Aktuelle Nachrichten
Irak am achthundertsechsundachtzigsten Tag nach Erlangung der formellen
Souveränität
US-Außenministerin Rice räumt Fehler in Irak-Politik ein.
Druck auf Ministerpräsident Al-Maliki aus eigenem Kabinett nimmt
zu. Bei Anschlägen und Kämpfen 16 Menschen getötet. 14
Leichen kurdischer Bauern im Norden Iraks gefunden
Sa.02.12.06 - US-Außenministerin Condoleezza Rice hat Fehler in ihrer
Irak-Politik eingeräumt. «Ich bin sicher, dass es Dinge
gibt, die wir anders hätten machen können», sagte Rice
dem arabischen Fernsehsender Al Arabija am Freitag. Welche das waren,
wollte sie allerdings nicht sagen: Die US-Regierung schaue nach vorn
und nicht zurück, erklärte die Ministerin. Wenn sie eines
Tages an die Stanford-Universität zurückkehre, dann
könne sie zurückblicken und Bücher darüber
schreiben, was hätte anders gemacht werden sollen, erklärte
die Außenministerin. Sie lehrte früher Politische
Wissenschaften an der kalifornischen Hochschule.
Der irakische Ministerpräsident Nuri Al-Maliki gerät immer
stärker auch im eigenen Regierungslager unter Druck. Der
sunnitische Vizepräsident Tarik al Haschemi sagte am Freitag, er
wolle Al-Malikis Kabinett von einer neuen Koalition abgelöst sehen,
in der ein kollektiver Entscheidungsprozess garantiert sei. Der
stellvertretende Ministerpräsident Salam Sikam Ali al Subaie warf
Al-Malikis Regierung vor, angesichts der täglichen Gewalt versagt
zu haben. An dem islamischen Feiertag wurden bei Anschlägen und
Kämpfen 16 Menschen getötet, darunter ein US-Soldat.
30 Abgeordnete der Partei des radikalen schiitischen Predigers Muktada
al Sadr boykottierten am Freitag weiterhin aus Protest gegen das Treffen
Al-Malikis mit US-Präsident George W. Bush am Vortag in Jordanien
die Parlamentsberatungen. Auch fünf Minister aus dem Sadr-Lager
schlossen sich dem Protest an, in dem die Begegnung als Affront des
irakischen Volkes kritisiert wurde.
Nun kam der schiitische Regierungschef auch noch unter Druck der
sunnitischen Koalitionspartner. «Es gibt eine klare
Verschlechterung der Sicherheitslage, und alles geht in die falsche
Richtung», sagte al Haschemi der Nachrichtenagentur AP.
«Diese Situation muss so schnell wie möglich bereinigt
werden. Wenn es so weiter geht, stürzt das Land in einen
Bürgerkrieg.»
Führende Politiker der Demokraten forderten unterdessen
Präsident Bush auf, die Empfehlungen der überparteilichen
Irak-Kommission zu befolgen. Die jüngsten Äußerungen des
Präsidenten machten keinen sehr konstruktiven Eindruck kritisierte
am Donnerstag der Senator Christopher Dodd. «Ich hoffe, dass der
Präsident auf den Bericht hören wird.»
Der Bericht, der am nächsten Mittwoch veröffentlicht werden
soll, spricht sich dem Vernehmen nach für eine schrittweise
Verringerung der amerikanischen Truppen im Irak aus, nennt dafür
aber keinen konkreten Zeitplan. Außerdem sollen Syrien und der
Iran in einen regionalen Dialog zur Sicherung einer friedlichen
Entwicklung im Irak eingebunden werden. Der voraussichtlich rund 100
Seiten umfassende Bericht der «Iraq Study Group» wird am
Mittwoch nächster Woche auch schon als Buch veröffentlicht,
wie das Verlagshaus Random House mitteilte. Das Buch erscheint in der
Paperbook-Reihe der «Vintage Books» zum Preis von 10,95
Dollar (8,30 Euro).
Auf einem Feld nahe der syrischen Grenze im Norden Iraks sind am
Freitag die Leichen von 14 kurdischen Bauern gefunden worden. Nach
Angaben der Provinzbehörden in Mossul waren die Kurden erschossen
worden. Die Getöteten lagen auf einem Feld bei Sindschar, wo sie
von ihren Angehörigen entdeckt wurden. In Sindschar lebt die
kurdische Gruppierung der Jasidi, der von sunnitischen Muslimen
vorgeworfen wird, sie verherrliche den Teufel.
(Quellen: ap, afp)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. 2003 bis 30.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Teil 7: 01.05. 2005 bis 02.12.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_07.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am fünfhundertzweiundzwanzigsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
Fr.02.12.05 - Noch kein Kontakt zu Geiselnehmern im Irak. Dramatischer Appell der
Familie Osthoffs an Entführer der deutschen Geisel. Zentralrat der
Muslime in Deutschland will sich für die Freilassung der Deutschen
einsetzen +++ Rebellen erobern angeblich Kontrolle in irakischer Stadt:
Aufständische im Irak greifen US-Stützpunkt an +++ Wirbel in USA
über angeblich bezahlte Berichte in irakischen Medien +++ 'Jeder im
Irak lebt in totaler Unsicherheit':
Die Journalistin Giuliana Sgrena war Geisel im Irak. Ihre
Entführer sagten: 'Im Krieg benutzen wir auch dich'...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv7/k0512020.htm#news
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.2004 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_k01.htm#bodycount
Mi.25.07.2006 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 2.801
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen. Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
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Nahost-Konflikt
Tausende Hisbollah-Anhänger belagern Amtssitz von Regierung in
Beirut. Palästinenser feuern Rakete auf Israel
Sa.02.12.06 - Mehrere tausend Hisbollah-Anhänger haben in der Nacht zum Samstag
den Amtssitz des libanesischen Ministerpräsidenten Fuad Siniora
belagert. Die Regierungsgegner errichteten Zelte und kündigten an,
ihren Protest unbefristet fortzusetzen. Am Freitag waren 800.000 bis
eine Million Menschen dem Aufruf der prosyrischen Hisbollah zur
Demonstration gegen die Regierung gefolgt. Sie werfen Siniora vor allem
seine Unterstützung der USA vor.
