen Rücktritt
ein. Als Gründe für diesen Schritt wurden die mangelnde
Finanzierung und die langsamen Fortschritte bei den Bemühungen um
eine Versöhnung der irakischen Religionsgruppen angegeben. Die
Arabische Liga hatte ihr Büro in Bagdad im Juni wieder
geöffnet.
Seit fünf Monaten wird ein Fotograf der Nachrichtenagentur AP vom
US-Militär im Irak ohne Anklage gefangen gehalten. Die
Streitkräfte werfen dem 35-Jährigen vor, Kontakt mit
Aufständischen gehabt zu haben und ein Sicherheitsrisiko zu sein,
haben ihn aber bislang nicht formell beschuldigt oder eine
öffentliche Anhörung angesetzt. Nachdem die AP in den
vergangenen Monaten vergeblich ausreichende Beweise gefordert hat, hat
sie sich nun entschlossen, den Fall Bilal Hussein an die
Öffentlichkeit zu bringen.
«Er muss entweder angeklagt oder freigelassen werden»,
betont AP-Präsident Tom Curley. «Eine Gefangennahme auf
unbestimmte Zeit ist nicht akzeptabel.» Der Schritt an die
Öffentlichkeit solle Aufmerksamkeit auf den Fall Hussein und auf
das Schicksal tausender Gefangener im Irak lenken. Schätzungen
zufolge sitzen 13.000 Menschen in US-Militärhaft im Irak, Anklage
wurde nur in wenigen Fällen erhoben.
Im Fall Hussein wurden nach Angaben der AP-Führung keine konkreten
Belege für die Vorwürfe vorgelegt. Auch in seinen Fotos und
weiteren Unterlagen fänden sich keine Hinweise, dass Hussein mit
den Aufständischen gemeinsame Sache gemacht haben könnte und
die eine anhaltende Haft rechtfertigen würden.
Bilal Hussein arbeitet seit September 2004 für die AP. Der aus
Falludscha stammende Mann wurde zunächst aufgrund seiner
Ortskenntnis als Helfer der Journalisten angeheuert, bevor er
schließlich als Fotograf im Einsatz war. Eine seiner Aufnahmen
gehörte zu einer Fotoserie, die im vergangenen Jahr mit dem
Pulitzer-Preis gewürdigt wurde. Festgenommen wurde Hussein am 12.
April. Er beteuert nach Angaben seines irakischen Anwalts Badie Arief
Isat seine Unschuld.
Die US-Streitkräfte im Irak haben nach Angaben des New Yorker
Anwalts Scott Horton, der auch Bilal Hussein vertritt, schon hunderte
Journalisten zeitweilig festgenommen. In einigen Fällen habe die
Haft mehrere Wochen gedauert. Auch AP-Journalisten waren betroffen. So
lange wie Hussein wurde bislang jedoch noch kein AP-Reporter gefangen
gehalten.
(Quelle: ap)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. 2003 bis 30.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Teil 7: 01.05. 2005 bis 18.09.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_07.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am vierhundertsiebenundvierzigsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
So.18.09.05 - Autobombe in Bagdad tötet mindestens 30 Menschen +++ Alliierten
Truppen gelingt angeblich schwerer Schlag gegen El Kaida im Irak +++
Aufständische greifen erneut amerikanische Besatzungstruppen an +++
London kann wegen anhaltender Gewalt Truppenzahl im Irak nicht
reduzieren...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv7/k0509180.htm#news
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.04 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3\irak_k01.htm#bodycount
Sa.04.02.06 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 2.248
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen. Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
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Trotz NATO- und US-Offensiven weiter Anschläge in Afghanistan
Mo.18.09.06 - USA und NATO haben am Wochenende Offensiven im Osten und Süden
Afghanistans fortgesetzt. Trotzdem kam es wieder zu Anschlägen
mutmaßlicher Taliban: Am Sonntag raste ein Attentäter mit
seinem mit Sprengstoff beladenen Auto in eine Militärkolonne und
riss einen Passanten mit in den Tod, wie ein Polizeisprecher mitteilte.
