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Aktuelle Nachrichten
Irak am tausendzweinundachtzigsten Tag nach Erlangung der formellen
Souveränität
US-Verteidigungsminister zu Besuch in Bagdad. US-Truppen im Irak
aufgestockt. Regierungschef Al-Maliki räumt Beteiligung der
Polizei an Anschlag auf Moschee ein
Sa.16.06.07 - US-Verteidigungsminister Robert Gates ist am Freitagabend zu einem
vorher nicht angekündigten Besuch in der irakischen Hauptstadt
Bagdad eingetroffen. Er kam aus Brüssel, wo er an einem Treffen
der NATO-Verteidigungsminister teilgenommen hatte. Gates wollte in
Bagdad mit Kommandeuren der US-Streitkräfte und Vertretern der
irakischen Regierung sprechen. Er bekundete erneut sein Vertrauen in
den obersten Befehlshaber der US-Truppen im Irak, General David
Petraeus. Es ist der vierte Besuch des Verteidigungsministers im Irak
seit seiner Amtsübernahme im Dezember. Zuletzt war er im April
dort.
Die US-Streitkräfte meldeten am Freitag den Tod von fünf
weiteren Soldaten. Damit stieg die Zahl der Toten aus den Reihen der
US-Truppen seit Beginn des Irak-Kriegs auf mindestens 3.520.
Die Aufstockung der US-Truppen im Irak ist abgeschlossen worden. Wie
das US-Militär in Bagdad weiter mitteilte, befinden sich nun 28
500 zusätzliche amerikanische Soldaten im Land. Nach Angaben der
«Washington Post» liegt die US-Truppenstärke im Irak
damit bei 165 000 Männern und Frauen. Die Zeitung zitierte einen
Militärsprecher mit den Worten, jetzt, da alle Truppen vor Ort
seien, könne die Strategie zur Verbesserung von Sicherheit und
Stabilität umgesetzt werden.
An dem Anschlag auf die schiitische Goldene Moschee von Samarra waren
nach irakischen Regierungsangaben auch Mitglieder der
Sicherheitskräfte beteiligt. "Die Wachleute vor Ort haben eine
Rolle gespielt und werden bestraft", sagte Regierungschef Nuri el Maliki
in einem am Donnerstag ausgestrahlten Beitrag des TV-Senders Irakia
während eines Besuchs am Anschlagsort am Vortag. Ein Einsatzleiter
des Innenministeriums hatte zuvor gesagt, mehrere für die
Sicherheit im Inneren des schiitischen Mausoleums verantwortliche
Wachen seien festgenommen worden und würden befragt. Nach Angaben
der US-Armee wurden unmittelbar nach dem Bombenanschlag am Mittwoch der
Kommandeur einer Polizeieinheit sowie zwölf zum Schutz der Moschee
eingesetzte Polizisten festgenommen.
boa, (Quellen: dpa, afp, ap)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten würden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03.2003 bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07.2003 bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11.2003 bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01.2004 bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06.2004 bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11.2004 bis 30.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Teil 7: 01.05.2005 bis 31.12.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_07.htm#news
Teil 8: 01.01.2006 bis 16.06.2006
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_08.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am siebenhundertundachtzehnten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
Fr.16.06.06 - Truppen im Irak nehmen Vorsitzenden des Provinzrates von Kerbela fest +++
Laut irakischer Polizei zehn Schiiten in Bakuba erschossen +++ Vier Tote
bei Angriff auf sunnitische Moschee +++ Zahl der im Irak getöteten
US-Soldaten nahe 2500...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/ boa-archiv8/k0606160.htm#news
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Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.2004 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_k01.htm#bodycount
Do.07.06.2007 - .Der Irak-Krieg hat bereits fast 3.500 US-Soldaten das Leben gekostet.
Mit dem Tod von vier amerikanischen Soldaten am Mittwoch stieg die Zahl
nach Zählung der Nachrichtenagentur AP auf 3.498.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
Die Kosten für den Irak-Einsatz explodieren
Mittwoch 20. Dezember 2006: Seit März 2003 haben die USA für den Einsatz im Irak 350 Milliarden
Dollar aufgewendet. In diesem Jahr bereits kletterten die Kosten des Irak-Einsatzes
auf monatlich acht Milliarden Dollar gegenüber 6,4 Milliarden Dollar monatlich im Vorjahr.
US-Präsident Bush hat weitere 100 Milliarden Dollar (75,9 Milliarden Euro) im Kongress beantragt.
