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Irak am tausendsechsundvierzigsten Tag nach Erlangung der formellen
Souveränität
Irakische Stämme wollen gegen El Kaida kämpfen. Mindestens
drei Tote bei US-Luftangriff in Bagdad. US-Repräsentantenhaus
stimmt für Aufteilung der Irak-Kredite
Fr.11.05.07 - Neun arabische Stämme in der irakischen Provinz Dijala wollen
gemeinsam gegen El-Kaida-Terroristen und andere ausländische
Extremisten in ihrer Provinz kämpfen. Die US-Armee solle sich aus
dieser «Säuberungsaktion» in Dijala heraushalten,
forderte Clanchef Scheich Dhari al-Asadi.
Er fügte hinzu: «Wir wollen auf keinen Fall eine Einmischung
der Amerikaner, weil sie bei ihren Versuchen, die Sicherheitslage in
Dijala in den Griff zu bekommen, erhebliche Fehler gemacht
haben.», so Al-Asadi in der arabischen Zeitung «Al-Hayat
In der Provinz Dijala, in der Sunniten, Schiiten und Kurden leben, hat
die Gewalt in den vergangenen drei Monaten zugenommen. Dies führen
Sicherheitsexperten vor Ort darauf zurück, dass die US-Armee und
die irakische Polizei ihre Razzien in Bagdad verstärkt haben und
dass sunnitische Stämme in der Anbar-Provinz gegen El Kaida mobil
gemacht hatten.
Arabische Zeitungen veröffentlichten am Donnerstag ein Bild aus
der Leichenhalle von Bakuba, auf dem abgetrennte Männerköpfe
zu sehen sind, die am Vortag neben sechs Körpern an einer
Straße in Dijala gefunden worden waren. «Al-Hayat»
berichtete, in Bakuba sei ein Flugblatt von sunnitischen Extremisten
aufgetaucht, in dem diese allen Polizisten und Beamten drohen, sie zu
töten und ihre Leichen zu schänden, wenn sie nicht den Dienst
quittieren sollten.
Bei einem US-Luftangriff im schiitischen Bagdader Stadtteil Sadr City
sind am Donnerstag mindestens drei Menschen getötet und drei
verletzt worden. Wie die US-Streitkräfte mitteilten, waren Soldaten
bei einer Razzia gegen Waffenschmuggler kurz nach Mitternacht unter
Beschuss geraten. Bei dem Luftangriff seien dann drei
Aufständische getötet worden. Ärzte und die irakische
Polizei sprachen hingegen von acht getöteten und neun verletzten
Bewohnern. Drei Häuser seien beschädigt worden.
Nach US-Militärangaben waren die Soldaten auf der Suche nach einer
Gruppe Aufständischer, die Waffen und Sprengstoff vom Iran in den
Irak schmuggelten. Sie sollen auch Kämpfer zur Ausbildung in den
Iran geschickt haben. Vier Verdächtige seien festgenommen worden.
Wie die örtlichen Behörden weiter mitteilten, überrollte
ein US-Panzer ein Zelt, in dem Gäste einer Trauerfeier
übernachteten. Drei Personen seien dabei verletzt worden. Aufnahmen
der Fernsehnachrichtendienstes APTN zeigten ein zerstörtes Zelt
mit umgeknicktem Gestänge und demolierten Plastikstühlen. Die
US-Streitkräfte nahmen nicht Stellung.
US-Vizepräsident Dick Cheney forderte bei einem Besuch in Bagdad
die irakische Führung auf, sich stärker für eine
Versöhnung der Konfliktparteien im Land einzusetzen. Dabei gehe es
nicht nur um Fragen der Sicherheit, sondern auch um politische Themen,
sagte Cheney am Mittwoch in der irakischen Hauptstadt. Ich glaube
jedoch, dass die Dringlichkeit dieser Aufgaben jetzt besser verstanden
werde als zuvor. Gleichzeitig forderte der US-Vizepräsident das
irakische Parlament auf, angesichts der anhaltenden Gewalt im Irak auf
die geplante zweimonatige Sommerpause zu verzichten. Eine solche Auszeit
sei nur schwer zu vermitteln, sagte Cheney.
Im Streit um die Finanzierung des Irak-Krieges hat das demokratische
kontrollierte Repräsentantenhaus für eine Aufteilung der
Milliardenkredite gestimmt. Trotz einer Vetodrohung von
US-Präsident George W. Bush votierten die Abgeordneten mit 221 zu
205 Stimmen dafür, das Geld in zwei Raten auszuzahlen.
Zunächst sollen mit 42,8 Milliarden Dollar (31,6 Milliarden Euro)
die Kosten für die Ausrüstung der US-Truppen und die
Ausbildung irakischer und afghanischer Sicherheitskräfte bis zum
1. August gedeckt werden. Mit einer zweiten Abstimmung Ende Juli soll
dann eine zweite Tranche in Höhe von 52,8 Milliarden Dollar (39
Milliarden Euro) freigegeben werden. Damit sollen die Kosten bis zum
Ende des Haushaltsjahres am 30. September gedeckt werden. Bush lehnte
die Vorlage umgehend ab. «Wir weisen diese Idee
zurück», sagte er. «Das kann nicht
funktionieren.» Er deutete jedoch auch Kompromissbereitschaft an.