Acht Personen wurden verletzt, darunter drei Soldaten.
Einen weiteren Anschlag gab es am Samstag in der östlichen Provinz
Chost. Der Selbstmordattentäter sprengte sich an einem
Polizeikontrollpunkt in die Luft. Außer ihm kam niemand ums Leben.
Am Freitag waren in der selben Provinz ein Soldat der US-geführten
Koalition getötet und ein weiterer verletzt worden. Bei einem
Bombenanschlag südlich der Hauptstadt Kabul wurden am Samstag drei
Menschen getötet.
Die Koalitionsstreitkräfte startetet in fünf Provinzen eine
weitere Offensive gegen die radikalislamischen Taliban. Ziel der
Operation «Mountain Fury» sei es nicht nur, die Taliban zu
besiegen, sondern auch die wirtschaftliche Entwicklung der Gemeinden in
diesen Provinzen zu fördern, hieß es am Samstag in einer
Erklärung. 7.000 Soldaten seien an der Offensive in der Mitte und
im Osten in Paktika, Chost, Ghansi, Paktia und Logar beteiligt.
Die Offensive «Mountain Fury» sei schon seit einiger Zeit
vorbereitet worden, hieß es. Am Samstagmorgen habe sie begonnen.
Die Sicherheit der Menschen in der Region solle dabei verbessert und die
extremistischen Taliban sollten von der Bevölkerung getrennt
werden.
Auch im Süden des Landes setzten tausende Soldaten der USA und der
NATO ihre Offensive gegen die Taliban fort. Dabei sollen in den
vergangenen Wochen hunderte Taliban-Kämpfer getötet worden
sein. Am Samstag griffen rund 60 mutmaßliche Taliban-Kämpfer
einen Polizeiposten im Süden des Landes an. Bei dem Gefecht wurden
nach afghanischen Angaben vier Taliban getötet.
Kanada entsendet rund 200 weitere Soldaten und 15 Leopardpanzer nach
Afghanistan. Die Regierung folgt damit einer Bitte von Brigadegeneral
David Fraser, dem Kommandeur der kanadischen Truppen in Afghanistan, wie
die Streitkräfte am Freitag mitteilten. Der NATO-Oberbefehlshaber
für Europa, General James Jones, hatte erst am Freitag eine
dringende Aufforderung an die Bündnispartner wiederholt, zur
Bekämpfung der Taliban im Süden Afghanistans bis zu 2.500
weitere Soldaten zur Verfügung zu stellen. Die Schutztruppe ISAF
hat etwa 20.000 Soldaten in Afghanistan im Einsatz. Vor allem im
Süden des Landes stoßen sie seit Monaten auf heftigen
Widerstand der Taliban.
(Quelle: ap)
'Der Westen weiß erbärmlich wenig von diesem Land'
Der Krieg gegen die Taliban und Al-Qaida-Stellungen in Afghanistan
startete mit amerikanischen Flugangriffen am 7.Oktober 2001. Es war die
erste militärische Reaktion der USA auf den Schock der
Anschläge in New York und zugleich der Auftakt zum globalen Krieg
gegen den Terror. Das Taliban-Regime wurde militärisch schnell
besiegt, bald darauf eine neue Regierung, deren Führung sich
später demokratisch legitimieren konnte, auf den Weg gebracht und
es gibt Anzeichen dafür, dass auch die Qaida durch den Verlust
ihrer Basen in Afghanistan deutlich geschwächt wurde. Dieser
Draufsicht, die den Erfolg in der fünfjährigen Bilanz des
Unternehmens 'Enduríng Freedom' ins Auge fasst, widersprechen
allerdings viele Berichte, die spätestens seit diesem Sommer immer
Beunruhigenderes aus dem Land am Hindukusch melden, wo nach einem Diktum
des früheren deutschen Verteidigungsministers Struck 'auch unsere
Sicherheit verteidigt wird'... Mehr bei telepolis vom 11.09.06:
http://www.telepolis.de/r4/artikel/23/23532/1.html
Nahost-Konflikt
Palästinenserpräsident Abbas verschiebt Gespräche
über Koalitionsregierung. Israelisches Kabinett beschließt
Untersuchung des Libanon-Krieges
Mo.18.09.06 - Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas hat die
Gespräche mit der Hamas über die Bildung einer
Koalitionsregierung verschoben. Seine Berater erklärten am Sonntag,
Grund seien die Forderungen aus den USA, dass die neue Regierung Israel
anerkennen und die bestehenden Friedensverträge respektieren
müsse. Die Entscheidung ist ein Rückschlag für Abbas,
der die international isolierte Hamas mit Hilfe einer
Koalitionsregierung bewegen wollte, Israel doch noch anzuerkennen.
