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Irak 1704 Tage nach Erlangung der formellen Souveränität
Wahl in irakischen Provinzen am 31. Januar. US-Diplomat droht mit Abzug
aus dem Irak, falls das irakische Parlament das Stationierungsabkommen
mit den USA nicht unterzeichnet
Do.20.11.08 - Im Irak sollen am 31. Januar neue Provinzparlamente gewählt
werden. Auf diesen Termin habe sich das Kabinett am Dienstag geeinigt,
sagte Regierungssprecher Ali al Dabbagh. Es ist die erste Regionalwahl
seit 2005. Damals war die Sicherheitslage noch weitaus angespannter als
derzeit.
Ein Berater des US-Außenministeriums hat angeblich mit einem
Abzug der amerikanischen Truppen aus dem Irak gedroht, falls das
irakische Parlament das geplante Stationierungsabkommen mit den USA
nicht verabschieden sollte.
Das berichtete die regierungsnahe irakische Tageszeitung
«Al-Sabah» in ihrer Ausgabe vom Mittwoch unter Berufung auf
mehrere irakische Parlamentarier. Den Angaben zufolge hatte
Irak-Berater David Satterfield am Dienstag Vertreter mehrerer Parteien,
die dem Abkommen kritisch gegenüberstehen, in Bagdad getroffen.
Er habe den Politikern der schiitischen Fadhila-Partei, der
sunnitischen Konsensfront und der säkularen Irakischen Liste
erklärt, dass sich die US-Truppen im Falle einer Ablehnung durch
das Parlament auf den Abzug vorbereiten würden. Washington wolle
keine Verlängerung des UN-Mandates für die multinationalen
Truppen im Irak. Das Mandat läuft am 31. Dezember 2008 aus.
Die irakische Regierung hatte den von den USA auf Wunsch Bagdads leicht
veränderten Entwurf für das Abkommen am vergangenen
Wochenende gebilligt und zur Diskussion an das Parlament
weitergereicht. Die Abgeordneten sollen dem Vernehmen nach noch diese
Woche darüber abstimmen. Einflussreiche Angehörige des
schiitischen Klerus und ein Teil der regierungskritischen Sunniten
haben das Abkommen kritisiert, weil es den US-Soldaten ihrer Ansicht
nach zu viel Freiraum gewährt und dadurch die
Souveränität des Iraks einschränkt. Die eng mit dem Iran
verbandelte Bewegung des radikalen Schiiten-Predigers Muktada al-Sadr
lehnt das Abkommen ebenfalls ab. Ob die erforderliche Mehrheit zustande
kommen wird, ist daher unklar.
Mit einem Abzug der Truppen ab Januar 2009 hatte Washington zuvor nicht
gedroht. Amerikanische Militärs und Politiker hatten im Laufe der
zähen Verhandlungen über das Abkommen jedoch gewarnt, die
derzeit noch rund 150 000 US-Soldaten im Irak könnten ihre
Aufgaben, falls das Abkommen nicht in Kraft treten sollte, «kaum
noch wahrnehmen».
(Quellen: ap, dpa)
mehr Nachrichten vom Tage
Hintergrund: Irakkrieg - Blick ins Archiv
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten würden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Der Weg zum Irakkrieg: 1992 gelangen an die Öffentlichkeit Auszüge
eines neuen Leitlinien-Entwurfs des Pentagons (18.02.1992) - Der "No Rivals"-Plan.
Danach gehört es zu den amerikanischen Interessen, u.a. den "Zugang zu
lebenswichtigen Rohstoffen, vor allem Öl aus dem Persischen Golf" zu sichern
und die "Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und ballistischen Raketen",
"Bedrohungen von US-Bürgern durch Terrorismus oder durch regionale oder lokale
Konflikte" zu verhindern.
1998 richtet das rechtskonservative "Project for the New American Century" an den
damaligen US-Präsidenten Clinton einen Offenen Brief (26.01.1998) mit folgendem
Fazit: Diplomatie gegenüber Irak sei gescheitert. Jetzt müssen militärische
Aktionen gegen den Irak vorbereitet werden. Die Unterzeichner sind: Donald Rumsfeld,
Wolfowitz, Perle, Armitage, Bolton und andere, einflussreiche Politiker
in der Bush-Administration...
Mehr unter:
http://www.glasnost.de/pol/irak.html
Wikipedia - "Irakkrieg - Politische Vorgeschichte":
http://de.wikipedia.org/wiki/Irak-Krieg #Politische_Vorgeschichte
Chronologie der Kriegsvorbereitungen:
http://www.boa-muenchen.org/irakkrieg-chronik/ irakkrieg_chronik_weg_in_den_krieg.htm#news
Chronologie des Irak-Kriegs
Teil 1: 20.03.2003 bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07.2003 bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11.2003 bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01.2004 bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06.2004 bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11.2004 bis 30.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Teil 7: 01.05.2005 bis 31.12.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_07.htm#news
Teil 8: 01.01.2006 bis 31.12.2006
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_08.htm#news
Teil 9: 01.01.2007 bis 20.11.2007
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_09.htm#news
... wird fortgesetzt...
Vor einem Jahr:
Irak am 1336sten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
|
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.2004 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_k01.htm#bodycount
Do.12.10.2006 - Baltimore - Die Zahl der Opfer im Irakkrieg liegt
möglicherweise höher als bisher angenommen. Nach einer Studie
von US-Epidemiologen, die jetzt im Lancet (2006; doi:
10.1016/S0140-6736(06)69491-9) veröffentlicht wurde, könnten
zwischen März 2003 und Juli 2006 etwa 650.000 Menschen (oder 2,5
Prozent der Gesamtbevölkerung) mehr gestorben sein, als aufgrund
der Vorkriegszahlen zu erwarten gewesen wäre. Diese
Schätzungen sind das Ergebnis einer Befragung von 1.849 Haushalten
in 47 unterschiedlichen Regionen des Lande, die Gilbert Burnham von der
Bloomberg School of Public Health initiiert hat... Mehr unter:
http://www.aerzteblatt-studieren.de/doc.asp?docId=104104
Fr.18.01.2008 - Statistik des Grauens: Wie viel Zivilisten sind im Irak
wirklich gestorben? Heftiger Streit ist um die Zahl der Gewaltopfer im
Irak entbrannt.... Mehr unter:
http://www.sueddeutsche.de/irakopfer
Fr.01.02.2008 - Offenbar mehr als eine Million Iraker seit 2003 getötet:
Seit der US-geführten Invasion sind im Irak mehr als eine Million
Iraker gewaltsam zu Tode gekommen. Wie aus einer in London
veröffentlichten Studie hervorgeht, beklagt etwa ein Fünftel
der irakischen Haushalte den Verlust eines Angehörigen. Die
Erhebung umfasst den Zeitraum zwischen März 2003 und August
vergangenen Jahres. Die Daten wurden von den Instituten Opinion Research
Business (ORB) und Institute for Administration and Civil Society
Studies (IIACSS) zusammengetragen.