Die Zeit laufe ab, erklärte Bush. Jede weitere Verzögerung
bedeute eine Belastung für die Streitkräfte. Die Vorlage geht
nun an den Senat, wo sich der demokratische Mehrheitsführer Harry
Reid um eine Einigung mit den Republikanern bemühen will.
Zuvor hatte das Repräsentantenhaus am Donnerstag einen
Gesetzentwurf zum Abzug der US-Truppen aus dem Irak abgelehnt. Die
Abgeordneten sprachen sich mit 255 zu 171 Stimmen dagegen aus, die
Soldaten innerhalb von neun Monaten aus dem Irak abzuziehen. James
McGovern von den Demokraten, der die Vorlage unterstützt hatte,
bezeichnete den Krieg als eine schreckliche Tragödie, die endlich
beendet werden müsse. Die Republikaner erklärten dagegen, ein
Rückzug hätten katastrophale Folgen. Der Kongress dürfe
die Männer und Frauen in Uniform nicht im Stich lassen, sagte der
republikanische Abgeordnete Jerry Lewis.
(Quellen: dpa, ap)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten würden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03.2003 bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07.2003 bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11.2003 bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01.2004 bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06.2004 bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11.2004 bis 30.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Teil 7: 01.05.2005 bis 31.12.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_07.htm#news
Teil 8: 01.01.2006 bis 11.05.2006
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_08.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am sechshundertzweiundachtzigsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.2004 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_k01.htm#bodycount
Do.08.12.2006 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 2.919
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen. Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
Die Kosten für den Irak-Einsatz explodieren
Mittwoch 20. Dezember 2006: Seit März 2003 haben die USA für den Einsatz im Irak 350 Milliarden
Dollar aufgewendet. In diesem Jahr bereits kletterten die Kosten des Irak-Einsatzes
auf monatlich acht Milliarden Dollar gegenüber 6,4 Milliarden Dollar monatlich im Vorjahr.
US-Präsident Bush hat weitere 100 Milliarden Dollar (75,9 Milliarden Euro) im Kongress beantragt.
Quellen: ap, afp
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Nahost-Konflikt
Araber und Israel erörtern erstmals arabische Nahost-Initiative.
Israels Ministerpräsident Olmert sah keine andere Option im Libanon
Fr.11.05.07 - Israel und Vertreter arabischer Staaten sind am Donnerstag in Kairo
erstmals zu Gesprächen über die arabische
Nahost-Friedensinitiative zusammengekommen. Die israelische
Außenministerin Zipi Liwni, die mit dem ägyptischen
Außenminister Ahmed Abul Gheit und ihrem jordanischen
Amtskollegen Abdul Ilah Chatib über den Vorschlag diskutierte,
sprach von einem «historischen Treffen».
Die Arabische Liga erklärte sich bereit, erstmals in dem seit mehr
als einem halben Jahrhundert andauernden Konflikt eine Delegation nach
Israel zu entsenden. Bisher haben erst Ägypten und Syrien Israel
anerkannt. Die 1945 gegründete Liga vertritt dagegen alle
arabischen Staaten. Ein Datum für die Reise der Liga-Vertreter
nach Israel wurde zunächst nicht genannt.
Jordanien und Ägypten waren von der Arabischen Liga Ende März
beauftragt worden, mit Israel über die Initiative zu verhandeln,
die ursprünglich von Saudi-Arabien vorgebracht worden war. Diese
sieht einen Rückzug Israels aus allen 1967 besetzten arabischen
Gebieten vor. Im Gegenzug bieten die arabischen Staaten eine
«Normalisierung» ihrer Beziehungen zu dem jüdischen
Staat an. Israel hat gegen mehrere Punkte des Friedensplans Vorbehalte
geäußert, unter anderem was die Rechte der Flüchtlinge
von 1948 betrifft.
Liwni betonte, die arabischen Staaten könnten Israel und die
Palästinenser bei ihren Verhandlungen über eine
Zwei-Staaten-Lösung helfen. «Der
israelisch-palästinensische Friedensprozess muss aber auf
bilateraler Ebene ablaufen.» Die arabischen Staaten streben
jedoch eine Art «Paketlösung» an. Sie wollen keine
Normalisierung, solange die palästinensischen Gebiete noch besetzt
sind.
