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Irak am tausendvierundsechzigsten Tag nach Erlangung der formellen
Souveränität
Bush nennt Irak-Krieg Teil des Schicksals der USA. Erste diplomatische
Gespräche zwischen USA und Iran seit 30 Jahren. 20 Tote bei
Autobombenanschlag in Bagdad
Di.29.05.07 - US-Präsident George W. Bush hat die Kriege im Irak und in
Afghanistan am Montag als Teil des Schicksals der Vereinten Staaten
bezeichnet. Sie folgten einer reichhaltigen Tradition ähnlicher
Opfer in der Geschichte dieses Landes, sagte Bush bei einem Besuch des
Nationalfriedhofs Arlington anlässlich des Memorial Days. Mit
einer Kranzniederlegung am Grab des Unbekannten Soldaten hatte er zuvor
die Kriegstoten der USA geehrt.
Bereits in seiner wöchentlichen Radioansprache am Samstag hatte
der Präsident die Amerikaner auf den Kampf für die Freiheit
in der ganzen Welt eingeschworen. Er erklärte, die US-Truppen
unterstützten den Aufbau von Demokratien, die alle Rechte der
Menschen respektierten und schließlich Verbündete im Kampf
gegen Extremisten würden. «Am Memorial Day widmen wir uns
erneut der Sache der Freiheit», sagte Bush in der Radioansprache.
«Im Irak und in Afghanistan haben Millionen ihren Wunsch nach
Freiheit gezeigt», sagte der US-Präsident. «Wir sind
entschlossen, ihnen dabei zu helfen.» Er würdigte die
Leistung der amerikanischen Soldaten weltweit.
In Bagdad ist am Sonntag das erste Treffen zwischen den USA und dem
Iran auf Botschafterebene seit knapp drei Jahrzehnten ohne greifbare
Ergebnisse zuende gegangen. Washington habe Teheran aufgefordert, die
Unterstützung radikaler Gruppierungen im Irak zu stoppen, sagte
der US-Botschafter im Irak, Ryan Crocker, in Bagdad nach
vierstündigen Beratungen mit seinem iranischen Kollegen Hassan
Kasemi. Die Atmosphäre der Gespräche beschrieb der
US-Diplomat als "geschäftsmäßig". Die irakische
Regierung sprach von "wichtigen Punkten der Übereinstimmung"
zwischen beiden Seiten. Bei den Gesprächen sollte es nur um die
Lage im Irak gehen.
Der Iran müsse zeigen, dass er die irakische Regierung von
Ministerpräsident Nuri el Maliki nicht nur in der Theorie, sondern
auch in der Praxis unterstütze, sagte Crocker nach den Beratungen
in Malikiks Residenz in Bagdad. Beide Seiten hätten die
Grundsätze ihrer Irak-Politik dargelegt. Der Iran müsse
allerdings Prinzipien und Aktivitäten in Einklang bringen. "Ich
habe den Iranern eine Reihe unserer (...) Bedenken hinsichtlich ihres
Verhaltens im Irak erläutert", sagte Crocker. Die iranische Seite
habe nicht direkt auf die US-Vorwürfe reagiert, dass das Land
radikale Gruppen im Irak mit Sprengstoff und Munition unterstütze.
Den Vorschlag Teherans, einen trilateralen Sicherheitsausschuss
für den Irak zu gründen, hätten die USA abgelehnt, sagte
Crocker. Insgesamt habe es aber "ziemlich gute Übereinstimmungen"
gegeben. Beide Seiten unterstützten einen sicheren, stabilen und
demokratischen Irak, der selbst für seine Sicherheit sorge und im
Frieden mit seinen Nachbarn lebe. Irans Außenminister Manuschehr
Mottaki hatte vor dem Treffen erneut erklärt, die USA müssten
ihre Politik im Irak ändern und die "Realität" anerkennen.
Der irakische Regierungssprecher Ali el Dabbach sagte schon vor Ende
der Gespräche: "Es gab wichtige Punkte der Übereinstimung
zwischen beiden Seiten und der irakischen Regierung, die wir
weiterzuentwickeln versuchen".
Unmittelbar vor den Gesprächen hatte Teheran Washington
beschuldigt, Spionagenetzwerke in Grenzgebieten zum Irak
unterstützt zu haben. Die US-Regierung wirft dem Iran ihrerseits
vor, radikale Schiiten-Gruppen im Irak zu unterstützen. Die USA
ließen vor den Gesprächen in Bagdad zwei Flugzeugträger
zu einem Manöver im Persischen Golf auffahren. Teheran und
Washington hatten vor Auftakt der Beratungen betont, dass es
ausschließlich um die Lage im Irak gehe.
Die USA hatten ihre Beziehungen zum Iran 1980 abgebrochen, nachdem
radikale Studenten die US-Botschaft in Teheran gestürmt und die
Diplomaten in Geiselhaft genommen hatten. Seither betrachten die USA
den Iran als feindseligen Staat. Umgekehrt gehört die Verurteilung
der USA als "Großer Satan" weiter zur Standardrhetorik iranischer
Politiker.
Bei einem Autobombenanschlag in Bagdad sind am Montag mindestens 20
Menschen getötet und 30 weitere verletzt worden. Bei dem Anschlag
im Geschäftsviertel Sinak in der Innenstadt wurde auch eine Moschee
beschädigt, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP
berichtete. Nach Angaben eines Augenzeugen war eine schwangere Frau
unter den Todesopfern. Mehrere Autos brannten aus.