Der palästinensische Ministerpräsident Ismail Hanija betonte
jedoch, die Zustimmung zu einer Koalitionsregierung in der vergangenen
Woche bedeute nicht, dass die Hamas die bisher unterzeichneten
Friedensabkommen mit Israel anerkenne. Man werde aber mit den Abkommen
arbeiten, wenn das im Interesse der Palästinenser sei. Kommantare
wie dieser hätten Abbas sehr verärgert, verlautete aus den
Kreisen der Palästinenser. Abbas habe sein Möglichstes getan,
um die USA und Europa von seinem Plan zu überzeugen, sagte sein
Berater Jassir Aed Rabbo. Die Hamas habe diese Bemühungen jedoch
torpediert.
Abbas trifft in dieser Woche US-Präsident George W. Bush und Livni
- beide am Rande der UN-Vollversammlung in New York. Der
palästinensische Unterhändler Sajeb Erakat erklärte am
Samstag in Ramallah, die Unterredung mit Bush sei für Mittwoch
geplant. Schon am Montag werde Abbas mit US-Außenministerin
Condoleezza Rice zusammentreffen. Einen Termin für das Treffen mit
Livni nannte Erakat nicht. Aus Kreisen des palästinensischen
Präsidenten verlautete, Abbas werde Bush bitten, die Bedingungen
für einen Eintritt der Hamas in eine Koalitionsregierung zu
lockern. Eine Alternative zu einer solchen Regierung sei einzig ein
Bürgerkrieg.
Das israelische Kabinett beschloss unterdessen am Sonntag eine
Untersuchung des Libanon-Krieges. Eine Untersuchungskommission unter dem
Vorsitz eines pensionierten Richters soll die Entscheidungen der
Regierung und der Militärführung vor und während des
34-tägigen Krieges gegen die libanesische Hisbollah-Miliz
prüfen. Die Kommission erhält allerdings nicht die Befugnis,
Verantwortliche aus ihren Ämtern zu entlassen. In Israel wurde seit
Wochen über den Umfang der Untersuchung diskutiert. In die Kritik
geraten waren besonders Regierungschef Ehud Olmert und
Verteidigungsminister Amir Perez. Ihnen wird vorgeworfen, die
Entscheidung für einen Krieg gegen die Hisbollah ohne ausreichende
Vorbereitung getroffen zu haben.
Die israelische Außenministerin Zipi Livni rief die libanesische
Regierung dazu auf, das Waffenembargo gegen die Hisbollah-Miliz
durchzusetzen. Dies sei ein Test für die Regierung in Beirut und
die internationale Gemeinschaft sagte Livni am Freitag kurz vor ihrem
Rückflug aus den USA der Nachrichtenagentur AP. «Der Libanon
muss seine Souveränität geltend machen und die Hisbollah
entwaffnen», verlangte sie. Die schiitische Miliz verfüge
nicht mehr über viele Waffen. Schätzungen dazu wollte Livni
nicht nennen. Während des Konflikts hatte Israel erklärt,
zwischen 70 und 80 Prozent der Raketen mit großer und mittlerer
Reichweite seien zerstört worden. Dagegen verfügt die
Hisbollah weiter über Geschosse mit geringerer Reichweite.