Quellen: ap, afp
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Afghanistan: Sieben Tote bei Anschlag auf ISAF-Konvoi
Sa.16.06.07 - Bei einem Selbstmordanschlag auf einen Konvoi der Internationalen
Schutztruppe ISAF in der südafghanischen Provinz Urusgan sind
sechs Kinder und ein niederländischer Soldat getötet worden.
Ein Sprecher der örtlichen Polizei sagte am Freitag, die Kinder im
Alter zwischen sechs und 16 Jahren seien ums Leben gekommen, als der
Selbstmordattentäter sich mit seinem Geländewagen in die Luft
gesprengt habe. Er sei in der Provinzhauptstadt Tarin Kowt direkt auf
den Konvoi zugefahren.
Die ISAF bestätigte einen Selbstmordanschlag mit einem Wagen im
Süden des Landes, bei dem mehrere Frauen und Kinder getötet
oder verletzt worden seien. Auch ein Soldat sei ums Leben gekommen;
drei weitere seien verletzt worden. Der niederländische
Generalstabschef Dick Berlijn teilte mit, bei dem getöteten Soldat
handele es sich um einen 20-jährigen Gefreiten.
In der umkämpften Provinz sind vor allem Niederländer
stationiert. Die Niederlande hatten die Bundesregierung kürzlich
dort um Zusammenarbeit gebeten. Dabei geht es darum, ob die
Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) sich beim
Wiederaufbau in Urusgan langfristig engagiert.
Bei einem Angriff von US-Truppen auf einen Taliban-Stützpunkt in
der südlichen Provinz Sabul gerieten am Freitag zwei Zivilisten
zwischen die Fronten. Ein Teenager sei gestorben und ein Kind verletzt
worden, teilte das US-Militär mit. Die Koalitionstruppen
würden stets alles unternehmen, um zivile Opfer zu vermeiden, doch
würden die Extremisten sich unter Zivilisten mischen und diese
damit in Gefahr bringen.
Erst vor wenigen Tagen hatten US-Soldaten nach Angaben örtlicher
Behörden sieben afghanische Polizisten versehentlich getötet.
In der Bevölkerung führen solche Vorfälle zu wachsenden
Protesten gegen die US-Truppen.
(Quelle: dpa)
Gefährliche Mission in Afghanistan: NATO und die Bundeswehr
müssen sich verstärkt auf Kampfhandlungen einstellen
Sa.16.06.07 - Die NATO und die Bundeswehr müssen sich nach Ansicht des
NATO-Generals Egon Ramms verstärkt auf Kampfhandlungen in
Afghanistan einstellen. «Es muss allen politischen und
militärischen Entscheidungsträgern eindeutig klar sein, dass
die ISAF-Mission in Afghanistan - und damit meine ich das ganze Land -
gefährlich ist«, sagte Ramms, der als Befehlshaber des Allied
Joint Force Command im niederländischen Brunssum den Einsatz der
internationalen Afghanistan Schutztruppe ISAF leitet, der
Düsseldorfer »Rheinischen Post« (Freitagausgabe) laut
Vorabbericht. Kampfhandlungen könnten überall erforderlich
werden.
Im Land gebe es erste Erfolge, sagte Ramms. »Sie müssen
weiter ausgebaut werden, auch gegen Widerstände, die in der
Konsequenz Kampf bedeuten können", fügte er hinzu.
Zugleich mahnte der Bundeswehrgeneral an, dass die Teilnehmerstaaten
ihre Zusagen einhalten und die versprochenen Soldaten auch zur
Verfügung stellen sollten. Die Zusammenstellung der Kräfte sei
oft langwierig und zeitweise frustrierend. Einerseits werde der
politische Wille zum ISAF-Einsatz proklamiert. Der konkrete
militärische Beitrag entspreche dem dann aber nicht immer.
(Quelle: ddp)
Nahost-Konflikt
Palästinensergebiete stehen vor der Spaltung. UN-Sonderberater
für Friedenssicherung: Bei Bemühungen um Schlichtung haben
alle Beteiligten versagt. Nach militärischem Hamas-Sieg im
Gazastreifen: Sorge und Entsetzen in der arabischen Welt. Arabische
Liga unterstützt Abbas. Israel zu Hilfslieferungen für
Gazastreifen bereit
Sa.16.06.07 - Mit dem militärischen Sieg der Hamas im Gazastreifen und der
Einsetzung einer Notstandsregierung durch die Fatah hat sich die
Spaltung der Palästinensergebiete in zwei getrennte Einheiten
vertieft.
Präsident Mahmud Abbas von der gemäßigten Fatah
bestimmte den Wirtschaftsexperten Salam Fajad zum neuen Regierungschef.