Die Befragung ergab 1.033.000 irakische Gewalttote, bei einer
Fehlerquote von 1,7 Prozent. Insgesamt wurden 2414 Iraker über 18
Jahren befragt. Nach der jüngsten Volkszählung aus dem Jahr
1997 gibt es im Irak gut vier Millionen Haushalte.
(Quelle: afp)
Mo.31.12.2007 - Für die US-Truppen im Irak war 2007 mit 899 getöteten
Soldaten das Jahr mit den meisten Toten seit Beginn des Krieges vor
fast fünf Jahren. Der verlustreichste Monat war der
Mai mit 126 getöteten Soldaten, im Dezember wurden 21 Tote
gemeldet (Stand Sonntagabend).
Insgesamt starben seit der US-Invasion im März 2003 mindestens
3.902 amerikanische Soldaten. Davon wurden mindestens 3.175 infolge
feindlicher Angriffe getötet, wie aus Zahlen der
US-Streitkräfte hervorgeht.
Ähnlich wie bei den US-Soldaten entwickelte sich im Jahresverlauf
auch die Zahl der zivilen Opfer im Irak. Im Mai wurden 2.155
Zivilpersonen getötet, im Dezember waren es 710. Insgesamt wurden
im Jahr 2007 18.610 Iraker getötet, fast 5.000 mehr als im Jahr
zuvor.
(Quelle: afp)
Mo.24.03.08 - Seit Beginn des Irak-Kriegs vor gut fünf Jahren sind nunmehr
mindestens 4.000 US-Soldaten in dem arabischen Land ums Leben gekommen.
Dies ergab eine Zählung der Nachrichtenagentur AP, nachdem die
US-Streitkräfte in der Nacht zum heutigen Montag den Tod von vier
weiteren Amerikanern in Bagdad gemeldet hatten. Diese wurden den
Angaben zufolge bei der Detonation eines am Straßenrand
versteckten Sprengsatzes getötet. Ein weiterer US-Soldat wurde bei
dem Anschlag am späten Sonntagabend verwundet.
Die Zahl von 1.000 im Irak getöteten Amerikanern wurde im
September 2004 erreicht. Im Oktober 2005 lag die Opferbilanz bei 2.000,
Ende 2006 bei 3.000. Das verlustreichste Jahr für die
US-Streitkräfte im Irak war 2007, als 901 amerikanische
Truppenmitglieder ums Leben kamen.
Der Irak-Einsatz der USA hatte in der Nacht zum 20. März 2003 mit
Luftangriffen auf Bagdad begonnen. Nach
Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kamen alleine zwischen
März 2003 und Juni 2006 bis zu 223.000 Menschen ums Leben. Umfragen
zufolge lehnt eine Mehrheit der US-Bürger den Einsatz inzwischen
ab. (Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
US-Offizier verweigert Marschbefehl in den Irak
Sa.24.06.06 - Ein US-amerikanischer Offizier protestiert gegen den Irak-Krieg:
Der 28 Jahre alte Leutnant Ehren Watada verweigerte am
Donnerstag seinen Marschbefehl in den Irak mit der Begründung,
erstens, daß er als Soldat verpflichtet sei, Recht und Gesetz und
die Verfassung der USA zu achten, zweitens, weil er in Irak dazu
gezwungen würde, Kriegsverbrechen zu begehen, und drittens, weil
der Irak-Krieg ein ungerechter und illegaler sei...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/ boa-archiv8/k0606240.htm#060624_f
Die Kosten für den Irak-Einsatz explodieren
Mittwoch 20. Dezember 2006: Seit März 2003 haben die USA für den Einsatz im Irak 350 Milliarden
Dollar aufgewendet. In diesem Jahr bereits kletterten die Kosten des Irak-Einsatzes
auf monatlich acht Milliarden Dollar gegenüber 6,4 Milliarden Dollar monatlich im Vorjahr.
US-Präsident Bush hat weitere 100 Milliarden Dollar (75,9 Milliarden Euro) im Kongress beantragt.
Quellen: ap, afp
Kriegskosten der USA bis 2017 auf 2,4 Billionen Dollar geschätzt
Freitag 26. Oktober 2007: Der Rechnungshof des US-Kongresses hat die Gesamtausgaben für die
Kriege im Irak und in Afghanistan bis 2017 auf 2,4 Billionen Dollar
(1,7 Billionen Euro) geschätzt. Bisher haben die USA für die
Militäreinsätze in beiden Ländern 604 Milliarden Dollar
(425 Milliarden Euro) ausgegeben, wie das Congressional Budget Office
am Mittwoch in Washington mitteilte...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv9/k0710260.htm#07102601
'Wenigstens bin ich nicht Teil der Maschinerie' - US-Bürger
verweigern Steuern aus Protest gegen Irakkrieg
Sa.21.07.07 - Als die USA vor mehr als vier Jahren in den Irak einmarschierten, bat
David Gross seinen Vorgesetzten um eine drastische Gehaltskürzung
- er wollte so wenig verdienen, dass er keine Steuern mehr zahlen
müsste, über die der Krieg finanziert wird. Als sein
Arbeitgeber ablehnte, kündigte er kurzerhand. Inzwischen ist der
38-Jährige selbständig und weigert sich, Steuern zu
entrichten. Und er befindet sich in guter Gesellschaft: Immer mehr
Gegner des Irak-Kriegs in den USA drücken ihren Unmut durch
Steuerverweigerung aus....
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/ boa-archiv9/k0707210.htm#07072101
Feldpost aus der Wüste: 'The war as we saw it'
Nicht einmal vier Wochen ist es her, da haben sieben Feldwebel der
amerikanischen Armee ehrlich Zeugnis abgelegt. Von ihrem Krieg, so wie
sie ihn sahen. "The war as we saw it", abgedruckt am 19.August in der
New York Times, las sich nüchtern: eine Epistel ohne Pathos, ein
Epos ohne Helden. In dem Brief aus der Wüste erhoben die einfachen
Soldaten weder elendig Klage über den Alltag in Begdad noch bittere
Anklage gegen den Kriegsherrn im Oval Office. Was sie schrieben, war
schlicht und einfach nur: Amerika kann diesen Krieg nicht gewinnen.
Niemals
Als "wirklich surreal" empfanden die sieben Bürger in Uniform die
rosigen Pinselstriche, mit denen die Heeresführung und die Politik
daheim in Washington ihren Einsatz führten. Sie selbst wähnten
sich im Dunkel, gefangen zwischen "entschlossenen Feinden und
fragwürdigen Verbündeten". Amerikas Versuch, mit seiner
geballten Militärmacht den Bürgerkrieg unter Iraks
Volksgruppen zu ersticken, "wird nur sicherstellen, dass uns langfristig
alle hassen".