Der syrische Präsident Baschar al-Assad erklärte, eine
Wiederaufnahme der im Jahr 2000 abgebrochenen syrisch-israelischen
Friedensverhandlungen sei wenig Erfolg versprechend. Syrien sei zwar
generell bereit, mit Israel zu verhandeln, sagte Assad in Damaskus. Der
Zeitpunkt sei aber momentan ungünstig, weil die Regierung von
Ministerpräsident Ehud Olmert schwach sei und «daher nicht
in der Lage ist, eine derart wichtige strategische Entscheidung zu
treffen». Olmert steht seit der Veröffentlichung eines
Berichts unter Druck, in dem ihm Versäumnisse im Krieg gegen die
von Syrien und dem Iran unterstützte libanesische Hisbollah-Miliz
vorgeworfen werden.
Assad betonte, Syrien stelle im Gegensatz zu Israel keine Bedingungen
für eine Wiederaufnahme direkter oder indirekter Gespräche.
«Über die Frage, ob der (1967 von Israel besetzte syrische)
Golan zurückgegeben wird, kann man mit uns aber nicht
verhandeln», fügte er hinzu.
Das syrische Parlament nahm am Donnerstag einstimmig den Vorschlag der
regierenden Baath-Partei an, an diesem Freitag über die Kandidatur
Assads für eine zweite Amtszeit zu diskutieren. Baschar al-Assad
ist seit dem Tod seines Vaters vor knapp sieben Jahren an der Macht. Es
wird erwartet, dass Assad am 27. Mai in einem Referendum im Amt
bestätigt wird.
Liwni war zuvor auch mit dem ägyptischen Präsidenten Husni
Mubarak zusammengekommen. Sie betonte, die bilateralen Beziehungen
seien von höchster Wichtigkeit. Liwni wollte auch den Chef des
ägyptischen Geheimdienstes Omar Suleiman treffen, der sich um
einen Gefangenenaustausch zwischen Israel und den Palästinensern
bemüht.
Der israelische Regierungschef Ehud Olmert hat vor dem
Untersuchungsausschuss zum Libanon-Krieg des vergangenen Jahres
erklärt, dass er damals keine andere Option als sofortige
Luftangriffe gesehen habe. Er sei überzeugt gewesen, dass die
libanesische Hisbollah-Miliz nach der Eskalation im Grenzgebiet den
Norden Israels mit Raketen angreifen würde, heißt es in dem
am Donnerstag veröffentlichten Protokoll des Ausschusses.
«Ich denke nicht, dass es irgendeine andere Option gab, als von
der ersten Minute an zu handeln», sagte Olmert dem Ausschuss.
Verteidigungsminister Amir Perez erklärte in seiner Aussage, dass
er mit einer Kriegsdauer von 10 bis 14 Tagen gerechnet habe.
Tatsächlich wurde der Libanon-Krieg 2006 erst nach 34 Tagen mit
einem Waffenstillstand beendet. Auslöser war am 12. Juli ein
Überfall der Hisbollah, bei dem drei israelische Soldaten
getötet und zwei gefangen genommen wurden. Die Ergebnisse des
Untersuchungsberichts haben Olmert massiv unter Druck gesetzt, der
Ministerpräsident wies jedoch alle Forderungen nach seinem
Rücktritt zurück.
(Quellen: ap, dpa)
Türkisches Parlament beschließt Direktwahl des
Präsidenten
Fr.11.05.07 - Auf Initiative der islamisch orientierten Regierung hat das
türkische Parlament eine Verfassungsänderung zur Direktwahl
des Präsidenten beschlossen. 376 Abgeordnete stimmten am
Donnerstag bei nur einer Gegenstimme dafür. Das scheidende
Staatsoberhaupt Ahmet Necdet Sezer kann aber noch sein Veto einlegen
oder ein Referendum einberufen. Bislang wurde der Präsident vom
Parlament bestimmt.
Die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) von
Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan reagiert mit der geplanten
Verfassungsänderung auf das Scheitern der Wahl von
Außenminister Abdullah Gül zum Präsidenten. Die
Opposition hatte sie aus Furcht vor einer Islamisierung des Landes
boykottiert.
Das Parlament beschloss am Donnerstag auch, die Amtszeit des
Staatsoberhaupts von sieben auf fünf Jahre zu verkürzen, dem
Präsidenten ein zweites Mandat zu ermöglichen und die
Legislaturperiode auf vier Jahre zu verkürzen.
Regierungschef Erdogan sagte nach der Abstimmung, mit diesen
Änderungen könne das türkische Volk die derzeitige
Blockade beenden. Sollte Präsident Sezer sein Veto gegen das
Gesetz einlegen, werde die Regierung es erneut im Parlament einbringen.
Bei einer neuerlichen Verabschiedung muss der Präsident es
entweder akzeptieren oder das Volk per Referendum darüber
entscheiden lassen.
