Aktuelle Nachrichten
Irak am achthunderteinundvierzigsten Tag nach Erlangung der formellen
Souveränität
US-Präsident Bush lehnt Aufteilung Iraks in drei autonome Regionen
ab. Bogen der Gewalt von Basra bis Mossul - Bei Anschlägen und
Überfällen mindestens 28 Menschen getötet. Blair lehnt
Abzug aus dem Irak ab
Mi.18.10.06 - US-Präsident George W. Bush hat Vorschläge zur Unterteilung
des Irak in drei autonome Regionen für Kurden, Schiiten und
Sunniten zurückgewiesen. Dies würde auf "noch
größere Unordnung als jetzt" hinauslaufen, sagte Bush am
Montag dem TV-Sender Fox News. Gäbe es drei autonome Regionen, so
würde dies unter anderem Probleme zwischen den Kurden, der
Türkei und Syrien heraufbeschwören, fügte Bush hinzu. Das
irakische Parlament hatte in der vergangenen Woche ein
Föderalimsus-Gesetz verabschiedet, mit dem nach Ablauf von 18
Monaten der Zusammenschluss mehrerer Regionen ermöglicht wird.
Bei Bombenanschlägen und Überfällen überall im Irak
sind am Dienstag mindestens 28 Menschen ums Leben gekommen. In Balad,
eine Autostunde nördlich von Bagdad, unterstützten US-Soldaten
irakische Truppen in ihrem Einsatz gegen bürgerkriegsähnliche
Kämpfe zwischen Sunniten und Schiiten, denen in den vergangenen
Tagen etwa 100 Menschen zum Opfer fielen.
Der Bogen der Gewalt spannte sich am Dienstag von Basra im Süden
über Bagdad bis nach Mossul im Norden. In der überwiegend
schiitischen Stadt Basra erschossen Bewaffnete aus dem fahrenden Auto
heraus zehn Menschen. Unter den Opfern waren nach Polizeiangaben vier
Studenten vor der Universität von Basra und eine bekannte
Ärztin auf ihrem Weg zur Arbeit.
Bei der Explosion einer am Straßenrand versteckten Bombe kamen
bei Karma, 60 Kilometer westlich von Bagdad, fünf irakische
Soldaten ums Leben. In Balad Rus, 70 Kilometer nordöstlich von
Bagdad, überfielen unbekannte Angreifer das Haus einer schiitischen
Familie und erschossen nach Polizeiangaben die Mutter sowie vier
erwachsene Söhne. Zwei Bewohner von Bagdad kamen bei einem Angriff
mit einer Mörsergranate ums Leben.
Mehrere Anschläge wurden auch wieder aus dem kurdischen Norden
gemeldet. In der Nähe der Polizeiakademie von Kirkuk sprengten sich
zwei Selbstmordattentäter in ihren Autos in die Luft. In Mossul
erschossen mehrere bewaffnete Männer ein Mitglied der Patriotischen
Union Kurdistans (PUK).
Die Kämpfe zwischen Sunniten und Schiiten in Balad begannen am
Freitag mit der Ermordung von 17 schiitischen Arbeitern. Bei
anschließenden Racheakten schiitischer Todesschwadronen wurden 74
Sunniten getötet. Zahlreiche Bewohner flohen über den Tigris
in die überwiegend von Sunniten bewohnte Nachbarstadt Duluija. Am
Dienstag war Balad weitgehend von der Außenwelt abgeriegelt.
US-Truppen unterstützten nach Militärangaben irakische Armee-
und Polizeikräfte in den Bemühungen, der Gewalt ein Ende zu
setzen.
Seit Beginn des Monats wurden nach einer Zählung der
Nachrichtenagentur AP mehr als 700 Iraker getötet. Das sind 44 am
Tag und somit deutlich mehr als der bisherige Durchschnitt von 27 seit
April 2005. Auch in den Reihen der US-Streitkräfte wurden im
Oktober bisher weit mehr Soldaten getötet als in den vergangenen
Monaten - in den ersten beiden Oktoberwochen waren es bereits 58.
Der britische Premierminister Tony Blair hat derweil einen von den
Streitkräften ins Gespräch gebrachten Abzug aus dem Irak
entschieden abgelehnt. Die Folgen für das Land wären
verheerend, sagte Blair am Dienstag auf einer Pressekonferenz in London.
Der Einsatz diene auch der Sicherheit Großbritanniens wie der
gesamten Welt. Blair reagierte damit auf Äußerungen des
Heereschefs Richard Dannatt, der die Irak-Politik der Regierung in der
vergangenen Woche als naiv kritisiert und sich für einen Abzug
ausgesprochen hat.
Der Völkermordprozess gegen Saddam Hussein wurde unterdessen nach
sechstägiger Pause am Dienstag in Bagdad fortgesetzt. Der
gestürzte Staatschef war ebenso anwesend wie seine sechs
Mitangeklagten. In dem Prozess geht es um Verbrechen an der kurdischen
Bevölkerung. Bei einem Schuldspruch droht allen Angeklagten die
Todesstrafe.
(Quellen: afp, ap)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. 2003 bis 30.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Teil 7: 01.05. 2005 bis 18.10.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_07.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am vierhundertsiebenundsiebzigsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
Di.18.10.05 - Siebzig Tote bei US-Luftangriffen +++ Irakische Wahlkommission geht
Vorwürfen von Wahlbetrug nach +++ Anzeichen auf eine Annahme des
Grundgesetzes mehren sich +++ Sunniten befürchten Zunahme der
Anschläge...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv7/k0510180.htm#news
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.2004 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_k01.htm#bodycount
Sa.04.02.2006 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 2.248
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen. Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
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Britische Truppen ziehen aus südafghanischer Region ab
Mi.18.10.06 - Britische Soldaten sind aus der Region Mussa Kala in der
südafghanischen Provinz Helmand abgezogen. Der Schritt erfolgte
nach einer entsprechenden Vereinbarung mit Stammesführern und der
Provinzregierung, wie ein NATO-Sprecher am Dienstag mitteilte. Auch der
afghanische Präsident Hamid Karsai sei über den Rückzug
der Briten informiert gewesen. Zur Begründung hieß es, die
Lage in Mussa Kala habe sich nachhaltig gebessert.