Nach vier Jahren US-Besatzung, nach 15 Monaten eigenen Erlebens an der
Front mochten die Feldwebel keinen Sinn mehr in ihrer Mission ausmachen.
"Wir haben die Tyrannei der Bath-Partei durch die Tyrannei von
Islamisten, Milizen und krimineller Gewalt ersetzt"
Als Lichtblick blieb den sieben Sergeanten, im Oktober nach Hause zu
kommen. Doch die Hoffnung trog. Einen aus der Gruppe traf ein Kopfschuss
aus dem Hinterhalt, noch ehe die Feldpost die Heimat erreichte, er
überlebte. Zwei andere Kameraden hatten so viel Glück nicht:
Unterfeldwebel Omar Mora und Oberfeldwebel Yance Gray starben am Montag
dieser Woche bei einem Autounfall. Beide waren Söhne, Väter,
Ehemänner und noch nicht einmal dreißig Jahre alt. Nun sind
sie - Helden.
Aus der Süddeutschen Zeitung 15. September 2007
'The war as we saw it' - New York Times, 19.08.2007:
http://www.nytimes.com/2007/08/19/opinion/19jayamaha.html?_r=2
Iraq Veterans against War (IVAW):
http://www.ivaw.org
Aktion Winter Soldier 2008
1971 half die Aktion "Winter Soldier", Öffentlichkeit gegen den
Vietnamkrieg herzustellen, indem Soldaten ihre Version des Kriegs
erzählten. In einer ähnlichen Aktion berichten Soldaten nun
über den Irak-Krieg... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv9-2008/ k0803150.htm#0803150
Britische Denkfabrik nennt Irak- und Afghanistanpolitik 'desaströs'
Mo.08.10.07 - Der Militäreinsatz der USA und ihrer Verbündeten im Irak und
in Afghanistan hat sich nach Einschätzung der britischen
Denkfabrik Oxford Research Group als "Desaster" erwiesen. Die Besatzung
des Irak sei ein "schwerer Fehler" gewesen. Sie bilde den
Nährboden für Generationen von El-Kaida-Anhängern
ähnlich wie die Präsenz der sowjetischen Truppen in
Afghanistan in den 80er Jahren.
Die Inhaftierung tausender Menschen ohne Gerichtsverhandlungen, die
weit verbreitete Folter, Misshandlungen von Gefangenen und die geheime
Verbringung von Verdächtigen in Drittländer seien Wasser auf
die Mühlen "extremistischer Organisationen", heißt es in dem
Bericht. El Kaida verfüge heute über mehr Einfluss als zum
Zeitpunkt der Anschläge vom 11. September in den USA. Die
westlichen Länder müssten die Gründe dafür
analysieren und eine grundsätzlich andere Politik einleiten.
Die Gruppe empfiehlt unter anderem den Abzug der ausländischen
Truppen aus dem Irak sowie verstärkte diplomatische
Bemühungen - auch gegenüber Syrien und dem Iran.
(Quelle: ap)
Kriegsveteranen kosten USA Milliarden von Dollar
Mi.24.10.07 - Am 11. September 2001 hat er verbrannte Körper aus den Ruinen des
Pentagons geborgen, später hat er in Kuwait und im Irak noch mehr
Grauen erlebt. Heute hält es der ehemalige US-Marine in keinem Job
mehr aus, er kann weder seine Schulden bezahlen noch immer
wiederkehrende Selbstmordgedanken aus seinem gepeinigten Hirn
verscheuchen: Gamal Awad gehört zu der wachsenden Zahl einer neuen
Gruppe von Kriegsveteranen: der «wirtschaftlich Gefallenen»...
Die Kosten für die Versorgung verwundeter US-Rückkehrer aus
den Kriegsschauplätzen im Mittleren Osten könnten nach
Schätzungen annähernd 700 Milliarden Dollar (500 Milliarden
Euro) erreichen, fast so viel wie die Kosten für den gesamten
Irakkrieg. ..
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv9/k0710240.htm#07102402
Das Fiasko zahlt sich aus - Warum die USA im Irak bleiben wollen
Fr.14.12.07 - Die gängige Meinung über die Lage im Irak lautet: ein
"Fiasko", "ein einziger Morast", ein "nicht gewinnbarer Krieg". Aber es
gibt gute Gründe für die Annahme, dass sich die Sache aus der
Perspektive von Bush und Cheney ganz anders darstellt. Dass
nämlich die USA genau in dem Morast "stecken", in dem Bush und
andere sie haben wollen. Was im Übrigen erklären würde,
warum es keine "Ausstiegsstrategie" gibt.
Der Irak verfügt über nachgewiesene Ölreserven von 115
Milliarden Barrel - mehr als fünfmal so viel wie die USA. Zudem
ist der Irak aufgrund seiner langen politischen Isolation der
Ölstaat, dessen Vorkommen am wenigsten erforscht sind. Im ganzen
Land gibt es nur 2 000 Bohrlöcher, in Texas hingegen eine Million.
Der Council on Foreign Relations in Washington hat Schätzungen
publiziert, wonach im Irak noch unentdeckte Ölreserven in
Höhe von 220 Milliarden Barrel lagern; eine andere Studie
beziffert diese Reserven auf 300 Milliarden Barrel.(1)
Wenn diese Schätzungen auch nur einigermaßen realistisch
sind, sitzen die US-Truppen heute auf einem Viertel der globalen
Ölressourcen. Der Wert dieses Öls - großenteils
leichtes Rohöl, entsprechend niedrige Förderkosten -
würde zu aktuellen Preisen bei 30 Billionen Dollar liegen. Zum
Vergleich: Die Gesamtkosten der US-amerikanischen Invasion plus
Okkupation werden auf eine Billion Dollar geschätzt.
An wen wird das irakische Öl gehen? Eine der Benchmarks, die der
irakischen Regierung von der Bush-Administration gesetzt wurden, ist
die Verabschiedung eines Gesetzes über die Verteilung der
Öleinnahmen. Nach dem Gesetzentwurf, den Washington für den
irakischen Volkskongress ausgearbeitet hat, würde das
geförderte Öl nahezu vollständig an westliche Konzerne
gehen...
Mehr in Le Monde diplomatique Nr. 8455 vom 14.12.2007, Seite 11:
http://www.monde-diplomatique.de/pm/2007/12/14/a0043.text
Saddam
Hussein hielt US-Invasion für unwahrscheinlich - FBI-Beamter gibt
Details aus Verhören des früheren irakischen Staatschefs preis
Fr.26.01.08 - Saddam Hussein war nach den Worten eines FBI-Beamten überzeugt,
dass die USA ihn nicht stürzen würden. Die Möglichkeit,
dass er Massenvernichtungswaffen besitzen könnte, ließ der
frühere irakische Präsident bewusst offen, um den Iran von
etwaigen Angriffen abzuschrecken. Dies erklärte er in seinen
Verhören, wie der daran beteiligte US-Ermittler George Piro dem
Fernsehsender CBS mitteilte. Das Interview mit Piro soll am
Sonntagabend ausgestrahlt werden.
