Aktuelle Nachrichten
Irak am achthundertfünfundfünfzigsten Tag nach Erlangung der
formellen Souveränität
Schiitische Milizionäre erzwingen Räumung von
US-Kontrollposten. Zehn Tote bei Anschlag auf Hochzeitsgesellschaft in
Bagdad. Unbekannte verschleppen bis zu 40 Menschen nördlich von
Bagdad. Der Gewalt im Irak fielen im Oktober mehr als 1.170
Zivilpersonen zum Opfer. Zahl der seit Anfang Oktober getöteten
US-Soldaten steigt auf 103. Präsident Talabani: Sofortiger
Irak-Rückzug der USA wäre Katastrophe
Mi.01.11.06 - Schiitische Milizionäre haben am Dienstag die Räumung der
US-Kontrollposten im Bagdader Armenviertel Sadr City erzwungen. Die
Milizen riegelten den Stadtteil zunächst ab, um gegen eine
Sicherheitsoffensive der irakischen und amerikanischen
Streitkräfte zu protestieren. Der irakische Ministerpräsident
Nuri al-Maliki ordnete daraufhin die Aufhebung von Kontrollposten an,
die die Streitkräfte in der vergangenen Woche auf der Suche nach
einem vermissten US-Soldaten um Sadr City errichtet hatten.
Alle Absperrungen und Kontrollposten müssten bis zum Nachmittag
aufgehoben werden, erklärte Al-Maliki. Solche Maßnahmen
sollten nur in den Nachtstunden oder im Notfall gelten. Gemeinsame
Sicherheitsaktionen mit den US-Streitkräften würden aber
fortgesetzt. Wenige Stunden nach den Anweisungen des
Ministerpräsidenten räumten die amerikanischen Truppen unter
dem Jubel der Bewohner die Kontrollposten.
Die «Kampagne des Ungehorsams» der Anhänger des
radikalen Geistlichen Muktada al Sadr wurde über Lautsprecher der
Moscheen in dem Stadtteil verkündet. Bewaffnete Milizionäre
errichteten Straßensperren. Zahlreiche Geschäfte in Sadr
City blieben geschlossen. Auch in anderen Teilen Bagdads schlossen sich
einige schiitische Geschäftsleute dem Protest an und öffneten
ihre Läden nicht.
Bei einem Anschlag auf eine Hochzeitsgesellschaft in Bagdad sind am
Dienstag mindestens zehn Menschen getötet worden. Sieben weitere
Gäste der Feier im Norden der irakischen Hauptstadt seien verletzt
worden, hieß es im Innenministerium. Der Anschlag mit einer
Autobombe ereignete sich im mehrheitlich schiitischen Viertel Ur. Unter
den Toten waren den Angaben zufolge vier Kinder.
Bei einem Autobombenanschlag in Sadr City wurden am Dienstag drei
Menschen getötet und fünf weitere verletzt. Die Sprengsatz
detonierte am Morgen in der Nähe eines Restaurants und traf das
Fahrzeug der drei Opfer, zweier Männer und einer Frau. Erst am
Montag waren in dem Viertel bei einem Anschlag 33 Menschen getötet
und 59 verletzt worden.
Der Gewalt im Irak fielen im Oktober nach einer Zählung der
Nachrichtenagentur AP bereits mehr als 1.170 Zivilpersonen zum Opfer.
Damit war der Oktober der Monat mit dem meisten zivilen Opfern seit
Beginn der Zählung im Mai vergangenen Jahres.
Am Dienstag wurden erneut fünf gefesselte Leichen in Bagdad
gefunden. Der Chef einer Organisation, die das Schicksal von Opfern des
Saddam-Hussein-Regimes untersucht, wurde nach Militärangaben am
Montagabend in Bagdad ermordet.
Nördlich der irakischen Hauptstadt Bagdad haben bewaffnete
Männer auf der Straße mehrere Busse und Autos angehalten und
etwa dreißig bis vierzig Menschen verschleppt. Die Bewaffneten
hielten die Fahrzeuge am Dienstag an einer falschen Straßensperre
auf der Strecke von Bagdad nach Mossul an, wie es in Polizeikreisen
hieß. Der Überfall fand demnach in Tarmija statt, etwa
vierzig Kilometer nördlich der Hauptstadt.
Die US-Streitkräfte meldeten unterdessen den Tod zweier weiterer
amerikanischer Soldaten. Damit stieg die Zahl der seit Anfang Oktober
getöteten US-Soldaten auf 103. Nur drei Mal seit dem Einmarsch im
März 2003 wurden in einem Monat mehr US-Soldaten getötet.
Der irakische Präsident Dschalal Talabani hat vor einem
Rückzug der US-Truppen aus seinem Land gewarnt. Ein "sofortiger
Rückzug" hätte "katastrophale Auswirkungen", sagte Talabani
der französischen Zeitung "Le Figaro" (Dienstagausgabe). An einen
Abzug könne erst gedacht werden, "wenn die irakischen
Sicherheitskräfte bereit sind, alleine die Herausforderung der
Aufrechterhaltung der Ordnung zu stemmen". Bis dahin könne sich die
Diskussion nicht auf einen Zeitplan für den US-Abzug
konzentrieren, "sondern auf die Ziele für die irakischen
Streitkräfte" bei der Aufgabe, die Sicherheit in den Regionen des
Iraks aus eigener Kraft zu garantieren.
