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Irak am neunhundertdreiundzwanzigsten Tag nach Erlangung der formellen
Souveränität
US-Demokraten für Beginn des Irak-Abzugs. Trotz neuem
Sicherheitsplan wieder mehr als 100 Tote im Irak. Iraks
Ministerpräsiden Maliki weist Kritik an Saddams Hinrichtung
zurück
Mo.08.01.07 - Führende Politiker der Demokraten in den USA haben sich strikt
gegen eine Aufstockung der US-Truppen im Irak und für einen Beginn
des Abzugs der amerikanischen Soldaten ausgesprochen. «Wir glauben
nicht, dass zusätzliche Kampftruppen zu einem Erfolg
beitragen».
Das schrieben die neue Präsidentin des Abgeordnetenhauses, Nancy
Pelosi, und der demokratische Mehrheitsführer im Senat, Harry Reid,
in einem Brief.
In dem am Freitag in Washington veröffentlichten Brief Pelosis und
Reids hieß es: «Kurz gesagt, ist es an der Zeit, unsere
Truppen aus dem Irak herauszuholen und der irakischen Führung
klarzumachen, dass unser Engagement nicht endlos ist.» Die USA
könnten die religiösen Probleme nicht lösen. Nur die
Iraker selbst könnten eine politische Lösung finden, um die
Lage zu stabilisieren.
Ungeachtet der Ablehnung der Demokraten, zusätzliche Truppen in
den Irak zu entsenden, äußerte sich Bush optimistisch
über eine Zusammenarbeit mit der Opposition. «Ich bin
zuversichtlich, dass wir eine gemeinsame Basis finden werden, um unseren
Landsleuten zu dienen und unser Land voranzubringen», sagte Bush
am Samstag in seiner wöchentlichen Radioansprache. Allerdings
vermied der Präsident, das Thema Irak in der Ansprache direkt
anzusprechen. Nach zwölf Jahren republikanischer Mehrheit
beherrschen die oppositionellen Demokraten den US-Kongress, der am
Donnerstag zu seiner konstituierenden Sitzung zusammengetreten war.
Aus Protest gegen die Politik von Bush und insbesondere den Irak-Krieg
fanden sich am Samstag mehr als 1200 Menschen in San Francisco zu einer
ungewöhnlichen Aktion zusammen. Sie legten sich am Stadtstrand so
auf den Sand, dass sie mit ihren Körpern in über 30 Meter
großen Buchstaben das Wort «Impeach!» schrieben. Mit
dieser anschaulichen Aktion verlangten sie die unverzügliche
Einleitung eines Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten.
Trotz einer neuen Offensive zur Eindämmung der Gewalt in Bagdad
sind bei Anschlägen und Angriffen in der irakischen Hauptstadt am
Wochenende wieder zahlreiche Menschen getötet worden. Landesweit
gab es laut Polizei mehr als 100 Todesopfer. Bei einer
Mörserexplosion wurden in der Bagdader Innenstadt am Sonntag vier
Zivilpersonen in den Tod gerissen. Ein Bombenanschlag auf eine
Polizeipatrouille kostete zwei Fußgänger das Leben.
Die neue Sicherheitsoffensive für die Hauptstadt werde mit
Rückendeckung der US-Truppen umgesetzt, erklärte
Ministerpräsident Nuri al-Maliki in einer Rede zum 85. Jahrestag
der Gründung der irakischen Streitkräfte am Samstag. Nach
Angaben eines Vertrauten stellte der Regierungschef dafür 20.000
Soldaten ab. Wer auf den Straßen mit einer Waffe angetroffen
werde, werde festgenommen, sagte Hassan al Suneid. Der Sicherheitsplan
soll nach Angaben von Beratern Al-Malikis zur neuen Irak-Strategie der
US-Regierung beitragen, die Präsident George W. Bush in den
kommenden Tagen bekannt geben will.
Bei einem Feuergefecht im Zentrum von Bagdad töteten irakische
Soldaten am Samstagabend nach eigenen Angaben 30 Aufständische. Das
staatliche Fernsehen berichtete, während einer Schießerei
nahe des Tigris-Ufers seien acht Aufständische festgenommen
worden, darunter fünf sudanesische Kämpfer. Die Polizei hatte
in der Gegend zuvor 27 Leichen entdeckt. Die meisten der Getöteten
wiesen Folterspuren auf, sagte ein Sprecher.