Demnach war der Ende 2006 hingerichtete Diktator der Auffassung, die
USA würden im März 2003 lediglich eine Reihe Luftangriffe
lancieren wie schon 1998. Mit einer vollen Invasion zu seinem Sturz
habe er indessen nicht gerechnet, sagte Prio dem Sender. Ihm
gegenüber habe Saddam Hussein eingeräumt, dass er die
Absichten von US-Präsident George W. Bush damals falsch kalkuliert
habe. Da er aber keine US-Invasion erwartet habe, habe er es auch nicht
für nötig gehalten, bezüglich seines Waffenprogramms
Klarheiten zu schaffen.
Saddam Hussein wies seinerzeit zwar stets amerikanische Anschuldigungen
zurück, Massenvernichtungswaffen zu besitzen. Dennoch verweigerte
er den Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA)
immer wieder den Zugang zu den irakischen Nuklearanlagen. Piro zufolge
wollte er die Welt bewusst im Dunkeln lassen, um den Iran
abzuschrecken: «Für ihn war es wichtig, als der starke Mann
dazustehen, der den USA trotzt.»
Piro fügte hinzu, dass Saddam Hussein zu diesem Zeitpunkt
tatsächlich keine unkonventionellen Waffen besessen habe. Er habe
aber erwogen, ein neues Programm für deren Herstellung in Angriff
zu nehmen.
boa (Quelle: ap)
Gefälschte 'New York Times' meldet Ende des Irak-Kriegs -
Aktionskünstlergruppe 'The Yes Men' outet sich als Herausgeber
Do.13.11.08 - Eine gefälschte Ausgabe der «New York Times» hat am
Mittwoch mit Datum 4. Juli 2009 und großer Schlagzeile das Ende
des Irak-Kriegs vermeldet (http://www.nytimes-se.com/.
Die täuschend echt wirkende «Sonderausgabe» der
renommierten Tageszeitung berichtete auch über die
Schließung des US-Gefangenenlagers Guantánamo Bay in Kuba
und dass der frühere US-Präsident George W. Bush wegen
Hochverrats angeklagt wurde. Die Aktivisten- und
Aktionskünstlergruppe «The Yes Men» (http://www.theyesmen.org/) outete sich am
Mittwoch als Herausgeber der 14-seitigen Zeitung. Sechs Monate lang
hätten sie an dem Blatt gearbeitet und über eine Million
Exemplare mit Hilfe von tausenden Freiwilligen kostenlos in New York
und anderen US-Städten verteilt.
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv9-2008/k0811130.htm#08111330
|
Appell für 37 Millionen Kinder in Konfliktregionen
Do.20.11.08 - Eine Gruppe von 31 Friedensnobelpreisträgern hat einen Appell an
die internationale Staatengemeinschaft gerichtet, sich um die Bildung
von 37 Millionen Kindern zu kümmern, die in Konfliktregionen
gefangen sind. «Das Zufallslos, wo ein Kind geboren wird,
entscheidet darüber, ob es glücklich und gesund
aufwächst oder ob es mitten in einem Konflikt aufwächst und
dann nur Krieg und seine schrecklichen Folgen kennt», heißt
es in dem Brief, der am heutigen Donnerstag in Oslo veröffentlicht
wurde. An der Aktion zum 20. Jahrestag der Verabschiedung der
UN-Konvention über Kinderrechte beteiligten sich auch Jimmy
Carter, der Dalai Lama und Desmond Tutu. Organisiert wurde der Appell
von der Organisation Save the Children (http://www.savethechildren.net/),
die eine Kampagne zur Förderung von Bildungsmöglichkeiten in
Konfliktzonen führt.
(Quelle: ap)
Obamas künftige Regierung nimmt Gestalt an
Do.20.11.08 - Zwei Monate vor der Amtsübernahme des designierten
US-Präsidenten Barack Obama nimmt dessen künftige Regierung
allmählich Gestalt an. Spekulationen, wonach Hillary Clinton neue
Außenministerin werden könnte, erhielten am Mittwoch neuen
Auftrieb. Aus der Umgebung der New Yorker Senatorin und früheren
First Lady verlautete, sie erwäge die Aufgabe ihres Senatssitzes,
um an die Spitze des Außenministeriums zu wechseln.
Zuvor hieß es bereits, Expräsident Bill Clinton wolle einer
möglichen Berufung seiner Ehefrau Hillary zur
Außenministerin nicht im Weg stehen. Wie aus der Umgebung Obamas
verlautete, ist der frühere Präsident bereit, die
Aktivitäten in seiner Aids-Stiftung zu reduzieren und große
Spender zu nennen. Auch bei bezahlten Reden wolle er strenge ethische
Maßstäbe anlegen.
Obamas einstige innerparteiliche Rivalin um die demokratische
Präsidentschaftskandidatur ist seit einigen Tagen als
Anwärterin auf den Außenministerposten in der neuen
Regierung im Gespräch. Als ein möglicher Hinderungsgrund
galten bisher die Aktivitäten ihres Ehemannes, die zu
Interessenskonflikten führen könnten.
Bei den Sondierungsgesprächen zur Regierungsbildung zeichnet sich
unterdessen ab, dass der Jurist und ehemalige Regierungsbeamte Eric
Holder Justizminister werden könnte. Er wäre der erste
Schwarze in diesem Amt. Aus Kreisen der Berater Obamas und der
Demokraten verlautete, Holder sei der Wunschkandidat des künftigen
Präsidenten. Dieser war bereits unter Präsident Clinton im
Justizministerium tätig. Angesichts der demokratischen Mehrheit im
Senat gilt eine Bestätigung Holders als sicher.
Tom Daschle, ehemaliger Senatsführer der Demokratischen Partei,
wird neuer Gesundheitsminister. Der enge Berater des designierten
Präsidenten Obama nahm das Angebot an, wie am Mittwoch in
Washington mitgeteilt wurde. Daschle schrieb kürzlich ein Buch
über die Verbesserung der Gesundheitsversorgung in den USA.
Zwei Wochen nach der Präsidentenwahl lag unterdessen am Mittwoch
das Endergebnis aus dem letzten bislang noch offenen US-Staat vor.
Demnach siegte Obamas republikanischer Kontrahent John McCain im Staat
Missouri mit einem Vorsprung von 3.632 Stimmen oder 0,12
Prozentpunkten. Somit entfallen die elf Wahlmännerstimmen des
Staates auf Senator McCain, der in der Gesamtwertung auf 173
Wahlmännerstimmen kommt. Obama sicherte sich 365
Wahlmännerstimmen. Für die Wahl zum Präsidenten sind
mindestens 270 Wahlmännerstimmen notwendig.