Im Prozess um die Ermordung eines Irakers hat ein weiterer US-Soldat
seine Beteiligung zugegeben. Der 23-Jährige werde sich vor dem
Militärgericht in Kalifornien in der kommenden Woche teilweise
schuldig bekennen, teilte sein Anwalt am Montag mit. Im Zusammenhang mit
dem Tod des 52-jährigen Haschim Ibrahim Awad in der Stadt Hamdania
im April dieses Jahres haben bereits zwei von sieben angeklagten
Soldaten ihre Beteiligung gestanden.
(Quellen: ap, afp)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. 2003 bis 30.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Teil 7: 01.05. 2005 bis 01.11.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_07.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am vierhunderteinundneunzigsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
Di.01.11.05 - Pressekonferenz Bush-Berlusconi wegen Differenzen über den
Irak-Krieg abgesagt +++ Al-Arabija meldet 40 Tote bei
US-Luftangriffen im Westirak +++ Mindestens 20 Tote bei Autobombenanschlag
in Basra +++ Hohe Verluste der Amerikaner im Irak +++
Die Besetzung des Irak soll durch ein
»Wiederaufbauprogramm« begleitet werden. Ein
US-Kongreßbericht sieht »wenig oder gar keine
Wirkung«...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv7/k0511010.htm#news
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.2004 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_k01.htm#bodycount
Mi.25.07.2006 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 2.801
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen. Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
|
Zwei NATO-Soldaten bei Bombenexplosion in Afghanistan getötet
Mi.01.11.06 - Bei einer Bombenexplosion im Osten Afghanistans sind am Dienstag zwei
NATO-Soldaten getötet und zwei weitere verletzt worden. Das
Fahrzeug der Soldaten wurde in der Provinz Nuristan von dem am
Straßenrand versteckten Sprengsatz getroffen, wie die NATO in
Kabul mitteilte. Die beiden Verletzten wurden in ein
US-Militärkrankenhaus in Assadabad in der Nachbarprovinz Kunar
gebracht. Über die Nationalität der Soldaten machte die NATO
zunächst keine Angaben. Im Osten Afghanistans sind jedoch vor allem
Amerikaner im Einsatz.
(Quelle: ap)
Wütende Proteste nach Luftangriff auf Koranschule in Pakistan
Mi.01.11.06 - Nach dem Luftangriff der pakistanischen Armee am Montag auf eine
Koranschule mit bis zu 80 Toten sind tausende aufgebrachte Menschen auf
die Straße gegangen. In dem an der afghanischen Grenze gelegenen
Bezirk Bajaur zogen Mitglieder ansässiger Volksgruppen durch die
Stadt Khar und riefen Parolen wie "Tod Amerika" und "Tod Bush". Die
Behörden riegelten nach eigenen Angaben die wichtigsten
Straßen ab, um das Eindringen weiterer Demonstranten nach Bajaur
zu verhindern.
Die religiöse Koalition Vereinigte Aktionsfront (MMA) warf der
Regierung in Islamabad vor, bei dem Angriff hauptsächlich
Zivilisten getötet zu haben. Sie rief in mehreren Städten zu
Protesten auf. Bei dem Luftangriff in Bajaur waren nach Armeeangaben bis
zu 80 Menschen getötet worden. Wegen der angespannten
Sicherheitslage sagte der britische Prinz Charles einen geplanten Besuch
in Peshawar, der Hauptstadt von Bajaur, ab.
(Quelle: afp)
Nahpst-Konflikt
Israelische Luftwaffe fliegt Scheinangriffe auf Hisbollah-Hochburg.
Waffenschmuggel von Syrien in den Libanon. Israels
Verteidigungsminister Perez sieht in saudischem Friedensplan
Verhandlungsgrundlage. Hisbollah und Israel verhandeln über
Schicksal entführter Soldaten. Drei Palästinenser im
Gazastreifen getötet
Mi.01.11.06 - Israelische Kampfflugzeuge haben am Dienstag im Libanon Scheinangriffe
auf eine Hochburg der Hisbollah im Süden von Beirut geflogen. Es
war der deutlichste Beweis für die israelische
Luftüberlegenheit seit dem Waffenstillstand am 14. August.
Mindestens sechs Mal stürzten sich israelische Jets im Tiefflug auf
die südlichen Vororte, bevor sie wieder hochzogen. Viele Bewohner
reagierten verängstigt, Bomben wurden aber nicht abgeworfen. Der
Verkehr auf dem internationalen Flughafen von Beirut, der auch im
Süden der Stadt liegt, war nicht betroffen.
Was der Anlass der israelischen Scheinangriffe war, die rund eine halbe
Stunde dauerten, wurde zunächst nicht bekannt. Der Libanon hat mit
Unterstützung der Vereinten Nationen schon wiederholt gegen die
Verletzung des libanesischen Luftraums durch israelische Kampfflugzeuge
protestiert. Die UN sehen darin eine Verletzung des Waffenstillstands
vom August, der 34-tägige Kämpfe zwischen der Hisbollah und
der israelischen Armee im Südlibanon beendete.