Die amerikanische Luftwaffe flog derweil Angriffe auf Stellungen der
Taliban und tötete einen mutmaßlichen Funktionär der
mittleren Führungsebene. Bis zu 15 weitere Extremisten kamen nach
NATO-Angaben ebenfalls ums Leben. Auf das Tal Chod in der Provinz
Urusgan seien drei gut 200 Kilogramm schwere Bomben abgeworfen worden.
Damit hätten die US-Truppen die NATO-Verbände in der Region
sowie afghanische Einheiten unterstützen wollen, die zuvor von
Aufständischen unter Beschuss genommen worden seien.
(Quelle: ap)
Nahost-Konflikt
Palästinenserpräsident stellt Bildung von Expertenregierung
in Aussicht. Laut Abbas war Israel zu Freilassung von Häftlingen
bereit. Sieben Palästinenser bei israelischen
Militäreinsätzen getötet
Mi.18.10.06 - Angesichts der Schwierigkeiten bei der Diskussion um ein gemeinsames
Regierungsprogramm zwischen Hamas und Fatah zieht der
palästinensische Präsident Mahmud Abbas verstärkt eine
von Technokraten gestellte Regierung in Erwägung. Er werde
«sehr bald» eine entsprechende Entscheidung treffen, sagte
Abbas am Dienstag in Ramallah. Sollten die Gespräche mit der Hamas
ergebnislos bleiben, könnte eine neue Regierung aus
Unabhängigen und Technokraten die einfachste Lösung sein.
Er werde der Hamas eine solche Regierung aber nicht aufzwingen, betonte
der Präsident. Ein Hamas-Sprecher erklärte, eine
Regierungskoalition auf breiter Basis sei die beste Option. Allerdings
werde auch eine Regierung aus Technokraten die Verantwortung für
die Palästinenser nicht tragen können, wenn das eine Regierung
der nationalen Einheit nicht könne, sagte Fausi Barhum.
Abbas erklärte weiter, Israel sei vor der Entführung des
Soldaten Gilad Schalit zur Freilassung zahlreicher
palästinensischer Häftlinge bereit gewesen. Der israelische
Ministerpräsident Ehud Olmert habe ihm im Sommer erklärt, er
werde überrascht sein von der Zahl an Gefangenen, die Israel auf
freien Fuß setzen wolle. Nach der Verschleppung des israelischen
Soldaten durch militante Palästinenser im Juni seien diese
Gespräche jedoch abrupt abgebrochen worden.
Bei israelischen Militäreinsätzen in den
Palästinensergebieten sind gestern insgesamt sieben
Palästinenser getötet worden. Unter ihnen ist auch ein
ranghohes Mitglied der Al- Aksa-Brigaden, dem militärischen Arm der
Fatah-Bewegung von Präsident Mahmud Abbas.
(Quellen: ap, dpa)
UN werfen Eritrea Verletzung der Waffenruhe mit Äthiopien vor
Mi.18.10.06 - Die Vereinten Nationen haben Eritrea vorgeworfen, das 2000
unterzeichnete Waffenstillstandsabkommen mit Äthiopien verletzt zu
haben. Die eritreischen Streitkräfte seien mit 1.500 Soldaten und
14 Panzern in die Pufferzone zwischen beiden Staaten eingerückt,
sagte der Sprecher von UN-Generalsekretär Kofi Annan, Stephane
Dujarric, am Montag in New York. Die Soldaten hätten auch einen
UN-Kontrollpunkt besetzt. Annan zeigte sich tief besorgt und rief die
Regierung in Asmara zum sofortigen Rückzug der Truppen auf.
Eritrea erlangte 1993 nach 30-jährigem Guerillakrieg die
Unabhängigkeit von Äthiopien, ohne dass damals der
Grenzverlauf genau festgelegt wurde. Deswegen kam es 1998 zum Krieg, der
mehrere zehntausend Menschen das Leben kostete. Im Dezember 2000
unterzeichneten beide Seiten in Algerien ein Friedensabkommen.
(Quelle: ap)
Vier Jahre Haft für chinesischen Internet-Dissidenten
Mi.18.10.06 - Ein chinesischer Internet-Dissident ist wegen des Vorwurfs staatlicher
Subversion zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Ein Gericht in der
nördlichen Provinz Hebei habe den Menschenrechtsaktivisten Guo
Qizhen der "Unterwanderung der staatlichen Souveränität"
für schuldig gesprochen, sagte dessen Anwalt Li Jianqiang der
Nachrichtenagentur AFP. "Wir glauben, dass das Gericht nicht das
richtige Urteil gefällt hat", sagte der Anwalt. Guo werde daher
Berufung einlegen. Eine Stellungnahme des Gerichts in der Stadt Cangzhou
zu dem Urteil war am Dienstag nicht erhältlich.
(Quelle: afp)
Stichwahl im November entscheidet über neuen Präsidenten in
Ecuador
Mi.18.10.06 - Die Präsidentenwahl in Ecuador wird erst am 26. November in einer
Stichwahl entschieden. Nach Auszählung von 50,3 Prozent der Stimmen
lag der schwerreiche Unternehmer Alvaro Noboa mit 27,4 Prozent in
Führung, der linksgerichtete Wirtschaftswissenschaftler Rafael
Correa kam auf 22 Prozent, wie das Oberste Wahltribunal erklärte.
Die anderen elf Kandidaten folgten mit weitem Abstand.
Um die Wahl in der ersten Runde am Sonntag für sich zu
entscheiden, hätte ein Kandidat die absolute Mehrheit erreichen
oder bei einem eigenen Ergebnis von mehr als 40 Prozent seine Rivalen um
mindestens zehn Prozentpunkte distanzieren müssen. Correa rief
seine Anhänger auf, die Auszählung genau zu verfolgen. Wenn er
nicht siege, deute das auf Betrug und Unregelmäßigkeiten hin.
Noboa erklärte, Correa sei ein schlechter Verlierer.