Hinter den Autobombenanschlägen stehen häufig extremistische
Sunnitengruppen, die Verbindungen zum Terrornetzwerk El Kaida
unterhalten. Die USA hatten Mitte Februar eine Sicherheitsoffensive in
Bagdad gestartet. Die Zahl Anschläge ging seitdem aber nicht
zurück.
(Quellen: ap, afp)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten würden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03.2003 bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07.2003 bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11.2003 bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01.2004 bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06.2004 bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11.2004 bis 30.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Teil 7: 01.05.2005 bis 31.12.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_07.htm#news
Teil 8: 01.01.2006 bis 29.05.2006
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_08.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am siebenhundertsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
Mo.29.05.06 - Noch immer kein Verteidigungs- und Innenminister.ernannt +++ Wachsende
Angst vor religiös motivierter Gewalt in Bagdad +++ US-Militär:
Kontrolle schrittweise an Iraks Polizei übertragen +++ BBC: Seit
Beginn des Irak-Krieges 1000 britische Soldaten desertiert +++ Iranischer
Außenminister besucht heilige Städte Kerbela und Nadschaf...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv8/k0605290.htm#news
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.2004 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_k01.htm#bodycount
Do.08.12.2006 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 2.919
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen. Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
Die Kosten für den Irak-Einsatz explodieren
Mittwoch 20. Dezember 2006: Seit März 2003 haben die USA für den Einsatz im Irak 350 Milliarden
Dollar aufgewendet. In diesem Jahr bereits kletterten die Kosten des Irak-Einsatzes
auf monatlich acht Milliarden Dollar gegenüber 6,4 Milliarden Dollar monatlich im Vorjahr.
US-Präsident Bush hat weitere 100 Milliarden Dollar (75,9 Milliarden Euro) im Kongress beantragt.
Quellen: ap, afp
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Afghanistan: Taliban kündigen neue Offensive an
Di.29.05.07 - Taliban-Kämpfer haben im Süden Afghanistans einen Konvoi der
afghanischen Polizei und der Koalitionstruppen angegriffen und damit ein
zehnstündiges Gefecht ausgelöst. Zuvor hatten die Taliban
eine neue Offensive gegen die Regierungstruppen sowie alle
ausländischen Soldaten angekündigt. Die Operation
«Kamin» (Hinterhalt) werde mit sofortiger Wirkung im ganzen
Land beginnen, erklärte Taliban-Sprecher Kari Jussef Ahmadi am
Sonntag.
Es werde Selbstmordanschläge, Attacken mit ferngezündeten
Bomben und Überraschungsangriffe geben. Bei dem Überfall auf
den Konvoi, der in der Provinz Helmand 24 Lastwagen mit
Versorgungsgütern begleitete, wurde nach Angaben der Koalition vom
Montag ein afghanischer Lastwagenfahrer getötet, drei Soldaten
wurden verletzt. Bei den anschließenden Kämpfen sollen etwa
zwei Dutzend Taliban-Kämpfer getötet worden sein.
In Nordafghanistan riss ein Selbstmordattentäter am Montag zwei
Menschen mit sich in den Tod. Zwei weitere Zivilpersonen erlitten
Verletzungen, wie die Behörden mitteilten. Der Anschlag richtete
sich gegen Ausländer in einem Geländewagen, wie der
Polizeichef der Provinz Kundus erklärte. Diese blieben unverletzt,
doch kamen zwei Insassen eines anderen Fahrzeugs bei der Explosion ums
Leben. In Kundus hat die Gewalt in den vergangenen Monaten zugenommen.
Am 19. Mai wurden dort bei einem Selbstmordanschlag drei
Bundeswehrsoldaten und sieben Afghanen getötet.
In Schibarghan in der nordafghanischen Provinz Dschawsdschan wurden bei
Schusswechseln während einer Demonstration gegen den Gouverneur
mindestens sieben Menschen getötet und 36 verletzt, wie die
Leiterin des örtlichen Krankenhauses sagte.
Sechs Polizisten wurden am Sonntag in der südöstlichen
Provinz Paktika getötet. Zunächst zündeten
Taliban-Kämpfer bei der Vorbeifahrt von zwei Polizeifahrzeugen
mehrere Bomben, anschließend beschossen sie den Konvoi, wie ein
Sprecher des Provinzgouverneurs mitteilte. Bei der Detonation eines am
Straßenrand versteckten Sprengsatzes im Osten des Landes kamen
drei afghanische Sicherheitsbeamte ums Leben. Am Samstag waren bereits
zwei Polizisten in Kandahar getötet worden. Fünf Kinder im
Alter von fünf bis zwölf Jahren wurden beim Fund eines
Sprengsatzes in den Tod gerissen.
Bei Kämpfen im Süden Afghanistans wurde ebenfalls am Samstag
ein Soldat der Internationalen Schutztruppe (ISAF) getötet, vier
weitere wurden verwundet. Angaben zur Nationalität wurden
zunächst nicht gemacht. Erst am Freitag war ein kanadischer
ISAF-Soldat bei der Explosion eines am Straßenrand versteckten
Sprengsatzes getötet worden.