Die libanesischen Behörden haben den Vereinten Nationen (UN)
zufolge Waffenschmuggel aus Syrien entdeckt. Regierungsvertreter
hätten von Schmuggel in den vergangenen Wochen berichtet, sagte der
zuständige UN-Diplomat Terje Roed-Larsen am Dienstag. Sie
hätten jedoch nichts zu Anzahl und Art der heimlich über die
Grenze gebrachten Waffen gesagt. "Grundsätzlich ist die Situation
in Libanon sehr beunruhigend", sagte Roed-Larsen. "Die politische
Rhetorik zeigt, dass es sehr große Spannungen gibt, und ich denke,
dass wir die Situation genau beobachten müssen."
Der US-Botschafter bei den UN, John Bolton, machte Syrien für die
unkonkreten Aussagen der Regierung in Beirut verantwortlich. Der Libanon
werde aus Angst für Repressalien des Nachbarlandes nicht
konkreter. Roed-Larsen sagte hingegen, er wisse nichts von
Erpressungsversuchen von Seiten Syriens. Das Land gebe zwar zu, dass es
Schmuggel gebe. Es beharre aber darauf, dass die Grenze schwer zu
kontrollieren sei.
Der UN-Sicherheitsrat hat in Resolutionen seit vergangenem Jahr ein
Waffenembargo gegen den Libanon verhängt. Israel beschuldigt Syrien
regelmäßig, weiter Waffen an die schiitische Hisbollah-Miliz
zu liefern. Damit verstieße Syrien gegen die Vereinbarungen, die
im August einen mehr als einmonatigen Krieg zwischen der Hisbollah und
Israel beendet hatten.
Der israelische Verteidigungsminister Amir Perez hat einen
saudiarabischen Plan für einen umfassenden Frieden im Nahen Osten
aus dem Jahr 2002 als denkbare Verhandlungsgrundlage bezeichnet. Damit
deutete er am Dienstag auf einem Symposium an der Universität von
Tel Aviv eine Möglichkeit zur Wiederaufnahme der festgefahrenen
Gespräche mit den Palästinensern an.
Israel stimme dem Plan zwar nicht zu, aber er könnte als Grundlage
für Verhandlungen dienen, sagte Perez. Die saudiarabische
Initiative wurde im März 2002 in Beirut bei einem Gipfeltreffen
von den Staaten der Arabischen Liga angenommen. Er bot Israel erstmals
normale Beziehungen mit allen arabischen Staaten im Tausch gegen die
Räumung aller im Sechstagekrieg 1967 besetzten Gebiete an.
Darunter fallen der inzwischen geräumte Gazastreifen, das
Westjordanland, der Ostteil Jerusalems und die syrischen
Golan-Höhen.
Israel hatte damals skeptisch auf den Friedensplan reagiert und einige
Zusatzpunkte wie etwa die Rückkehr palästinensischer
Flüchtlinge nach Israel abgelehnt. Der Plan wurde 2003 durch die
Roadmap des aus den USA, Russland, der EU und den Vereinten Nationen
bestehenden Nahost-Quartetts überholt. Die Roadmap sieht die
Schaffung eines palästinensischen Staates in drei Stufen vor und
erwähnt die saudiarabische Friedeninitiative als Teil einer
Grundlage zur Lösung des Konflikts.
Israel und die Hisbollah verhandeln nach Angaben von deren Führer
Scheich Hassan Nasrallah über die Freilassung zweier israelischer
Soldaten, deren Entführung im Juli den Krieg im Libanon
ausgelöst hat. Es gebe ernsthafte Gespräche, sagte Nasrallah
am Dienstag in einem aufgezeichneten Interview des Hisbollah-Senders Al
Manar. Ein von UN-Generalsekretär Kofi Annan ernannter
Unterhändler sei mit Vertretern beider Seiten zusammengetroffen
und es werde über «Ideen, Vorschläge oder
Bedingungen» gesprochen. Weitere Einzelheiten nannte Nasrallah
nicht.
Der Hisbollah-Chef hat angeboten, die Soldaten freizulassen, wenn
Israel im Gegenzug inhaftierte Araber auf freien Fuß setzt. Die
Regierung in Jerusalem hat dies mehrfach abgelehnt. Die Soldaten waren
am 12. Juli verschleppt worden. Der darauf folgende Krieg Israels gegen
die Hisbollah im Libanon wurde nach 34 Tagen durch eine UN-Resolution
beendet.
Israelische Soldaten haben bei Luftangriffen im nördlichen
Gazastreifen am frühen Mittwochmorgen drei militante
Palästinenser getötet. Mindestens 20 weitere Menschen wurden
nach Angaben palästinensischer Sicherheitskräfte bei
Gefechten verletzt, als die Truppen in die Stadt Beit Hanun
einmarschierten. Nahe der Stadt seien rund 40 gepanzerte Fahrzeuge und
Bulldozer zu sehen. Israelischen Angaben zufolge richteten sich die
Luftangriffe gegen eine Gruppe Bewaffneter, die eine Mine deponieren
wollten. Ein weiterer Bewaffneter habe sich auf die Soldaten zubewegt.