Siniora bezeichnete die Massendemonstration als Putschversuch, der von
Syrien und dem Iran inszeniert sei. Auch der amerikanische Botschafter
bei den Vereinten Nationen, John Bolton, sprach von einem
Putschversuch, der von den beiden arabischen Staaten inspiriert sei.
Der Sprecher des US-Außenministeriums sagte, die Hisbollah und
ihre Verbündeten versuchten, den Libanon zu destabilisieren.
Drusenführer Walid Dschumblatt, der zur anti-syrischen Allianz
gehört, rief die Libanesen am Freitag auf, in ihren Häusern zu
bleiben und die Nationalfahne an ihren Balkonen zu befestigen. Der
Hisbollah und ihren Verbündete gehe es darum, den Libanon
«unter syrisch-iranische Vormundschaft» zu stellen. Viele
Libanesen, die nicht an der Protestaktion teilnahmen, drückten
unterdessen ihre Angst vor Unruhen oder gar einem Bürgerkrieg aus.
Am (heutigen) Samstag wird der deutsche Außenminister
Frank-Walter Steinmeier zu Gesprächen mit der Regierung Siniora in
Beirut erwartet. Vor der Rückkehr nach Berlin ist
möglicherweise auch noch ein Besuch in Syrien geplant. Im August
hatte der Minister einen geplanten Besuch in Damaskus wegen einer
israelfeindlichen Rede von Präsident Baschar al Assad kurzfristig
abgesagt.
Die Waffenruhe im Nahen Osten bleibt derweil brüchig: Militante
Palästinenser feuerten in der Nacht zum Freitag eine Rakete auf
Israel ab. Eine der Fatah von Präsident Mahmud Abbas nahe stehende
militante Gruppe bekannte sich in einem Fax zu dem Angriff. Im
Westjordanland erschossen israelische Soldaten einen
Palästinenser,der sie nach Angaben eines Militärsprechers am
Grab der Patriarchen angegriffen habe. 29 Palästinenser seien bei
Razzien im Westjordanland festgenommen worden.
Seit Beginn der Waffenruhe vor sechs Tagen wurden nach israelischen
Militärangaben 14 Raketen abgeschossen, von denen vier
tatsächlich Israel erreichten. Die Israelis schossen nicht
zurück.
Unterdessen droht die seit Monaten angestrebte Bildung einer Regierung
der nationalen Einheit von Hamas und Fatah zu scheitern. Abbas hatte am
Donnerstag auf einer Pressekonferenz mit US-Außenministerin
Condoleezza Rice gesagt, die Verhandlungen seien in der Sackgasse.
Beobachter werteten das als Signal, er gebe die Bemühungen auf. Die
Hamas sprach von einem Bluff. Ministerpräsident Ismail Hanija
dementierte in Kairo, dass die Verhandlungen gescheitert seien.
(Quellen: dpa, ap)
Kubanischer Vizepräsident sagt Sozialismus lange Zukunft voraus -
Ecuadors Präsident Morales: 'Dem Imperium der Vereinigten Staaten
ein Ende bereiten'
Sa.02.12.06 - Der kubanische Vizepräsident Carlos Lage hat dem Sozialismus auf
der Karibikinsel eine lange Zukunft vorausgesagt. Es werde keinen
Übergang zu einem neuen System, sondern Kontinuität geben,
sagte Lage am Freitag vor Teilnehmern einer Feierstunde zum 80.
Geburtstag von Fidel Castro. Der Revolutionsführer werde sich von
seiner Krankheit wieder erholen und erneut die Regierungsverantwortung
übernehmen, sagte Lage. Höhepunkt der Feiern, zu denen Castro
bislang nicht öffentlich aufgetreten ist, ist am heutigen Samstag
eine Militärparade in Havanna.
Zu den Teilnehmern der Kundgebung im Karl-Marx-Theater von Havanna
gehörten am Freitagabend auch der ecuadorianische Präsident
Evo Morales und der designierte Präsident von Nicaragua, Daniel
Ortega. Der Tribut für Castro wurde damit zugleich zu einer Feier
der jüngsten Erfolge der Linken in Lateinamerika. «Wir haben
Venezuela, Kuba und bald auch Ecuador und Nicaragua», sagte
Morales vor mehreren tausend Menschen. «Wir wollen Bündnisse
mit Ländern im Nahen Osten schließen, um dem Imperium der
Vereinigten Staaten ein Ende zu bereiten.»
Ortega sagte, er überbringe als Geburtstagsgeschenk für
Castro «den Sieg der Sandinistischen Front in Nicaragua».
Wegen der Präsidentenwahl in Venezuela am Sonntag kam Amtsinhaber
Hugo Chavez nicht nach Kuba, sondern ließ sich von
Außenminister Nicolas Maduro vertreten. Optimistisch über
Castros Gesundheitszustand äußerte sich
Literaturnobelpreisträger Gabriel Garcia Márquez bei seiner
Ankunft in Havanna. «Ich werde auch zu seinem 100. Geburtstag
wiederkommen», sagte Márquez der kommunistischen
Parteizeitung «Granma».
Castro erklärte zum Auftakt der Feiern am Dienstag, dass er sich
für eine Begegnung mit den Festbesuchern noch nicht wohl genug
fühle. Viele Kubaner hoffen aber, dass Castro während der
Militärparade am Samstag zumindest für kurze Zeit an die
Öffentlichkeit treten wird. Die Parade erinnert zugleich an den
50. Jahrestag der Gründung der Revolutionsstreitkräfte.
(Quelle: ap)
Mexiko: Präsident Calderón in chaotischer Zeremonie
vereidigt
Sa.02.12.06 - Tumulte und Handgreiflichkeiten im Parlament haben am Freitag die
Vereidigung des neuen mexikanischen Präsidenten Felipe
Calderón überschattet. Parlamentarier pfiffen und johlten,
vor dem Amtseid flogen sogar Fäuste und Stühle. Die Szenen
spielten sich vor den Augen ausländischer Ehrengäste ab,
darunter der frühere US-Präsident George Bush und der
kolumbianische Staatschef Alvaro Uribe.