Sezer hat sich gegen die geplante Verfassungsänderung
ausgesprochen. Ob die Präsidentenwahl überhaupt zeitgleich
mit der bevorstehenden Parlamentswahl am 22. Juli stattfinden kann,
blieb am Donnerstag unklar.
Kurdischen Kandidaten soll es bei der bevorstehenden Parlamentswahl in
der Türkei schwerer gemacht werden, als Unabhängige für
sich zu werben. Die Abgeordneten billigten am Donnerstag mehrheitlich
eine Vorlage zur Einschränkung der bisherigen Sonderrechte
für Einzelbewerber. Zuvor hatte eine kurdische Partei
erklärt, sie werde ihre Kandidaten als Unabhängige antreten
lassen, um die Zehn-Prozent-Hürde für den Einzug ins
Parlament zu umgehen.
Bisher durften unabhängige Bewerber auf separaten Stimmzetteln
aufgeführt werden. Den jeweiligen Kandidaten war es erlaubt, diese
Stimmzettel, auf denen ihr Name bereits eingetragen war, vor den
Wahllokalen zu verteilen. Dies gab ihnen einen Vorteil gegenüber
den Listenkandidaten.
(Quelle: ap)
Britischer Premier Blair gibt am 27. Juni sein Amt ab
Fr.11.05.07 - Die Ära Blair in Großbritannien geht dem Ende entgegen. Nach
zehn Jahren im Amt kündigte Premierminister Tony Blair am
Donnerstag seinen Rücktritt zum 27. Juni an. Damit beendete der
Labour-Parteichef die monatelangen Spekulationen über seine
politische Zukunft. Die besten Chancen für seine Nachfolge werden
dem derzeitigen Schatzkanzler Gordon Brown eingeräumt.
«Hand aufs Herz, ich habe getan, was ich für richtig
gehalten habe», sagte Blair vor rund 250 Parteimitgliedern in der
Ortschaft Trimdon in seinem nordenglischen Wahlkreis. Zehn Jahre
Regierung seien für ihn persönlich, aber auch für
Großbritannien genug. Blair unterrichtete am Morgen zunächst
das Kabinett von seinem Entschluss. Dann fuhr er zur öffentlichen
Erklärung nach Trimdon. Einige seiner dortigen Anhänger
riefen: «Four more years!» (Noch einmal vier Jahre), aber
Blair erwiderte: «Das ist nicht meine Botschaft heute.»
In einer Bilanz seiner Regierungszeit verteidigte Blair erneut den
umstrittenen Krieg im Irak, mit dem er sich in der britischen
Öffentlichkeit viele Sympathien verscherzt hat. Es sei relativ
einfach gewesen, Saddam Hussein zu stürzen. Der
anschließende Rückschlag sei allerdings heftig und
kostspielig gewesen. Dennoch sei er weiterhin der Ansicht, dass dies
ausgehalten werden müsse, betonte Blair.
US-Präsident George W. Bush erklärte, er werde Blair sehr
vermissen. «Er ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit, und
ich betrachte ihn als guten Freund», sagte er über seinen
engsten Verbündeten im Irak-Krieg. Dem möglichen Nachfolger
Brown bescheinigte Bush, ein guter Denker zu sein. Er hoffe, dass das
enge Bündnis zwischen Washington und London auch unter Brown
weiter bestehen werde
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel reagierte «mit
Bedauern und Respekt» auf den baldigen Rücktritt des
britischen Premierministers. Seit ihrem Regierungsantritt verbinde sie
mit Blair «eine besonders enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit
in allen internationalen und europapolitischen Fragen». Die
Nachfolgeregelung wollte Merkel nicht kommentieren. Sie zeigte sich
allerdings «überzeugt, dass sich die deutsch-britischen
Beziehungen auch in Zukunft eng und vertrauensvoll gestalten
werden».
EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso würdigte
die Verdienste Blairs für Europa. Dieser habe Großbritannien
vom Rand der Europäischen Union in deren Mitte geführt.
Besonders erinnerte Barroso an das Engagement Blairs im Kampf gegen den
Klimawandel und gegen die Armut in Afrika.
Der britische Premierminister hatte erstmals im September 2004
erklärt, dass er nur noch eine weitere Amtszeit regieren wolle.
Die Unterhauswahl vom Mai 2005 konnte die Labour Party dann erneut
für sich entscheiden. Unter dem Eindruck des unpopulären
Irak-Kriegs und einer zunehmend schwächeren Stellung in der
eigenen Partei erhöhte sich der Druck auf Blair immer mehr.