(Quellen: ap, rtr)
Nordkorea zu Wiederaufnahme von Atomgesprächen bereit
Mi.01.11.06 - Nordkorea hat heute seine Bereitschaft zur Fortsetzung der
Sechs-Parteien-Gespräche über sein Atomprogramm
bestätigt. Voraussetzung sei jedoch, dass zugleich über ein
Ende der von den USA verhängten Finanz-Sanktionen verhandelt
werde, erklärte das Außenministerium in Pjöngjang. Den
ersten Atomwaffentest des Landes vor drei Wochen bezeichnete das
Ministerium laut einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur KCNA
als Maßnahme zur Selbstverteidigung gegen Washington.
Der Wiederaufnahme der Sechsergespräche sei während eines
bilateralen Treffens mit US-Vertretern am Dienstag in Peking zugestimmt
worden, hieß es in der Erklärung weiter. China und die USA
hatten bereits am Dienstag erklärt, Pjöngjang wolle die seit
einem Jahr auf Eis liegenden Verhandlungen fortsetzen. Eine neue Runde
könnte schon im November oder Dezember beginnen, sagte der
US-Gesandte Christopher Hill. Beteiligt sind neben Nordkorea, den USA
und China Südkorea, Japan und Russland.
Pjöngjang boykottiert die Gespräche seit November vergangenen
Jahres, nachdem die USA Sanktionen gegen die Regierung wegen
Verwicklung in internationale Falschgeldgeschäfte verhängt
hatten. Unabhängig davon verhängte der Weltsicherheitsrat
nach dem Atomwaffentest vom 9. Oktober Strafmaßnahmen gegen
Nordkorea. Japan werde an diesen Sanktionen ungeachtet der Fortsetzung
der Sechsergespräche festhalten, sagte Außenminister Taro
Aso am Mittwoch laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Kyodo.
(Quelle: ap)
Mexiko: Weiter Widerstand in Oaxaca
Mi.01.11.06 - Auch zwei Tage nach dem Einsatz von mehr als 3.000 Bundespolizisten in
der mexikanischen Stadt Oaxaca dauert der Widerstand gegen die
Behörden weiter an. Die Aufständischen errichteten am
Dienstag neue Barrikaden, blockierten eine Hauptzufahrtstraße und
setzten Autos in Brand. Die meisten Schulen und Geschäfte blieben
geschlossen. In Mexiko-Stadt forderten hunderte Demonstranten ein Ende
des Polizeieinsatzes in Oaxaca und den Rücktritt von Gouverneur
Ulises Ruiz.
Der linksgerichtete Politiker Andrés Manuel López
Obrador, der bei der Präsidentschaftswahl im Juli knapp gegen
Felipe Calderón verloren hatte, forderte die Bevölkerung
auf, sich hinter die Demonstranten in Oaxaca zu stellen. In Oaxaca
selbst demonstrierten etwa 2.000 Menschen gegen den Polizeieinsatz.
Starke Polizeikräfte verwehrten ihnen den Zugang zum Zocalo, dem
zentralen Platz der Stadt. Die Demonstranten erklärten, sie
wollten den nahe gelegenen Platz Santo Domingo so lange besetzt halten,
bis der Zocalo von der Polizei freigegeben werde.
Andere Bewohner der Stadt dankten jedoch den Polizisten. Die seit
fünf Monaten andauernde Blockade von Oaxaca hat das
Wirtschaftsleben und den Tourismus weitgehend zum Zusammenbruch
gebracht. Der stellvertretende Innenminister Arturo Chavez räumte
ein, dass die Ordnung nach sechs Monaten Chaos noch nicht wieder
hergestellt sei. Dies könne nur schrittweise geschehen, sagte
Chavez.
Um den Konflikt auch politisch zu lösen, forderte das Parlament
den Gouverneur des Bundeslands Oaxaca, Ruiz, auf, als Zeichen des guten
Willens seinen Rücktritt zu erklären. Die Ablösung des
regionalen Regierungschefs ist die Hauptforderung des Aufstands, der im
Mai mit einem Lehrerstreik begann. Ruiz lehnt einen Rücktritt
jedoch weiter ab. Der Aufstand kostete bislang acht Menschen das Leben.
(Quelle: ap)
WHO: Korruption frisst bis zu 25 Prozent der Ausgaben für
Medikamente
Mi.01.11.06 - Korruption bei der Beschaffung von Medikamenten verschlingt nach
Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jedes Jahr bis zu zehn
Milliarden Euro. Die WHO erklärte am Dienstag in Genf,
jährlich würden rund 50 Milliarden Dollar (39 Milliarden
Euro) für Medikamente ausgegeben. Zwischen fünf Milliarden
und 12,5 Milliarden gingen durch Korruption, Diebstahl und
Betrügereien verloren. Das entspricht einem Anteil von 10 bis 25
Prozent der Gesamtausgaben.
Der stellvertretende WHO-Generaldirektor Howard Zucker sagte, die
Staaten müssten dieses Problem angehen und sicherstellen, dass das
Geld verantwortungsvoll ausgegeben werde. Medikamente wechselten auf
dem Weg vom Produzenten zum Patienten mehrfach den Besitzer. Dies biete
Gelegenheit zu Korruption. Dazu komme es zum Beispiel, wenn
Regierungsmitarbeiter Geld für die Registrierung von Medikamenten
annähmen oder eine Registrierung bewusst verzögerten oder
wenn Mitarbeiter wegen ihrer Parteizugehörigkeit und nicht wegen
ihrer Fachkenntnisse eingestellt würden.