Anhänger des in der Wahl am 2. Juli nur knapp unterlegenen
Linkspolitikers Andrés Manuel López Obrador wollten den
Amtsantritt des Nachfolgers von Vicente Fox verhindern. Calderón
kam unter dem Schutz von Abgeordneten seiner Nationalen Aktionspartei
(PAN) durch eine Hintertür ins Parlament, flankiert vom
scheidenden Präsidenten Vicente Fox. Er legte schnell den Eid auf
die Verfassung ab, dann wurde die Nationalhymne gespielt, was
vorübergehend die Unruhe übertönte. Anschließend
verließ der neue Präsident rasch die Parlamentskammer, und
der Kongress vertagte sich.
Im Anschluss an die Vereidigung schlug Calderón bei einer Rede
im Nationalauditorium am anderen Ende der Hauptstadt versöhnliche
Töne an. Er wolle das Vertrauen derer gewinnen, die ihn nicht
gewählt hätten, sagte er. Er sei zum Dialog bereit, doch
werde er nicht darauf warten. Das mexikanische Volk wolle Taten sehen.
Bereits bei der Vereidigung seines Kabinetts rief Calderón die
Mexikaner dazu auf, den Streit zu überwinden. «Wir sollten
heute unsere Differenzen beilegen und die Interessen unseres Landes an
erste Stelle setzen», sagte er und kündigte an, der
Präsident aller Mexikaner sein zu wollen.
Lopez Obrador von der Partei der Demokratischen Revolution (PRD) hat
sich zum Gegenpräsidenten ausrufen lassen und erklärt, er
werde die Präsidentschaft Calderóns nicht anerkennen.
Oppositionsabgeordnete hatten am Dienstag das Parlament besetzt, um die
Vereidigung zu verhindern. Nach der Vereidigungszeremonie zog Lopez
Obrador mit zehntausenden Anhängern zum Nationalauditorium, das
von Soldaten gesichert wurde.
(Quelle: ap)
Türkei fordert Entgegenkommen von Zypern
Sa.02.12.06 - Der finnische Regierungschef und EU-Ratsvorsitzende Matti Vanhanen hat
am Freitag bei Gesprächen in Ankara versucht, eine Annäherung
mit der Türkei in der Zypern-Frage zu erzielen.
Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan forderte auf einer
gemeinsamen Pressekonferenz mit Vanhanen, die EU-Staaten sollten mit
«gesundem Menschenverstand» an das Thema herangehen und
dürften nicht erlauben, dass ein Mitgliedsstaat die
Beitrittsgespräche mit seinem Land sabotiere.
Erdogan spielte damit auf die Regierung der Republik Zypern an. Die
EU-Kommission hatte am Mittwoch empfohlen, wegen der anhaltenden
Weigerung Ankaras, Häfen und Flughäfen für Schiffe und
Flugzeuge des EU-Mitglieds Zypern zu öffnen, die
Beitrittsverhandlungen teilweise auszusetzen. Die Entscheidung
darüber müssen die EU-Staats- und Regierungschefs auf ihrem
Gipfeltreffen Mitte Dezember treffen. Leider habe eine Regierung
unannehmbare Bedingungen gestellt, sagte Erdogan am Freitag mit Blick
auf die harte Haltung der griechischen Zyprer.
Die Beziehungen mit der EU stünden an einem neuen Wendepunkt,
sagte der Regierungschef weiter. Die Probleme müssten
überwunden werden. Die Türkei werde weitere Vorschläge
machen, kündigte er an. Vanhanen versicherte, dass das Land ein
Beitrittskandidat bleibe. «Die Türkei gehört zu
Europa», sagte der finnische Ministerpräsident.
Der türkische Außenminister Abdullah Gül konferierte
vor der Ankunft des EU-Ratspräsidenten mit Botschaftern aus
EU-Ländern, um eine teilweise Aussetzung der Verhandlungen
über den Beitritt zu vermeiden.
(Quelle: ap)
Muslime loben Papst - Türkei-Reise beendet
Sa.02.12.06 - Nach monatelanger Kritik an seiner Haltung zum Islam hat Papst Benedikt
XVI. zum Ende seiner Türkei-Reise viel Lob von muslimischer Seite
geerntet.
Der Besuch habe zunächst Befürchtungen ausgelöst, ende
nun aber mit wundervollen Überraschungen, hieß es in einer
der größten Zeitungen des Landes. Das Oberhaupt der
römisch-katholischen Kirche wirkte seinerseits entspannt und
erleichtert, als er am Freitag zum Abschluss seines Besuches eine Messe
in der Heilig-Geist-Kathedrale in Istanbul hielt.
"Ein Teil meines Herzens bleibt hier in Istanbul." Mit diesen Worten
verabschiedete sich Benedikt am Mittag auf dem Flughafen von den
Türken. Besonders der Besuch der Blauen Moschee und der Hagia
Sophia hätten einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen, sagte
der Papst dem Gouverneur Istanbuls, Muammer Güler.
Am Morgen hatte der Pontifex im Kirchhof vor der
Heilig-Geist-Kathedrale eine Schar weißer Tauben fliegen lassen.
Das Symbol des Friedens beschloss eine ganze Reihe versöhnlicher
Gesten, mit denen er in den vergangenen Tagen das Misstrauen
gegenüber seiner Person zu zerstreuen verstand. Dabei löste
der Besuch in der Blauen Moschee von Istanbul die größte
Zustimmung aus.
"Er hat sich gen Mekka gewandt und wie die Muslime gebetet", jubelte
das Massenblatt "Hürriyet" am Freitag. Vertreter der Kurie wie
Kardinal Roger Etchegaray verglichen die Geste mit dem Gebet von
Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. an der Klagemauer in
Jerusalem im Jahr 2000. Was Johannes Paul im Verhältnis zu den
Juden getan habe, habe sein Nachfolger nun gegenüber den Muslimen
geleistet, sagte er.