(Quelle: ap)
Bombenserie in Südthailand
Mo.18.09.06 - Bei einer Serie von Bombenanschlägen sind am Samstagabend in
Südthailand drei Menschen getötet und bis zu 65 verletzt
worden. Nach Behördenangaben vom Sonntag ist unter den Toten ein
Kanadier. Der Kanadier habe wahrscheinlich als Englischlehrer
gearbeitet, sagte der Gouverneur der Provinz Songhkla, Somporn
Thaibanyong.
In den Krankenhäusern wurden am Sonntagmorgen noch etwa 20
Schwerverletzte behandelt, betonte Somporn. Zunächst war unter
Berufung auf Medienangaben von mindestens fünf Toten die Rede
gewesen.
Fünf Bomben seien gegen 21.00 Uhr Ortszeit am Samstagabend vor
zwei Einkaufszentren, einem Hotel, einer Kneipe und einem Kino in Hat
Yai detoniert. Alle diese Orte werden gern von Touristen und
Einheimischen besucht.
Der Süden Thailands wird seit langem durch Separatistenunruhen
erschüttert. Seit Januar 2004 sollen etwa 1700 Menschen bei
Zusammenstößen, Bombenanschlägen und Rachemorden ums
Leben gekommen sein. Zum tiefen Süden Thailand gehören die
drei Provinzen Narathiwat, Pattani und Yala. Dort sind etwa 80 Prozent
der Bevölkerung Muslime. Mehr als 90 Prozent der Thailänder
insgesamt sind dagegen Buddhisten.
Hat Yai liegt etwa 650 Kilometer südlich von Bangkok und
gehört eigentlich nicht zum tiefen Süden des Landes. Jedoch
hat es in der Vergangenheit immer wieder
(Quelle: dpa)
Blockfreie wollen mehr Einfluss in der Weltpolitik
Mo.18.09.06 - Mit einem Bekenntnis zu einer multipolaren Welt haben die Staats- und
Regierungschefs der Blockfreien Staaten am Sonntag ihre Beratungen in
Havanna beendet.
In den Abschlusserklärungen des XIV. Gipfeltreffens der Bewegung
kritisierten sie - indirekt - den dominierenden Einfluss der USA und
sprachen sich für eine Wiederbelebung der seit dem Zusammenbruch
der Sowjetunion geschwächten Bewegung der Blockfreien aus. An dem
Treffen nahmen Delegationen aus 118 Staaten vor allem aus der Dritten
Welt teil. Diese Länder verfügen über einen großen
Teil der Rohstoffe der Welt.
Die Blockfreien plädierten erneut für eine Demokratisierung
der Vereinten Nationen mit mehr Mitsprachemöglichkeiten für
die Staaten, die nicht im Sicherheitsrat vertreten sind. Ohne die USA
zu nennen, forderten sie, dass Völker, die sich gegen eine
ausländische Intervention wehrten, nicht mit Terroristen
gleichgesetzt würden. Wie erwartet, verteidigten sie die
friedliche Nutzung der Kernenergie durch den Iran. Sie verlangten von
den USA, Sanktionen gegen Syrien und Kuba aufzuheben.
In Anwesenheit von UN-Generalsekretär Kofi Annan hatten zuvor der
venezolanische Präsident Hugo Chávez und der Präsident
des Irans, Mahmud Ahmadinedschad, die Blockfreien aufgefordert,
für eine Reform der UN einzutreten und den von den USA, China,
Frankreich, Russland und Großbritannien beherrschten
Sicherheitsrat zu entmachten. Annan unterstrich die Bedeutung der
Bewegung mit ihren 118 Mitgliedern und würdigte den erkrankten
kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro und dessen Rolle in der
Bewegung.
Der nordkoreanische Parlamentschef Kim Jong Nam lehnte in seiner Rede
Verhandlungen über das Atomwaffenprogramm seines Landes ab,
solange die Sanktionen der USA nicht aufgehoben seien. Nordkorea
benötige die Waffen zur Selbstverteidigung. «Es besteht
überhaupt kein Anlass, unter den Bedingungen der US-Sanktionen an
den Verhandlungstisch zurückzukehren», sagte Kim.