Der Andenstaat mit 13,4 Millionen Einwohnern hatte in den vergangenen
zehn Jahren sieben Präsidenten, von denen drei des Amtes enthoben
wurden. Übergangspräsident Alfred Palacio übernahm das
höchste Regierungsamt 2005 von Lucio Gutierrez, der nach
Massenprotesten vom Kongress abgesetzt wurde. Die Parteien und
politischen Institutionen gelten vielen Wählern als korrupt und
unfähig. Drei Viertel der Ecuadorianer leben nach Angaben der UN in
Armut.
Noboa ist der reichste Mann des Landes. Der 55-jährige
Bananen-Tycoon, dem 110 Unternehmen gehören, trat zum dritten Mal
bei einer Präsidentschaftswahl an. Er hat vor allem den Armen
Unterstützung versprochen. Correa, der in Umfragen vor der Wahl
knapp in Führung lag, ist ein Bewunderer des linksgerichteten
venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez. Er profilierte sich mit
Äußerungen gegen die Politik der US-Regierung und
internationale Finanzinstitutionen. Der 43-Jährige versprach eine
«Revolution der Bürger» gegen das diskreditierte
politische System. 2005 war er für kurze Zeit Finanzminister.
(Quelle: ap)
EU begrüßt Beitritt Rumäniens und Bulgariens im Januar
2007
Mi.18.10.06 - Die EU hat den Beitritt Rumäniens und Bulgariens zum 1. Januar
2007 begrüßt. Die Außenminister der noch 25 EU-Staaten
nahmen am Dienstag offiziell den Bericht der EU-Kommission vom 26.
September zur Kenntnis, der beiden Ländern die Beitrittsreife
bescheinigt hat. Der Rat begrüße die Feststellung der
Kommission, dass beide Länder «in der Lage sein werden, die
Rechte und Verpflichtungen der Mitgliedschaft am 1. Januar 2007 zu
übernehmen», heißt es in der Erklärung
wörtlich.
Eine Zustimmung der Minister zu dem Bericht war rechtlich nicht mehr
notwendig: Bulgarien und Rumänien hatten bereits im April 2005
Verträge für einen EU-Beitritt zum 1. Januar 2007
unterzeichnet. Nur wenn die EU-Kommission von einer darin
festgeschriebenen Schutzklausel Gebrauch gemacht und eine Verschiebung
des Beitritts auf 2008 empfohlen hätte, wäre eine Abstimmung
im Ministerrat erforderlich geworden.
Die Beitrittsverträge müssen allerdings von allen 25
gegenwärtigen EU-Staaten ratifiziert werden. Es wird erwartet, dass
Deutschland und Dänemark als letzte Mitgliedstaaten dies im
November tun werden.
(Quelle: ap)
Neuauflage der bisherigen Regierungskoalition in Polen
Mi.18.10.06 - Gut drei Wochen nach dem Rauswurf der rechtspopulistischen Bauernpartei
Samoobrona aus der Regierung hat Polens Ministerpräsident Jaroslaw
Kaczynski das Bündnis mit dem früheren Partner erneuert.
Kaczynskis konservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) und die
katholische Liga der polnischen Familien (LPR) einigten sich mit
Samoobrona auf eine neue Koalition, wie Regierungssprecher Jan
Dziedziczak mitteilte. Das Bündnis verfügt im Parlament
über keine absolute Mehrheit. Die von der größten
Oppositionspartei Bürgerplattform (PO) beantragte Abstimmung auf
Selbstauflösung wurde aber mit deutlicher Mehrheit abgelehnt.
Präsident Lech Kaczynski, der Zwillingsbruder des Regierungschefs,
ernannte unter Ausschluss der Öffentlichkeit Samoobrona-Chef
Andrzej Lepper wieder zum Vize-Ministerpräsidenten und
Agrarminister. Lepper war im vergangenen Monat vom Regierungschef noch
als Unruhestifter bezeichnet und entlassen worden. "Der Präsident
hofft, dass diese Ernennung das Ende der politischen Krise bringt und
dass die Koalition in Ruhe arbeiten kann", sagte
Präsidentensprecher Maciej Lopinski zur neuerlichen Berufung
Leppers. Die drei Koalitionsparteien hätten eine gemeinsame
programmatische Erklärung unterzeichnet, über deren Inhalt
zunächst nichts mitgeteilt wurde.
Der Antrag auf Selbstauflösung des Sejm, wo die drei
rechtsgerichteten Regierungsparteien über die Hälfte der
Mandate verfügen, hatte wie erwartet keinen Erfolg. Für eine
Auflösung des Parlaments wäre eine Zweidrittelmehrheit
erforderlich gewesen. Insgesamt lehnten 243 Abgeordnete den Antrag ab,
182 stimmten dafür, 22 Abgeordnete enthielten sich.
Der Präsident der Bürgerplattform, Donald Tusk, sagte in der
hitzigen Parlamentsdebatte, Regierungschef Kaczynski habe sein vor zwei
Wochen gegebenes Versprechen gebrochen, "nie wieder mit Leuten mit
miserablem Ruf zu verhandeln." Statt dessen habe Kaczynski nun eine
"Koalition des miserablen Rufs" wiedererschaffen.
Hintergrund der Einigung auf eine Fortsetzung des
Dreier-Bündnisses, das sich über den Haushaltsentwurf für
2007 und die Entsendung von weiteren Soldaten nach Afghanistan
zerstritten hatte, sind die schlechten Umfragewerte. Nach einer am
Dienstag veröffentlichen Umfrage wünschen sich 60 Prozent der
Polen Neuwahlen, damit die politische Krise überwunden werden kann.
Für die Bürgerplattform würden nach zuvor
veröffentlichten Umfragen bis zu 38 Prozent der Wähler
stimmen, für die PiS nur 25 Prozent. Noch im Frühjahr
rangierte die Partei der Zwillingsbrüder Kaczynski weit vorn.
(Quelle: afp)
110 Flüchtlinge in Griechenland aufgegriffen
Mi.18.10.06 - Die griechische Küstenwache hat am Dienstag 110 Flüchtlinge
aufgegriffen, die illegal einreisen wollten. Sie seien an Bord einer
Yacht vor der Insel Farmakonissi in der Ägäis entdeckt worden,
teilte das Handelsmarine-Ministerium mit. Unter ihnen seien 26 Kinder.
Woher die Flüchtlinge stammten, wurde zunächst nicht bekannt.