Der zuvor von Abbas abgesetzte bisherige Ministerpräsident Ismail
Hanija von der radikal-islamischen Hamas lehnte jedoch seine Entlassung
ab. Damit sind faktisch in Gaza und im Westjordanland verfeindete
palästinensische Gruppierungen an der Macht.
Die EU und die USA haben Palästinenser-Präsident Abbas in der
Auseinandersetzung demonstrativ den Rücken gestärkt und die
Hamas aufgefordert, die Absetzung der bisherigen Einheitsregierung zu
akzeptieren. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier
äußerte sich zugleich skeptisch über eine
internationale Friedenstruppe in Gaza, der auch anderswo kaum Chancen
gegeben wurden. In der «Frankfurter Rundschau» (Freitag)
schloss er auch langfristig eine europäische Beteiligung an einer
solchen Truppe aus.
Nach den blutigen Kämpfen in dieser Woche mit mindestens 85 Toten
beruhigte sich die Lage am Freitag zunächst. Es gab im Zentrum von
Gaza keine Schießereien mehr. Menschen kehrten auf die
Straßen zurück. Hamas-Führer Hanija forderte seine
Milizen auf, Ruhe und Ordnung durchzusetzen. Augenzeugen berichteten
aber über zahlreiche Plünderungen. Hamas-Milizen setzten
zahlreiche Fatah-Führer fest, erklärten dann aber eine
Amnestie. Mehrere hundert Fatah-Anhänger flohen nach Ägypten.
Die Hamas kontrolliert nach Angaben von Augenzeugen und des Hamas-
Rundfunks seit der Nacht zum Freitag auch den Amtssitz von Abbas in
Gaza. Fatah-Anhänger, die das Gebäude gehalten hatten,
hätten sich kampflos ergeben, hieß es. Damit brachte Hamas
den gesamten Gazastreifen unter seine Kontrolle.
Hamas-Sprecher Ismail Radwan sagte am Freitag, die Hamas lehne die
Ernennung Fajads zum Chef einer Übergangsregierung ab. Hanija
sagte bei einer Pressekonferenz in der Nacht, seine Regierung werde als
Regierung der nationalen Einheit im Amt bleiben. Seine Amtsenthebung
und die Ausrufung des Notstands durch Abbas seien
«überhastet» gewesen. Die Hamas wolle aber keinen
separaten Staat im Gazastreifen ohne eine Einbeziehung des
Westjordanlandes ausrufen, sagte Hanija. Fatah und Hamas hatten im
März eine Koalition geschlossen, um einen monatelangen blutigen
Machtkampf der beiden rivalisierenden Organisationen zu beenden.
Die USA unterstützten die Entscheidung von Abbas, die
palästinensische Einheitsregierung aufzulösen und den
Ausnahmezustand zu verhängen. Abbas habe seine gesetzlichen
Vollmachten als Präsident der Autonomiebehörde und
Führer der Palästinenser ausgeübt, sagte
Außenministerin Condoleezza Rice am Donnerstag (Ortszeit) in
Washington. Niemand werde die Palästinenser im Gazastreifen einer
«Terrororganisation» und deren extremistischsten Elementen
ausliefern, sagte Außenamtssprecher Sean McCormack.
In Berlin sagte Außenamtssprecher Martin Jäger am Freitag:
«Die (deutsche EU-)Präsidentschaft unterstützt
nachdrücklich die im Einklang mit dem palästinensischen
Grundgesetz stehende Entscheidung von Präsident Abbas, die
Regierung aufzulösen und eine Notstandsregierung für die
palästinensischen Gebiete einzusetzen.» Diese Entscheidung
müsse von allen akzeptiert werden und ein Übergreifen der
Gewalt auf das Westjordanland verhindert werden.
Die zwischenzeitlich etwas verbesserte Sicherheitslage im Gazastreifen
erlaubt nach Einschätzung der EU-Kommission wieder humanitäre
Hilfe. Nach Angaben eines Kommissionssprechers sind unter anderem das
Rote Kreuz und die Hilfsorganisation Care zur Wiederaufnahme der Arbeit
bereit. Die Lage im Gaza-Streifen werde am Montag Hauptthema des EU-
Außenministertreffens in Luxemburg sein, kündigten
Diplomaten in Brüssel an. Die Minister werden die schon seit
längerem geplante Zusammenkunft mit Israels Außenministerin
Zipi Liwni für eine Diskussion über die Situation nutzen.