(Quelle: ap)
Keine raschen Hilfen für US-Autoindustrie
Do.20.11.08 - Die kriselnde US-Autoindustrie kann wegen politischer Streitigkeiten in
Washington nicht auf schnelle staatliche Finanzhilfen hoffen. Die
Demokraten im Senat sagten eine für diesen Donnerstag geplante
Probeabstimmung über ein Hilfspaket in Höhe von 25 Milliarden
Dollar ab.
Das berichtete der TV-Sender CNN am Mittwochabend (Ortszeit). Es gebe
keine Mehrheit für den Antrag, hieß es zur Begründung.
Allerdings gebe es im Kongress bereits Gespräche über einen
Kompromiss zwischen Demokraten und Republikanern. Von den Hilfen
könnte auch der Opel-Mutterkonzern General Motors (GM) profitieren.
Die Chefs der drei großen US-Autobauer hatten zuvor bei
Anhörungen im Kongress vor einem Kollaps der Autoindustrie
gewarnt. Das 25- Milliarden-Darlehn sei notwendig, damit die Industrie
die Liquiditätskrise überlebe, hieß es. Allerdings
reagierten Republikaner wie Demokraten mit Skepsis. Viele Politiker
machten jahrelanges Missmanagement in der Autoindustrie für die
Krise verantwortlich.
Nach Vorstellungen der Demokraten sollen die 25 Milliarden Dollar
für die Autoindustrie aus dem 700-Milliarden-Dollar-Paket zur
Stabilisierung der Finanzmärkte abgezweigt werden, das der
Kongress im Oktober verabschiedet hatte. Viele Republikaner und die
Regierung von Präsident George W. Bush lehnen eine solche
Lösung aber ab. Das Geld aus dem Fonds sei nicht für einzelne
Industriebranchen vorgesehen.
Auch der gewählte US-Präsident Barack Obama hatte für
rasche Staatshilfen an die Autobauer plädiert. Es dürfe aber
keinen Blankoscheck geben.
General Motors, Ford und Chrysler kämpfen seit längerem mit
großen Schwierigkeiten. GM warnte kürzlich davor, zum
Jahresende möglicherweise nicht mehr genügend Geld zu haben,
um Löhne bezahlen zu können.
(Quelle: dpa)
Miese Stimmung an weltweiten Aktienmärkten
Do.20.11.08 - Die schlechten Vorgaben von der Wall Street haben am Donnerstag die
Aktienkurse in Asien und Europa belastet. Der Deutsche Aktienindex DAX
fiel zu Handelsbeginn um 2,81 Prozent auf 4.231,67 Punkte.
Größter Verlierer war der angeschlagene
Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate mit einem Verlust von 14,96
Prozent.
In Tokio fiel der Nikkei-Index nach schlechten Daten zur japanischen
Exportkonjunktur um 4,7 Prozent auf 7.882 Zähler. In Hongkong gab
der Hang-Seng-Index 4,5 Prozent auf 12.234 Zähler ab.
Am Mittwochabend hatte der Dow-Jones-Index für 30 führende
Industriewerte um 427,47 Punkte oder 5,07 Prozent auf 7.997,28
Zähler nachgegeben. Dies ist der niedrigste Stand seit März
2003. Der Index der Technologiebörse Nasdaq schloss mit einem
Minus von 96,85 Punkten bei 1.386,42 Zähler.
(Quelle: ap)
Weltbank - Entwicklungsländer stehen wegen Finanzkrise am Abgrund
Do.20.11.08 - Weltbank-Präsident Robert Zoellick hat wegen der Finanzkrise
sofortige Hilfsmaßnahmen für Entwicklungsländer
gefordert.
Viele dieser Staaten stünden inzwischen gefährlich nahe am
Abgrund, sagte Zoellick am Mittwochabend in Berlin. "Diese Krise wurde
nicht von ihnen verursacht. Diese Länder sollten nicht für
die Fehler der entwickelten Welt zahlen", forderte er. Neben
finanziellen Hilfen sollten aber auch humanitäre Maßnahmen
ergriffen werden. Die Entwicklungsländer seien in wirtschaftlichen
Krisen immer am verwundbarsten und bräuchten nun dringend die
Unterstützung der reicheren Staaten, sagte Zoellick weiter.
Die Entwicklungsländer sind im Zuge der Finanzkrise zunehmend
unter Druck geraten, weil viele Investoren ihr Kapital abzogen. Wegen
der weltweiten Kreditklemme haben sie zugleich große Probleme,
sich an den Märkten frisches Geld zu besorgen. Die Weltbank hat
daher ihre Wachstumsprognose für diese Staaten stark
zurückgeschraubt.
(Quelle: rtr)
EU-Agrarsubventionen werden gekürzt
Do.20.11.08 - Nach einem nächtlichen Verhandlungsmarathon haben sich die
EU-Agrarminister auf massive Kürzungen der milliardenschweren
Agrarsubventionen geeinigt. Europas Landwirte müssen bis 2012 auf
weitere 5 Prozent ihrer Direkt-Beihilfen verzichten.
Für die deutschen Bauern bedeute der Beschluss Einbußen in
Höhe von jährlich etwa 225 Millionen Euro, hieß es aus
Verhandlungskreisen in Brüssel.
Großbauern sollen ungeachtet des heftigen Widerstands von
Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) zusätzlich zur
Kasse gebeten werden. Den weitaus größten Teil hätten
die Landwirte in Ostdeutschland zu schultern.
(Quelle: dpa)
Sozialbericht: Deutsche unzufrieden mit Sozialsystem und Demokratie
Do.20.11.08 - Immer mehr Deutsche verlieren das Vertrauen in die sozialen
Sicherungssysteme und die Demokratie. Die Zufriedenheit mit Kranken-,
Renten- und Pflegeversicherung und der Sozialhilfe ist auf den
niedrigsten Stand seit 25 Jahren abgesackt. Dies geht aus dem am
Mittwoch veröffentlichten «Datenreport 2008» hervor.
Nur noch 26 Prozent der Deutschen glauben, dass ihre Rente sicher ist -
so wenig, wie in keinem anderen Land Europas.
Vorgelegt wurde der Datenreport vom Statistischen Bundesamt und
mehreren sozialwissenschaftlichen Instituten. Demnach flossen 2006
insgesamt rund 700 Milliarden Euro in die soziale Sicherung, davon
allein 240 Milliarden in die Rentenversicherung und 147 Milliarden in
die Krankenversicherung. 8,3 Millionen Menschen - jeder Zehnte - konnte
nur mit staatlicher Unterstützung überleben, die sich
insgesamt auf 45,6 Milliarden Euro summierte. Allein 7,3 Millionen
Menschen waren von Hartz IV abhängig.