Im Südwesten Bagdads erschossen Unbekannte am Sonntag drei
sunnitische Ladenbesitzer, wie die Polizei erklärte. In Manawil
südlich der Hauptstadt wurden ein schiitischer Geistlicher und sein
Sohn tödlich getroffen. Bei der Explosion einer Autobombe auf
einem Markt in Hilla wurde eine Frau getötet.
Die US-Streitkräfte gaben am Sonntag den Tod zweier Soldaten
bekannt. Einer der beiden wurde am Samstag im Südwesten Bagdads
erschossen. Der zweite erlag am Freitag den Verletzungen, die er bei
Kämpfen in der westlichen Provinz Anbar erlitten hatte.
Bei Razzien in den vergangenen Tagen nahmen irakische und US-Truppen 88
Verdächtige fest. Außerdem wurde eine Werkstatt zum Bombenbau
zerstört, wie die US-Streitkräfte am Sonntag weiter
erklärten.
Der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki hat die
ausländische Kritik an der Hinrichtung Saddam Husseins
zurückgewiesen.
Die Exekution des früheren Machthabers sei eine innerirakische
Angelegenheit, sagte Maliki am Wochenende und drohte mit der
Überprüfung diplomatischer Beziehungen. Der neue
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und die Europäische Union
forderten den Irak auf, die Vollstreckung der weiteren Todesurteile
gegen einen Halbbruder Saddams und einen anderen Gefolgsmann
auszusetzen. Ein Termin für die beiden Hinrichtungen stand am
Sonntag noch nicht fest.
Die Exekution Saddams am 30. Dezember hatte weltweit Aufsehen erregt.
"Es geht allein das irakische Volk an und wir verurteilen alle
offiziellen und inoffiziellen Erklärungen, die von einigen
Regierungen abgegeben wurden", erklärte Maliki am Samstag. Die
Exekution sei keine politische Entscheidung gewesen, wie die Feinde des
Irak es darstellen wollten. "Die Entscheidung wurde nach einem langen
und fairen Verfahren gefällt, das der Tyrann gar nicht verdiente."
Die Hinrichtung habe der Einheit des Iraks gedient.
Ein offenbar mit einem Mobiltelefon aufgenommenes Video der Hinrichtung
am 30. Dezember, auf dem schiitische Vertreter den wegen Verbrechen
gegen die Menschlichkeit verurteilten Saddam am Galgen beschimpften und
verhöhnten, hatte massive Proteste ausgelöst und die
Spannungen zwischen den Volksgruppen im Irak weiter verschärft.
Tausende Sunniten hatten gegen die Hinrichtung demonstriert.
"Die irakische Regierung sollte vielleicht ihre Beziehungen zu den
Regierungen überdenken, die den Willen des irakischen Volkes nicht
respektieren", sagte Maliki ohne auf ein spezielles Land Bezug zu
nehmen. Jedoch hatten mehrere Staaten mit großer sunnitischer
Bevölkerung die Hinrichtung kritisiert. Vor wenigen Tagen hatte der
ägyptische Präsident Husni Mubarak die Bilder der Exekution
als "abscheulich und barbarisch" beurteilt.
Die UN forderten Malikis Regierung auf, in Bezug auf die beiden
weiteren geplanten Hinrichtungen Zurückhaltung zu üben. Der
Stabschef des neuen Generalsekretärs Ban Ki Moon habe den
Behörden ein entsprechendes Schreiben gesandt, teilte eine
Sprecherin mit. Zuvor hatte bereits die Europäische Union (EU) den
Irak zum vorläufigen Verzicht auf die Hinrichtungen gedrängt.
Saddams Halbbruder und frühere Oberste Richter Barsan al-Tikriti
droht ebenso wie dem früheren Gerichtspräsidenten Awad
al-Bander der Tod durch den Strang. Ein Sondertribunal hatte Tikriti und
Bander gemeinsam mit Saddam zum Tode verurteilt.
Ein Regierungsberater des Ministerpräsidenten sagte am Sonntag in
Bagdad, es sei noch kein Termin für die Vollstreckung festgesetzt
worden. Es hatte Berichte gegeben, die Männer könnten am
Sonntag gehängt werden, dem ersten Werktag im Irak nach dem
muslimischen Eid-al-Adha-Fest. Der Berater sagte, er erwarte nicht, dass
al-Tikriti und al-Bander noch im Tagesverlauf exekutiert würden.
Den genauen Zeitpunkt der Hinrichtung kenne er allerdings nicht. Auch
ein Vertreter der Staatsanwaltschaft, die bei der Hinrichtung anwesend
sein muss, sagte, dass noch kein Termin festgesetzt worden sei.