In Genf berieten am Montag und Dienstag rund 40 Gesundheitsexperten
über Wege zur Bekämpfung der Korruption. Guitelle
Baghadid-Sabeti von der WHO erklärte, dabei könnten neue
Gesetze helfen. Allerdings wollten die Experten auch ethische
Richtlinien für die Produktion und Verteilung von Medikamenten
entwickeln.
(Quelle: ap)
Deutschland
Neue Forderungen nach Einführung der Berufsarmee
Mi.01.11.06 - Die Debatte um die Belastung der Bundeswehr durch Auslandseinsätze
hat Forderungen nach einem Umbau in eine Berufsarmee neuen Auftrieb
gegeben. Grüne, FDP und Jusos sprachen sich am Montag für die
Abschaffung der Wehrpflicht aus.
Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck sagte, im
Vergleich zu Ländern wie Frankreich oder Großbritannien trage
Deutschland «nur einen Bruchteil» dazu bei, die Vereinten
Nationen bei der Durchsetzung der Herrschaft des Rechts zu
unterstützen. Grünen-Parteichefin Claudia Roth nannte die
Wehrpflicht am Montag «falsch und überholt». Bei 250
000 Soldaten seien nur 10 000 für Auslandseinsätze bereit.
FDP-Chef Guido Westerwelle sagte dem Nachrichtensender N24, die Zeit
sei reif für eine Umstellung zur Freiwilligenarmee. Er
unterstütze einen teilweisen Abzug der Bundeswehr aus Bosnien. Der
FDP-Vorsitzende sieht die Bundeswehr einer
«Überlastung» ausgesetzt: «Es ist der richtige
Anlass, dass in Deutschland eine Diskussion über die Zukunft der
Bundeswehr als Wehrpflichtigenarmee geführt wird.»
Die Jusos sprachen sich für einen Umbau der Bundeswehr in eine
Berufsarmee aus. «Wir sind dafür, die Wehrpflicht so schnell
wie möglich abzuschaffen, weil sie aus sicherheitspolitischer Sicht
nicht mehr begründbar ist», sagte der Vorsitzende der
SPD-Nachwuchsorganisation, Björn Böhning, der
«Netzeitung». Es müsse zunächst eine
Freiwilligenarmee ohne Wehrpflicht geben. «Anschließend
sollten wir darüber nachdenken, wo die Bundeswehr im Rahmen der
Vereinten Nationen eingesetzt werden kann.»
In der Ausbildung müsse mehr Gewicht auf kulturelle
Fähigkeiten im Blick auf den Einsatz in fremden Erdregionen gelegt
werden, sagte Roth. Die Wehrpflicht genüge einer modernen
Bundeswehr nicht, deren Hauptaufgabe nicht mehr die Landesverteidigung
sei. Zugleich schränkte sie aber ein: «Wir fordern keine
Ausweitung der Auslandseinsätze.»
Beck sagte der «Netzeitung»: «Wir werden die
Regierung mit unseren Vorstellungen von einer modernen und
UN-kompatiblen Berufsarmee (...) auch parlamentarisch treiben.» Er
plädierte für «eine kleinere, aber besser einsetzbare
Armee». Das wird seiner Ansicht nach auch die Schließung
von Bundeswehr-Standorten bedeuten. Die Bundeswehr brauche «mehr
Lufttransportkapazitäten und gepanzerte Fahrzeuge, um
Hilfstransporte absichern zu können, statt prestigeträchtige
und teure U-Boote».
(Quelle: dpa)
Militärs vermissen politische Konzepte nach den Einsätzen
Mi.01.11.06 - In der Diskussion über die Belastbarkeit der Bundeswehr durch
Auslandseinsätze ist die Aufgabenverteilung zwischen Militär
und Politik in den Mittelpunkt gerückt. Hochrangige
Ex-Generäle warfen der Bundesregierung am Dienstag fehlende
Konzepte für die Stabilisierung der Einsatzgebiete nach den
militärischen Operationen vor. Außenamts-Staatsminister
Gernot Erler wies darauf hin, dass die Einsatzfähigkeit der
Bundeswehr nicht unendlich erweiterbar sei. Die SPD-Wehrexpertin Ulrike
Merten hingegen hält die Bundeswehr nicht für überlastet.
«Die Politik hat bis jetzt noch nie eine Strategie entwickelt,
die über die Tatsache hinaus geht, dass man in einem Land
eingreifen will», kritisierte der ehemalige Befehlshaber der
Kosovo-Friedenstruppe, Klaus Reinhardt, in der «Financial Times
Deutschland». «Es gibt keine Strategie für den Balkan,
es gibt keine für Afghanistan.»
Im Bayerischen Rundfunk sagte Reinhardt, Soldaten alleine könnten
keine Stabilisierung in Einsatzgebieten schaffen. Nötig sei
vielmehr ein schneller Aufbau demokratischer Institutionen und sozialer
Einrichtungen, aber auch eine rasche und effektive wirtschaftliche
Hilfe. Bei allen Einsätzen, an denen er aktiv beteiligt gewesen
sei, habe ihm eine abgestimmte Konzeption gefehlt - in Somalia, in
Bosnien-Herzegowina und im Kosovo.