Chávez hatte in seiner Ansprache angekündigt, gemeinsam mit
Kuba als Präsidentschaft der Blockfreienbewegung in den kommenden
drei Jahren den «Imperialismus» der USA brechen zu wollen.
Derartige Formulierungen sind aber nicht in den
Abschlusserklärungen enthalten.
Der 1961 in Belgrad gegründeten Bewegung der Blockfreien
gehören sehr unterschiedliche Länder an - von Afghanistan bis
zur Zentralafrikanischen Republik. Neben erklärten Gegnern der USA
zählen auch Indien und Pakistan zu den Mitgliedern. Das einzige
europäische Land ist Weißrussland. Die Blockfreien
repräsentieren etwa 55 Prozent der Weltbevölkerung.
(Quelle: dpa)
Größte IWF-Reform seit Jahrzehnten auf den Weg gebracht
Mo.18.09.06 - Der Lenkungsausschuss des Internationalen Währungsfonds (IWF) hat
die größte Reform der Organisation seit Jahrzehnten auf den
Weg gebracht. Die Stimmenanteile Chinas, Südkoreas, Mexikos und der
Türkei im IWF sollen erhöht werden, wie der britische
Finanzminister Gordon Brown bei der Jahrestagung des Fonds in Singapur
mitteilte. Der Stimmanteil Chinas würde demnach von 2,94 Prozent
auf 3,65 Prozent heraufgesetzt, das Stimmrecht der Türkei
würde künftig 0,55 Prozent betragen, Mexiko käme auf 1,43
Prozent, Südkorea auf 1,33 Prozent.
Die USA halten 17,08 Prozent, Deutschland ist mit 5,99 Prozent nach
Japan mit 6,13 Prozent das drittwichtigste IWF-Mitglied. Er hoffe, dass
die Reform spätestens bis zur Jahrestagung 2008 von der Gesamtheit
der 184 IWF-Mitgliedsstaaten angenommen sei, sagte Brown. Die
Änderungen sollten die Beteiligung von "Ländern mit niedrigen
Einkommen" an den Entscheidungen des IWF verstärken.
Argentinien, Brasilien, Indien und Ägypten meldeten allerdings
Einwände gegen die Entscheidung des Lenkungsausschusses an. In dem
Gremium sind 24 Länder vertreten.
(Quelle: afp)
Schlechte Noten für Bildungsengagement der reichen Länder
Mo.18.09.06 - Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel, der japanische
Ministerpräsident Junichiro Koizumi und der italienische
Regierungschef Romano Prodi erhielten eine Vier, US-Präsident
George W. Bush fiel gleich ganz durch: Aktivisten einer
Hilfsorganisation verteilten am Sonntag in Singapur Noten an die
reichsten Länder der Welt und ihren Einsatz für die Bildung
der Kinder dieser Welt. Überzeugen konnten sie nur Schweden und
Norwegen, die als einzige von 22 Ländern eine Eins erhielten.
Die meisten der reichsten Industrieländer der Welt landeten im
hinteren Teil der Liste, die von der Weltweiten Bildungskampagne
(Global Campaing for Education) veröffentlicht wurde.
Großbritannien schnitt von allen G-7-Ländern mit einer Zwei
auf Platz sieben am besten ab, Kanada schaffte es auf Platz Neun. Die
reichen Länder leisteten nicht einen angemessenen Beitrag zur
Bildung, sagte die Sprecherin der Kampagne, Lucia Fry. «Uns
fehlen immer noch mindestens 3,7 Milliarden Dollar (2,9 Milliarden
Euro) pro Jahr, damit jedes Mädchen und jeder Junge zur Schule
gehen kann.» Die Protestaktion fand in einem streng abgeschirmten
Bereich im Konferenzzentrum von Singapur statt, in dem auch die
Jahrestagung von IWF und Weltbank stattfand.
