Geburt
aus dem Geiste der
militärischen Gewalt
Der Nato-Sieg in Jugoslawien ist eine Niederlage
der Politik
(...) Was wir mit dem Sieg der NATO über
Jugoslawien miterleben - als "historische Zeitzeugen" sozusagen - ist die
Geburt des politischen Europas aus dem Geiste der militärischen Gewalt:
zeitgleich mit dessen Geburt aus dem Geiste des Kapitals in Form der Schaffung
des Euro.
(Es) ist ein gewaltätiges Europa,
das da im Entstehen ist - ein Europa, das jeden Zweifel an dem Nutzen des
Militärs für die Gestaltung einer zivilen politischen Ordnung
erstickt. Das vor Jahren als Schreckgespenst an die Zukunftswand gemalte
Bild Europas - mit (Joschka) Fischers Hilfe wird es Wirklichkeit. Atomar
bewaffnet ist es schon - wer will da die Neuauflage atomarer Diplomatie
zwischen Rußland, China und den USA, wie sie uns 40 Jahre kalter
Krieg und jetzt Indien und Pakistan vorexerzieren, völlig ausschließen?
Dieses militarisierte Europa wird sich
formieren, nicht nur, indem ausgerechnet der NATO-Generalsekretär,
also derjenige, der sich als Geschäftsführer eines Kriegsbündnisses
qualifiziert hat, ins Amt des ersten Proto-Außenministers der EU
überwechselt, sondern durch die Errichtung einer Militärverwaltung
im besiegten Jugoslawien/Kosovo.Die interne Befriedung Europas mittels
Gewalt, mittels des Militärs - eine Perspektive, die schaudern macht.
Das Aufregende und Große an Politik
besteht gerade darin, Konflikte gewaltfrei, durch Argumente, durch Mehrheiten,
durch Überzeugungsarbeit, durch "Demokratie", also durch "Volksherrschaft"
zu lösen - so wurde die Politik, das Politische vor zweieinhalbtausend
Jahren auf den Marktplätzen des griechischen Poleis entdeckt und erfunden.
Jeder Gebrauch von physischer Gewalt ist ein Stück politischer Niederlage.
Die Moral des politischen, vor der ihre Amtsträger laut Kant, dem
philosophischen Vater jener universalen Menschenrechte, um die es in diesem
Krieg angeblich ging, die Knie zu beugen haben, sie besteht in ihren Methoden,
in den Mitteln, derer sich die Politiker bedienen - nicht in den Zwecken.
Der Nato-Sieg in Jugoslawien ist eine
Niederlage der Politik - und eine Niederlage von historischen Dimensionen.
Gerade hier hatte die Möglichkeit bestanden, gewaltfreie Methoden
einzusetzen und zu erproben. Wir waren vorgewarnt. Der Kosovo-Konflikt
kam nicht aus heiterem Himmel. Friedensforscher zum Beispiel hatten lange
ehe die Nato sichtbar aktiv wurde, auf die gefährliche und dramatische
Situation hingewiesen - man lese den "Friedensbericht 1998/99" der drei
Institute; die dort gemachten konkreten Vorschläge für diplomatische-politische
Entspannungsschritte wurden von der Politik - vom Auswärtigen Amt
unter Fischer - nie abgerufen, wohl auch aus Angst vor dem Verdacht eines
"deutschen Sonderwegs". (...)
Der militärische Sieg der Nato ist
ein Pyrrhus-Sieg, dessen Kosten nicht nur teuer genug zu stehen kommen
werden, sondern mehr noch in Gestalt eines polizei- beziehungsweise militärstaatlichen
Europas, das eigentlich niemand ernsthaft sich wünschen kann. Wie
nach 1871 sitzen nun wieder die Uniformierten bei allen politischen Gelegenheiten
stolz, selbstbewußt und unübersehbar mit ihren Auftraggebern
in der ertsen Reihe. (...) (Ekkehart Krippendorff, Soziologe in Berlin,
FR vom 18. Juni 1999)
.