Afghanische Grenzpolizisten nahmen zusammen mit Soldaten der
US-geführten Koalitionstruppen einen Kommandeur der Taliban und
zwei mutmaßliche Al-Kaida-Mitglieder fest, wie ein
Militärsprecher mitteilte. Sajed Gulab sei für etliche
Bombenanschläge in der Provinz Nangarhar verantwortlich gewesen,
hieß es.
Die UN erklärten am Montag, nach ihrer Zählung seien in den
ersten vier Monaten des Jahres 320 bis 380 Zivilpersonen bei
Militäraktionen und Gewalttaten Aufständischer getötet
worden.
Drei afghanische Mitarbeiter der französischen Hilfsorganisation
Terre d'Enfance wurden unterdessen nach fast zwei Monaten Geiselhaft bei
den Taliban wieder auf freiem Fuß gesetzt. Ein Sprecher der
radikalislamischen Gruppe teilte am Sonntag mit, man habe einer Bitte
von Stammesführern in der Provinz Nimros entsprochen. Die drei
Männer waren am 3. April gemeinsam mit zwei Franzosen verschleppt
worden. Letztere wurden bereits am 28. April beziehungsweise am 11. Mai
freigelassen.
(Quelle: ap)
Nahost-Konflikt
Abbas ruft Palästinenser zu
Waffenstillstand mit Israel auf. Tausende Menschen sitzen im
Flüchtlingslager im Libanon fest
Di.29.05.07 - Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas hat die
militanten Palästinenser zu einem Waffenstillstand mit Israel
aufgerufen. Sie sollten den ersten Schritt tun, sagte Abbas am Montag
in einem Interview mit dem Fernsehnachrichtendienst APTN. Sein Plan
sieht vor, dass die Extremisten im Gazastreifen einen Monat lang keine
Raketen mehr auf Israel abfeuern sollten.
In der Zeit soll ein umfassender Waffenstillstand unter Einbeziehung
des Westjordanlandes ausgearbeitet werden. Zuletzt hielt eine
Waffenruhe im Gazastreifen fünf Monate lang, bis die
radikalislamische Hamas im Mai erneut Raketen auf Israel abfeuerte. Die
israelischen Streitkräfte reagierten mit Luftangriffen. Bei den
Kämpfen kamen etwa 50 Palästinenser und zwei Israelis ums
Leben.
Kurz vor Mitternacht beschossen israelische Flugzeuge erneut
Einrichtungen der Hamas im nördlichen Gazastreifen. Nach
palästinensischen Angaben wurden vier Menschen leicht verletzt.
Nach einwöchiger Belagerung des palästinensischen
Flüchtlingslagers Nahr el Bared im Norden des Libanon sind dort
noch tausende Menschen von der Außenwelt abgeschnitten gewesen.
Zwischen 3000 und 8000 Menschen säßen in dem Lager fest,
erklärte das UN-Hilfswerk für palästinensische
Flüchtlinge (UNRWA). Die Lage dort sei ernst, viele Gebäude
und ein Teil der Kanalisation seien zerstört, und es gebe keinen
Strom. Palästinensische Islamisten liefern sich wieder Gefechte mit
der libanesischen Armee, die das Lager umstellt hat. Die Soldaten
schossen vier Mörsergeschosse auf den Haupteingang ab.
Wie viele Menschen genau noch in dem Lager seien, sei schwierig zu
schätzen, sagte der Sprecher des UN-Hilfswerkes im Libanon, Richard
Cook. Rund 24.000 Flüchtlinge hätten die seit Dienstag
andauernde Feuerpause ausgenutzt und das Lager verlassen. Das
UN-Kinderhilfswerk UNICEF hatte am Vortag erklärt, dass rund
zehntausend Menschen in Nahr el Bared festsäßen.
Normalerweise sind in dem Lager rund 31.000 Flüchtlinge
untergebracht. "Die Kinder, die in Nahr el Bared leben, haben
unaussprechliches Leid durchgemacht", erklärte UNICEF.
Ein leitender Mitarbeiter des palästinensischen Roten Halbmondes
sagte, am Wochenende hätten nur noch etwa dreißig Menschen
das Lager verlassen. Der Rote Halbmond habe vier Lastwagen mit Wasser,
Brot und Medikamenten nach Nahr el Bared gebracht.
Eine Gruppe muslimischer Palästinenserscheichs versuchte am
Sonntag zu vermitteln. Scheich Mohammed el Hadsch sagte vor Reportern am
Lagereingang, er habe sich mit Islamistenführer Tschaker Abssi
getroffen. Die libanesische Regierung gab den Palästinensergruppen
im Land bis Mitte der Woche Zeit, um eine Einigung zwischen der Fatah el
Islam und der libanesischen Armee auszuhandeln. Die
palästinensischen Gruppierungen sollten in den kommenden Tagen zu
einer friedlichen Lösung finden, hieß es in Regierungskreisen
in Beirut.
Ein ranghoher Regierungsmitarbeiter sagte der Nachrichtenagentur AFP
dagegen, es gebe keine Frist. Wenn die Bemühungen scheiterten und
keine Einigung gefunden werde, müsse die Armee "geeignete Mittel
finden, um die Sache zu regeln". Die bewaffnete Gruppe Fatah el Islam
hatte sich von Sonntag vergangener Woche bis Dienstag heftige
Kämpfe mit der libanesischen Armee geliefert, bei denen über
siebzig Menschen ums Leben kamen.