Außerdem wurden den Angaben zufolge an Bord des Bootes zwei
mutmaßliche Schmuggler festgenommen. Jedes Jahr versuchen
tausende Flüchtlinge über den Seeweg nach Griechenland zu
gelangen, viele kommen aus der Türkei.
(Quelle: ap)
Flugverkehr erschwert Klimaschutz in Großbritannien
Mi.18.10.06 - Der zunehmende Flugverkehr wird nach einer am Dienstag
veröffentlichten Studie Großbritannien daran hindern, seine
Ziele für den Klimaschutz zu erreichen. Die Regierung will die
Emission von Treibhausgasen entsprechend den im internationalen
Kyoto-Protokoll eingegangenen Verpflichtungen bis 2050 um 60 Prozent
drosseln. Dies sei inzwischen unrealistisch, selbst bei den
konservativsten Prognosen für die Entwicklung des Luftverkehrs,
erklärte Brenda Boardman vom Institut für
Umweltveränderungen der Universität Oxford bei der Vorstellung
der Studie. «Wenn die Wachstumsraten im Flugverkehr nicht
eingedämmt werden, kann Großbritannien seine Verpflichtungen
zum Klimaschutz nicht erfüllen.» Dem Bericht zufolge wird der
Anteil des Flugverkehrs an den Schadstoffemissionen von derzeit 5,5
Prozent bis 2050 auf etwa ein Viertel steigen.
(Quelle: ap)
Klimawandel - Rasche Erwärmung in Deutschland sehr wahrscheinlich
Mi.18.10.06 - In Deutschland wird es sehr wahrscheinlich rasch wärmer und vor
allem im Sommer deutlich weniger regnen. Dies zeigt ein neues
Klimamodell des Umweltbundesamts (UBA), das am Dienstag in Berlin
präsentiert wurde. Eine Erwärmung um zwei bis drei Grad im
Jahresmittel bis zum Jahr 2100 ist demnach sehr wahrscheinlich.
Der stärkste Temperaturanstieg wäre dabei im Winter zu
erwarten; Frost- und Schneetage würden also deutlich weniger. Laut
dem Modell wird es zudem im Sommer im Durchschnitt 30 Prozent weniger
regnen, besonders betroffen werden der Nordosten und der Südwesten
Deutschlands.
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel mahnte zu einer stärkeren
Auseinandersetzung mit dem Klimawandel und forderte eine nationale
Strategie. «Wir müssen uns heute anpassen, um morgen nicht
von seinen wirtschaftlichen und sozialen Folgen überrollt zu
werden», erklärte der SPD-Politiker anlässlich eines
nationalen Klima-Workshops in Berlin.
Das Umweltbundesamt verwies auf bereits spürbare
Wetteränderungen und die Folgen. So müsse sich Deutschland auf
häufigere, steilere und schnellere Hochwasserwellen einstellen. In
der Forstwirtschaft erhöhe sich die Waldbrandgefahr, und die
Belastung durch Wassermangel und Schädlinge steige; besonders
anfällig sei die wegen ihres schnellen Wachstums am häufigsten
angebaute Fichte. Als abschreckendes Beispiel gilt die aktuelle
Borkenkäferplage in Mittelfranken, der über 2.500 Hektar
Fichtenbestände zum Opfer gefallen sind. Eine mögliche
Gegenstrategie sind laut UBA «Umbauprogramme» hin zu
Mischwäldern.
Auch der Mensch ist direkt betroffen, zum Beispiel durch große
Hitze. Laut dem Klimamodell könnte sich etwa für Freiburg bis
2100 die Zahl «heißer Tage» mit über 30 Grad
gegenüber dem Vergleichzeitraum 1961-90 auf rund 25 fast
verdoppeln, die Zahl der Tropennächte mit Minimum 20 Grad beinahe
verdreifachen. Nach Angaben des deutschen Wetterdienstes wird die Zahl
hitzebedingter Todesfälle im «Jahrhundertsommer» 2003
auf etwa 7.000 und für ganz Westeuropa auf etwa 35.000
geschätzt. Auch hier gibt es laut Umweltbundesamt
Gegenmaßnahmen wie mehr Bäume und grüne Dächer in
den Städten.
Hochwasser, Dürren und Stürme haben in den vergangenen zehn
Jahren in Deutschland volkswirtschaftliche Schäden von mindestens
16,5 Milliarden Euro verursacht. Dies könnte laut UBA bis 2050 auf
eine Größenordnung von jährlich weit mehr als 20
Milliarden Euro anwachsen.
Der Klimaexperte der Versicherung Münchener Rück, Peter
Höppe, berichtete von einer drastischen Zunahme der
Katastrophenschäden in den letzten Jahrzehnten. So sei der
Jahrhundertsommer 2003 ein «450-Jahres-Ereignis». Die Zahl
der Hurrikane und Taifune habe 2004 und 2005 neue Rekorde erreicht. In
seiner Branche habe angesichts hoher Schadensbilanzen deswegen ein Nach-
und Umdenken eingesetzt, erklärte er. Man passe die Risikomodelle
der veränderten Gefährdungssituation an.
Der beschleunigte Anstieg der Meeresspiegel und die zu erwartende
Zunahme starker Stürme stellen den Küstenschutz an Nord- und
Ostsee vor neue Herausforderungen, wie der Forscher Michael Schirmer von
der Universität Bremen berichtete. Besonders betroffen sei die
deutsche Nordseeküste. Hier müssten die
regelmäßigen Erhöhungen der Deiche entweder schneller
erfolgen, oder es müssten wie in den Niederlanden unter
Umständen zweite oder dritte Deichlinien errichtet werden.
(Quelle: ap)
Experten warnen vor deutlich mehr Arbeitslosen wegen Rente mit 67
Mi.18.10.06 - Arbeitsmarktexperten befürchten bis zum Jahr 2030 einen
erheblichen Anstieg der Arbeitslosigkeit wegen der Einführung der
Rente mit 67. Laut einer am Dienstag veröffentlichten Studie des
Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Nürnberger
Bundesagentur für Arbeit, müssten bis zu drei Millionen Jobs
zusätzlich entstehen, um die Reform am Arbeitsmarkt verkraften zu
können. Die Verlierer wären ansonsten vor allem Jüngere
und Niedrigqualifizierte, warnten die IAB-Forscher.