Wie Dr. Joseph Fischer lernte,
die Bombe zu lieben.
Die Grünen, die SPD, die NATO und der Krieg auf dem Balkan.
Psychogramm einer neuen Kriegsgeneration
mit Beiträgen von Günther Amendt, Mira Beham, Ernst Otto
Czempiel,
Wolfgang Pohrt, Sabine Reul und Kay Sokolowsky.
Herausgeber: Klaus Bittermann und Thomas Deichmann
Edition Tiamat, Berlin 1999; 208 S., 30,- DM
(...) So schonungslos wie hier ist bisher noch nicht mit der Balkan-Politik
der rot-grünen Regierung und ihren Medienclaqeuren abgerechnet worden.
Wenn die Regierungspolitiker über ihre "innere Zerrissenheit"
jammern, so die Herausgeber in ihrem Vorwort, "dann belästigen sie
ihre Wähler mit ihrem Job, den auszuüben sie niemand gezwungen
hat. Sie sind keine ´Getriebenen´, als die sie sich gerne selbst
bemitleiden, sondern Gesinnungstäter, die die öffentliche Meinung
auf Touren bringen wollen, was ihnen ja auch gelungen ist." Einig
sind sich die Autoren in der Einschätzung, daß Jugoslawien zum
Brennpunkt eines fatalen "Reifungsprozesses" der 68er-Generation geworden
sei. Nach der Enttäuschung ihrer früheren radikalen Erwartungen
hätten sie jetzt als Funktionsträger der Macht eine neue moralische
Mission gefunden. Mit der Formulierung einer Doktrin der "Humanitären
Intervention" sei man dem Bedarf an neuen Ordnungskonzepten für die
Welt nach dem Kalten Krieg entgegengekommen und habe zugleich eine politische
Definitionsmacht erlangt. Der Kosovo-Krieg sei der erste Krieg, den eine
frühere pazifistische Generation jetzt mit martialischer Geste selbst
führe.
Allerding gebe es innerhalb der allgemeinen westlichen Erscheinung
noch eine deutsche Besonderheit. In allen NATO-Ländern würden
die Kriegsziele auf dem Balkan verschleiert - aber nirgendwo ideologisch
so überhöht wie in Deutschland. Vor einem Vergleich Kosovo/Auschwitz
schreckte selbst der heiße Krieger Tony Blair zurück. Während
die Forderung nach dem Einsatz von Bodentruppen aus seiner Sicht ein logisch-militärisches
Kalkül war, wurde von der deutschen Regierung jede militärische
Maßnahme zum Kreuzzug gegen Völkermord und Faschismus stilisiert.
Die Moralisierung der Politik sei, so Sabine Reul, nicht nur
die Folge ihres Realitätsverlustes, sondern offenbar auch ein gezielt
eingesetzes Mittel zur Stützung bedrohter politischer Führungsansprüche.
Angesichts der innenpolitischen Mißerfolge in den ersten vier Monaten
ihrer Amtszeit wirke die moralische Selbstherrlichkeit des Kriegsprogramms
der rot-grünen Regierung grotesk. "Da hört die Ebene des sachlichen
Gesprächs auf, und es beginnt die Manipulation der Empfindungen."
Die Arroganz dieser neuen Elite äußere sich eben nicht in dem
Wahn, die Erde nach platten moralischen Schablonen aufteilen und umpflügen
zu müssen. Mit der gleichen Überheblichkeit begegne man der eigenen
Bevölkerung. "Gegen Schröder", meint Wiglaf Droste, "war Helmut
Kohl in all seiner Grauenhaftigkeit ein Realsozialdemokrat und Sozialpolitiker.
Große Sorge bereitet den Autoren die Vorstellung, daß
moralische Selbstherrlichkeit und Manipulation der Empfindungen in Zukunft
der
Durchsetzung von fundamentalistischen Wertvorstellungen einer neue Kaste
von Global Players dienen könne.(...)
Willi Jasper, in DIE ZEIT vom 24. Juni 1999
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