(Quellen: ap, afp)
Parlament stimmt für Direktwahl des türkischen
Präsidenten
Di.29.05.07 - Die Abgeordneten des türkischen Parlaments haben sich am Montag
erneut für eine Direktwahl des Staatspräsidenten
ausgesprochen. Die Volksvertreter stimmten in Ankara mit 367 Stimmen zu
einer für eine entsprechende Verfassungsänderung.
Während der vorangegangenen Debatte war es zu einem Handgemenge im
Parlament gekommen.
Das Parlament beriet zum zweiten Mal über eine von der Regierung
vorgeschlagene Verfassungsänderung zur Direktwahl des
Staatspräsidenten, nachdem Präsident Ahmed Necdet Sezer am
Freitag ein Veto dagegen eingelegt hatte. Ein zweiter und letzter
Wahlgang ist für Donnerstag geplant. Bei einer neuerlichen
Verabschiedung muss Sezer die Änderung entweder akzeptieren oder
das Volk per Referendum entscheiden lassen. Sezer erklärte bei
seinem Veto, die Verfassungsänderung sei nicht mit dem
demokratischen System der Türkei vereinbar und gefährde die
Neutralität des Präsidentenamtes.
Zu dem Tumult kam es, nachdem sich ein Parlamentarier kritisch
über Präsident Sezer geäußert hatte, was die
Opposition als Beleidigung des Staatsoberhaupts auffasste. Abgeordnete
der islamisch-konservativen Regierung lieferten sich ein Handgemenge
mit Vertretern der säkularen Opposition. Die Debatte musste
für einige Minuten unterbrochen werden.
Die regierende konservativ-religiöse Partei für Gerechtigkeit
und Entwicklung (AKP) von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan
will den Präsidenten und das Parlament am gleichen Tag, dem 22.
Juli, wählen lassen und steht deshalb unter Zeitdruck. Die AKP
hatte den Vorschlag, das Staatsoberhaupt künftig nicht mehr vom
Parlament, sondern direkt vom Volk wählen zu lassen, eingebracht,
nachdem ihr Kandidat, Außenminister Abdullah Gül, am
Widerstand der säkularen Opposition in der Nationalversammlung
gescheitert war.
Die geplante Wahlrechtsreform sieht ferner vor, die Amtszeit des
Staatsoberhaupts von sieben auf fünf Jahre zu verkürzen, dem
Präsidenten ein zweites Mandat zu ermöglichen und die
Legislaturperiode des Parlaments auf vier Jahre zu verkürzen.
Mehrere tausend Menschen demonstrierten am Samstag in der Türkei
wieder gegen eine Islamisierung ihres Landes. Schon an den Wochenenden
zuvor waren zum Teil mehr als eine Million Menschen auf die
Straße gegangen, um dagegen zu protestieren, dass die regierende
AKP versucht, ihren Einfluss auf den Staat noch weiter ausbauen. Die
Demonstrationen begannen im April, um eine Kandidatur von Erdogan
für das Amt des Staatspräsidenten zu verhindern. Dieser
verzichtete dann zu Gunsten Güls.
(Quelle: ap)
Amnesty verurteilt Menschenrechtsverletzungen in ASEM-Staaten
Di.29.05.07 - Die Menschenrechtsorganisation Amnesty international (ai) hat
anlässlich des EU-Asien-Außenministertreffen (ASEM) in
Hamburg die "weitreichenden und schwerwiegenden
Menschenrechtsverletzungen" in vielen Staaten verurteilt. In allen
asiatischen Mitgliedsländern der ASEM mit Ausnahme von Kambodscha
und den Philippinen werde die Todesstrafe verhängt und vollstreckt,
erklärte die deutsche ai-Sektion auf ihrer Jahresversammlung in
München. Der "Krieg gegen den Terror" werde in vielen
ASEM-Ländern zum Anlass genommen, die Opposition im eigenen Land
mundtot zu machen, heißt es in dem Beschluss der gut 600
Teilnehmer der Jahresversammlung.
Die Jahresversammlung forderte auch, dass Teilnehmer an Demonstrationen
anlässlich des G 8-Gipfels in Heiligendamm ihr Recht auf Meinungs-
und Versammlungsfreiheit friedlich ausüben können.
Scharfe Kritik übte die deutsche ai-Sektion an der
Menschenrechtspolitik der Europäischen Union (EU). Nach dem
Selbstverständnis der EU müsste der Schutz der Menschenrechte
auf allen Politikfeldern Priorität genießen, "in der Praxis
ist die EU davon weit entfernt", sagte ai-Vorstandssprecher Stefan
Keßler. So seien Minderheiten wie Roma in EU-Mitgliedsstaaten
nicht vor Diskriminierung geschützt. Flüchtlinge würden
massiv daran gehindert, auf europäischem Boden einen Antrag auf
Asyl zu stellen. Die Jahresversammlung kritisierte, dass die EU
gegenüber Staaten wie Russland oder China wirtschaftlichen und
machtpolitischen Interessen Vorrang vor dem Schutz der Menschenrechte
einräume.
Die ai-Delegierten forderten die Bundesregierung auf, sich
unmissverständlich zur Einhaltung von Menschenrechten auch im
Auslandshandeln deutscher Staatsvertreter zu bekennen.
Verstöße müssten konsequent untersucht und geahndet
werden. Hintergrund dieser Aufforderung sind die Fälle des
Ex-Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz aus Bremen und des in Syrien
inhaftierten Deutschen Mohammed Zammar, die beide von Beamten deutscher
Geheimdienste im Gefängnis befragt wurden, sowie die zunehmende
Zahl von Auslandseinsätzen der Bundeswehr.