Der Papst hatte sich im berühmtesten muslimischen Gebetshaus des
Landes an die Seite des Großmuftis von Istanbul, Mustafa Cagrici,
gestellt, als dieser gen Mekka gewandt laut ein Gebet sprach. Dabei
schien Benedikt selbst im Stillen Anteil an den Gebeten zu nehmen.
Während seiner Reise durch die Türkei beschrieb das
Kirchenoberhaupt den Islam als friedliebend, betonte die Gemeinsamkeiten
mit dem Christentum und befürwortete den umstrittenen Beitritt des
mehrheitlich muslimischen Landes zur Europäischen Union (EU). In
allen drei Punkten hatte es im Vorfeld der Reise heftige Diskussionen
über Äußerungen Benedikts gegeben, ganz besonders seit
seiner viel kritisierten Islam-Rede im September in Regensburg. Damals
hatte er einen byzantinischen Kaiser mit den Worten zitiert, der Islam
sei eine intolerante und gewalttätige Religion. Er bedauerte
später, dass er mit seinen Worten Muslime verletzt haben
könnte.
An der Messe in der katholischen Kathedrale nahm auch das geistliche
Oberhaupt der orthodoxen Christen, Patriarch Bartholomaios, teil. In
einer historischen Erklärung hatten die beiden Oberhäupter am
Vortag ihr gemeinsames Ziel betont, die Spaltung ihrer Kirchen zu
überwinden. Die Kirche von Byzanz - mit Konstantinopel, dem
heutigen Istanbul als Zentrum - und die Kirche von Rom gehen seit 1054
getrennte Wege.
Im Hof der Kathedrale segnete Benedikt schließlich noch die
Statue von Johannes XXIII., der von 1958 bis 1963 Papst war. Der
frühere Erzbischof Angelo Roncalli war während seiner Zeit als
diplomatischer Vertreter des Vatikans in Istanbul von 1935 bis 1944
äußert beliebt bei den Türken. Die Stadt benannte sogar
die Straße nach ihm, in der sein damaliges Büro liegt.
(Quelle: rtr)
Einigung über EU-Chemikalienrichtlinie erzielt
Sa.02.12.06 - Nach jahrelangem Tauziehen haben sich der EU-Rat und das
Europaparlament auf die neue europäische Chemikalienverordnung
REACH geeinigt. Die Bundesregierung begrüßte die in der
Nacht zum Freitag in Brüssel erzielte Einigung. Dagegen
kritisierten Umweltschützer den Kompromiss.
Künftig werden rund 30.000 Stoffe, die sich auf dem
europäischen Markt befinden, bei der neuen Chemikalienagentur in
Helsinki registriert. Hersteller und Importeure müssen
Maßnahmen für sichere Verwendung ihrer Stoffe entwickeln.
Besonders gefährliche Stoffe können darüber hinaus einem
Zulassungsverfahren unterworfen werden. Verbraucher haben nach Angaben
des Bundesumweltministeriums künftig einen Anspruch darauf zu
erfahren, ob in Produkten besonders Besorgnis erregende Stoffe
enthalten sind.
Deutschlands Bundesumweltminister Sigmar Gabriel bezeichnete die
Vereinbarung als «vernünftigen und tragfähigen
Kompromiss», der sich inhaltlich eng am gemeinsamen Standpunkt
des Ministerrats vom Juni 2006 orientiere. «Die vereinbarten
Detailänderungen tragen dem Umwelt- und Verbraucherschutz ebenso
Rechnung wie Anliegen der betroffenen Wirtschaft», hieß es
in einer in Berlin verbreiteten Erklärung des Ministeriums.
Gabriel erklärte weiter: «Mit der grundlegenden Reform der
europäischen Chemikalienpolitik bringen wir den Umwelt- und
Gesundheitsschutz in Europa einen großen Schritt voran.»
Wirtschaftsminister Michael Glos schloss der der Bewertung Gabriels in
einer Erklärung seines Ministeriums an. Er hob hervor, dass es
gelungen sei, deutsche Kernpunkte im gemeinsamen Standpunkt vom Juni
dieses Jahres zu bewahren.
Umweltschützer sprachen hingegen von einer Verwässerung der
Verordnung. Mit der Vereinbarung würden viele Besorgnis erregende
Chemikalien, darunter viele, die Krebs und andere schwere Krankheiten
verursachen könnten, auf dem Markt bleiben, hieß es in einer
gemeinsamen Erklärung von sieben Umweltschutzgruppen.
Es wird erwartet, dass das Plenum des Europaparlaments in der kommenden
Woche der Kompromissvereinbarung zustimmen wird. Die
abschließende Zustimmung im EU-Umweltministerrat wird für
den 18. Dezember erwartet. Die Verordnung tritt voraussichtlich im
Frühjahr 2007 in Kraft. Die erste Vorschlag der EU-Kommission
für die neue Chemikalienverordnung war 2003 vorgelegt worden. Die
chemische Industrie widersetzte sich der Neuordnung.
(Quelle: ap)
BUND: Europäische
Chemikalienreform - Fauler Kompromiss hinter verschlossenen Türen
Sa.02.12.06 - Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und
Greenpeace haben den Kompromiss zur europäischen Chemikalienreform
REACH, der in der Nacht zum Freitag zwischen Vertretern des
Europäischen Parlaments und des EU-Ministerrats ausgehandelt wurde,
scharf kritisiert. "Diese Vereinbarung ist ein fauler Kompromiss auf
dem Rücken von Verbrauchern und Umwelt. Wenn das Parlament diesem
Deal Mitte Dezember zustimmt, wird es kaum eine Verbesserung
gegenüber der jetzigen Gesetzeslage geben. Menschen und Natur
werden weiter durch gefährliche Chemikalien belastet", sagte
Patricia Cameron, Chemikalienexpertin des BUND.