Nach der parlamentarischen Tradition Großbritanniens ist der Chef
der stärksten Partei im Unterhaus immer auch Premierminister. Die
regierende Labour Party muss also binnen sieben Wochen einen neuen
Parteiführer bestimmen, der dann die Amtsgeschäfte von Blair
übernehmen wird. Der Favorit Brown war Blairs wichtigster Partner
bei der Öffnung der Labour Party zu einem pragmatischeren Kurs
unter dem Schlagwort «New Labour».
Blair ging am Donnerstag nicht so weit, seinem langjährigen
Rivalen Brown Unterstützung zu bekunden. Er sagte aber in der
vergangenen Woche, Brown könnte ein großartiger
Premierminister werden. Innerparteiliche Kontrahenten Browns sind die
Abgeordneten Michael Meacher und John McDonnell, die dem linken
Parteiflügel angehören.
(Quelle: ap)
Unicef fordert Schulbildung für alle Kinder
Fr.11.05.07 - Anlässlich des G-8-Gipfels im Juni hat das Kinderhilfswerk Unicef
die acht führenden Industrienationen aufgefordert, bis 2015 allen
Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen. Keine andere Investition
sei so erfolgreich und wirke so langfristig, erklärte die
Organisation am Donnerstag in Berlin. Bisher gehe jedes zweite Kind im
südlichen Afrika nicht zur Schule. «Das Wirtschaftswachstum
ist da, aber die Ärmsten profitieren davon kaum», sagte
Unicef-Geschäftsführer Dietrich Garlichs.
Die Organisation stellte in Berlin eine neue Anzeigenkampagne vor, die
die Staaten zu mehr Anstrengung für die Grundbildung in Afrika
auffordert. «Die Regierungen, besonders die G8, haben es in der
Hand, jedem afrikanischen Kind einen Platz in der Schule zu verschaffen,
wenn sie nur wollen», sagte der Initiator der Unicef-Aktion
«Schulen für Afrika», Peter Krämer.
Unicef forderte alle Staaten zur Bekämpfung der Armut und zur
Einhaltung der Millenniumsziele der Vereinten Nationen auf. Die
Millenniumsziele beinhalten unter anderem die Forderung, allen Kindern
einen Schulabschluss zu ermöglichen und die Kindersterblichkeit um
zwei Drittel zu senken. Die Regierungen müssten immer wieder an
ihre Verantwortung erinnert werden, menschenwürdige
Lebensbedingungen für alle Kinder zu schaffen, erklärte
Garlichs. «Die Einhaltung der Millenniumsziele ist der
Maßstab für die Glaubwürdigkeit der Regierungen.»
Das Kinderhilfswerk betonte, Schulbildung für alle Kinder sei das
strategisch wichtigste Ziel, um die anderen Entwicklungsziele zu
erreichen. «Es ist gut, dass die deutsche G-8-Präsidentschaft
eine neue Partnerschaft mit Afrika anstrebt, um Armut und Aids zu
bekämpfen», sagte Garlichs. «Aber ohne Bildung
für alle Kinder ist das nicht zu schaffen.»
(Quelle: ap)
Weltzukunftsrat in Hamburg offiziell gegründet
Fr.11.05.07 - Ein 50-köpfiges Gremium hat am Donnerstag in Hamburg die
Gründung des Weltzukunftsrats (World Future Council, WFC) offiziell
beschlossen. Die Mitglieder der internationalen Organisation wollen
sich nach eigenen Angaben für die Rechte zukünftiger
Generationen einsetzen, indem sie Lösungen für drängende
Probleme aufzeigen. An dem Festakt im Rathaus nahmen neben Hamburgs
Bürgermeister Ole von Beust (CDU) auch WFC-Initiator Jakob von
Uexküll und WFC-Interimsvorstand Bianca Jagger teil. Die Ergebnisse
der viertägigen Beratungen sowie einen offiziellen Handlungsaufruf
an G8 und EU wolle der Rat auf einer Pressekonferenz am Sonntag (13.
Mai) bekannt geben.
Der Zukunftsrat vereint den Angaben zufolge 50 internationale Personen
aus allen Bereichen des Lebens, um eine ethische Stimme für die
Rechte zukünftiger Generationen zu schaffen. Mit dem Ziel,
Handlungsdefizite abzubauen, wird der Rat seine
Lösungsvorschläge Entscheidungsträgern weltweit nahe
bringen. Die vom Gründer des Alternativen Nobelpreises,
Uexküll, 2003 initiierte Organisation mit Sitz in Hamburg will
sowohl demokratisch gewählte Parlamentarier als auch
Nichtregierungsorganisationen sowie Medien und die Öffentlichkeit
in ihre Arbeit einbinden.
Die Stadt Hamburg unterstützt den WFC in seiner Gründungs-
und Aufbauphase mit 2,5 Millionen Euro. Weitere 1,5 Millionen Euro
stammen vom hanseatischen Unternehmer und Ehrenratsmitglied Michael Otto.