Ursprünglich war erwartet worden, dass die beiden Männer
gemeinsam mit Saddam hingerichtet werden. Alle drei wurden wegen der
Ermordung von 148 Schiiten aus Dudschail in den 80er Jahren zum Tode
durch den Strang verurteilt.
(Quellen: dpa, ap, rtr)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. 2003 bis 30.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Teil 7: 01.05. 2005 bis 31.12.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_07.htm#news
Teil 8: 01.01. 2006 bis 08.01.2006
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_08.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am fünfhundertneunundfünfzigsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
So.08.01.06 - Präsident Talabani erwartet Regierung der nationalen Einheit +++ USA
führen Gespräche mit Aufständischen +++ Amerikanische
Journalistin im Irak entführt +++ US-Regierung sieht Demokratisierung
im Irak nicht gefährdet +++ Großbritanniens Außenminister
Straw: Beginn von Truppenabzug aus Irak 'eine Frage von Monaten'...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv8/k0601080.htm#news
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.2004 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_k01.htm#bodycount
Do.08.12.2006 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 2.919
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen. Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
Die Kosten für den Irak-Einsatz explodieren
Mittwoch 20. Dezember 2006: Seit März 2003 haben die USA für den Einsatz im Irak 350 Milliarden
Dollar aufgewendet. In diesem Jahr bereits kletterten die Kosten des Irak-Einsatzes
auf monatlich acht Milliarden Dollar gegenüber 6,4 Milliarden Dollar monatlich im Vorjahr.
US-Präsident Bush hat weitere 100 Milliarden Dollar (75,9 Milliarden Euro) im Kongress beantragt.
Quellen: ap, afp
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US-Pazifisten fordern Aufhebung von Kuba-Sanktionen
Mo.08.01.07 - Eine Delegation der US-Friedensbewegung hat bei einem Besuch in Kuba
ein Ende der Sanktionen gegen den kommunistischen Inselstaat verlangt.
«Es ist Zeit, dass wir das Embargo beenden», sagte Cindy
Sheehan am Sonntag in Havanna. Sheehan, deren Sohn im Irak getötet
wurde, gilt als zentrale Symbolfigur der Pazifisten in den USA.
Mitglieder der Delegation äußerten sich optimistisch, dass
mit der demokratischen Kongressmehrheit in Washington jetzt die Chance
für eine Neuorientierung der Kuba-Politik gegeben sei. Medea
Benjamin sagte, allein schon die Organisation der Reise mit Hilfe der
kalifornischen Organisationen Global Exchange und Codepink sei wegen
der bestehenden Sanktionen sehr kompliziert gewesen. Die zwölf
Mitglieder der Gruppe wollen am Dienstag vor dem US-Stützpunkt
Guantanamo für die Schließung des dort eingerichteten
Militärgefängnisses demonstrieren. Zum fünften Jahrestag
der Ankunft der ersten Gefangenen in Guantanamo sind auch in
zahlreichen anderen Ländern Demonstrationen und Kundgebungen
geplant.
(Quelle: ap)
Deutschland
Außenminster Steinmeier besorgt über Abhängigkeit von
russischer Energie
Mo.08.01.07 - Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat sich besorgt
über die Abhängigkeit Deutschlands und Europas von
Energielieferungen aus Russland gezeigt. Zwar sei Deutschland weniger
als so manch anderes europäisches Land von russischer Energie
abhängig, sagte Steinmeier der Zeitung «Bild am
Sonntag». Er fügte jedoch hinzu: «Dennoch werden wir
gerade im Bereich der Gasversorgung auf Russland angewiesen
bleiben.«
Als Außenpolitiker habe er die Verantwortung dafür, dass
sich aus Energievorräten nicht eine bloße Machtressource mit
wachsendem Konfliktpotential entwickelt. Dafür müssten
entsprechende Regeln geschaffen werden. Gleichzeitig gelte es,
«unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu
reduzieren», betonte der SPD-Politiker.
Der Minister unterstrich: «Einzelne Entwicklungen in Russland
machen uns immer wieder Sorge. Wir dürfen aber nicht aus dem Blick
verlieren, dass uns mit Russland nicht nur eine gemeinsame
europäische Geschichte verbindet.» Deutschland habe ein
Interesse daran, dass Russland sich an europäischen Werten
orientiert und die Hinwendung zu Europa aufrecht erhält. »Auf
dieser Basis sollten wir nach Verabredungen suchen, die uns ein faires
Miteinander ermöglichen", mahnte Steinmeier.