BUND und Greenpeace kritisieren vor allem die negative Rolle des
Bundeskanzleramtes, das massiv Einfluss auf die Verhandlungen in
Brüssel nimmt. "Bundeskanzlerin Merkel lässt sich von
Chemieunternehmen wie BASF instrumentalisieren. Sie sorgt brav
dafür, dass Deutschland sämtliche Versuche blockiert, die
Industrie zum Ersatz aller gefährlichen Chemikalien zu
verpflichten. Die wirtschaftlichen Interessen der Chemiebranche sind ihr
wichtiger als der Schutz der Verbraucher vor Chemiegiften", sagte
Stefan Krug von Greenpeace.
Der Kompromiss sieht vor, dass krebserregende,
fortpflanzungsschädliche und andere gefährliche Chemikalien
selbst dann weiter vermarktet und in Alltagsprodukten verwendet werden
dürfen, wenn Alternativen vorhanden sind. Die Hersteller
würden diese Stoffe angeblich "adäquat kontrollieren", somit
bestehe keine Gefahr für Menschen und Umwelt. Eine adäquate
Kontrolle sei aber illusorisch, wie zahlreiche Studien und
regelmäßig auftretende Chemieskandale bewiesen. "In
Deutschland hergestellte Industriegifte tauchen überall dort auf,
wo sie nichts zu suchen haben - im Blut von Babys und Erwachsenen, in
der Muttermilch, in Lebensmitteln, im Trinkwasser, sogar im Fettgewebe
von Eskimos und Eisbären", so Krug.
Laut Kompromiss sollen lediglich langlebige, sich in der Natur und im
Menschen anreichernde Chemikalien ersetzt werden, wenn es Alternativen
gibt. Verbrauchern sollen zudem Informationen nur über eine
beschränkte Anzahl von Chemikalien zugänglich sein. "Der
Industrie wird auch künftig erlaubt, entscheidende Sicherheitsdaten
zu ihren Chemikalien zurückzuhalten. Es ist skandalös, dass
BASF, Bayer & Co weiter Chemikalien in Umlauf bringen, ohne
über Risiken und Nebenwirkungen zu informieren", sagte Patricia
Cameron.
Der BUND und Greenpeace fordern die Mitglieder des Europäischen
Parlaments auf, den derzeitigen Kompromiss im Sinne des Umwelt- und
Gesundheitsschutzes nachzubessern. So müssten Unternehmen durch die
Pflicht, alle gefährlichen Stoffe zu ersetzen, Anreize erhalten,
in die Entwicklung sicherer Alternativen zu investieren. Für
Gesundheitsschäden bei der Anwendung von Endprodukten müssten
zudem die Hersteller haftbar gemacht werden.
(Quelle: ots)
Grüne erteilen Bündnissen mit Union klare Absage
Sa.02.12.06 - Mit scharfen Attacken auf die große Koalition haben die
Grünen ihren Bundesparteitag in Köln eröffnet;
Parteichefin Claudia Roth bekräftigte in ihrer Auftaktrede
zugleich den Willen der Grünen zur politischen Mitgestaltung. "Wir
Grünen wollen Macht, aber nicht um der Macht willen, sondern wir
wollen mit Macht dieses Land besser regieren", rief Roth den
Delegierten zu. Zu schwarz-grünen Koalitionsspekulationen
äußerte sie sich skeptisch. Im Vordergrund müsse eine
inhaltliche Übereinstimmung stehen.
"Wir rennen anderen Parteien nicht hinterher", sagte Roth zu den
Koalitionsdiskussionen. Vielmehr gehe es den Grünen um inhaltliche
Auseinandersetzung und um eigene Stärke. Auch Ko-Parteichef
Reinhard Bütikofer wandte sich gegen schwarz-grüne
Spekulationen. Bei Klimaschutz und Familienpolitik gebe es zu wenig
Gemeinsamkeiten mit der Union, sagte er der "Frankfurter Rundschau".
Mit ihren Einschätzungen setzen sich Roth und Bütikofer von
Grünen-Fraktionschefin Renate Künast ab, die der Union in
einem Interview am Wochenende eine Annäherung an grüne
Politikziele bescheinigt hatte.
Roth warf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) "eine unökologische,
ungerechte und vor allem unglaubwürdige und kalte Politik" vor.
Als Beleg nannte sie die Gesundheitsreform, wo es steigende
Beiträge statt der versprochenen Beitragssenkung geben werde.
Gesundheit dürfe genauso wenig vom Geldbeutel abhängen wie
Bildung. Auch sei "die Rente mit 67 de facto eine Rentenabsenkung" und
das Elterngeld "geht am tatsächlichen Bedarf vorbei".
Scharf ging Roth auch mit der Umwelt- und Klimapolitik der großen
Koalition ins Gericht. Sie warf Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD)
vor, das europäische Handelssystem mit Emissionszertifikaten
aushebeln zu wollen. Forderungen nach mehr Klimaschutz durch neue
Atomkraftwerke nannte Roth "einen Totalangriff auf die Zukunft". Wenn
die Union dies fordere, sei das "keine Annäherung an uns
Grüne, sondern nur Willen zur Maximaldistanz".
"Wir brauchen eine neue Radikalität in der Umwelt- und
Klimapolitik", verlangte Roth. Auch dafür wollten die Grünen
wieder "die dritte politische Kraft in diesem Land werden". Die
Grünen stünden aber auch "für eine Oppositionspolitik,
die nicht rumkaspert, die sich nicht aus der Verantwortung stiehlt". In
der Außenpolitik plädierte Roth unter anderem für eine
EU-Beitrittsperspektive für die Türkei.
(Quelle: afp)
Rauchverbot in Restaurants ab Juli 2007 geplant
Sa.02.12.06 - In Restaurants und Discos soll ab Juli ein generelles Rauchverbot
gelten. Dies hat eine Arbeitsgruppe von Bundestagsabgeordneten der
Union und SPD beschlossen. Das Verbot erfasst demnach alle
öffentlichen Gebäude, Krankenhäuser sowie Busse und
Bahnen - es sei denn, es gibt separate, abgetrennte Raucherräume.
Weiterhin unbeschränkt gequalmt werden darf aber laut dem Konsens
in Kneipen, Bars und Bierzelten.
Die Regierung begrüßte am Freitag die Einigung, die
Ärzteschaft rügte die unlogischen Ausnahmen. Beim Schutz vor
Krebs erregendem Passivrauch dürfe es keine falschen Kompromisse
geben, erklärte die Bundesärztekammer.