(Quelle: ddp)
EU-Bürger fordern soziales Europa
Fr.11.05.07 - Europa muss sozialer werden - so lautet die zentrale Botschaft von
1.800 EU-Bürgern, die in den vergangenen sieben Monaten bei
Konferenzen in allen 27 Mitgliedstaaten über die Zukunft der Union
diskutiert haben. Am Donnerstag überreichten 27 ausgewählte
Teilnehmer, einer aus jedem EU-Staat, der EU-Kommission in Brüssel
ihre Schlussfolgerungen. Neben der Frage der sozialen Sicherheit
beschäftigen die Bürger demnach vor allem die Rolle der
Familie, die Integration von Einwanderern und der Umweltschutz.
In immerhin 14 Staaten sprachen sich die Bürger für die
Festlegung europaweiter sozialer Mindeststandards aus - darunter auch
die beteiligten Briten, deren Regierung solche Bestrebungen auf
EU-Ebene stets abgelehnt hat. Zudem forderten 16
Bürgerkonferenzen, die EU solle sich um eine gemeinsame Politik in
Einwanderungsfragen bemühen.
Auf breite Zustimmung stößt zudem der Kampf gegen den
Klimawandel. 22 Bürgerversammlungen sprachen sich für die
Nutzung erneuerbarer Energien aus. Ob dabei auch die Atomkraft eine
Rolle spielen sollte, war aber selbst in den einzelnen
Diskussionsrunden heftig umstritten.
Den Wunsch nach mehr Mitsprache für die Bürger
äußerten interessanter Weise nur elf der 27 Konferenzen -
vielleicht weil der Bedarf der Beteiligten vorerst gedeckt war. Fast
alle 1.800 Teilnehmer erklärten nach Angaben ihrer 27 Vertreter in
Brüssel jedoch, sie würden sich auch noch einmal die Zeit
für eine solche Diskussionsrunde nehmen.
(Quelle: ap)
EU-Parlament fordert Verlängerung der Laufzeiten für AKWs
Fr.11.05.07 - Das EU-Parlament hat am Donnerstag eine Verlängerung der
Laufzeiten von Atomkraftwerken gefordert. Eine Mehrheit der 784
Abgeordneten stimmte in Brüssel für einen Bericht, der die
Atomkraft wegen ihrer geringen CO2-Emissionen als eine wichtige
Ressource für den Klimaschutz bezeichnet und eine
Verlängerung der Laufzeiten befürwortet. In der vom
litauischen Abgeordneten Eugenijus Maldeikis verfassten Resolution wird
allerdings zugleich betont, dass die Nutzung der Kernenergie Sache der
einzelnen EU-Staaten sei.
Deutsche SPD- und Grünen-Abgeordnete äußerten sich
verärgert über die rechtlich nicht bindende Erklärung.
Sie sei «unverantwortlich im Hinblick auf veraltete und unsichere
Atomkraftwerke», kritisierte die SPD-Europaabgeordnete Mechthild
Rothe.
(Quelle: ap)
Deutsche Kraftwerke unter den schädlichsten in der EU
Fr.11.05.07 - Deutsche Kohlekraftwerke gehören nach den Berechnungen von
Umweltschützern zu den klimaschädlichsten Stromlieferanten in
der Europäischen Union. Nach einer am Donnerstag in Berlin
veröffentlichten Studie des Öko-Instituts im Auftrag des WWF
stehen von den 30 größten Dreckschleudern in der EU allein
zehn in der Bundesrepublik. Dabei sind Braunkohlekraftwerke besonders
schmutzig, sechs der zehn EU-weit giftigsten Anlagen dieser Art befinden
sich auf deutschem Boden.
Im eigenen Land führend ist nach diesen Angaben mit dem dritten
Platz auf der EU-Negativ-Rangliste das vom Energieversorger RWE
betriebene Braunkohlekraftwerk Niederaußem im Rheinland. Die
ebenfalls in Nordrhein-Westfalen angesiedelten RWE-Braunkohlekraftwerke
Frimmersdorf, Weisweiler und Neurath belegen die Plätze fünf,
sechs und sieben. Zwei Vattenfall-Braunkohleanlagen im brandenburgischen
Jänschwalde und im sächsischen Boxberg stehen auf Platz vier
beziehungsweise zehn der EU-Liste.
Negativ-Spitzenreiter in Europa ist laut WWF das Kraftwerk Agios
Dimitrios in Griechenland. Pro Kilowattstunde erzeugten Stroms
bläst es nach der Studie rund 1.350 Gramm Kohlendioxid (CO2) in die
Luft. Die restlichen vier der zehn zu den «Dreckigen
Dreißig» gehörenden Anlagen in der EU seien in
Deutschland die Braunkohlekraftwerke Schwarze Pumpe in Brandenburg (Rang
14) und Lippendorf in Sachsen (Rang 16) sowie die Steinkohlekraftwerke
Scholven bei Gelsenkirchen (Rang 20) und Mannheim (Rang 28).