Der ehemalige Generalinspekteur Hans-Peter von Kirchbach sagte der
«Financial Times Deutschland»: «Das Militär kann
immer nur eine Zeitpause für die Politik schaffen. Allerdings habe
ich nicht den Eindruck, dass diese dann immer richtig genutzt
wird.» Das führe dann dazu, dass Einsätze länger
dauerten, als sie müssten.
Erler sagte im Deutschlandradio Kultur: «Wir wollen die
Aufträge, die wir machen, wirklich verlässlich und erfolgreich
durchführen. Da kann man bei den Quantitäten nicht dauernd
erweitern.» Während im Kosovo eine Diskussion über die
Präsenz der Bundeswehr eher schädlich sei, könne
für Bosnien-Herzegowina durchaus über eine Reduktion
nachgedacht werden. Dort sei die Lage seit längerem stabil, so
dass Streitkräfte durch Polizei ersetzt werden könnten.
Merten wies im Südwestrundfunk auf das neue sicherheitspolitische
Weißbuch hin, nach dem bis zu 14.000 Soldaten für
Auslandseinsätze aufgeboten werden könnten. Derzeit seien
knapp 10.000 deutsche Soldaten im Auslandseinsatz, sagte die Vorsitzende
des Bundestags-Verteidigungsausschusses. Es sei deshalb
«unglücklich», zwischen dem angekündigten
Rückzug aus Bosnien-Herzegowina und den Aufgaben der Bundeswehr an
anderen Orten einen Zusammenhang entstehen zu lassen.
Die außenpolitische Sprecherin der
Grünen-Bundestagsfraktion, Kerstin Müller, sprach sich
für eine Verstärkung der Bundeswehrkräfte im Ausland aus.
Mehr als die geplanten 14.000 Soldaten würden gebraucht.
«Man muss die deutsche Bevölkerung darauf vorbereiten, dass
eher mehr Anforderungen auf uns zukommen als weniger», sagte
Müller der «Berliner Zeitung».
(Quelle: ap)
Grüne fordern erste Priorität für den Klimaschutz
Mi.01.11.06 - Die Grünen im Europaparlament werfen den nationalen und kommunalen
Regierungen in weiten Teilen Europas vor, nichts zum Klimaschutz zu
unternehmen. Der energiepolitische Sprecher der Grünen-Fraktion,
Claude Turmes, sagte am Dienstag im Deutschlandradio Kultur, er hoffe,
dass nach Veröffentlichung der Londoner Studie zum Klimawandel ein
Ruck auch durch die deutsche Regierung gehe. Die Unterzeichner des
Kyoto-Protokolls würden keine Verantwortung übernehmen,
kritisierte der luxemburgische Abgeordnete.
Besonders Städte seien gefragt. «Wenn Bürgermeister
großer Städte Klimaschutz nicht zur ersten Priorität
ihrer Politik machen, dann können wir nicht mehr aus dieser Falle
herauskommen», meinte Turmes.
Der Grünen-Politiker kritisierte Bundesumweltminister Sigmar
Gabriel. Dieser habe das europäische CO2-Handelssystem ausgehebelt,
um dem Energiekonzern RWE Kohlekraftwerke finanziell schmackhaft zu
machen. Kohlekraftwerke seien das Letzte, was die Welt
«klimaschutztechnisch» bräuchte, betonte Turmes.
Trotzdem würde RWE mit dem zweiten deutschen Allokationsplan 80
Millionen Euro pro Kohlekraftwerk bekommen, kritisierte er. «Das
ist nicht nur ein Unding für die Umwelt, das ist auch noch ein
Riesengeschenk für RWE.»
Zuversichtlich zeigte sich der Grüne, dass die USA bei den
Verhandlungen über Anschlusslösungen zum Kyoto-Protokoll ins
Boot geholt werden können. «Die Situation in Amerika ist
dabei zu kippen.»
(Quelle: ap)
Bundesfinanzhof: Mindeststeuer ab 1999 verfassungswidrig
Mi.01.11.06 - Der Bundesfinanzhof hält die 1999 eingeführte Mindeststeuer
für verfassungswidrig und hat das Bundesverfassungsgericht
angerufen. Das Gesetz, das die Anrechnung von Verlusten bei der
Einkommensteuer einschränkt, sei widersprüchlich,
unvollständig und irreführend und dürfe nicht mehr
angewendet werden, stellten die höchsten Steuerrichter in einem am
Dienstag veröffentlichten Beschluss fest. Ob das Gesetz
darüber hinaus auch noch das Prinzip der Besteuerung nach der
Leistungsfähigkeit verletze, brauche gar nicht mehr geprüft zu
werden.