Als Grund nennt die Studie, dass die von 2012 an geplante schrittweise
Anhebung der Altersgrenze ausgerechnet die geburtenstarken
Jahrgänge der sechziger Jahre besonders stark treffen werde. So
werde die neue Altersgrenze von 67 Jahren im Jahr 2030 voll zum Tragen
kommen. Just zu dieser Zeit komme die Babyboom-Generation ins
Rentenalter. «Zusammen genommen, ergibt das eine gewaltige Zunahme
an älteren Arbeitskräften», warnen die
Arbeitsmarktforscher. Verschärft würde die Lage zudem, wenn
die angestrebten Maßnahmen der Politik zur Eindämmung der
Frühverrentungen Wirkung zeigten.
Damit die Arbeitslosigkeit nicht ansteige, müssten damit je nach
Lage der Dinge «zwischen 1,2 Millionen und deutlich mehr als drei
Millionen möglichst sozialversicherungspflichtige Jobs
zusätzlich entstehen», erklären die IAB-Experten. Die
Opfer der Reform könnten sonst vor allem jüngere Menschen
sein, da zu wenig ältere Beschäftigte aus dem Berufsleben
ausscheiden und Arbeitsplätze freimachen.
Vor allem drohe sich aber für gering Qualifizierte die Lage am
Arbeitsmarkt weiter zu verschlechtern. Während bei Akademikern
heute zwei Drittel, sowie bei den Handwerksmeistern und Technikern mehr
als die Hälfte im Alter von 60 bis 64 Jahren noch erwerbstätig
seien, «ist es bei den Personen ohne Berufsabschluss nicht einmal
jeder Vierte», mahnen die Experten.
Ohne zusätzliche Qualifizierungsmaßnahmen für
ältere Mitarbeiter sei «mit einer größeren Zahl an
Problemfällen zu rechnen». Insgesamt werde die Reform, deren
Notwendigkeit die Studienautoren nicht bestreiten, die einst wegen des
Geburtenrückgangs erhoffte demographische Entlastung am
Arbeitsmarkt «erheblich verzögern».
(Quelle: ap)
Mehr unter:
http://doku.iab.de/kurzber/2006/kb1606.pdf
Lafontaine geißelt Hartz IV als 'brutale Enteignung'
Mi.18.10.06 - Der Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Oskar Lafontaine, hat
die Arbeitsmarktreform Hartz IV als «brutale Enteignung»
vieler benachteiligter Menschen angeprangert. Zur Debatte über eine
neue Armut in Deutschland sagte der frühere Bundesfinanzminister am
Dienstag im Sender n-tv: «Alle Parteien haben daran mitgewirkt,
die Zustände herbeizuführen, die jetzt beklagt werden.»
Lafontaine zog das Fazit, die Politik tue alles, um die Armut in
Deutschland zu verschärfen, und verlangte: «Hartz IV muss
weg. Es ist ein Gesetz, das vorne und hinten nicht stimmt und diese
Armut mit erzeugt.»
Er beklagte, dass heute weniger öffentliche Bedienstete in
Gesamtdeutschland arbeiten, als Westdeutschland im Jahre 1989 hatte.
«Wir bräuchten nur einen starken öffentlichen
Beschäftigungssektor und schon könnten wir beispielsweise
für ein bis zwei Millionen Menschen die Situation erheblich
verbessern», sagte er.
(Quelle: ap)
Debatte um Armut in Deutschland hält an
Mi.18.10.06 - In der Debatte über Armut in Deutschland haben SPD und
Gewerkschaften die Reichen ins Visier genommen. "Wenn man über
Armut in Deutschland redet, darf man über Reichtum nicht
schweigen", sagte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil dem Sender
n-tv. DGB-Chef Michael Sommer forderte eine neue Verteilungsdiskussion.
Es könne nicht sein, dass "die einen immer reicher und die anderen
immer ärmer werden.
Heil warnte, die Gesellschaft drohe auseinanderzubrechen, "wenn wir
zulassen, dass es einem Drittel sehr gut geht, die Mitte der
Gesellschaft Angst hat vor sozialem Abstieg und ein Drittel der
Gesellschaft abgehängt ist". Die Gesellschaft müsse nicht nur
aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit zusammengehalten werden. Es
sei auch wirtschaftlich unvernünftig, die in Deutschland
vorhandenen Potenziale nicht zu nutzen.
DGB-Chef Sommer warnte davor, die zunehmende Aufteilung in Arm und
Reich hinzunehmen. Wer dies tue, mache sich "auf Dauer an unserer
Gesellschaft und der Demokratie in Deutschland schuldig", sagte Sommer
der "Neuen Presse". Das Problem Armut in Deutschland müsse endlich
ernst genommen werden.
Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) sagte der "Berliner
Zeitung", soziale Gegensätze hätten sich über
Generationen hinweg verfestigt. Hartz IV sei nicht Ursache der neuen
Armut, sondern bringe sie lediglich an die Oberfläche. "Und unsere
Gesellschaft ist von unten nach oben zweifelsohne undurchlässiger
geworden", sagte der SPD-Politiker.
Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) sagte dem "Kölner
Stadt-Anzeiger": "Es gibt einen Sog nach unten." Die Armut verfestige
sich. "Sie wird wieder ein Status und ein Schicksal und nicht ein
vorübergehendes Außer-Tritt-Geraten."
Der familienpolitische Sprecher der Union im Bundestag, Johannes
Singhammer (CSU), warnte dagegen vor einer "Verengung der Debatte" und
hielt der SPD taktische Interessen vor. "Es gibt auch eine große
Mittelschicht, die sich in einer ähnlich schwierigen Situation
sieht", sagte er dem "Münchner Merkur" vom Dienstag.
Auf Antrag der Grünen und der Linksfraktion berät der
Bundestag am Donnerstag in einer Aktuellen Stunde über Armut in
Deutschland.