Die Analyse basiert nach Angaben des WWF auf den Emissionsdaten von
2006, die im Rahmen des Emissionshandels erhoben werden. Die
Untersuchung habe gezeigt, dass im vergangenen Jahr 393 Millionen Tonnen
Kohlendioxid, das entspricht zehn Prozent der europäischen
CO2-Emissionen, auf das Konto der «Dreckigen Dreißig»
gegangen sind. Der WWF forderte die Bundesregierung auf, vor diesem
Hintergrund endlich die Privilegien und Subventionen für die
klimaschädliche Kohle zu streichen.
(Quelle: ap)
Künast wirft Seehofer gravierende Fehler bei Genmais-Zulassung vor
Fr.11.05.07 - Nach dem Stopp des Handels mit Genmais MON 810 hat
Grünen-Bundestagsfraktionschefin Renate Künast
Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) gravierende Fehler bei der
Zulassung der Genmaissorte vorgeworfen. «Es hätte gar nicht
so weit kommen dürfen«, sagte sie der »Neuen
Osnabrücker Zeitung« (Donnerstagausgabe). Schon bei der
Zulassung von MON 810 durch Seehofer sei klar gewesen, dass es anders
als bei den meisten anderen gentechnisch veränderten Organismen
»keinen begleitenden Kontrollplan gab».
Dieser so genannte Monitoringplan lege etwa dar, wie hoch der Verlust
von Genmaiskörnern bei Ernte, Transport und Verarbeitung sei und
die Umwelt belastet werde. Mit einem Bescheid hat dem Zeitungsbericht
zufolge am Mittwoch das zuständige Bundesamt für
Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) vorerst den Handel
mit Saatgut der Genmaissorte MON 810 des US-Biotechkonzerns Monsanto in
Deutschland gestoppt. Nur bei Vorlage eines Monitoringplans dürfe
die Firma weiter Mon 810-Saatgut vertreiben.
Künast zeigte sich froh darüber, «dass das BVL jetzt
die Bremse gezogen hat«. Zur Seehofers Amtsführung sagte
sie: »Es verschlägt mir die Sprache. Es wäre besser
gewesen, er hätte MON 810 gar nicht erst zugelassen.»
(Quelle: ddp)
Telekom-Mitarbeiter stimmen für Streik
Fr.11.05.07 - Die Telekom-Mitarbeiter haben für einen Streik gestimmt. Bei der
Urabstimmung sprachen sich 96,5 Prozent der aufgerufenen
Beschäftigten für die Arbeitsniederlegung aus, wie die
Gewerkschaft Verdi mitteilte. Die Telekom-Mitarbeiter wollen mit Streiks
gegen geplante Einschnitte für 50.000 Service-Mitarbeiter des
Konzerns protestieren. Das Unternehmen will die Löhne und
Gehälter der Mitarbeiter kürzen und gleichzeitig deren
Arbeitszeit erhöhen.
Laut Gewerkschaft war die Beteiligung an der Urabstimmung
"überwältigend". Es wären die ersten Streiks seit der
Privatisierung des Unternehmens vor zwölf Jahren.
(Quelle: afp)
Union scheitert mit Vorstoß für Speicherung von
Fingerabdrücken
Fr.11.05.07 - Die Union ist mit ihrem Vorstoß für eine Speicherung von
Fingerabdrücken bei den Passbehörden zunächst
gescheitert. In der abschließenden Verhandlungsrunde über das
Passgesetz auf Expertenebene lehnte die SPD am Donnerstag ein
Kompromissangebot der CDU/CSU ab.
Aufgeben will die Union trotzdem noch nicht. Man werde nun auf anderer
Ebene versuchen, bis zu der für übernächste Woche
geplanten Verabschiedung des Gesetzes im Bundestag eine Lösung zu
finden, sagte der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang
Bosbach der Nachrichtenagentur AP.
Das Kabinett hatte im vergangenen Dezember einen Gesetzentwurf
beschlossen, nach dem künftig neben dem Lichtbild auch zwei
Fingerabdrücke im Reisepass gespeichert werden sollen. Die Neuerung
soll am 1. November in Kraft treten.
Umstritten ist, inwieweit die digitalen Daten für die
Sicherheitsbehörden verfügbar gemacht werden sollen. Bei den
Fotos sind sich Union und SPD einig: Bei Eilbedürftigkeit und
Nicht-Erreichbarkeit der zuständigen Passbehörde soll die
Polizei darauf online zugreifen können. Solche Situationen
könnte es nachts oder an Sonn- und Feiertagen geben.