Bei ihrem Bemühen um Schlichtung im Nahost-Konflikt haben nach
Ansicht des UN-Sonderberaters für Friedenssicherung, Jan Egeland,
alle Beteiligten versagt. Nach dem Auflösung der
palästinensischen Einheitsregierung sagte der
UN-Vize-Generalsekretär dem Radiosender BBC, alle Warnungen seien
nicht beherzigt worden. «Das ist die Chronik eines
angekündigten Kollapses», sagte Egeland. «Es ist das
Produkt von gescheiterter palästinensischer Politik, gescheiterter
israelischer Politik und gescheiterter internationaler Politik».
In der arabischen Welt ist der militärische Erfolg der
radikal-islamischen Hamas gegen die Fatah im Gazastreifen mit Entsetzen
und Sorge aufgenommen worden. Bei einer Sondersitzung der Arabischen
Liga, die am Freitagabend begann, wollten die Außenminister in
Kairo darüber beraten, wie man die rivalisierenden
Palästinenser-Fraktionen doch noch zu einer politischen Einigung
bewegen könnte.
Die Arabische Liga hat in Kairo ihre Unterstützung für den
palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas bekundet. Die
Außenminister begrüßten am Freitagabend die Ernennung
einer neuen Regierung durch Abbas und erklärten, die
Legitimität seines Amtes müsse respektiert werden.
Der Generalsekretär der Staatenorganisation, Amr Mussa, rief zu
einem Ende der Kämpfe auf und sagte, die arabischen Staaten
wollten der palästinensischen Sache dienen und nicht einer
bestimmten Partei. In einer deutlichen Botschaft an die
radikalislamische Hamas schloss Ägypten seine diplomatische
Vertretung im Gazastreifen. Die Regierung in Kairo nannte dafür
Sicherheitsgründe.
Israel will derweil den umkämpften Gazastreifen mit
humanitärer Hilfe versorgen. "Falls es nötig ist, sind wir
bereit den Gazastreifen mit Hilfslieferungen zu versorgen", sagte eine
Sprecherin des israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert in
Jerusalem. Derzeit gebe es dafür allerdings keinen Ansprechpartner
auf palästinensischer Seite. "Wir stehen dem Schicksal der 1,5
Millionen Menschen Menschen im Gazastreifen nicht gleichgültig
gegenüber", sagte sie weiter. Nach Einschätzung der
israelischen Regierung gibt es jedoch bisher noch keine Notwendigkeit
einer Unterstützung. Lediglich frische Lebensmittel könnten
knapp werden.
Die Politik Israels sei es immer gewesen, die moderaten
palästinensischen Kräfte zu unterstützen, sagte die
Sprecherin weiter. Alle Grenzübergänge zwischen Israel und den
Palästinensergebieten sind wegen der Kämpfe zwischen der
radikalislamischen Hamas und der Fatah geschlossen. Die Hamas-Bewegung
hatte den Gazastreifen zuvor komplett unter ihre Kontrolle gebracht.
boa, (Quellen: dpa, ap, afp)
Skandal um chinesische Sklavenarbeiter weitet sich aus
Sa.16.06.07 - Der Skandal um Arbeiter, die in China in Ziegeleien und Kohlebergwerken
wie Sklaven gehalten werden, weitet sich aus. Nach neuen
Schätzungen der Polizei arbeiteten in den Provinzen Henan und
Shanxi mehr als tausend Menschen unter erbärmlichen Umständen,
darunter Kinder unter acht Jahren. Rund 450 der versklavten Arbeiter
wurden bisher befreit, wie die Behörden mitteilten. Sie wurden
geschlagen und waren zum Teil fast verhungert. Verstrickt in den
Skandal sind nach Zeitungsberichten auch Politiker der Kommunistischen
Partei (KP) und die örtliche Polizei.
Der Chef einer Ziegelei, Zaho Yanbing, gab im staatlichen chinesischen
Fernsehen zu, er habe einen Mann mit einer Schaufel erschlagen, weil
dieser nicht hart genug gearbeitet habe. "Seine Leistung war so
schlecht, da wollte ich ihn ein bisschen erschrecken", sagte der
Ziegelei-Chef nach seiner Festnahme. Nach Angaben der Zeitung "Beijing
Youth Daily" wurden viele der Kindersklaven von den Straßen
entführt und für 500 Yuan (rund 45 Euro) an die Unternehmen
verkauft.
Eltern, die ihre Kinder gesucht hatten, seien auf hungrige und
verdreckte Arbeitskräfte gestoßen, als sie sie in den
Unternehmen aufspürten, hieß es in Mitteilungen, die im
Internet veröffentlich wurden. Eine Möglichkeit zu fliehen,
habe es kaum gegeben, denn scharfe Hunde hätten die Areale bewacht.