Die Weltbank veröffentlichte am Samstag ihren
Weltentwicklungsbericht. Darin forderte sie die Entwicklungsländer
auf, sich stärker auf die Bildungschancen für die jungen
Menschen zwischen zwölf und 24 Jahren zu konzentrieren. Die
Jugendlichen seien heute gesünder und besser ausgebildet als
frühere Generationen, bräuchten aber Hilfe, um ihr Potenzial
entfalten zu können, hieß es in dem Bericht weiter. Mehr als
20 Prozent der Unternehmen in Ländern wie Algerien, Brasilien,
China, Estland und Sambia hätten angegeben, dass die schlechte
Ausbildung der jungen Menschen ihre Arbeit behindere.
(Quelle: ap)
Papst nimmt persönlich Stellung zu Islam-Zitaten
Mo.18.09.06 - Nach heftigen Protesten in der muslimischen Welt hat Papst Benedikt
XVI. am Sonntag Missverständnisse über seine umstrittene
Islam-Rede persönlich bedauert. Er sei «tief
betrübt» über die Reaktionen, die seine Rede als
«beleidigend für muslimische Gläubige» aufgefasst
haben, sagte er beim Angelusgebet in Castel Gandolfo bei Rom.
Er habe in der umstrittenen Rede zum Thema Islam und Gewalt lediglich
einen mittelalterlichen Text zitiert, den er sich in keinster Weise zu
Eigen mache. Zugleich rief Benedikt zum «ehrlichen Dialog»
mit dem Islam auf, der vom gegenseitigen Respekt geprägt sei.
Die Äußerungen Benedikts am Sonntag gingen nicht über
die Erklärung des Vatikans vom Vortag hinaus. Der Papst nahm keine
Aussagen zurück und entschuldigte sich auch nicht, wie es
muslimische Geistliche gefordert hatten.
Unterdessen hatte der Vatikan nach Drohungen gegen den Papst seine
Sicherheitsmaßnahmen verstärkt und seine Kontrollen beim
Angelusgebet in Castel Gandolfo bei Rom verschärft.
Im Irak habe eine Gruppe «Armee der Mudschahedin» im
Internet mit Angriffen auf den Vatikan gedroht. «Ihr Kreuz in Rom
wird vernichtet», hieß es darin. In Somalia gebe es einen
Aufruf zur «Jagd auf den Papst», berichtete das staatliche
Fernsehen in Rom. Italienische Geheimdienste hätten auch auf
mögliche Gefahren für italienische Soldaten im Ausland
hingewiesen. Italien hat etwa im Irak, in Afghanistan und im Libanon
UN-Truppen stationiert. Zudem habe der Privatsender Tg5 am Samstagabend
ein Anti-Vatikan-Video gezeigt, das El Kaida zugeschrieben werde,
berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa.
(Quelle: dpa)
Sozialdemokraten verlieren die Wahl in Schweden
Mo.18.09.06 - Schweden bekommt nach zwölf Jahren wieder eine konservative
Regierung. Das Bündnis von vier Parteien der rechten Mitte unter
Führung der Moderaten Sammlungspartei (MS) errang bei der
Reichstagswahl am Sonntag nach vorläufigen Ergebnissen 48,1
Prozent der Stimmen. Die drei Parteien der Mitte-links-Koalition von
Ministerpräsident Göran Persson kamen nur auf 46,2 Prozent.
An der Wahl beteiligten sich 80,4 Prozent der 6,8 Millionen Wähler
- 1,3 Prozentpunkte mehr als 2002.
Persson räumte am Sonntagabend seine Niederlage ein und
kündigte den Rücktritt des Kabinetts an. Persson, der zehn
Jahre lang Regierungschef war, will im März nächsten Jahres
auch sein Amt als Vorsitzender der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei
(SAP) niederlegen. «Wir haben die Wahl verloren, aber wir sind
keine geschlagene Partei», sagte der 57-Jährige. Jetzt
müsse eine neue Generation die Arbeit übernehmen. Die SAP
erzielte mit einem Anteil von 35,3 Prozent das schlechteste Ergebnis
bei einer Parlamentswahl seit 1914.