Unzufrieden seien viele Menschen vor allem wegen der jüngsten
Sozialreformen, die Einschnitte bei Rente, Gesundheitsversorgung und
Sozialhilfe brachten, und weil sie vom Staat mehr Hilfe erwarten, sagte
Mitherausgeber Heinz-Herbert Noll. Auf einer Skala von eins bis zehn
bewerten die Westdeutschen die Sozialversicherungssysteme nur mit 5,5
Punkten, die Ostdeutschen sogar nur mit 5,0 Punkten.
Für Verdruss sorgen bei vielen Deutschen aber auch ihre Einkommen,
die den Daten zufolge real im Durchschnitt seit 2001 praktisch nicht
gestiegen sind. Zuversicht fehlt vielen ebenfalls: 2007 sagten nur 25
Prozent der Deutschen, ihnen gehe es besser als vor fünf Jahren;
nur 30 Prozent erwarten Besserung in fünf Jahren. Damit seien die
Deutschen pessimistischer als fast alle anderen Europäer, sagte
Noll.
Die Demokratie bewerteten die Westdeutschen nach Nolls Worten nur mit
5,2, die Ostdeutschen sogar nur mit 3,9 auf der Zehnerskala. Dies sei
ein «besorgniserregend niedriges Niveau». Bei Arbeitslosen
und Armen in Ostdeutschland lägen die Werte sogar unter drei. Aus
der «Abkopplung vom allgemeinen Wohlstandsniveau» ergebe
sich «ein Risiko und Konfliktpotenzial für die Demokratie
insgesamt», sagte Noll.
Die These von einer wachsenden neuen Unterschicht sieht der
Wissenschaftler hingegen nicht belegt. «Wie die Ergebnisse
verdeutlichen, sind es lediglich marginale Anteile von eins bis drei
Prozent der Westdeutschen und cirka fünf Prozent der Ostdeutschen,
die sich subjektiv der Unterschicht zuordnen, und diese Anteile haben
sich im Zeitverlauf kaum verändert», sagte Noll.
Nur noch 2,3 Prozent der Wahlbevölkerung gehört einer Partei
an, nur rund zehn Prozent einer Gewerkschaft. Auch sei die
Wahlbeteiligung mit 77,1 Prozent 2005 so gering wie nie zuvor bei einer
Bundestagswahl gewesen, sagte Thomas Krüger, Präsident der
Bundeszentrale für politische Bildung. Andererseits engagierten
sich aber immer mehr Menschen außerhalb traditioneller
politischer Strukturen, zum Beispiel bei Demonstrationen.
Regierungssprecher Ulrich Wilhelm sagte zu den Daten, jeder Befund, der
auf wachsende Unzufriedenheit mit der Demokratie hinweise, sei Anlass
zur Sorge. Es sei ein «lohnendes Unterfangen» zu zeigen,
dass es keine bessere Alternative zu Demokratie und Rechtsstaat gebe.
Der Datenreport steht im Internetangebot der beteiligten Institutionen
Destatis (http://www.destatis.de),
WZB (http://www.wzb.eu/),
GESIS (http://www.gesis.org/sozialindikatoren)
und der Bundeszentrale für politische Bildung (http://www.bpb.de/publikationen)
kostenlos als Download zur Verfügung.
(Quelle: ap)
Junge Union fordert Überprüfung der Sozialausgaben
Do.20.11.08 - Die Junge Union (JU) fordert angesichts der schlechten wirtschaftlichen
Entwicklung eine Überprüfung der staatlichen Sozialausgaben.
Wenn man sich die «ausufernden Kosten» in den Bereichen
Gesundheit oder Rentenversicherung ansehe, «muss man sich die
Frage stellen, ob das generationengerecht ist, und ob es auch den
Ansprüchen der Menschen gerecht wird», sagte JU- Bundeschef
Philipp Mißfelder am Donnerstag im Deutschlandradio Kultur.
Er forderte, Parlament und Regierung müssten sich auf bestimmte
Kernbereiche konzentrieren. So sollte künftig weiter in die
Familienpolitik und die Bildungspolitik investiert werden, die
Sozialpolitik müsse aber auf den Prüfstand.
Der CDU-Politiker bedauerte, dass das «hehre» Ziel der
Haushaltskonsolidierung unter den Gegebenheiten nicht einzuhalten sei.
«Wir hätten uns gerade als jüngere Politiker einen
anderen Kurs gewünscht.» Der 29-Jährige wird beim
CDU-Parteitag in Stuttgart Anfang Dezember für das Präsidium
der Partei kandidieren.
(Quelle: ddp)
Hessischer Landtag aufgelöst
Do.20.11.08 - Der hessische Landtag hat den Weg für vorgezogene Neuwahlen
freigemacht. Alle 99 anwesenden Abgeordneten der fünf Fraktionen
stimmten am Mittwoch für die Auflösung des Parlaments. Der
Abstimmung ging eine heftige Debatte voraus. Die beiden SPD-Abweichler
Jürgen Walter und Carmen Everts verteidigten im Landtag ihre
Entscheidung, die SPD-Landesvorsitzende Andrea Ypsilanti nicht zur
Chefin einer von der Linken tolerierten rot-grünen
Minderheitsregierung zu wählen.
Der hessische Landtag hatte sich erst am 5. April dieses Jahres
konstituiert. Die 17. Legislaturperiode war damit die kürzeste in
der Geschichte des Bundeslandes. Neuwahlen sollen am 18. Januar 2009
stattfinden. Es ist bereits das dritte Mal in seiner Geschichte nach
1983 und 1987, dass sich der Landtag aufgelöst hat.
Ministerpräsident Roland Koch (CDU) rief die Abgeordneten auf, das
Wohl Hessens nicht aus den Augen zu verlieren. Mit Blick auf die
Neuwahlen sagte er, seine Partei habe auf die Verluste bei der Wahl im
Januar reagiert. «Ja, es stimmt, das personelle Angebot ist
dasselbe, aber die Inhalte haben sich geändert.» Auch im
Wahlkampf werde die CDU etwas ändern, aber im Kern ihrer
Identität treu bleiben.
SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel räumte
seinerseits den Wortbruch seiner Partei in Bezug auf eine
Zusammenarbeit mit der Linkspartei ein, fügte jedoch hinzu:
«Eine große Koalition mit Roland Koch an der Spitze
wäre ein doppelter Wortbruch gewesen.» Die SPD habe
«vor der Wahl etwas gesagt, das wir nicht halten konnten».
Es sei eine große Niederlage für die SPD gewesen, die Linke
nicht aus dem Landtag heraushalten zu können. Mit Blick auf die
Wahl sagte Schäfer-Gümbel: «In der Hessen-Union bleibt
alles, wie es war.» Bei der Wahl im Januar gehe es deshalb
«um Alt gegen Neu».