Die lokale Polizei soll den Medienberichten zufolge untätig
geblieben sein, weil viele mit den Chefs der Ziegeleien kungelten.
Ein Besitzer einer Ziegelei in Shanxi, der als einer der
Hauptverdächtigen gilt, soll der Sohn eines hochrangigen lokalen
kommunistischen Politikers sein, wie die "Shanxi Evening News" unter
Berufung auf einen Gewerkschaftsvertreter berichtete. Der Vater habe
gewiss "alles gewusst haben, was in der teuflischen Fabrik seines
Sohnes" vorging, zitierte die Zeitung den Gewerkschaftsvertreter. Dieser
forderte, den Mann aus der Partei auszuschließen. Bei dem
Großeinsatz in Henan wurden laut Xinhua rund 35.000 Polizisten
mobilisiert, um tausende Ziegeleien zu überprüfen.
(Quelle: afp)
Mexiko: Provinzregierung von Oaxaca entschuldigt sich
Sa.16.06.07 - Ein Jahr nach Beginn der Unruhen in der mexikanischen Stadt Oaxaca hat
sich die Provinzregierung für ihre Rolle an an den Ereignissen
entschuldigt. Innenminister Manuel Garcia Corpus sagte am Freitag, er
bedaure die Folgen des Polizeieinsatzes von 14. Juni gegen ein
Protestcamp streikender Lehrer in Oaxaca. Die Regierung von Gouverneur
Ulises Ruiz entschuldige sich bei der Bevölkerung für die
Ereignisse im Gefolge dieses Einsatzes. Am Donnerstag hatten mehrere
tausend Anhänger der linksgerichteten Oppositionsbewegung an den
Jahrestag erinnert. Die Demonstranten forderten die Freilassung der
Inhaftierten und den Rücktritt von Gouverneur Ruiz.
(Quelle: ap)
Naturschützer von Artenschutzkonferenz enttäuscht
Sa.16.06.07 - Die internationale Artenschutzkonferenz in Den Haag ist nach 13 Tagen
mit einer weiteren Niederlage für den Naturschutz zu Ende
gegangen. Das Plenum der Delegierten hob am Freitag die Entscheidung
eines Ausschusses zum Schutz der Edelkoralle auf. Damit können die
von Meeresverschmutzung und Tauchern bedrohten Korallen international
weiter gehandelt werden.
Mehrere Umweltschutzorganisationen warfen den Mitgliedsstaaten des
Washingtoner Artenschutzabkommens (CITES) vor, kommerziellen Interessen
den Vorrang vor den Erfordernissen des Tier- und Pflanzenschutzes
eingeräumt zu haben. CITES-Generalsekretär Willem Wijnstekers
wies jedoch darauf hin, dass einige Arten neu in das 1975 von den
Vereinten Nationen beschlossene Abkommen aufgenommen und damit vom
grenzüberschreitenden Handel ausgeschlossen worden seien.
«Dies sollte fortgesetzt werden», sagte Wijnstekers.
Verbessert wurde unter anderem der Schutz des Afrikanischen Elefanten.
Zwar wurde vier Ländern im südlichen Afrika gestattet, ihre
Lagerbestände an Elfenbein zu verkaufen. Ansonsten werden aber in
den nächsten neun Jahren keine weiteren Elfenbein-Exporte erlaubt.
Neu in das Artenschutzabkommen aufgenommen wurden der Sägerochen
und der Europäische Aal sowie der brasilianische Fernambukbaum
(Brasilholz). Abgelehnt wurde hingegen ein Exportverbot für den
Heringshai und den Dornhai - letzterer kommt unter anderem in
geräucherter Form als «Schillerlocke» auf den Tisch.
Auch der Handel mit dem Holz der Spanischen Zeder bleibt weiter erlaubt.
Zum Abschluss der Konferenz ging es vor allem ums Geld. Die USA, die 22
Prozent des CITES-Haushalts übernehmen, lehnten eine Erhöhung
des Budgets von zuletzt 4,6 Millionen Dollar (3,4 Millionen Euro) um
7,5 Prozent ab. Beschlossen wurde dann eine Anhebung um 6,0 Prozent.
(Quelle: ap)
Deutschland
Gründung der neuen Linken juristisch vollzogen
Sa.16.06.07 - Die Gründung der neuen Linken ist juristisch perfekt. Das
Amtsgericht Berlin-Charlottenburg teilte mit, dass die aus Linkspartei
und WASG gebildete Partei ins Vereinsregister eingetragen wurde, wie
Links-Fraktionsvize Bodo Ramelow auf dem Parteitag der Linkspartei in
Berlin mitteilte. Damit sei die Verschmelzung vollzogen, sagte Ramelow.