Wer sich in den geplanten Nichtraucherzonen künftig eine Zigarette
ansteckt, muss mit bis zu 200 Euro Bußgeld rechnen, wie
SPD-Gesundheitsexpertin Carola Reimann der AP sagte. Gastwirte, die die
geplanten Vorschriften missachten und das Rauchverbot nicht
durchsetzen, sollen sogar mit Geldbußen von bis zu 5.000 Euro
belegt werden.
Der SPD-Abgeordnete Lothar Binding sagte, laut dem Kompromiss sollen
auch Zigaretten künftig nicht mehr an Jugendliche unter 18 Jahren
verkauft werden dürfen. Dies werde sowohl für Automaten als
auch für Supermärkte und sonstige Verkaufsstellen gelten und
ebenfalls möglichst im Juli 2007 in Kraft treten. Bisher gilt das
Abgabeverbot bis zum Alter von 16 Jahren. In Schulen soll Rauchen ganz
verboten werden; auch Raucherräume wären demnach nicht
erlaubt.
Das Verbot in Restaurants gilt immer im Hauptraum, also dort wo die
Theke steht. Discos sollen anders als Kneipen behandelt werden und auch
dem Rauchverbot unterliegen. Dies nannte der Hotel- und
Gaststättenverband nicht akzeptabel. Das genannte Argument des
Jugendschutzes sei nicht stichhaltig, weil viele Clubs und Discos
Jugendlichen den Zutritt verwehrten.
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt begrüßte die
Einigung. «Das ist ein großer Fortschritt für
Deutschland», sagte die SPD-Politikerin. Sie appellierte an die
Fraktionen von CDU/CSU und SPD, den Kompromiss mitzutragen. Sie hoffe,
dass die neue Regelung dazu beitrage, dass weniger Menschen rauchen.
Verbraucherminister Horst Seehofer sprach ebenfalls von einem
«sehr tragfähigen Kompromiss».
Die Grünen und die Linksfraktion im Bundestag monierten indes, die
Einigung falle weit hinter den europäischen Standard zurück.
Die Grünen erklärten: «Dass in Kneipen und Bars
weiterhin geraucht werden darf, kommt einem Kniefall vor dem Verband
der Zigarettenindustrie gleich.» Sie wiesen darauf hin, dass
derzeit auch zirka 8.000 Schwangere und stillende Mütter in der
Gastronomie arbeiten.
Die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, Martina Bunge
(Linksfraktion), sagte, die Inhalte ließen befürchten,
«dass die Union der Tabaklobby eine breite Schneise geschlagen
hat».
In vielen Ländern gelten schärfere Regelungen. So haben
Irland, Finnland, Italien, Spanien, Norwegen, Schweden, Schottland,
Südafrika, Neuseeland und mehrere US-Staaten das Rauchen in
Kneipen, Restaurants, Kinos und anderen öffentlichen Orten
verboten. In England tritt ein Rauchverbot im Juli in Kraft.
(Quelle: ap)
Bundestag beschließt Einrichtung von Anti-Terror-Datei
Sa.02.12.06 - Nach jahrelanger Diskussion hat der Bundestag die umstrittene
Anti-Terror-Datei beschlossen. Das Parlament verabschiedete mit den
Stimmen der großen Koalition das Gesetz, das eine gemeinsame Datei
von Polizei und Geheimdiensten vorsieht. FDP, Linksfraktion und
Grüne votierten gegen die Vorlage. In der Datei werden
Informationen von bundesweit 38 Sicherheitsbehörden über
mutmaßliche Terroristen und ihre Unterstützung
zusammengeführt. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU)
verteidigte das Projekt. "Das hat mit Überwachungsstaat nichts zu
tun", sagte er.
Zu den Behörden, die an der Anti-Terror-Datei beteiligt sind,
zählen die Polizeien und Verfassungsschutzämter von Bund und
Ländern, sowie der Bundesnachrichtendienst (BND) und der
Militärische Abschirmdienst (MAD). Das ebenfalls verabschiedete
Terrorismusbekämpfungs-Ergänzungsgesetz erweitert die
Auskunftsbefugnisse der Geheimdienste.
Schäuble sagte in der Debatte, es sei Aufgabe des Staates, seine
Bürger zu schützen. Er räumte zugleich ein, dass die
gescheiterten Kofferbombenanschläge in Regionalzügen durch die
Datei nicht hätten verhindert werden können. Es gehe aber
darum, möglichen Anschlägen in der Zukunft vorzubeugen. In den
USA seien vor dem 11. September 2001 alle notwendigen Erkenntnisse
über die damaligen Terroranschläge vorhanden gewesen, aber
nicht miteinander verknüpft worden.
Der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz sagte in der Debatte, der
Terrorismus sei eine "akute Gefahr" in Deutschland. "Wir haben keine
Hysterikerdebatte, aber sind auch nicht naiv." Demgegenüber warnte
der Grünen-Innenexperte Wolfgang Wieland vor einen "Datenmoloch".
Die FDP warf der Koalition vor, es nicht bei einer reinen Indexdatei
belassen zu haben. Ihr Innenexperte Max Stadler beklagte zudem, dass die
Geheimdienste nur mangelhaft kontrolliert würden. Der Abgeordnete
Jan Korte (Linksfraktion) äußerte die Vermutung, das Gesetz
werde vor dem Bundesverfassungsgericht landen. Die Balance zwischen
Freiheit und Sicherheit werde zu Lasten der Freiheit gekippt.
Auch der Bundesdatenschutzbeauftagte Peter Schaar meldete Bedenken an.
Im ARD-Mittagsmagazin nannte er es am Freitag zweifelhaft, ob die Datei
bei der Terrorbekämpfung etwas bringe. Es gelte Anschlägen
vorzubeugen, doch «man muss sich fragen, ob diese Maßnahmen
im Einzelfall auch geeignet sind, dieses Ziel zu erreichen».