Oppositionsführer Fredrik Reinfeldt bezeichnete den Wahlsieg als
ein Ergebnis der Teamarbeit im bürgerlichen Lager. Die Moderate
Sammlungspartei allein gewannen 26,1 Prozent der Stimmen, elf
Prozentpunkte mehr als bei der Wahl vor vier Jahren.
Die Christdemokraten (KD), die Zentrumspartei (CP) und die Liberale
Partei kamen auf jeweils sechs bis acht Prozent der Stimmen. «Es
wäre schöner gewesen, wenn wir uns verbessert
hätten», sagte der Vorsitzende der Liberalen Volkspartei
(FP), Lars Leijonborg. «Aber am wichtigsten ist, dass wir eine
neue Regierung bekommen.» Die Liberalen litten im Wahlkampf unter
der Enthüllung, dass sich ein Mitarbeiter mit einem gestohlen
Passwort den Zugang ins Intranet der Sozialdemokraten verschafft hat.
Von den bisherigen Regierungsparteien erhielt die Linkspartei (VP) 5,8
Prozent, die Umweltpartei der Grünen (MP) erreichte 5,2 Prozent.
Der 41-Jährige Reinfeldt hat eine Reform des bisherigen
Wohlfahrtsstaats angekündigt. Außerdem will er das
kräftige Wirtschaftswachstum von zuletzt fünf Prozent mehr
als bisher in neue Arbeitsplätze übersetzen.
(Quelle: ap)
Deutschland
Landtagswahlen - SPD bleibt in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern am
Ruder
Einzug der NPD in das Schweriner Landesparlament
Mo.18.09.06 - Die SPD bleibt in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern stärkste Kraft
und stellt mit Klaus Wowereit und Harald Ringstorff auch künftig
die Regierungschefs. Das ist das Ergebnis der Landtagswahlen am Sonntag
in beiden Ländern. In der Hauptstadt bauten die Sozialdemokraten
ihre Führung aus und können jetzt zwischen Linkspartei.PDS
und Grünen als Koalitionspartner wählen. In
Mecklenburg-Vorpommern erlitten sie dagegen schwere Verluste, dort hat
Rot-Rot nur noch eine Stimme Mehrheit.
Überschattet wurde der Wahltag vom Einzug der NPD in den
Schweriner Landtag. Die Rechtsextremisten kamen im nördlichsten
der neuen Bundesländer auf 7,3 Prozent und sind damit künftig
nach Sachsen in einem zweiten deutschen Landtag vertreten. Die
Wahlbeteiligung ging in beiden Ländern um rund zehn Punkte auf
59,2 (Mecklenburg-Vorpommern) und 58 Prozent (Berlin) zurück.
Die Führungsgremien der Bundesparteien kommen an diesem Montag (ab
09.00 Uhr) in Berlin zusammen, um über bundespolitische
Konsequenzen zu beraten. Im Vordergrund dürften die geringe
Wahlbeteiligung sowie der NPD-Erfolg im Nordosten stehen. Auch in
einige Berliner Bezirksparlamente zog die NPD ein. In Schwerin
demonstrierten am Wahlabend 400 Menschen friedlich gegen die
Rechtsextremisten.
In Mecklenburg-Vorpommern sank die SPD von 40,6 auf nur noch 30,2
Prozent Stimmenanteil. Damit hatten sie aber schließlich doch die
Nase vor der CDU, die bei leichten Verlusten von 31,4 auf 28,8 Prozent
sank, so dass ihr Spitzenkandidat Jürgen Seidel keine Chance mehr
auf Ablösung Ringstorffs als Regierungschef hat. Die bisher
mitregierende Linkspartei.PDS verbesserte sich leicht von 16,4 auf 16,8
Prozent. Damit konnte sie die Verluste der SPD nicht annähernd
wettmachen, doch recht es erneut für eine rot-rote Mehrheit mit 36
zu 35 Sitzen. Ringstorff erklärte, mit Linkspartei.PDS und CDU
Sondierungsgespräche führen zu wollen.