Zugleich wurden Unstimmigkeiten bei der Bildung des künftigen
Parteivorstandes deutlich. Der bisherige Linkspartei-Chef Lothar Bisky
rief die Mitglieder zur Geschlossenheit auf.
WASG-Chef Klaus Ernst warf der Linkspartei vor, von ihren Kandidaten
für den Vorstand hätten mehr als die Hälfte ein
Parlamentsmandat. Dies überschreite die "vereinbarte
Mandatsträgerhöchstquote", schrieb Ernst in einem offenen
Brief. Ramelow wies den Vorwurf zurück. Eine solche Quote gebe es
nicht. "Ich weise den Brief in dieser Form zurück", sagte der
Fraktionsvize.
Indes rief der bisherige Linkspartei-Chef Bisky die Mitglieder zur
Geschlossenheit auf. "Hören wir auf, unsere Kräfte in Debatten
über die vielen denkbaren Linkskonstellationen zu verzetteln",
sagte Bisky auf dem letzten Parteitag der bisherigen PDS in Berlin.
"Begründen wir endlich eine neue linke Politik", rief er unter dem
Beifall der knapp 400 Delegierten.
Bisky betonte, dass die Fusion der Linkspartei mit der Wahlalternative
Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) "auf gleicher Augenhöhe"
stattfinde. "Von den Mühen der Ebene haben wir uns nicht
abschrecken lassen", sagte er mit Blick auf den langwierigen
Fusionsprozess, der nach dem Erfolg der Linken bei der Bundestagswahl
2005 in Gang gesetzt worden war.
Bisky grenzte sich von allen anderen im Bundestag vertretenen Parteien
ab. "Der Umbau des Sozialstaates durch Neokonservative wie durch
Sozialdemokraten ist in Zeiten der Globalisierung keine Reform, sondern
eine Abrisspolitik." SPD, Union, FDP und Grüne hätten die
Agenda 2010 gemeinsam getragen. "Wir geben den demokratischen
Sozialismus als Idee, als Ziel nicht auf." Dies werde theoretisch zwar
auch die SPD nicht tun. "Doch die großen Unterschiede sind da, wo
wir Politik machen." Bisky kündigte insbesondere Widerstand gegen
die Pläne der großen Koalition zur Reform der
Pflegeversicherung an.
Bisky sollte am Freitag für den Vorsitz der neuen Linken nominiert
werden, die mit dem Gründungsparteitag am Samstag offiziell
gebildet werden soll. Der WASG-Kongress will Links-Fraktionschef Oskar
Lafontaine als Ko-Vorsitzenden neben Bisky nominieren.
(Quelle: afp)
FDP-Parteitag in Stuttgart: Wiedergewählter Westerwelle warnt vor
'Sozialismus'
Sa.16.06.07 - Rückenwind für Guido Westerwelle: Bei seiner dritten
Wiederwahl erhielt der FDP-Chef beim Parteitag am Freitag in Stuttgart
ein deutlich besseres Ergebnis als vor zwei Jahren. Der 45-
jährige erhielt 87,6 Prozent im Vergleich zu 80,1 Prozent vor zwei
Jahren in Köln.
Vor seiner Wahl warnte Westerwelle angesichts der Fusion von
Linkspartei und WASG mit drastischen Worten vor einem
«Linksruck» in Deutschland und empfahl seine Partei als
einzige echte Gegenkraft der Mitte. Der FDP-Chef betonte den Anspruch
seiner Partei, wieder zu regieren, machte aber keine
Koalitionsaussage.CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla und CSU-Chef
Edmund Stoiber warben für künftige schwarz-gelbe
Bündnisse.
Westerwelle sagte vor über 650 Delegierten: «Deutschland
muss sich entscheiden, ob es mehr Sozialismus oder mehr Freiheit
will.» Zum Aufstieg der Linken erklärte er: «Ich will
nicht, dass die geistige Achse dieser Republik verschoben wird, in
Richtung Lafontaine und Gysi.» Westerwelle verurteilte den
Begriff «Demokratischer Sozialismus»: «Ich bin gegen
die Wiederbelebung dieser modrigen Leiche.»
Kritik erntete Westerwelle für die These «Freiheit oder
Sozialismus» vom Altliberalen Burkhard Hirsch. «Das ist
eine völlige Verzerrung der politischen Wirklichkeit.» Es
fehle der FDP die Position der wirklichen sozialen Gerechtigkeit, sagte
Hirsch der «Leipziger Volkszeitung» (Samstag).