Die Fingerabdrücke will die SPD dagegen gar nicht in einer Datei
speichern. In der Verhandlungsrunde am Donnerstag machte die Union ein
Kompromissangebot, nach dem Antragsteller selbst entscheiden
können, ob ihre Fingerabdrücke bei der Behörde
gespeichert oder vernichtet werden. «Aber auch damit war die SPD
nicht einverstanden», sagte Bosbach.
Die Verabschiedung des Passgesetzes stand ursprünglich schon
für (morgigen) Freitag auf der Tagesordnung des Bundestags, wurde
aber verschoben. Nun soll die Abstimmung am 24. oder 25. Mai
stattfinden. An diesem Zeitplan wolle man festhalten, sagte Bosbach.
(Quelle: ap)
Attac rügt Razzien bei G8-Gegnern als 'völlig überzogen'
Fr.11.05.07 - Die globalisierungskritische Organisation Attac wertet die
Großrazzien der Polizei gegen Gegner des G8-Gipfels als Versuch
der Kriminalisierung einer breiten Protestbewegung. «Gegen die
meisten Betroffenen wurde ohne jeden konkreten Tatverdacht
vorgegangen», sagte der Attac-Koordinator für die
Gipfel-Proteste, Werner Rätz, der in Halle erscheinenden
«Mitteldeutsche Zeitung» (Freitagausgabe). Die
Maßnahme sei «völlig überzogen» und
vergifte das politische Klima, fügte er hinzu. Der so genannte
Terrorismusparagraf 129a im Strafgesetzbuch werde «zum
Einfallstor für polizeiliche Willkür».
Rätz verwies darauf, dass es in dem politischen
Protestbündnis einen eindeutigen Konsens gegen Gewalt gebe.
«Das werden wir bei den von uns verantworteten Veranstaltungen
auch durchsetzen», versicherte der Attac-Vertreter.
Attac rief die Sicherheitsbehörden zur Zurückhaltung auf.
«Vom Bundeskriminalamt erwarten wir, dass Provokationen und
öffentliche Panikmache wie jetzt mit dem Razzia-Einsatz von 900
Polizisten künftig unterbleiben», sagte Rätz.
Unterdessen ist eine Diskussion über die
Verhältnismäßigkeit des bundesweiten Polizeieinsatzes
gegen G-8-Gegner entbrannt. Während die Grünen-Vorsitzende
Claudia Roth die Razzia im Vorfeld des G-8-Gipfels Anfang Juni als
unverhältnismäßig kritisierte, verteidigte der
CDU-Politiker Wolfgang Bosbach das Vorgehen der Sicherheitsbehörden.
Grünen-Chefin Roth sagte, nur, weil es gewaltbereite Gruppen gebe,
könne man nicht eine ganze Bewegung kriminalisieren und in eine
terroristische Ecke stellen. «Das ist nicht gut, wenn man mit dem
Terrorismusverdacht die große, breite Bewegung, die in Rostock
friedlich demonstrieren will, zum Thema G-8 und den globalen
Herausforderungen, kriminalisiert», sagte Roth dem Sender N24.
An den Protesten beteiligten sich kirchliche Gruppen,
Umweltverbände und auch die Grünen, die allesamt gewaltfrei
ihrem Protest Ausdruck verleihen. Der Verweis auf den Paragrafen 129a,
also auf den Terrorismusverdacht, sei ein Generalschlüssel, um
«alle möglichen flächendeckenden und sehr
undifferenzierten Praktiken von Überwachung, Untersuchung und
Kontrolle durchführen zu können», kritisierte Roth dem
Sender zufolge.
Die stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion, Petra Pau, sprach
von einer «Phase Nummer zwei der präventiven Kriminalisierung
von G-8-Kritikern». Bereits seit längerem würden die
Vorbereitungen für friedliche Demonstrationen in Rostock von der
Polizei und weiteren Diensten observiert, erklärte Pau in Berlin.
Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion,
Bosbach, verteidigte dagegen die Razzia gegen Kritik. Es gelte, gegen
gewaltbereiten Extremismus entschieden vorzugehen, egal ob von rechts
oder von links: «Wenn es gegen Rechtsradikale geht, habe ich noch
nie gehört, dass jemand sagt, Achtung, Warnung,
Verhältnismäßigkeitsprinzip achten, nicht so massiv
vorgehen», sagte Bosbach im Sender N24. Die Polizeiaktion sei
gerechtfertigt gewesen: «Es geht darum, dass wir 15.000 Gäste
haben aus dem In- und Ausland. Und diese Gäste haben einen
Anspruch darauf, dass Deutschland alles tut, um ihre Sicherheit zu
gewährleisten», wird Bosbach zitiert. «Das Recht auf
Demonstration ist kein Recht auf Randale», sagte der
CDU-Politiker.
(Quellen: ddp, ap)