Besonders im Hinblick auf die Speicherung so genannter Kontakt- und
Begleitpersonen wie Familienangehörige, Ärzte oder
Rechtsanwälte enthalte die Datei «problematische
Aspekte», gab Schaar zu bedenken. «Ich vermute, dass viel
mehr Kontakt- und Begleitpersonen in dieser Datei sein werden als
tatsächliche Verdächtige.» Er wies darauf hin, dass
Nachrichtendienste sehr weit im Vorfeld ermittelten und es dadurch
«fast sicher ist, dass unschuldige und unbescholtene Personen
erfasst werden».
Der Linksfraktionsvorsitzende Oskar Lafontaine meinte, nach dem
Terrorismusbegriff des Gesetzes müssten auch Bundestagsmitglieder,
US-Präsident George Bush oder der britische Premierminister in die
Datei aufgenommen werden: «Es handelt sich bei ihnen um Personen,
die - so steht es im Gesetz - 'rechtswidrig Gewalt als Mittel zur
Durchsetzung international ausgerichteter politischer oder
religiöser Belange anwenden oder eine solche Gewaltanwendung
unterstützen'.»
(Quellen: afp, ap)
Bahn zeigt Ausstellung über NS-Deportationen auch in Bahnhöfen
Sa.02.12.06 - Die Deutsche Bahn AG zeigt auch auf Bahnhöfen ab Ende Januar 2008
eine Ausstellung über die Rolle der Reichsbahn im Holocaust. Mit
dieser Entscheidung haben die Bahn und das Verkehrsministerium am
Freitag einen Streit beigelegt, der sich an der Weigerung von Bahnchef
Hartmut Mehdorn entzündet hatte, eine Ausstellung über die
Deportationen französischer Kinder in Bahnhöfen zu zeigen.
Mehdorn hatte sinngemäß argumentiert, das Umfeld in
Bahnhöfen werde der Ernsthaftigkeit des Ausstellungsgegenstandes
nicht gerecht.
Die Bahn spielte eine entscheidende Rolle bei den Deportationen von
Juden und anderen Minderheiten aus ganz Europa in die Konzentrations-
und Vernichtungslager des Dritten Reiches. In der Ausstellung, die am
27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag eröffnet werden soll, soll die
Geschichte der Reichsbahn im Nationalsozialismus und den Deportationen
«sowohl in Bahnhöfen als auch in deren unmittelbarer
Nähe» gezeigt werden, wie Bahn und Ministerium mitteilten.
Vorausgegangen war zunächst ein Streit zwischen der
deutsch-französischen Journalistin Beate Klarsfeld und der Bahn AG
über eine Ausstellung zum Schicksal französischer Kinder bei
den Deportationen. Mehdorn hatte sich geweigert, die Schau in
Bahnhöfen zu zeigen, und war dafür auch von Verkehrsminister
Wolfgang Tiefensee kritisiert worden. Die nun zusammengestellte
Ausstellung soll weit umfangreicher sein als die von Klarsfeld in
Frankreich gezeigte.
Nun hieß es, mit der Bereitschaft, Teile der Ausstellung auch in
Bahnhöfen zu zeigen, «entspricht die DB AG auch einem
besonderen Anliegen» Tiefensees. Im Mittelpunkt der Ausstellung
stehe «das unermessliche Leid der deportierten jüdischen
Kinder», hieß es. Grundlage solle die bereits bestehende
Dauerausstellung im DB-Museum in Nürnberg sein.
(Quelle: ap)
Hauptschüler stellen größten Anteil an Arbeitslosen
Sa.02.12.06 - Der Anteil der ehemaligen Hauptschüler an den knapp vier Millionen
Arbeitslosen ist besonders hoch. Die Bundesagentur für Arbeit (BA)
bestätigte am Freitag auf Anfrage einen Bericht der
«Bild»-Zeitung, nach dem 41,9 Prozent der Arbeitslosen einen
Hauptschulabschluss besitzen. 28 Prozent haben demnach die mittlere
Reife, 7,7 Prozent Abitur und 4,3 Prozent die Fachhochschulreife. 17,1
Prozent der Arbeitslosen haben keinen Abschluss. BA-Sprecherin Ilona
Mirtschin erklärte, dass in vielen Fällen nicht der
Schulabschluss, sondern der Abschluss der Berufsausbildung entscheidend
sei.
Statistisch gesehen sind Menschen mit Realschulabschluss häufiger
von der Arbeitslosigkeit betroffen als die mit Hauptschulabschluss: Nach
Angaben des Statistischen Bundesamtes hatten im vergangenen Jahr 41,6
Prozent der Bundesbürger im Alter von über 15 Jahren einen
Hauptschul- und 20,3 Prozent einen Realschulabschluss.
(Quelle: ap)
Wissenschaft
Forscher führen Rekordherbst auf Klimawandel zurück
Sa.02.12.06 - Der warme Herbst 2006 war nach Ansicht von Wissenschaftlern eine Folge
des Klimawandels. Direkt verantwortlich für die Rekordtemperaturen
sei zwar der Transport warmer Luft vom Mittelmeer nach Deutschland bei
Süd- und Südwestwetterlagen gewesen, teilte das
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) am Freitag mit.
Forscher beobachteten jedoch seit den 20er und verstärkt seit den
80er Jahren eine Zunahme solcher Wetterlagen.
Obwohl Klimawissenschaftler diese Entwicklung mit der globalen
Erwärmung in Verbindung brächten, seien sie von der
Intensität in den vergangenen Monaten überrascht worden.
«Dieser Herbst lieferte einen weiteren Mosaikstein für das
sich immer deutlicher abzeichnende Bild des Klimawandels»,
erklärte PIK-Sprecherin Uta Pohlmann.
Seit längerem gibt es Warnungen, dass wegen der weltweiten
Erwärmung Wetterextreme verstärkt auftreten. Pohlmann
erinnerte an den Hitzesommer 2003 oder die Hochwasser am Alpennordrand
2005. «Als ein Klimaänderungszeuge kann auch der
außergewöhnlich heiße und trockene Juli 2006 in den
Zeugenstand gerufen werden», sagte sie.