Westerwelle unterstrich die Unabhängigkeit der FDP von den
großen Parteien. «Wir sind die Alternative.» Ob
Kanzlerin Angela Merkel (CDU) oder SPD-Chef Kurt Beck sich über
die Freien Demokraten ärgerten oder freuten, sei ihm egal.
«Wir sind zuerst eine eigenständige Partei. Danach kommt
erst mal lange Zeit nichts. Und dann sind wir vielleicht der
Koalitionspartner von irgendjemand anders.» Er kritisierte die
«Sozialdemokratisierung» der Union, «die in weiten
Teilen als freiheitliches Gegengewicht ausfällt». Merkels
Regierungsstil habe «präsidiale demokratische
Züge».
Der Partei- und Fraktionsvorsitzende warf der großen Koalition
mangelnden Reformeifer in Zeiten einer guten Konjunktur vor. Union und
SPD hätten sich mit ihrer Reformpolitik «weit
zurückentwickelt hinter die Agenda 2010» des früheren
Kanzlers Gerhard Schröder (SPD). Zu den ständigen Reibereien
zwischen Union und SPD sagte Westerwelle: «Wir brauchen einen
Neuanfang auch in Berlin.» Er empfahl der «vergessenen
Mitte» die FDP. «Weniger Neid, mehr Anerkennung, das
braucht Deutschland.»
CDU-Generalsekretär Pofalla gratulierte dem FDP-Chef und stellte
ihm eine künftige Zusammenarbeit in Aussicht. «Auch wenn ich
ihre kritischen Äußerungen bezüglich der
Regierungspolitik nicht teile, so eint uns doch die Überzeugung,
dass unser Land durch die bürgerlichen Kräfte der Mitte
weiter nach vorn gebracht werden muss», CSU-Chef Stoiber
erklärte in München: «Wo Koalitionen notwendig sind in
Deutschland, ist und bleibt die FDP und ihr Bundesvorsitzender
Wunschpartner der Union.»
Bei den Wahlen zum FDP-Präsidium erhielt Cornelia Pieper aus Halle
mit rund 58 Prozent der Stimmen (2005: 60,5) das weitaus schlechteste
Ergebnis. Das wurde unter den Delegierten aus Ostdeutschland teilweise
als Affront empfunden. NRW-Vizeministerpräsident Andreas Pinkwart
verbesserte sich auf 81,4 Prozent (2005: 76,6), Rainer Brüderle
hielt seinen Stimmenanteil mit gut 81 Prozent. FDP-Generalsekretär
Dirk Niebel wurde mit knapp 80 Prozent (2005: 92,4) für weitere
zwei Jahre im Amt bestätigt.
Die FDP-Delegierten werden bis zum Sonntag auch Leitlinien zur Sozial-
und Kulturpolitik verabschieden. Strittig ist ein Vorschlag der
Parteispitze, die Festlegung der Erbschaftssteuer auf die Länder
zu übertragen. Einige Anträge fordern die Abschaffung dieser
Steuerart. Auch zum Betreuungsgeld für die Erziehung von
Kleinkindern in der Familie wird eine Kontroverse erwartet.
(Quelle: dpa)
Attac will Verantwortliche für Vorgehen gegen G-8-Gegner wissen
Sa.16.06.07 - Nach dem G-8-Gipfel fordert das Netzwerk Attac, die politisch
Verantwortlichen für die umstrittenen Beschränkungen der
Demonstrationen und polizeilichen Maßnahmen festzustellen.
«Wir wollen wissen, wer politisch verantwortlich ist für die
schwerwiegenden Verletzungen rechtsstaatlicher Prinzipien», sagte
Werner Rätz vom Attac-Koordinierungskreis laut einer
Pressemitteilung von Freitag. Gefragt seien die Abgeordneten sowohl des
Bundestags als auch der Landtags von Mecklenburg-Vorpommern.
«Die Aufklärungsarbeit erfordert vermutlich die Einrichtung
von parlamentarischen Untersuchungsausschüssen», sagte
Rätz. Das globalisierungskritische Netzwerk kritisierte, es habe
zahlreiche Beschneidungen von Bürgerrechten vor und während
der G8-Proteste gegeben. «Die Liste der Grundrechtsverletzungen
ist erschreckend lang», meinte Attac.
Sven Giegold, ebenfalls Mitglied des Attac-Koorrdinierungskreises,
äußerte den Verdacht, dass die Politik versucht habe,
«die gezielt geschürte Panik vor den G8-Protesten für
eine dauerhafte Verschiebung sicherheitspolitischer Standards auf Kosten
von Bürgerrechten zu nutzen».