(Quelle: ddp)
Koalition setzt Ziele für nächste Arbeitsmarktreform
Mo.08.01.07 - Wenige Tage vor der Kabinettsklausur zu den geplanten
Arbeitsmarktreformen haben die Koalitionspartner ihre Positionen
abgesteckt. Unionsfraktionschef Volker Kauder verlangte am Wochenende
vor allem eine weitere Senkung der Lohnnebenkosten. Der Beitragssatz zur
Arbeitslosenversicherung müsse noch die 4,2-Prozent-Marke sinken,
meinte er. Die SPD-Spitze verabschiedete in Bremen ein Konzept, das
Mindestlöhne und mehr Mitarbeiterbeteiligungen einfordert. Zudem
müsse der Niedriglohnsektor reformiert werden.
Die Sozialdemokraten stoßen sich vor allem an dem Missstand, dass
es derzeit für viele Hartz-IV-Bezieher lukrativer ist, das
Arbeitslosengeld II durch kleine Jobs aufzubessern, als eine gering
bezahlte reguläre Stelle anzunehmen und Sozialabgaben zu zahlen.
Hier soll eine Steuer-Gutschrift mit dem Namen «Bonus für
Arbeit» Abhilfe schaffen: Der Bonus soll die Sozialbeiträge
für Geringverdiener mit einer über 30 Wochenstunden liegenden
Beschäftigung gezielt senken und so das Netto-Gehalt heben.
«Mitnahmeeffekte durch Unternehmen müssen dabei vermieden
werden», heißt es in dem Konzept. Auch DGB-Chef Michael
Sommer begrüßte diese Überlegungen für eine
«negative Einkommensteuer».
Kauder machte mit Blick auf die im Frühjahr anstehende
Hartz-IV-Reform einen anderen Vorschlag, der ein Konzept der fünf
Wirtschaftsweisen aufgreift: Arbeitslose, die sich mehr als 400 Euro
hinzuverdienen, sollen mehr davon behalten dürfen. «Das
schafft Anreize, Arbeit aufzunehmen», sagte Kauder der «Welt
am Sonntag».
Er versicherte: «Wir werden im nächsten halben Jahr ein
Gesetz machen, das eine Mischung aus Arbeitslohn und sozialer
Transferleistung vorsieht.» Durch Kombilohnmodelle werde es
zusätzliche Arbeitsangebote im Niedriglohnbereich geben. «Wer
dann aber ein solches Arbeits- oder Qualifizierungsangebot nicht
annimmt, dem muss tatsächlich die Unterstützung gekürzt
oder sogar ganz gestrichen werden», sagte er.
Mit Blick auf die Klausur des Bundeskabinetts am Dienstag im Kanzleramt
kündigte Kauder zudem an, die große Koalition wolle
Kombilohnmodelle für Jugendliche unter 25 Jahren auflegen. Derzeit
gebe es in Deutschland 250.000 junge Menschen unter 25, die keine
Ausbildung und keinen Arbeitsplatz hätten. «Wer aber lange
keinen strukturierten Tag mehr hat, findet sich schwer in einem Job
zurecht. Deshalb müssen wir solche Menschen wieder an Arbeit
gewöhnen», sagte Kauder.
Arbeitsminister Franz Müntefering will im Frühjahr die
Vorstellungen der Koalition für den Niedriglohnbereich
präsentieren. Eine Koalitionsarbeitsgruppe konnte sich bislang
nicht auf gemeinsame Vorschläge einigen.
Kauder rief die Tarifpartner dazu auf, die Mitarbeiter am
Unternehmenserfolg zu beteiligen. Er halte nichts von pauschalen
Lohnerhöhungen. «Aber in Branchen, wo es wirklich sehr gut
läuft, gehört es zum Element der sozialen Marktwirtschaft,
dass die Arbeitnehmer beteiligt werden.» DGB-Chef Sommer machte
eine andere Rechnung auf und forderte «kräftige
Lohnerhöhungen». Es komme jetzt darauf an, die
Massenkaufkraft zu stärken, zudem seien in den vergangenen Jahren
die Löhne nicht besonders stark gestiegen, man habe stattdessen mit
Reallohnverlusten gekämpft.
In der «Bremer Erklärung» der SPD wird auch ein
sozialer Arbeitsmarkt für Menschen gefordert, die auf dem freien
Markt keine Chance mehr haben. Die SPD verspricht sich davon 100.000
Stellen.