Die Mindeststeuer war 1999 als eines der ersten Gesetze der
rot-grünen Koalition beschlossen worden und galt bis 2003. Ein
Ehepaar, das hohe Verluste aus der Vermietung eines ab 1995 erbauten
Altenheims hatte und diese plötzlich nur noch begrenzt mit anderen
steuerpflichtigen Einkünften verrechnen konnte, klagte
zunächst erfolglos beim Finanzgericht Münster. Der IX. Senat
des Bundesfinanzhofs dagegen erklärte, das Gesetz sei so
unverständlich und widersprüchlich, dass ein Steuerzahler sein
Verhalten gar nicht danach ausrichten könne. Das Gesetz verwende
sprachlich kaum abgrenzbare, teilweise sogar unzutreffende unbestimmte
Gesetzesbegriffe, sei unvollständig und rechtssystematisch
irreführend. Schon daraus ergebe sich die Verfassungswidrigkeit
wegen Verletzung des Grundsatzes der Normenklarheit.
Ob das Mindeststeuer-Gesetz «auch wegen Verletzung des Prinzips
der Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit, der Eigentumsgarantie,
der Handlungsfreiheit und des verfassungsrechtlichen Grundsatzes der
Steuerfreistellung des Existenzminimums verfassungswidrig war, brauchte
der BFH danach nicht mehr zu entscheiden», erklärten die
Richter. Mit dem Beschluss folgte der Bundesfinanzhof der nahezu
einhelligen Meinung der Fachwelt. Er setzte das Revisionsverfahren des
klagenden Ehepaars aus und legte das Gesetz dem
Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe zur Entscheidung vor.
(Aktenzeichen: Bundesfinanzhof XI R 26/04, Beschluss vom 6. September
2006)
(Quelle: ap)
Kopftuchstreit: Grüne und Muslime für Meinungsfreiheit
Mi.01.11.06 - Die Grünen und muslimische Verbände in Deutschland haben sich
gemeinsam zur Meinungsfreiheit bekannt. "Die Meinungsfreiheit steht
nicht zur Disposition," sagte Grünen-Fraktionschefin Renate
Künast nach einem Treffen mit muslimischen Verbänden in
Berlin. Dies sei die gemeinsame Haltung. Künast räumte aber
ein, dass es auch weiter Differenzen gebe. So gebe es weiter eine
unterschiedliche Haltung zum Kopftuch. Hintergrund des Treffens waren
die Morddrohungen gegen die Grünen-Abgeordnete Ekin Deligöz,
weil sie muslimische Frauen aufgerufen hatte, das Kopftuch abzulegen.
Bei dem Treffen waren unter den muslimischen Verbänden der
Islamrat, die Türkische Gemeinde Berlin-Brandenburg und der
Zentralrat der Muslime. Künast sagte dem Sender n-tv zu dem
Treffen: "Wir reden über Integration und erwarten gegenseitig
einen respektvollen Umgang miteinander." Künast äußerte
die Erwartung, "dass daraus eine gemeinsame Kampagne" zur
Meinungsfreiheit werde. Es seien weitere Gespräche geplant.
Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan
Kolat, erklärte sich wegen der Angriffe auf Deligöz
solidarisch mit der Grünen-Abgeordneten. Er verurteile die
Drohungen gegen sie "aufs Schärfste". Kolat sprach zugleich von
einem "populistischen Appell" der Abgeordneten. Dieser diene keineswegs
dazu, das Selbstbestimmungsrecht der Frauen zu stärken.
Der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kizilkaya, sagte,
selbstverständlich habe Deligöz das Recht, ihre Meinung zu
äußern. Durch den Appell zum Ablegen des Kopftuchs
würden die Frauen aber aufgefordert, auf die Ausübung ihrer
Religion zu verzichten. "Ich bin für Meinungsfreiheit, aber auch
für Religionsfreiheit."
Deligöz erklärte, die Politik müsse aufhören,
Migranten zu instrumentalisieren und über ihre Köpfe hinweg
Politik zu betreiben. "Gleichzeitig müssen aber Migranten sich zu
diesem Land bekennen, die Spielregeln der Demokratie anerkennen und
ihren Teil in dieser Gesellschaft beitragen." Sie bekräftigte,
für sie selbst stehe das Kopftuch "für eine bestimmte Form
von Rollenzuweisung und von Patriarchat".
Vor zwei Wochen hatte die türkischstämmige
Bundestagsabgeordnete das Kopftuch als "Symbol der
Frauenunterdrückung" kritisiert und in Deutschland lebende
muslimische Frauen aufgefordert, es abzulegen. Türkische Zeitungen
bezeichneten sie daraufhin als "türkischen Nazi" und "Schande
für die Menschheit". Seit vergangener Woche bekommt Deligöz
Personenschutz.
(Quelle: afp)
Hintergrund: Debatte über Religionsfreiheit in ganz Europa
Nach heftigen Debatten in Frankreich und Deutschland hat auch in
Großbritannien ein Streit über den Schleier für
muslimische Frauen begonnen. Der "Niqab", eine Kopf- und
Gesichtsbedeckung, die nur einen schmalen Schlitz für die Augen
freilässt, sei das "Zeichen der Abschottung zwischen den
Religionen", sagte Premierminister Tony Blair. In der vergangenen Woche
wurde eine 24-jährige Lehrerin wegen dieses Schleiers vom Dienst
suspendiert. 1,6 Millionen Muslime leben in Großbritannien,
vorwiegend Pakistaner, Bangladescher und Inder - ob das Tragen ihrer
reliösen Symbole landesweit geregelt werden soll, ist nun
umstritten. Nur in Frankreich und bedingt in den Niederlanden gibt es
bisher landesweite Regelungen.