(Quelle: afp)
Außenminister Europas und Asiens treffen sich in Hamburg
Di.29.05.07 - Begleitet von einer teilweise gewalttätigen Demonstration sind in
Hamburg die Außenminister der EU und von 16 asiatischen
Ländern zu einer zweitägigen Konferenz zusammengekommen.
Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier
begrüßte die Gäste am Montagabend unter strengem
Polizeischutz im Luxushotel Atlantic.
Im Mittelpunkt der zweitägigen Gespräche stehen die Krisen im
Irak und in Afghanistan, die Entwicklung in Korea sowie die
Nichtverbreitung von Atomwaffen. Außerdem wollen die Minister im
Hamburger Rathaus über Klimafragen und die Energieversorgung
beraten.
Die EU und China betonten schon vor Beginn der Tagung im großen
Kreis die Notwendigkeit weiterer Anstrengungen zum Klimaschutz. Bei
einem Treffen der EU-Troika unter Leitung von Steinmeier mit seinem
chinesischen Amtskollegen Yang Jiechi stimmten beide Seiten der
Dringlichkeit dieser Frage zu. «Jedes Land hat seinen Beitrag zu
leisten», sagte Yang nach dem Treffen. Allerdings machte er klar,
dass China sein rasantes Wachstum nicht dem Klimaschutz opfern wolle.
An der Tagung nehmen 46 Delegationen teil, darunter 27 EU-Länder,
10 ASEAN-Staaten sowie Japan, China, Indien, Südkorea, Pakistan
und die Mongolei. Außerdem ist zum ersten Mal der
EU-Außenbeauftragte Javier Solana dabei.
Die 1996 begonnene ASEM-Kooperation (ASEM steht für Asia-Europe
Meeting) soll den Dialog zwischen Asien und Europa stärken. Die
Treffen finden alle zwei Jahre abwechselnd in Europa und Asien statt.
Sie haben den Charakter eines informellen Dialogs und bieten den
Außenministern Gelegenheit für Gespräche über alle
internationalen Fragen.
Vor Beginn der Tagung hatte Amnesty International schwerwiegende
Menschenrechtsverletzungen in asiatischen Ländern beklagt. In
allen asiatischen Mitgliedsländern der ASEM mit Ausnahme von
Kambodscha und den Philippinen werde die Todesstrafe verhängt und
vollstreckt, kritisierte die Amnesty-Jahresversammlung in einem
Beschluss vom Montag. Der «Krieg gegen den Terror» werde in
vielen ASEM-Ländern zum Anlass genommen, die Opposition mundtot zu
machen.
(Quelle: ap)
Mindestens 4.000 Gegner des ASEM-Treffens demonstrieren in Hamburg
Di.29.05.07 - In Hamburg demonstrierten mindestens 4.000 Gegner des ASEM-Treffens und
gerieten dabei teilweise mit der Polizei aneinander.
Bereits kurz nach Beginn der Veranstaltung war es zu ersten Rangeleien
gekommen, es waren Knallkörper, Rauchbomben und Farbeier geworfen
worden. Zudem hatten sich einige Teilnehmer des Protestzuges vermummt.
Die Polizei erklärte, die Demonstration sei weitgehend friedlich
verlaufen, wegen der polizeilichen Präsenz im Bereich der
gewaltbereiten Teilnehmer sei es zu keinen größeren
Gewalttaten gekommen.
Um 16.16 Uhr hatten die Veranstalter die Demonstration vorzeitig
beendet, weil sie nach eigenem Bekunden keinen Sinn in einer von der
Polizei so stark begleiteten Demonstration durch gesperrte
Straßen sahen. Im Anschluss wurden laut Polizei im Bereich des
Schanzenviertels Kleingruppen gewalttätig. Polizeibeamte seien
mehrfach massiv mit Steinen, Farbbeuteln, pyrotechnischen
Gegenständen und Fußtritten attackiert worden. Im weiteren
Verlauf kam es demnach immer wieder zu Sachbeschädigungen und
Angriffen auf die Einsatzkräfte und Fahrzeuge der Polizei. Die
Polizei setzte mehrfach Wasserwerfer ein.
Die Veranstalter der Demonstration gegen den ASEM- Gipfel in Hamburg
haben das Vorgehen der Polizei scharf kritisiert. Sie warfen den
Beamten vor, diese hätten die Demonstranten nicht friedlich
abziehen lassen. Dadurch sei die Stimmung unnötig aufgeheizt
worden.
(Quelle: ap)
Umweltminister Gabriel greift US-Regierung wegen Klimapolitik scharf an
Di.29.05.07 - Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat die US-Regierung kurz vor
dem G8-Gipfel wegen ihrer Haltung in der Klimapolitik scharf
angegriffen. In der "Saarbrücker Zeitung" bestätigte Gabriel,
dass die USA den deutschen Entwurf einer Abschlusserklärung bisher
blockieren. Der Minister kündigte an, die strittigen Punkte "zur
Not bis in die Gespräche in Heiligendamm offen zu halten". Dann
müssten eben am Ende die Staats- und Regierungschefs selbst Farbe
bekennen. "Wenn sie wirklich blockieren wollen, dann muss klar werden,
wer dafür die Verantwortung trägt", warnte Gabriel.