(Quelle: ap)
CSU bringt Rente mit über 67 ins Gespräch
Mo.08.01.07 - Nach Überlegungen in der CSU sollten die Bundesbürger in
Zukunft sogar über das 67. Lebensjahr hinaus arbeiten, um sich die
volle Rente zu sichern. CSU-Landesgruppen-Chef Peter Ramsauer sagte am
Samstag auf einer Veranstaltung seiner Partei in München, die Rente
mit 67 sei «keine Zumutung, sondern verantwortungsvolle
Politik». Darüber hinaus sei er sich «nicht sicher, ob
das reicht». Zur Begründung verwies Ramsauer auf das rasante
Ansteigen der Lebenserwartung und damit auch der Rentendauer.
Der Vorsitzende der CSU-Abgeordneten im Bundestag machte für die
zu erwartenden harten Einschnitte frühere Versäumnisse unter
anderem auch der Regierungen unter Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU)
verantwortlich. «Wir hätten schon früher stärker
hinlangen müssen», sagte Ramsauer und äußerte
Respekt für Bundesarbeitsminister Franz Müntefering, der das
Thema Rente angepackt habe. Der Rentenbeginn steige aber erst ab 2012
und nur in Kleinstschritten auf 67 im Jahre 2029. Durch den Anstieg der
Lebenserwartung werde die durchschnittliche Rentenbezugsdauer
gleichzeitig aber von 17 auf über 23 Jahre zulegen. Um die Folgen
auszurechnen, reiche der gesunde Menschenverstand, erklärte der
CSU-Politiker.
Ramsauer kritisierte in diesem Zusammenhang den SPD-Vorsitzenden Kurt
Beck, der ein Ende der Zumutungen gefordert hatte, aber auch Skeptiker
in der eigenen Partei. Wer jetzt auf die Reformbremse trete,
gefährde den beginnenden Erfolg der Anstrengungen. «Die
große Koalition dauert noch 32 Monate, die müssen wir
intensiv nutzen», forderte Ramsauer. Mit der Gesundheits-,
Unternehmenssteuer- und Länderfinanzreform habe die Koalition
große Aufgaben vor sich: «Da dürfen wir nicht
nachlassen.»
Die Bereitschaft der Bevölkerung, diese Wege mitzugehen, ist nach
Einschätzung des CSU-Landesgruppenchefs ohnehin gering. Wenn
Politiker selbst von Zumutungen redeten, dürften sie sich nicht
wundern, wenn die Bürger sich abwendeten. Auch in der CSU gebe es
Leute, die Opposition bequemer fänden als konstruktives
Regierungshandeln. Das aber wäre keine verantwortbare Alternative,
warnte Ramsauer.
(Quelle: ap)
Kommunen fordern von 'Hartz IV'-Empfängern Energiesparen
Mo.08.01.07 - Die kommunalen Spitzenverbände in Thüringen verlangen von
«Hartz IV»-Empfängern einen sparsameren Umgang mit
Energie. Das MDR «Thüringen Journal» berichtete am
Sonntag unter Berufung auf den Thüringer Landkreistag, dass die
Kosten für Unterkünfte im vergangenen Jahr um 44 Millionen
Euro auf 425 Millionen Euro gestiegen seien. Es gebe für
«Hartz IV»-Empfänger keine Anreize, Heizkosten oder
Wasser zu sparen. Für ein Bonussystem wäre eine
Gesetzesänderung notwendig. Der Geschäftsführer des
Gemeinde und Städtebundes, Ralf Rusch, sieht noch Sparpotenzial
bei den Bedarfsgemeinschaften. Er sprach sich für die Zahlung von
Pauschalbeträgen aus. Wenn die Menschen weniger verbrauchten, dann
sollten sie das gesparte Geld behalten. Allerdings sollte die Pauschale
nicht zu niedrig angesetzt werden, sagte Rusch. Es dürfe nicht
darum gehen, dass die Kommunen an den «Hartz
IV»-Empfängern sparen.
Frank Warnecke vom Mieterbund Thüringen warnte vor der
Einführung von Pauschalen. Die Wohnsituationen der
Bedarfsgemeinschaften würden sich stark voneinander unterscheiden.
Außerdem seien viele Bedürftige grundsätzlich sparsam.
Laut Gesetz müssen die Wohn- und Nebenkosten von
Bedarfsgemeinschaften von den Kommunen getragen werden. Dazu
gehören unter anderem Wasser- und Heizkosten. Die Stromkosten
müssen «Hartz IV»-Empfänger mit Geld aus ihrer
staatlichen Unterstützung bezahlen. Nach Angaben der
Arbeitsagentur Erfurt werden die Nebenkosten in der Regel
vollständig übernommen.
(Quelle: ddp)