Nach den Messungen der Klimaforscher war der diesjährige Herbst
der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die mittleren
Temperaturen in den drei meteorologischen Herbstmonaten September,
Oktober und November hätten in einigen Regionen Deutschlands bis zu
1,0 Grad über dem bisherigen Spitzenjahr 1982 gelegen. Bezogen auf
die langjährige Herbst-Mitteltemperatur sei die aktuelle Saison
2,5 Grad zu warm gewesen.
Am PIK-Standort Potsdam etwa herrschte mit 12,3 Grad Mitteltemperatur
ein Herbstwetter wie üblicherweise in Istrien oder auf der Krim.
Damit wurde der Normalwert von 8,9 Grad an der Havel deutlich
überschritten. Der Deutsche Wetterdienst hatte deutschlandweit mit
12,0 Grad sogar eine um 3,2 Grad höhere Temperatur gemessen.
(Quelle: ap)
Fremde Quallenart dringt in Ostsee ein
Sa.02.12.06 - Eine eingewanderte Quallenart droht sich in der Ostsee so stark zu
vermehren, dass schon bald Fischbestände in Gefahr geraten
könnten. Erst am 17. Oktober hatten Forscher vom Leibniz-Institut
für Meereswissenschaften (IFM Geomar) zum ersten Mal in der Kieler
Förde die Rippenquallen (Mnemiopsis leidyi) entdeckt; seitdem habe
deren Zahl fast explosionsartig zugenommen.
Das könne auch in der Nordsee geschehen, sagte der Kieler
Meeresforscher Prof. Ulrich Sommer in einem dpa-Gespräch. «Am
Anfang hatten wir 30 Individuen pro Kubikmeter Wasser, bei der letzten
Messung waren es 90. Wenn das so weitergeht, haben wir bald
Zustände wie im Schwarzen Meer.»
Dort hatte eine Dichte von 250 Quallen pro Kubikmeter Wasser vor gut 15
Jahren einen drastischen Rückgang der Fischbestände bewirkt.
«Falls die Quallen in der Kieler Förde überwintern und
sich dabei von tierischen Kleinstlebewesen, dem so genannten Zooplankton
ernähren, könnte es im nächsten Jahr weniger Heringe und
Sprotten geben», sagte Sommer. Im Frühjahr hätten die
Rippenquallen dann einerseits den Fischlarven die Nahrung wegfressen,
andererseits ernähre sich die Qualle auch von Fischeiern.
«Allerdings wissen wir noch nicht, wie sich die Rippenqualle
über den Winter verhält; ein massiver Anstieg im
Spätherbst ist noch keine Gefahr», ergänzte der
Meeresforscher. Es gebe allerdings keine Erfahrungen mit dieser
Quallenart in dieser Region. Das Tier ist sehr widerstandsfähig: Es
verträgt verschiedene Salzkonzentrationen, einen weiten
Temperaturbereich und unterschiedliche Wasserqualitäten.
Derartige biologische «Invasionen» neuer Arten nehmen mit
dem Schiffsverkehr weltweit zu. Schiffe schleppen mit ihrem
Ballastwasser fremde Arten in Regionen ein, in denen sie normalerweise
nicht vorkommen. Auf diese Weise könnte auch die Rippenqualle in
die Ostsee gelangt sein.
(Quelle: dpa)
Infineon-Forscher entwickeln dreidimensionale Strom-Spar-Chips
Sa.02.12.06 - Mit einer neuen Chip-Technologie will Infineon künftige Bausteine
für mobile Geräte wie Handys um ein vielfaches
leistungsfähiger machen. Durch neuartige, dreidimensionale
Strukturen der Chips sollen Geräte bei verdoppelter
Batterielaufzeit künftig mit wesentlich weniger Strom auskommen.
Das teilte das Unternehmen am Freitag in München mit.
Den Forschern von Infineon sei es nun gelungen, einen Chip mit
über 3000 Transistoren in der so genannten Multi-Gate-Technologie
herzustellen. Transistoren sind die Bausteine eines Microprozessors. Sie
senden durch An- und Ausschalten elektrische Signale. Dabei werden
Elektronen durch ein so genanntes Transistor-Tor (Gate) geschickt. Bei
der neuen Entwicklung besitzt der Chips statt eines mehrere Gates, die
zudem nicht plan, sondern dreidimensional aufgebaut sind.
Selbst in ausgeschaltetem Zustand fließen in den kleinen Chips
allerdings Leck- und Ruheströme. Durch die immer weiter getriebene
Verkleinerung der Komponenten bis in den Nanobereich werden diese
Leckströme zu einem immer größeren Problem und treiben
auch den Strombedarf der Geräte in die Höhe. Die dritte
Dimension ist Infineon zufolge hier der «Schlüssel zum
Erfolg»: Der steuernde Kontakt des Transistors bekommt dadurch
eine um den Faktor drei größere Angriffsfläche, um den
Transistor effektiv auszuschalten. Bei den Chips mit der neuen 3-D-
Architektur sollen bei gleicher Funktion und Geschwindigkeit und
aktueller Fertigungstechnik nun um den Faktor 10 weniger Ruheströme
laufen.
Fortschritt in der Halbleiterindustrie sei heute nicht mehr allein
durch kleinere Strukturen zu bewältigen, sagte Hermann Eul,
Mitglied des Infineon-Vorstands. «Vielmehr müssen heutige
Verfahren und Materialien innovativ genutzt werden, um Fortschritt
möglichst kostengünstig zu erreichen.» Das neue
Herstellungsverfahren, das Infineon gemeinsam mit dem europäischen
Forschungszentrum IMEC (Interuniversity Micro Electronics Center) in
Belgien weiter erforschen will, soll in fünf bis sechs Jahren als
Basistechnologie serienreif sein.
Auch der weltgrößte Chiphersteller Intel forscht seit Jahren
an ähnlichen dreidimensionalen Chipstrukturen mit mehreren Toren
(Gates). Die Technologie soll bei weiter schrumpfenden Fertigungsteilen
(unter 32 Nanometer Strukturbreite) möglicherweise noch in diesem
Jahrzehnt eingesetzt werden.
(Quelle: dpa)