(Quelle: afp)
Dax-Vorstände gönnen sich Millionenegehälter
Die Chefs der 30 im DAX notierten Großunternehmen bekamen 2005 im
Schnitt 1,7 Millionen Euro. An der Spitze steht laut Deutscher
Schutzgemeinschaft Wertpapierbesitz Josef Ackermann (Deutsche Bank) mit
einem Jahreseinkommen von 8,4 Millionen Euro... Mehr in der taz vom
17.10.06:
http://www.taz.de/pt/2006/10/17/a0058.1/text
Stichwort: Armut in Deutschland
Nach allgemeinem Verständnis gilt als arm, wer sich nicht aus
eigener Kraft hinreichend und angemessen mit Kleidung, Lebensmitteln,
Wohnraum und anderen lebensnotwendigen Dingen versorgen kann.
In Deutschland besonders betroffen sind Kinder, allein Erziehende,
Arbeitslose, ältere Menschen und Behinderte.
Um Armut zu definieren, greift die Forschung auf die so genannte
einkommensbasierte Armutsrisikoquote zurück. Diese spiegelt den
Anteil jener Personen wider, deren Einkommen unter der
Armutsrisikogrenze liegen - also unterhalb derer ein Haushalt als arm
gilt. Bei der Berechnung dieser Grenze wird das so genannte
durchschnittliche monatliche Nettoäquivalenzeinkommen
berücksichtigt. Dieses bezeichnet den pro Kopf im Schnitt
verfügbaren Geldbetrag. Dabei werden auch Mieteinnahmen und
Steuerabgaben berücksichtigt. 2003 lag das
Nettoäquivalenzeinkommen in Deutschland bei 1564 Euro. Wer weniger
als 60 Prozent - also 938 Euro - zur Verfügung hat, gilt als arm.
Armut ist mit dem Begriff Existenzminimum eng verzahnt, der
unterschiedlich definiert wird. So liegt das Existenzminimum für
einen Hartz-IV-Empfänger bei 345 Euro im Monat - ohne Miete. Diese
«existenzsichernde Grundversorgung» bezeichnet die Mittel,
die zur Befriedigung der materiellen Bedürfnisse und zum
Überleben notwendig sind, beispielsweise für Nahrung oder
Kleidung.
Quelle: dpa, 17.10.2006
Auch in Frankreich wächst die Kluft zwischen Arm und Reich
Kleinverdiener, die in Autos oder unter Brücken wohnen sowie
brennende Autos und randalierende Jugendliche - Zeichen von sozialer
Ungerechtigkeit, Perspektivlosigkeit, Rassismus und
Massenarbeitslosigkeit, die in Frankreich eine neue Debatte über
Armut und Ausgrenzung auslösen.
Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Rund fünf Prozent
der 60 Millionen Einwohner leben am Existenzminimum. Vor allem in den
Großstädten ist die Armut sichtbar, wo Obdachlose unter
Brücken und in U-Bahn-Schächten hausen oder Kleinverdiener in
Autos oder Zelten leben, weil die Mieten unerschwinglich sind.
Die Vereinigung ADT-Vierte Welt schätzt die Zahl der Personen, die
in Frankreich kein festes Dach über dem Kopf haben oder in
unzumutbaren Unterkünften leben auf rund 3 Millionen, davon sollen
100 000 auf der Straße leben. Nicht alle sind zwangsläufig
auch arbeitslos. Viele von ihnen halten sich mit Gelegenheitsjobs
über Wasser. Für eine Mietwohnung - auch in Pariser
Randgebieten - reicht das Geld oft trotzdem nicht. Selbst der
gesetzliche Mindestlohn (SMIC) in Höhe von rund 1 200 Euro
monatlich für eine geregelte Arbeit garantiert kein festes Dach
über dem Kopf. Immer mehr Menschen leben in ihrem Auto oder
quartieren sich wechselnd bei Verwandten und Freunden ein.
Auch die Zahl der Empfänger von Sozialhilfe, die zwischen 400 Euro
für einen Alleinstehenden und etwas mehr als 900 Euro für ein
Paar mit zwei Kindern liegt, nimmt explosionsartig zu. So zählte
man in Frankreich Ende 2005 rund 3,5 Millionen Sozialhilfeempfänger
- 100 000 mehr als im Jahr zuvor. Am stärksten betroffen sind
Alleinerziehende sowie Menschen unter 30 Jahren und Rentner. Rund eine
Million Kinder leben in Armut.
In Frankreich gibt es 2,16 Millionen Arbeitslose. Vor allem Jugendliche
aus Einwandererfamilien aus dem Maghreb und Westafrika sind von dieser
Beschäftigungslosigkeit betroffen, die nicht zuletzt im vergangenen
Herbst zu den heftigen Gewaltausbrüchen in Frankreich geführt
hat.
Quelle: dpa, 17.10.2006
Unterschicht hat in Großbritannien Tradition
Das Thema Unterschicht hat in Großbritannien lange Tradition - es
reicht zurück bis in die Frühzeiten der Industrialisierung.
Mit Blick auf die britischen Verhältnisse prägte Karl Marx -
damals im Londoner Exil - schon Mitte des 19. Jahrhunderts seinen
Begriff Lumpenproletariat.
Heute gibt es für die Menschen am unteren Rand der britischen
Gesellschaft natürlich eine Abkürzung. Man nennt sie die
Neets: no employment, no education, no training (keine Arbeit, keine
Schulbildung, keine Ausbildung).
Trotz des Wirtschaftsbooms der vergangenen Jahre leben in
Großbritannien derzeit rund elf Millionen Menschen unterhalb der
Armutsgrenze - haben also weniger als 60 Prozent des
Durchschnittseinkommens zur Verfügung. Davon sind 3,4 Millionen
Kinder. Auch wenn sich unter der Labour-Regierung von Premierminister
Tony Blair einiges getan hat, trägt Großbritannien immer noch
die Züge einer Klassengesellschaft: Soziale Unterschiede spielen
eine größere Rolle als in anderen westlichen Ländern.
Auch der Wohlstand ist im Land der Queen extrem ungleich verteilt. Ein
Prozent der Bevölkerung besitzt 23 Prozent des Vermögens. Bei
anderen Sozialindikatoren liegt Großbritannien im internationalen
Vergleich ebenfalls zurück. Beispielsweise ist der Anteil der
Analphabeten höher als in den meisten anderen Industrienationen:
Nach einer UN-Statistik können sieben Millionen erwachsene Briten
nicht richtig lesen. Auch die Zahl der Teenager-Schwangerschaften von
Mädchen unter 18 Jahren (2004: 50 700) liegt über dem
internationalen Durchschnitt.