Grünen-Chef Tarek Al-Wazir forderte einen Politikwechsel. Das
Ergebnis der Wahl vom 27. Januar sei gewesen, «dass die Menschen
die Nase voll von Roland Kochs Regierung hatten». Die Grünen
hätten diesen Wechsel gewollt. Mit Blick auf die gescheiterten
Versuche Ypsilantis, die Regierung zu übernehmen, sagte Al-Wazir:
«Es ist um der Sache Willen sehr schade, dass das gemeinsame
Regierungsprojekt nicht seit zwei Wochen schon in die Praxis umgesetzt
wird, sondern es jetzt Neuwahlen gibt.»
Walter wies die Schuld für die Auflösung des Landtags von
sich. Nicht alleine vier SPD-Abweichler seien dafür
verantwortlich, sondern vier demokratische Parteien, die nicht ein
einziges Mal ernsthaft über die Bildung einer demokratischen
stabilen Regierung miteinander gesprochen hätten. Er betonte:
«Wir alle vier würden heute genau so wieder
entscheiden.»
Everts unterstellte der Linkspartei «ein problematisches
Demokratie- und Rechtsstaatsverständnis». Neuwahlen seien
«nicht das Ziel» der vier Abweichler gewesen, sagte sie und
verteidigte den späten Zeitpunkt ihrer Entscheidung, Ypsilanti
nicht zu wählen. «Für eine zutiefst richtige
Entscheidung kann es keinen falschen Zeitpunkt geben»,
argumentierte sie.
(Quelle: ddp)
Rechtsextremismus: Rechte Gesinnung wird alltäglich
Do.20.11.08 - Die Neonazis sind nach Ansicht von Bundestagsvizepräsident
Wolfgang Thierse (SPD) in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
«Der Rechtsextremismus ist bürgerlicher geworden»,
sagte Thierse am Mittwoch in Berlin. Eine Glatze sei längst nicht
mehr das Markenzeichen für eine rechte Gesinnung. Obwohl das
Bewusstsein für rechtsextreme Probleme in der Bevölkerung
gewachsen sei, hätten sich die Probleme in den vergangenen zehn
Jahren nicht verringert, sondern in der Gesellschaft nur verlagert,
sagte Thierse.
Thierse äußerte sich anlässlich des zehnjährigen
Bestehens der Amadeu Antonio Stiftung, deren Schirmherr Thierse ist.
Die Stiftung fördert bundesweit Initiativen und Kampagnen gegen
Rassismus und Antisemitismus. Thierse warnte davor, rechtsextremes
Gedankengut zu ignorieren. «Die Menschen werden in schwierigen
Zeiten verführbar für einfache Antworten», sagte er. In
wirtschaftlich turbulenten Zeiten wie jetzt komme es darauf an, aus der
Geschichte Deutschlands zu lernen. Politiker und Bürger
müssten zusammen daran arbeiten, eine «demokratische
Kultur» im Alltag zu etablieren.
Auch die Vorsitzende der Stiftung, Anetta Kahane, appellierte an
Bürger, Politiker und Behörden, zusammenzuarbeiten.
«Das klingt so einfach, aber in der Realität ist das harte
Arbeit», sagte Kahane. Oftmals scheitere der Einsatz von
Politikern oder Behörden gegen Rechtsextremismus daran, dass sie
Bürgerinitiativen oder Gegner von Naziaufmärschen automatisch
für linksextrem halten würden. «Das ist ein
Vorurteil», sagte Kahane. «Wir setzen uns für die
Demokratie ein.» Politiker sollten in ihren Städten und
Ortschaften klare Position gegen Neonazis beziehen, forderte sie.
Es sei nicht hinnehmbar, dass Neonazis mit ihren Vereinigungen
Gedenktage für ihre Zwecke missbräuchten. Als Beispiel nannte
Kahane den 13. Februar, an dem in Dresden traditionell der Opfer des
Luftangriffes von 1945 gedacht wird. Bei der dortigen Kranzniederlegung
seien mittlerweile mehr Vertreter der rechten Szene anwesend als
Bürger, die um verstorbene Angehörige trauerten.
«Solche Tendenzen können nur ganz konkret vor Ort
bekämpft werden», sagte sie.
Eine positive Bilanz der zehnjährigen Arbeit ihrer Stiftung
könne sie nur teilweise ziehen. «Wenn rechtsextreme Gewalt
immer noch Menschenleben kostet, fällt es schwer von Erfolg zu
reden», sagte Kahane. Mit Sorge betrachtet sie die Entwicklung
der NPD. «Die NPD hat aus einer ehemaligen Heimstatt für
altbackenen, konservativen Nationalsozialismus eine moderne Partei
gemacht. Das ist sehr gefährlich», sagte sie. Sie forderte
ein Umdenken vor allem bei Managern und Geschäftsführern als
Sponsoren für Bürgerinitiativen: «Eine demokratische
Alltagskultur herzustellen, das geht uns alle als Bürger etwas
an.»
(Quelle: ddp)
Deutsche Regierungs-Computer im Visier chinesischer Hacker
Do.20.11.08 - Hacker aus China bedrohen offenbar Rechner der Bundesregierung. Es gebe
Hinweise, dass «gezielt Angriffe im Computerbereich gegen
Regierungsbereiche gefahren werden», sagte der
Staatssekretär im Bundesinnenministerium, August Hanning, am
Mittwoch in Berlin. Nähere Angaben machte Hanning nicht.
Der Sprecher von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, Stefan
Paris, sagte, grundsätzlich reagiere man im Bereich der Spionage
über das Internet «sehr sensibel». Deutsche Netze
seien immer wieder von Anschlägen betroffen.
Im Sommer 2007 hatten Medienberichte über chinesische
Spähprogramme (Trojaner) auf deutschen Regierungscomputern
für Aufsehen gesorgt. Neben dem Kanzleramt seien das
Wirtschaftsministerium, das Forschungsministerium und das
Auswärtige Amt betroffen, hieß es damals. Die Regierung in
Peking hatte das mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen.
Im Juni dieses Jahres meldeten US-Abgeordnete Hackerangriffe aus China
auf mehrere Rechner des Kongresses. Den Angreifern sei es dabei
offenbar um Listen mit politischen Dissidenten auf der ganzen Welt
gegangen. Auch hier wies die chinesische Regierung die Vorwürfe
zurück. Als Entwicklungsland sei China zu solch
ausgeklügelten Angriffen im Internet gar nicht in der Lage,
hieß es damals.
(Quelle: ap)
BGH erleichtert 'Sampeln' von Musikstücken
Do.20.11.08 - Der Bundesgerichtshof (BGH) hat das sogenannte «Sampeln»
von Musikstücken erleichtert. Künstler dürfen unter
bestimmten Voraussetzungen kleine Tonfetzen aus Musikstücken
entnehmen und daraus ein eigenes Werk schaffen, entschied das
Karlsruher Gericht am Donnerstag.