Die Hilfslehrerin Aishah Azmi verlor ihren ersten Einspruch gegen die
Schulbehörde, die zur Begründung angab, der Islam verlange
keine Verschleierung von Frauen vor Kindern. Die Schüler im
nordenglischen Dewsbury hatten sich beklagt, dass sie ihre Lehrerin
nicht verstehen könnten. Der Streit um den Schleier sei im Grunde
eine Debatte über die Integration von Muslimen in die westlichen
Gesellschaften, sagte Blair.
In Deutschland sorgt die Frage derzeit wegen der Drohungen gegen die
türkischstämmige Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz
für Empörung. Die Grünen-Politikerin hatte muslimische
Frauen aufgefordert, das Kopftuch abzulegen. Nach Beschimpfungen und
Morddrohungen steht sie nun unter Polizeischutz. Zuvor hatte
Baden-Württemberg das Tragen von Kopftüchern in der Schule
verboten. Im Juli entschied jedoch das Verwaltungsgericht Stuttgart mit
dem Verweis auf das Gleichheitsgebot zugunsten einer Lehrerin, die seit
1995 mit Kopftuch unterrichtet. Da auch Nonnen an staatlichen Schulen in
Ordenstracht unterrichten dürfen, könne der Frau das Kopftuch
nicht untersagt werden. Die Landesregierung will sich nun in der
folgenden Instanz durchsetzen.
Einzig Frankreich hat bislang eine klare, gesetzliche Regelung für
das ganze Land: Religöse Symbole sind seit März 2004 in
staatlichen Schulen verboten. Beruhend auf dem hundert Jahre alten
Prinzip der Trennung von Kirche und Staat, sind damit nicht nur
Schleier, sondern beispielsweise auch Kruzifixe vom Terrain
republikanischer Schulen verbannt.
Doch das ist einigen nicht genug: Ein Abgeordneter der konservativen
Regierungspartei UMP verlangte im April die Einführung von Geld-
und Gefängnisstrafen für das Bedecken des Gesichtes mit einem
Schleier, und zwar auf der Grundlage eines Gesetzes, "das jedermann auf
französischem Boden verpflichtet, sein Gesicht zur Erkennung und
Identifikation zu zeigen". Der Niqab verletze die Gleichberechtigung und
stelle den Willen zum Zusammenleben infrage.
In den Niederlanden dreht sich die Diskussion vorrangig um die "Burka",
eine Kopfbedeckung, die nur einen gitterförmigen Spalt für die
Augen freilässt. Zwar verabschiedete das Parlament im vergangenen
Jahr ein Verbot - doch kann das Gesetz bisher nicht angewendet werden,
da das Justizministerium Einspruch erhob. Das Burka-Verbot laufe
Gesetzen gegen die Diskriminierung zuwider, meint das Ministerium.
Beamtinnen dürfen einen Schleier tragen, "wenn dieser Sicherheit,
Funktionalität und Unparteilichkeit" nicht beeinträchtigt.
In Italien gibt es keine Gesetzgebung zu dem Thema. Regierungschef
Romano Prodi sagte in der vergangenen Woche: "Wenn eine Frau einen
Schleier tragen will, schön und gut." Er fügte aber hinzu, der
gesunde Menschenverstand spreche dafür, dass ihr Gesicht nicht
bedeckt sei. Dass das Thema auch dort heikel ist, zeigt der Fall der
rechtsgerichteten Abgeordneten Daniela Santanche, die gesagt hatte, der
Koran verlange keineswegs das Tragen eines Schleiers. Ein muslimischer
Prediger nannte sie daraufhin eine "Ungläubige". Der Politikerin
wurde Polizeischutz angeboten.
Eine bestehende italienische Gesetzgebung, die maskiertes Auftreten in
der Öffentlichkeit verbietet und eigentlich für
Karnevalsmasken gedacht war, wurde inzwischen wiederbelebt. Auch in
Belgien wurden in einigen Landesteilen solche Gesetze hervorgeholt, um
die Kopftuchfrage zu regeln.
Quelle: afp, 31.10.2006
|
Zahl männlicher Hochschulabsolventen um fast zehn Prozent gesunken
Mi.01.11.06 - Die Zahl männlicher Hochschulabsolventen ist in den vergangenen
zehn Jahren um fast ein Zehntel zurückgegangen: Trotz eines
Rekordwertes von insgesamt 252.500 Studienabschlüssen im
vergangenen Jahr sank die Zahl männlicher Absolventen seit 1996 um
12.900 auf 127.500. Dies teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden
am Dienstag anlässlich des Weltmännertages am (kommenden)
Freitag mit. Die Zahl weiblicher Hochschulabsolventen nahm im gleichen
Zeitraum um 28.500 zu.
Den stärksten Rückgang verbuchten dabei die
Ingenieurwissenschaften: Dort machten 2005 knapp 31.000 Männer
einen Abschluss - fast ein Drittel weniger als noch vor zehn Jahren.
Zugleich stieg die Zahl weiblicher Absolventen in
ingenieurwissenschaftlich ausgerichteten Fächern um 1.100 auf
8.700. Der massive Männerschwund konnte damit jedoch nicht
ausgeglichen werden.
(Quelle: ap)