In Berlin wurde die SPD nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis
mit 30,8 Prozent der Stimmen stärkste politische Kraft. Die CDU
mit ihrem Spitzenkandidaten Friedbert Pflüger kassierte mit 21,3
Prozent (minus 2,5) ihr schlechtestes Ergebnis seit 1946. Die
Grünen legten mit 13,1 Prozent (plus 4) deutlich zu. Die
Linkspartei.PDS kam auf 13,4 Prozent (minus 9,2). Die FDP erreichte 7,6
Prozent (minus 2,9). Die WASG, die getrennt von der PDS antrat,
erzielte 2,9 Prozent. Wahlsieger Wowereit legte sich in ersten
Stellungnahmen am Sonntagabend nicht fest, ob er lieber mit der
Linkspartei oder den Grünen eine Koalition hätte: «Wir
werden es daran messen, mit wem wir so viel Sozialdemokratie wie
möglich durchsetzen können», sagte er.
(Quelle: ap)
Rüttgers fordert erneut schärferes soziales Profil der CDU
Mo.18.09.06 - Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident und
CDU- Landesvorsitzende Jürgen Rüttgers hat seine Forderung nach
einem schärferen sozialpolitischen Profil seiner Partei
bekräftigt. Wer den Erfolg der CDU als Volkspartei wolle,
müsse sich den sozialen und ökonomischen Fragen in gleichem
Maße widmen, sagte Rüttgers am Samstag auf einem
CDU-Landesparteitag in Münster. Damit setzte Rüttgers, der
auch stellvertretender Vorsitzender der Bundes-CDU ist, die von ihm im
Sommer angeregte und von Parteichefin Angela Merkel als
«Phantomdebatte» abgetane Diskussion fort.
«Es ist mir ernst, diese Debatte muss geführt werden
innerhalb der Partei», sagte Rüttgers vor den Delegierten.
Der Ministerpräsident unterstrich damit seine Thesen aus seinem
Aufsehen erregenden Sommerinterview, in dem er seiner Partei
«Lebenslügen» vorgeworfen hatte, wiederholte diesen
Begriff aber nicht.
Steuersenkungen und Lohnverzicht führten nicht automatisch dazu,
dass Arbeitsplätze entstünden oder erhalten blieben, sagte
Rüttgers. Kostenwettkampf nach unten könne keine Lösung
sein, sagte der Ministerpräsident weiter: «Der Mensch muss im
Mittelpunkt stehen, nicht der Staat oder Markt.» Wer das
christliche Menschenbild aufgebe, gefährde Identität und
Mehrheitsfähigkeit der Union. «Und wenn wir die Wahrheit
nicht zur Kenntnis nehmen, dann kriegen wir bald auch immer niedrigere
Wahlergebnisse, weil die Fragen der Leute bei uns nicht mehr
vorkommen», sagte der CDU-Politiker.
Rüttgers sprach sich auch für eine generelle
Überarbeitung der Arbeitsmarktreform Hartz IV aus. Bei der
Umsetzung der Reform sei eine Vielzahl von Fehlern gemacht worden, sagte
der Ministerpräsident und fügte hinzu: «Es kann nicht
sein, dass mit Hartz IV voll auf das zugegriffen wird, was sich
Arbeitnehmer für das Alter erspart haben. Das ist unfair und
ungerecht.»
Scharfe Kritik übte Rüttgers an den Vermittlungsagenturen
für Arbeitslose (ARGEn). «Entweder, die Arbeitsvermittlung
wird bald besser, oder die ARGEn müssen aufgelöst und die
Aufgaben an die Kommunen übertragen werden.» Er forderte die
Bundesregierung auf, die Zuschüsse für die Unterbringung von
Hartz IV-Empfängern 2007 von zwei auf 5,7 Milliarden Euro zu
erhöhen.
Neuer Generalsekretär der nordrhein-westfälischen CDU ist der
Jurist und Landtagsabgeordnete Hendrik Wüst. Die 670 Delegierten
wählten den 31-Jährigen mit 89,4 Prozent der Stimmen zum
Nachfolger von Hans-Joachim Reck, der im Frühjahr
zurückgetreten war. Wüst war bereits seit April kommissarisch
im Amt.
(Quelle: ap)