Der SPD-Politiker nannte den Klimawandel eine "dramatische Gefahr"
für die Menschheit: "Da machen diplomatische Sprachregelungen, die
die Realität verkleistern und nichts nach vorne bringen, keinen
Sinn".
Falls in Heiligendamm kein Durchbruch gelinge, habe der Gipfel doch
eine wichtige psychologische Wirkung: "Selbst wenn die Amerikaner
konkrete Schritte blockieren, wird der weltweite Druck auf sie und die
anderen, die mit ihnen im Geleitzug fahren, ungeheuer groß
werden". Mit Blick auf die anstehenden Präsidentschaftswahlen in
den USA sagte Gabriel: "Es kann sein, dass es den entscheidenden
Durchbruch erst gibt, wenn es dort eine Administration gibt, die sich
nicht so stark als Interessensvertreterin der Ölindustrie versteht".
(Quelle: afp)
Wirtschaft pocht auf weitere Reformen
Di.29.05.07 - Der Ruf aus der Wirtschaft nach weiteren Reformen wird lauter.
Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warnte am Montag in einem
ddp-Interview: «Es wäre das Schlimmste, wenn sich die
Bundesregierung jetzt angesichts des Aufschwungs zufrieden
zurücklehnen würde.» Vor allem müsse die
große Koalition zügig alle Spielräume für eine
Senkung des Beitragssatzes zur Arbeitslosenversicherung nutzen. Die
Lohnzusatzkosten müssten «endlich» verringert werden.
Handwerkspräsident Otto Kentzler betonte, möglich sei eine
kurzfristige Senkung des Beitragssatzes zur Arbeitslosenversicherung auf
3,5 Prozent. Die verbesserte Situation auf dem Arbeitsmarkt wirke sich
auch auf die Finanzlage der Bundesagentur für Arbeit aus und gebe
«finanziellen Spielraum». Kentzler mahnte: «Die
Milliarden sollten nicht auf dem Konto schmoren, sondern Arbeitnehmern
und Arbeitgebern zurück gegeben werden. Das kurbelt die noch
schwache Nachfrage der Konsumenten an.» Weitergehende Reformen
könnten dazu führen, in spätestens zwei Jahren den
Beitrag noch stärker zu senken.
Hundt betonte, die Bundesregierung müsse «den
konjunkturellen Rückenwind nutzen, um die unverändert
anstehenden Reformen voranzubringen». Dies sei die Voraussetzung
für weiteres Wachstum und zusätzliche Beschäftigung in
Deutschland. Eine weitere Senkung des Beitragssatzes zur
Arbeitslosenversicherung um einen halben Prozentpunkt sei noch in diesem
Jahr möglich. Hundt fügte hinzu: «Damit würde ein
positives Signal für mehr Beschäftigung gesetzt. Bis zum Jahr
2010 ist das auch solide zu finanzieren.»
Diese Entlastung der Arbeitnehmer und Arbeitgeber gerate allerdings
dadurch in Gefahr, «dass einige in der Politik jetzt immer lauter
darüber nachdenken, den derzeit in die Arbeitslosenversicherung
fließenden Prozentpunkt aus der jüngsten
Mehrwertsteuererhöhung in die Krankenversicherung
umzuleiten». Hund betonte: «Das wäre nicht nur eine
flatterhafte Politik nach dem Motto ´Rein in die Kartoffeln, raus
aus den Kartoffeln´. Es wäre auch sachlich
unberechtigt.» Die Beitragszahler zur Arbeitslosenversicherung
finanzierten «bis heute mehr gesamtgesellschaftliche Aufgaben, die
aus Steuern finanziert werden müssten, als sie dafür aus der
Mehrwertsteuer erhalten».
Kentzler kritisierte, viele Instrumente der aktiven Arbeitsmarktpolitik
seien «untauglich, um zu einer Beschäftigung im ersten
Arbeitsmarkt zu führen». Er fügte hinzu:
«Ein-Euro-Jobs oder die jetzt geplante so genannte ´soziale
Beschäftigung´ sind kontraproduktiv, zumal qualifizierte
Langzeitarbeitslose jetzt angesichts einer beginnenden Knappheit bei
Fachpersonal wieder bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.»
Positiv bewertete Kentzler, «dass beide Koalitionspartner gewillt
sind, die Erbschaftssteuerreform kurzfristig zu verwirklichen». Er
betonte: «Alle Beteiligten - auch die Wirtschaft - sind sich
bewusst, dass die Verhandlungen etwa zum Bewertungsrecht sehr schwierig
werden.» Angesichts der großen Probleme gerade der kleinen
und mittleren Betriebe sei jedoch eine Einigung für die
Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstandes von zukunftsweisender
Bedeutung. Kentzler fügte hinzu: «Alles Ideologiegerede
stört hier nur. Es geht doch um Arbeitsplätze und
Zukunftschancen für Familienbetriebe und ihre
Übernehmer.»
(Quelle: ddp)
DGB fordert von Union Ende der Mindestlohn-'Blockade'
Di.29.05.07 - Die große Koalition sieht sich in der Debatte um
Mindestlöhne wachsendem Druck der Gewerkschaften ausgesetzt.
DGB-Chef Michael Sommer kritisierte am Montag in einem ddp-Interview,
die Entscheidungsfindung gehe bei diesem Thema «quälend
langsam voran». Dabei könne «die Notwendigkeit eines
gesetzlichen Mindestlohns nicht mehr ernsthaft bestritten werden».
Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warnte dagegen, gesetzliche
Mindestlöhne stellten «eine erhebliche Gefahr für den
Arbeitsmarkt dar». Ähnlich äußerte sich
Handwerkspräsident Otto Kentzler:
Sommer betonte: «Die Menschen wissen und erfahren selber, wie
entwürdigend Hungerlöhne in Deutschland sind.» Rund 2,5
Millionen Arbeitnehmer müssten bereits von Stundenlöhnen
leben, die meist deutlich unter der DGB-Forderung von 7,50 Euro
Mindestlohn liegen. Er appelliere deshalb «eindringlich an die
Union, endlich ihre Blockadepolitik aufzugeben». Sommer fügte
hinzu: «Wenn die CDU-Sozialausschüsse diesen
innerparteilichen Prozess vorantreiben, kann ich das nur
begrüßen.»
Hundt entgegnete, gesetzliche Mindestlöhne führten «im
Endeffekt nur dazu, dass Arbeitsplätze im Niedriglohnbereich
verloren gehen, ins Ausland verlagert oder in die Schwarzarbeit
verdrängt werden». Er mahnte: «Wenn es die
Bundesregierung ernst meint mit dem Abbau der Arbeitslosigkeit und der
Erschließung neuer Beschäftigungspotenziale, vor allem im
Niedriglohnbereich, dann sollte sie die gegenwärtige Diskussion um
Mindestlöhne schnell beenden.» Es bestehe kein Bedarf
für einen gesetzlichen Mindestlohn. Der Arbeitgeberpräsident
fügte hinzu: «Wir haben mit dem Arbeitslosengeld II ein
gesichertes Mindesteinkommen - und auch vor sittenwidrigen Löhnen
sind die Arbeitnehmer auf Grundlage der ständigen Rechtsprechung
wirksam geschützt.»
Auch Kentzler mahnte, gesetzliche Mindestlöhne führten zu
mehr Arbeitslosen und förderten Schwarzarbeit. Dies habe eine
Mehrheit in beiden Koalitionsparteien offenbar auch eingesehen. Der
Handwerkspräsident betonte: «Ich hoffe sehr, dass sich diese
´Fraktion der Vernunft´ durchsetzt.» Die Tarifpartner
sollten aber wie bisher frei sein, in ihren Branchen über
Mindestlöhne zu verhandeln. Kentzler fügte hinzu: «Es
mutet ja auch eher seltsam an, dass die Gewerkschaften teilweise
für eine Einschränkung dieser tariflichen Freiheit
plädieren, ausgerechnet die Gewerkschaften.»
(Quelle: ddp)
Fronten im Telekom-Tarifkonflikt bleiben verhärtet
Di.29.05.07 - Im Tarifkonflikt bei der Deutschen Telekom um die Auslagerung von rund
50 000 Arbeitsplätzen zum 1. Juli bleiben die Fronten
verhärtet. Es gebe weiter weder eine Annäherung noch einen
neuen Gesprächstermin, sagte der Streikkoordinator der Gewerkschaft
ver.di, Ado Wilhelm, am Montag der Nachrichtenagentur ddp/Dow Jones
(Nachrichten) in Berlin. Anderslautende Medienberichte wies er als
falsch zurück. ver.di-Verhandlungsführer Lothar Schröder
drohte mit einem lang andauernden Streik. Unterdessen wurden die
betroffenen rund 50 000 Beschäftigten am Samstag in einem
Schreiben von der Telekom über die Pläne informiert.
«Es gibt keinen neuen Sachstand», bedauerte Wilhelm und
forderte den Vorstandsvorsitzenden René Obermann auf, die
Verhandlungen wieder aufzunehmen. «Der Obermann soll sich mal
nicht so viel um seine Dopingfälle, sondern mehr um seine eigenen
Leute kümmern», sagte Wilhelm mit Blick auf die Reaktionen
Obermanns auf die jüngsten Dopinggeständnisse im Radsportteam
Telekom. Der Konzern ist Sponsor und will es nach Aussagen Obermanns
auch weiter bleiben.
Ein von Obermann angeregtes Modell einer Erfolgsbeteiligung sieht
Wilhelm skeptisch. Ihm sei ein solches Modell überdies nicht
bekannt. Grundsätzlich bedeute dies allerdings die Verlagerung von
Risiken auf die Beschäftigten. In der «Frankfurter
Allgemeinen Sonntagszeitung» hatte Obermann ein solches Modell
angeregt. Als Ausgleich für das Entgegenkommen der Mitarbeiter in
der derzeit schwierigen Situation könne er sich «gut
vorstellen», die Beschäftigten in wirtschaftlich besseren
Zeiten stärker als bisher am Erfolg zu beteiligen.
Unterdessen droht ver.di dem Konzern mit einem Streik «weit ins
Jahr hinaus», wie Verhandlungsführer Schröder der
Zeitung »Die Welt" (Samstagausgabe) sagte. «In den neuen
Gesellschaften wird der Konflikt weitergeführt», sagte er dem
Blatt. «Dort erlischt die Friedenspflicht, der Streik würde
auf T-Service übergreifen und möglicherweise weit ins Jahr
hinaus andauern». Der Streik sei für ver.di nicht billig,
räumte Schröder ein. Der Arbeitskampf sei aber finanzierbar.