Traditionell können sich sozial schwache Briten weniger auf den
Staat verlassen als anderswo. Eigenverantwortung wird seit jeher
größer geschrieben als auf dem europäischen Festland -
den Begriff «Vater Staat» gibt es in der englischen Sprache
nicht. Stattdessen ist abwertend vom «Nanny State» die Rede
- einem Staat, der seine Bürger wie ein Kindermädchen
behandelt. Daran hat sich auch in den nun fast schon zehn Jahren
Amtszeit von Tony Blair nichts geändert.
Seit der Regierungsübernahme von New Labour wird aber deutlich
mehr Geld in Kindergärten, Schulen und Krankenhäuser
investiert. Dafür müssen die Briten aber auch deutlich mehr
Steuern und Abgaben zahlen. Vieles kommt den sozial Schwachen zugute.
Zugleich geht die Regierung mit einer Reihe von Maßnahmen wie
«Bürgerschaftsunterricht» an den Schulen oder einem
niedrigen Straffälligkeitsalter gegen unsoziales Verhalten vor.
Quelle: dpa, 17.10.2006
37 Millionen Arme in den USA
Rund 37 Millionen US-Bürger oder 12,6 Prozent der
Gesamtbevölkerung gelten als arm. 46,6 Millionen Amerikaner haben
nach Angaben der US-Statistikbehörde keine Krankenversicherung.
Arbeitslosengeld wird beispielsweise im US-Bundesstaat Virginia nur
zwischen 12 und 26 Wochen gezahlt. Die Summe schwankt nach Angaben der
Behörden zwischen 54 und 330 Dollar (263 Euro) pro Woche.
Als arm gilt, wer als Single weniger als 9973 Dollar (7961 Euro) im
Jahr verdient. 20 000 Dollar sind die Grenze für eine
vierköpfige Familie. Laut Statistik sind drei Mal mehr Schwarze als
Weiße arm.
Als «Underclass» (Unterschicht) gelten in der
Umgangssprache jene, die aus dem System gefallen sind und keine
Aufstiegschancen haben. Arme Afroamerikaner werden auch «Poor
Blacks» genannt. Die ethnischen Verunglimpfungen von armen
Weißen sind facettenreicher. Sie reichen von «Joe
Dirt» (Joe Schmutz) über «White Blacks of
America» bis hin zum besonders häufig gebrauchten
«White Trash» (Weißer Abfall).
Diese Stigmatisierung zielt auf arme und einkommensschwache Weiße
gleichermaßen ab und schiebt als Art Oberbegriff für
schlechtes Benehmen, Mangel an Bildung und geringe moralische Standards
die Betroffenen in die unterste soziale Schublade. «White
Trash» wird in den USA oft auch mit Trunkenheit, lautem Benehmen
und Krakeelen assoziiert. Nach einem anderen Stereotyp weisen auch
Essgewohnheiten einen Vertreter des «White Trash» aus - wie
beispielsweise eine Vorliebe für Junk-Food und Fast-Food. Dabei
gibt es inzwischen sogar «White-Trash»-Kochbücher. In
der Rockmusik ist der Begriff längst salonfähig geworden.
Manche Weiße kokettieren mit dem Begriff und umschreiben ihr
schlechtes Benehmen mit dem Begriff «White Trash with money».
Manche der abwertenden Begriffe für Arme sind auch von deren
Lebensweise abgeleitet - wie beispielsweise die «Trailer
Fabulous», salopp übersetzt mit Wohnwagenschönheit.
Damit sind jene gemeint, die oft als Großfamilie in Wohnwagen oder
mobilen Leichtbauhäusern leben.
Quelle: dpa, 17.10.2006
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Wohlfahrtsverbände nennen Begriff 'Unterschicht' falsch und naiv
Mi.18.10.06 - In der Debatte über eine neue Armut in Deutschland hat der
paritätische Wohlfahrtsverband den Begriff Unterschicht als
«falsch und naiv» bemängelt. Armut habe ein sehr
differenziertes Gesicht, sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich
Schneider. Dazu gehöre der arbeitslose Facharbeiter über 50 im
Osten ebenso wie die Alleinerziehende ohne Beruf. «Die
Bildungsfernen sind davon nur eine kleine Gruppe, die es schon immer
gegeben hat», sagte er der «Financial Times
Deutschland» vom Dienstag.
Der Caritas-Verband erklärte, Hartz IV sei nicht schuld am
Entstehen von Bildungsferne. «Dieses Phänomen existiert
bereits länger», sagte Generalsekretär Georg Cremer. Mit
Hartz IV sei verdeckte Armut deutlich reduziert worden. Wer bis dahin
aus Scham keine Ansprüche gestellt habe, sei mit Hartz IV erstmals
eingebunden worden, sagte er.
Schneider hält Rufe nach kostenlosen Kindergärten für
sozial Benachteiligte, wie sie nun in der SPD kursieren, für
sinnlos. «Die Familien, um die es geht, zahlen auch heute keine
Gebühren, sondern sind befreit.»
Er forderte eine detaillierte Analyse. Wer Bildungsferne und mangelnde
Leistungsbereitschaft kritisiere, müsse für Perspektiven
sorgen. «Ein Hauptschüler, der keine Aussicht auf eine
Lehrstelle hat, für den lohnt sich Leistungsbereitschaft
nicht.»
(Quelle: ap)
Rufe nach Beschäftigungsprogrammen gegen Armut
Mi.18.10.06 - In der Debatte über eine neue Unterschicht wird der Ruf nach
Konsequenzen in der Arbeitsmarktpolitik lauter. Vertreter von SPD,
Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) und des Paritätischen
Wohlfahrtsverbandes forderten am Mittwoch die Politik zum Handeln auf.
CSU-Generalsekretär Markus Söder warf unterdessen der SPD vor,
für einen Großteil der «neuen Armut» in
Deutschland verantwortlich zu sein.