Als verfassungsrechtlich bedenkliche Vorgänge nannte Attac unter
anderem die Razzien in der linken und alternativen Szene vor dem
G-8-Gipfel, den Einsatz von Tornados und Hubschraubern der Bundeswehr
und die Praxis der Polizei in Gefangenensammelstellen. «Massiver
Klärungsbedarf» bestehe zudem über einen möglichen
Einsatz von so genannten Agents Provocateurs der Polizei.
(Quelle: ap)
Angeklagte im Ermyas-Prozess freigesprochen
Sa.16.06.07 - Die Attacke auf den Deutsch-Äthiopier Ermyas Mulugeta bleibt
unaufgeklärt. Am Ende eines spektakulären Prozesses sprach das
Landgericht Potsdam am Freitag die beiden Angeklagten frei. «Das
ist der klassische Fall des Zweifelssatzes: Im Zweifel für die
Angeklagten», sagte der Vorsitzende Richter Michael Thies. Den
Männern war vorgeworfen worden, Mulugeta in der Osternacht 2006 in
Potsdam niedergeschlagen und lebensgefährlich verletzt zu haben.
Sie hatten die Tat immer bestritten.
«Es gab Indizien für die Täterschaft, aber sie reichten
als tragfähige Grundlage für eine Verurteilung nicht
aus», betonte Thies. Der Richter kritisierte die öffentliche
Hysterie nach dem Vorfall, als Generalbundesanwalt Kay Nehm ein
Ermittlungsverfahren wegen rassistischen Mordversuchs an sich gezogen
hatte. «Ein fremdenfeindlicher Hintergrund der Tat ist
möglich und sogar vorstellbar, aber nicht zwingend», sagte
Thies. Auch der 20 Tage dauernde Prozess habe dies nicht klären
können.
Mulugeta selbst, der als Nebenkläger auftrat, akzeptierte die
Entscheidung. «Ich bin ausgeglichen», sagte er. «Die
Verhandlung hat mir geholfen, die Tat zu verarbeiten.» Er stimme
zu, dass Angeklagte nicht wegen nur lapidarer Hinweise verurteilt werden
dürften. Allerdings sei er weiter überzeugt, wegen seiner
Hautfarbe niedergeschlagen worden zu sein.
Die schwere Kopfverletzung, wegen der er zwei Wochen im Koma lag, habe
sein Leben verändert, sagte der Wissenschaftler: «Wenn man
naiv sagt, es ist alles wie vorher, dann lügt man. Aber ich bin
geistig stark.» Auch Mulugetas Anwalt Thomas Zippel kritisierte
die öffentliche Aufregung nach der Tat als zwar gut gemeint, aber
kontraproduktiv für die Ermittlungen. «Für einen
Mordversuch gab es auch damals keine Anhaltspunkte», sagte er.
Zippel widersprach aber der Einschätzung des Gerichts, auch nicht
rassistisch eingestellte Menschen würden «Oller Nigger»
oder «Scheißnigger» als normale Schimpfworte
verwenden. Die Schmähungen waren auf dem Mitschnitt einer
Handy-Mailbox kurz vor der Auseinandersetzung zu hören.
Der Hauptangeklagte Björn L. beklagte sich über das
Ermittlungsverfahren. Er habe fünfeinhalb Monate für eine Tat
in Untersuchungshaft gesessen, die er nicht begangen habe, sagte er.
Verteidiger Karsten Beckmann kritisierte, durch den öffentlichen
Druck seien die Ermittlungen erschwert worden. Björn L. war wegen
seiner markant hohen Stimme ins Visier der Ermittler geraten, Thomas M.
wegen Zeugenaussagen, die sich im Prozess aber als nicht eindeutig
erwiesen.
Für ihre U-Haft werden die Angeklagten entschädigt. Die
Staatsanwaltschaft sieht derzeit keine Anhaltspunkte für neue
Ermittlungen. Die Freisprüche waren allgemein erwartet worden,
nachdem bereits Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung
dafür plädiert hatten. Der Mailbox-Mitschnitt mit der
außergewöhnlich hohen Stimme eines mutmaßlichen
Täters als Hauptbelastungsmaterial der Ankläger erwies sich
als zu schlecht für eine sichere Bestimmung.
Auch die seit Anfang Februar gehörten etwa 80 Zeugen widersprachen
sich teils. Als problematisch erwies sich auch, dass Streifenpolizisten
die Spuren am Tatort schlampig gesichert hatten. Spezialisten der Kripo
waren erst Stunden später dazu gekommen.
(Quelle: ap)