In dem Prozess ging es um eine Klage der Gruppe Kraftwerk gegen den
Produzenten und Komponisten Moses Pelham. Die Gruppe wirft Pelham vor,
aus ihrem 1977 aufgenommenen Stück «Metall auf Metall»
eine zweisekündige Rhythmus-Sequenz elektronisch kopiert und als
fortlaufende Wiederholung dem mit Sabrina Setlur aufgenommenen Song
«Nur mir» unterlegt zu haben. Der Fall ist allerdings noch
nicht endgültig entschieden: Der BGH verwies das Verfahren zur
neuen Prüfung an das Hanseatische Oberlandesgericht (OLG) Hamburg
zurück.
Bei der Urteilsverkündung stellte der Senatsvorsitzende Joachim
Bornkamm klar, dass grundsätzlich auch kleinste Teile eines
Musikstücks urheberrechtlich geschützt sind und deshalb nur
mit Zustimmung des Urhebers entnommen werden dürfen. Allerdings
sehe das Urheberrecht eine Ausnahme von dieser Regel vor, um das
kulturelle Schaffen zu fördern. Danach dürfe ein Musiker
solche Tonsequenzen aus anderen Stücken entnehmen, die wegen ihrer
besonderen Eigenart nicht einfach nachgespielt werden könnten.
Für Melodien gelte diese Ausnahme allerdings nicht.
(Quelle: dpa)
Wissenschaft: Antibiotika können Darmflora mehrere Monate lang
stören
Do.20.11.08 - Medikamente wirken sich länger auf Bakterien aus als bisher
angenommen
Die Behandlung mit Antibiotika verändert die Anzahl von etwa einem
Drittel aller Darmbakterien. Zwar erholen sich die meisten
Bakterienarten nach Abschluss der Therapie innerhalb von vier Wochen,
bei einigen Arten ist jedoch auch nach sechs Monaten noch nicht wieder
der Ausgangszustand erreicht. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler
um Mitchell Sogin vom Marine Biological Laboratory in Woods Hole (USA),
nachdem sie eine neue, besonders genaue genetische Analysemethode
verwendet hatten. Die veränderte Zusammensetzung der Darmbakterien
könnte die Gesundheit in bisher noch unbekannter Weise über
lange Zeit hinweg beeinflussen, berichten die Forscher.
In Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Stanford University (USA)
analysierten die Biologen die Zusammensetzung der Darmbakterien von
drei gesunden Erwachsenen, die fünf Tage lang das Antibiotikum
Ciprofloxacin einnahmen. Mithilfe einer speziellen Methode zur
Genanalyse konnten sie 3.300 bis 5.700 genetisch verschiedene
Bakterienarten identifizieren. Mindestens ein Drittel dieser Arten
wurde durch Ciprofloxacin dezimiert. Außerdem änderte sich
auch die Zusammensetzung der verschiedenen Bakterienarten. "Bakterien,
die vor der Behandlung in geringer Menge vorhanden waren, können
häufiger anzutreffen sein, und Bakterien, die vorher am
häufigsten vorkamen, können seltener vorhanden sein",
erklärt Sogin.
Dies könnte sich möglicherweise auch längerfristig auf
die Darmflora auswirken, vermuten die Wissenschaftler. Auch wenn die
meisten Bakterienarten innerhalb von vier Wochen wieder ihren
Ausgangszustand erreicht hatten, zeigten sich bei einigen Arten auch
nach sechs Monaten noch Auswirkungen der Behandlung. Bei
Veränderungen in der Zusammensetzung der Darmbakterien könnte
es leichter zu Krankheiten kommen, vermutet Sogin. Denn der menschliche
Darm, in dem sich die größte bekannte Dichte von Bakterien
findet, spielt eine wichtige Rolle bei der Ernährung, der
Beseitigung von Krankheitserregern und der Steuerung des Immunsystems.
Mitchell Sogin (Marine Biological Laboratory, Woods Hole, USA) et
al.:PLoS Biology, Ausgabe 18. November (DOI:
10.1371/journal.pbio.0060280)
Quelle: ddp
Physiker bringen Ölkügelchen zum Schweben
Do.20.11.08 - Die drei durchsichtigen Tropfen hüpfen im Takt: Gleichzeitig
federn die Ölkugeln von der Oberfläche einer Flüssigkeit
nach oben und strecken sich dabei, dann fallen sie wieder herab und
werden zusammengestaucht. Das Kunststück, Tropfen einer
Flüssigkeit über einer flüssigen Oberfläche
schweben, hüpfen und rollen zu lassen, haben Physiker um
Stéphane Dorbolo von der Universität Lüttich
vollbracht. Inspiriert durch die Auswirkungen eines Lautsprechers
entwickelten die Forscher eine neue Methode, um Tropfen zum Tanzen zu
bringen.
Wenn ein Öl- oder Wassertropfen auf einer ruhigen Oberfläche
platziert wird, löst er sich meist schnell in der Flüssigkeit
auf – die Schwerkraft siegt über die Oberflächenspannung. Mit
Hilfe von Schallwellen lassen sich die Tröpfchen in der Schwebe
halten, hatten Forscher aus Japan schon vor einigen Jahren
herausgefunden. Die Methode war allerdings äußerst
kompliziert und teuer und funktionierte nur bei relativ
zähflüssigen Ölen.
Dorbolo und seine Kollegen versetzten nun ein Gefäß mit
zähflüssigem Öl in Schwingung. Bei bestimmten
Vibrationen verwandelte sich die Öl-Oberfläche in ein
Trampolin für Tröpfchen mit einer niedrigen Viskosität:
Wenn die Beschleunigung einen bestimmten Wert überschritt,
strömte immer wieder Luft in den Zwischenraum zwischen der
Flüssigkeit und den Tröpfchen. Die Tröpfchen schwebten
dadurch dauerhaft über der Oberfläche und gingen nicht in der
Flüssigkeit auf. Durch Veränderung der Schwingungsmuster
waren die Forscher sogar in der Lage, mehrere Tröpfchen an einer
Stelle zu versammeln und sie in eine bestimmte Richtung zu lenken.
Die Physiker aus Lüttich sind von Tropfen fasziniert: Für
diese "mikrofluidischen Systeme" gelten zum Teil völlig andere
Gesetze als für normale Flüssigkeiten, weil
Oberflächeneffekte eine große Rolle spielen, schreiben sie
auf ihrer Webseite. Doch die Forschung an den tanzenden Tropfen ist
auch für praktische Anwendungen nützlich: "Im Zeitalter der
Miniaturisierung wird es immer wichtiger, kleine
Flüssigkeitsmengen zu handhaben, insbesondere in der Chemie, der
Biologie, der Medizin und der Lebensmitteltechnik", schreiben die
Forscher. "Unser Verfahren erlaubt es, Tropfen zu bewegen, ohne dass
diese mit einer festen oder flüssigen Oberfläche in Kontakt
kommen."
Stéphane Dorbolo (University of Liège, Belgien) et al.:
New Journal of Physics Bd. 10, S. 113021
(Quelle: wissenschaft.de)