Der SPD-Arbeitsmarktexperte Klaus Brandner sagte der «Frankfurter
Rundschau», man müsse sich von der Illusion verabschieden,
dass alle Menschen in einen regulären Arbeitsplatz zu vermitteln
seien. Er schlug vor, den bisher Chancenlosen mit auf Dauer angelegter
öffentlicher Beschäftigung zu helfen. Die Kosten sollte der
Bund tragen, wobei nach Möglichkeit die Kommunen und auch die
Länder zu beteiligen wären. DGB-Vorstandsmitglied Annelie
Buntenbach rief in derselben Zeitung, die Politik zum Handeln auf.
«Es reicht nicht, nur über Armut zu reden. Man muss auch
etwas dagegen tun», wurde sie zitiert.
Auch die Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DPWV),
Barbara Stolterfoht, forderte, den Worten Taten folgen zu lassen.
«Ich hoffe, dass ein radikales Umdenken einsetzt», zitierte
die «Netzeitung» Stolterfoht. Die Strategien der Politik,
mit den Hartz-Reformen Menschen wieder in Arbeit zu bringen, hätten
versagt und stattdessen noch mehr Menschen arm gemacht. Die DPWV-Chefin
forderte einen Ausbau der aktiven Arbeitsmarktpolitik, sowie einen
zweiten und dritten Arbeitsmarkt. Denn viele Langzeitarbeitslose
hätten auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum noch Chancen.
CSU-Generalsekretär Söder griff den Koalitionspartner SPD
scharf an. Sieben Jahre Rot-Grün hätten zu
Massenarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit vieler Menschen
geführt, sagte Söder der «Berliner Zeitung». Es
sei deshalb peinlich für die SPD, dass ausgerechnet die ihr nahe
stehende Friedrich-Ebert-Stiftung sie mit der bitteren Wahrheit
über die Unterschicht in Deutschland konfrontiere. Söder
forderte indirekt eine Absenkung der Bezüge für
Langzeitarbeitslose. Hartz IV sei bereits ein Mindestlohn. «Weil
er so hoch ist, fehlt manchen die Motivation zur Arbeit», wurde er
zitiert.
(Quelle: ap)
Heftige Debatte über Gesundheitsreform in der SPD
Mi.18.10.06 - Bei den ersten Beratungen in den Koalitionsfraktionen über die
Gesundheitsreform ist in der SPD heftiger Streit entbrannt. Insgesamt
habe es «mehrheitlich ablehnende Stimmen» gegeben, sagte der
Gesundheitsexperte Karl Lauterbach am Rande der Sitzung am Dienstag in
Berlin. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt sagte dagegen, die Fraktion
habe verstanden, dass mit der Union der bestmögliche Kompromiss
ausgehandelt worden sei.
In der Unionsfraktion, in der zu Beginn der Sitzung Bundeskanzlerin
Angela Merkel für den Kompromiss geworben hatte, zeichnet dagegen
nach Angaben ihres Vorsitzenden Volker Kauder eine breite Zustimmung ab.
Seine Fraktion werde den Kompromiss «mit großer Mehrheit
mittragen,» sagte er.
In der SPD verteidigte neben Ministerin Schmidt auch Fraktionschef
Peter Struck den Kompromiss. Struck warb nachdrücklich um
Vertrauen. Die Stimmung sei gereizt gewesen, hieß es aus
Teilnehmerkreisen. Viele Abgeordnete hätten sich enttäuscht
geäußert, dass etwa eine stärke Steuerfinanzierung des
Gesundheitssystems oder eine weitere Einbeziehung der Privatkassen
gescheitert sei. Lauterbach plädierte erneut dafür, die
Einführung des Gesundheitsfonds um ein Jahr auf 2010 zu
verschieben. Aus seiner Sicht sei der Fonds gänzlich
überflüssig: «Wozu braucht man einen neuen Topf, wenn es
keine neuen Inhalte gibt», sagte er. Begleitet wurden die
Beratungen von anhaltend massiver Kritik der Verbände.
Die Koalitionsberatungen waren der Auftakt des Gesetzgebungsverfahrens
für die Gesundheitsreform. Am nächsten Dienstag wollen die
Fraktionen erneut über das Thema beraten, den Text
beschließen und ihn als Gesetzentwurf förmlich in den
Bundestag einbringen.
Parallel dazu wird das Bundeskabinett einen Tag später, am 25.
Oktober, einen textgleichen Entwurf beschließen und dem Bundesrat
zur Stellungnahme zuleiten. Erreicht werden soll mit diesem Verfahren
eine möglichst frühzeitige und ausführliche Beratung in
Bundestag und Bundesrat. Beendet wird das Gesetzgebungsverfahren nach
Angaben von CDU/CSU-Fraktionsgeschäftsführer Norbert
Röttgen am 16. Februar nächsten Jahres mit der
abschließenden Entscheidung des Bundesrates. Die Reform soll am 1.
April in Kraft treten.
Der Sozialverband Deutschland (SoVD) und die Volkssolidarität
forderten die Koalition zu einem Neuanfang bei der Reform auf.
SoVD-Präsident Adolf Bauer und der Präsident der
Volkssolidarität, Gunnar Winkler, kritisierten, dass erneut
einseitig die Versicherten und Patienten der gesetzlichen
Krankenversicherung belastet würden.
Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel
(SPD), forderte im Berliner «Tagesspiegel» (Mittwochausgabe)
den Verzicht auf die vorgesehene Zusatzbelastung für Patienten,
die sich vor ihrer Erkrankung nicht an Vorsorgeuntersuchungen beteiligt
haben.
In Nürnberg protestierten unterdessen mehrere tausend
Hausärzte aus ganz Deutschland für bessere Arbeitsbedingungen,
bessere Bezahlung und weniger Bürokratie.
FDP-Generalsekretär Dirk Niebel kritisierte im Sender n-tv das
vorgesehene Bonussystem für Prävention: «Wenn ein
Krebspatient, der um sein Leben fürchten muss, faktisch
gleichgesetzt wird mit einem Kariespatienten, der nicht die Zähne
geputzt hat, dann ist das weder christlich noch sozial, sondern im
besten Fall zynisch und menschenverachtend.»
(Quelle: ap)