«Und wir können lange durchhalten», fügte er
hinzu.
Auch über Pfingsten wurden die Streiks fortgesetzt. Nach Angaben
von Streikkoordinator Wilhelm beteiligten sich am Samstag bundesweit
rund 1150 Telekom-Beschäftigte und am Pfingstsonntag und -montag
jeweils 350 Mitarbeiter aus den Bereichen Netzinfrastruktur, Technischer
Kundendienst und der Störungsannahme in den Callcentern an den
Arbeitsniederlegungen. Am Dienstag sollen es wie an den vergangenen
Werktagen wieder rund 15 000 werden.
Die Telekom gibt sich gelassen. Die wirtschaftlichen Folgen des Streiks
hält Obermann bislang für «überschaubar».
Angesichts von durchschnittlich 9000 streikenden Mitarbeitern pro Tag
rechne er nicht mit einer neuerlichen Gewinnwarnung, sondern bleibe bei
der bisherigen Ergebnisprognose: «Unser Ziel ist klar formuliert.
Wir wollen 19 Milliarden Euro Gewinn (EBITDA) erzielen. Das erste
Quartal zeigt, dass wir auf gutem Weg dahin sind.»
Der Arbeitskampf bei der Telekom hatte am 11. Mai begonnen. Das
Unternehmen will 50 000 Stellen aus den Service-Bereichen zum 1. Juli in
eigenständige Firmen unter dem Dach von T-Service ausgliedern, um
Kosten zu senken. Dabei sollen die Löhne laut ver.di um neun
Prozent gekürzt und die wöchentliche Arbeitszeit um mindestens
vier Stunden verlängert werden.
(Quelle: ddp)
Kulttur
Der Maler Jörg Immendorff ist tot
Di.29.05.07 - Der Maler und Kunstprofessor Jörg Immendorff ist tot. Er starb am
Montag in Düsseldorf im Alter von 61 Jahren an Herzstillstand, wie
sein betreuender Arzt, der Berliner Neurologe Thomas Meyer, mitteilte.
Immendorff, der seine Frau Oda Jaune-Immendorff und eine kleine Tochter
hinterlässt, litt seit Jahren an der unheilbaren Nervenkrankheit
ALS. Er galt mit seiner expressiven Malweise als einer der wichtigsten
Künstler der Neuzeit.
«Mit Jörg Immendorff verliert die Bundesrepublik einen der
herausragenden bildenden Künstler seiner Zeit», sagte
Kulturstaatsminister Bernd Neumann (SPD). Er erinnerte daran, dass
Immendorf seit den 70er Jahren zu den wenigen deutschen Künstlern
zählte, «denen es gelungen ist, der jungen deutschen Kunst
wieder internationalen Ruf zu verschaffen». Als Schüler von
Joseph Beuys habe er dessen Arbeit zur deutschen Frage
weitergeführt und ihr damit international beachtete Impulse
gegeben.
Noch am 1. März hatte Immendorff das Porträt seines Freundes,
Altkanzler Gerhard Schröder (SPD), für das Bundeskanzleramt
offiziell übergeben. Das Porträt, das den Altkanzler ganz in
Gold zeigt, wird als Dauerleihgabe im Berliner Bundeskanzleramt
ausgestellt. Der zuletzt an den Rollstuhl gefesselte Immendorff hatte
das Bild mit Hilfe von Assistenten erstellt.
FDP-Chef Guido Westerwelle würdigte Immendorf als Künstler,
«der bei allem persönlichen Erfolg und trotz schwerster
eigener Krankheit» immer auch an das Leid anderer gedacht habe.
«Ich bewundere seine bleibende künstlerische Arbeit und
trauere mit den Angehörigen.»
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers
(CDU) nannte Immendorff einen «der bekanntesten Maler des
ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts». Immendorff
habe von Düsseldorf aus die Geschichte und die Gegenwart
Deutschlands reflektiert, wenn man beispielsweise an Bilder wie
«Café Deutschland» denke. In der Zeit seiner
schweren Erkrankung habe er «zu einer erstaunlichen neuen
Formensprache gefunden». Sein Werk werde über seinen Tod
hinaus bleiben und Wirkung zeigen.
Nach Angaben des behandelnden Arztes hatte sich Immendorffs Zustand in
den vergangenen Wochen nicht verschlechtert. Allerdings sei sein
Lebenswillen weniger geworden, sagte Meyer. So habe Immendorf bei
seinem Besuch seine Patientenverfügung noch einmal
bekräftigt, wonach er keine intensiv-medizinischen Maßnahmen
wollte. Auch einen Krankenhausaufenthalt habe der Künstler
abgelehnt. In der Vergangenheit hatte Immendorff Meyer zufolge bereits
Herz-Rhythmus-Störungen gehabt.
Meyer betreute Immendorff seit 2002. Der Maler habe die ALS-Forschung
finanziell und vor allem ideell unterstützt, betonte der
Mediziner. Durch den Bekanntheitsgrad des Malers sei der Krankheit
überhaupt erst in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit geschenkt
worden. Das habe auch für die anderen ALS-Patienten eine
große Rolle gespielt.
Neumann betonte, selbst die unheilbare Krankheit, an der Immendorff
seit einem Jahrzehnt litt, habe er noch als Herausforderung begriffen.
Seine letzte große Werkschau hatte Immendorff 2005 in der Neuen
Nationalgalerie in Berlin.
(Quelle: ddp)