AUFRUF!
Meinungs-
und Wissenschaftsfreiheit
in
Gefahr in Österreich
"Während österreichische
Regierungspolitikerinnen und-politiker Österreich im Ausland als Hort
der Demokratie vorzustellen bemüht sind, läuft im Land selbst
eine Einschüchterungswelle gegenüber Kritikern der FPÖ und
der FPÖ-Regierungsbeteiligung. In diese Richtung zielen offensichtlich
die wiederholten Forderungen Jörg Haiders und seiner Gefolgsleute
nach Sanktionierung von Politikern, die sich regierungskritisch äußern.
Die vorgeschlagenen Sanktionen reichen bis zur Strafverfolgung und Aberkennung
von Mandaten. Gleichzeitig häufen sich Klagen vor Strafgerichten,
die Aussagen über den Charakter der FPÖ unterbinden sollen, die
den Konsens der historischen, sozial- und sprachwissenschaftlichen Forschung
artikulieren; dies zeigen z. B. die Verfahren gegen den Politologen Anton
Pelinka, den Zeithistoriker Wolfgang Neugebauer und den Publizisten Hans
Rauscher.
Diese Vorgänge
verstoßen eklatant gegen das Demokratiegebot der Bundesverfassung
und die Präambel der Regierungserklärung
vom Februar 2000.
Wir verurteilen schärfstens alle Versuche einer Kriminalisierung politischer
und wissenschaftlicher Kritik!"
*
* *
Der Aufruf vom Juni 2000
ist unterzeichnet von: Univ.-Prof. Dr. Gerhard Botz, Univ.-Prof. Dr. Gero
Fischer, Univ.-Prof. Dr. Peter Kirsch, Ass.-Prof. Dr.Hans Mikosch, Ass.-Prof.
Dr. Josef Mitterer, Univ.-Prof. Dr. Edith Saurer, A. Univ.-Prof. Dr. Richard
Uher-März, Univ.-Prof. Dr. Birgit Wagner, Univ.-Prof. Dr. Peter Weinberger,
A. Univ.-Prof. Dr. Michael Weinzierl , Univ.-Prof. Dr. Ruth Wodak.
Für den Aufruf zeichnet
die Plattform "Universität und Demokratie" verantwortlich. Ihr Sprecher
ist der Universiätsprofessor Dr. Gerhard Botz, Vorstand des Instituts
für Zeitgeschichte an der Universität Wien und einer der besten
Kenner des Nationalsozialismus in Österreich.
* * *
Anlaß des Aufrufs sind eine Reihe
von Privatklagen die Jörg Haider über seinen Anwalt Dieter Böhmdorfer
gegen Wissenschaftler und Publizisten eingereicht hat. Böhmdorfer
(FPÖ) gehört als Justizminister der rechts- konservativen Regierungskoalition
an.
Auslösendes Moment des Protestes der
Wissenschaftler ist ein Urteil gegen den Politologen Anton Pelinka, der
in einem Interview mit dem italienischen Fernsehen im Mai letzten Jahres
meinte: Haider habe "in seiner Karriere immer wieder Aussagen gemacht,
die als Verharmlosung des Nationalsozialismus zu werten sind". Haider habe
"einmal die Vernichtungslager Straflager genannt". Insgesamt sei "Haider
verantwortlich für eine neue Salonfähigkeit nationalsozialistischer
Positionen und bestimmter nationalsozialistischer Äußerungen",
so Pelinka.
Für diese Meinung wurde Pelinka
am 11. Mai von einem Wiener Gericht zu einer Strafe von 60 000 Schilling
(4 360 Euro) verurteilt. Auch die Prozesskosten musste er übernehmen.
Gegen Pelinka ist ein weiteres Verfahren
anhängig. CNN sendete am 27. September des vergangenen Jahres ein
Interview mit dem Wissenschaftler, das Haider missfiel. Hier sagte er über
Haider:
"Comparing immigrants to parasites is
what the Nazis did regarding to the Jews. I don't claim that Haider is
thinking that he will build an Auschwitz death camp somewhere for immigrants,
but he is using the same prejudices, the same sentiments as the Nazis to
win popular acceptance exploiting xenophobian racism".
Die "Helsinki-Föderation" hat angekündigt,
Pelinka bei seinem Gang zum Europäischen Gerichtshof zu unterstützen.
Die Helsinki- Föderation ist durch ihren - erfolgreichen - Kampf für
Menschenrechte und Meinungsfreiheit in der Sowjetunion bekannt geworden.
Zur Zeit prozessiert der Haider nicht nur
gegen Pelinka: Auch Wolfgang Neugebauer vom Dokumentationsarchiv des österreichischen
Widerstandes, Hans Rascher und das Magazin Profil sowie Ariel Muzicant,
der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde zu Wien, sind inzwischen
mit Klagen von Haider konfrontiert. Bereits verurteilt wurde der Verein
Sozialistischer Jugend, der Haider »Nähe zur Tradition des Faschismus«
vorgeworfen hatte.
In den USA meldeten sich 35 WissenschaftlerInnen,
darunter Seyla
Benhabib, Geoff Eley, Charles Maier und
Andrei S. Markovits, mit einem offenen Brief an den österreichischen
Bundespräsidenten Thomas Klestil zu Wort. Ausgehend von einem Grundverständnis
der politischen Kultur, nach dem Politiker im Amt generell auf Prozesse
als Mittel der politischen Auseinandersetzung verzichten sollten, bittet
man Klestil, "von der moralischen Autorität" seines "Amtes Gebrauch
zu machen, um nicht nur Pelinka in Schutz zu nehmen, sondern auch um einen
möglichst breiten Spielraum für politische Kritik an Inhabern
öffentlicher Ämter zu schaffen und zu bewahren". Auf diese zaghafte
Bitte ließ Klestil lediglich verlauten, er lehne es ab, Urteile unabhängiger
Gerichte zu kommentieren.
Entschiedener zur Sache geht ein Appell,
der Anfang Juni in Le Monde erschien. Der Aufruf wurde von Jacques LeRider
initiiert und von akademisch einflussreichen französischen Germanisten
und
Österreich-Spezialisten unterzeichnet.
Die WissenschaftlerInnen stellen sich ausdrücklich hinter Pelinka.
Dieser habe "nur die reine Wahrheit zum Ausdruck gebracht, ohne jede Übertreibung.
Die Unterzeichner des vorliegenden Textes werden ihrerseits nicht anders
über Herrn Haider sprechen." Das Urteil gegen Pelinka sei eine "Schande
für die österreichische Rechtsprechung, die einen desaströsen
Justizirrtum begangen hat" und eine "Schande für eine Gesellschaft".
"Österreich, das heute Anton Pelinka
verurteilt, verurteilt sich selbst",
meinen die Unterzeichner und wenden sich
konsequent dem Thema
"Sanktionen" zu: Man wolle "die impertinenten
Propagandisten nicht mehr hören, die ausländische Intellektuelle
einladen, den Vorhang zu heben und den 'Sanktionen', wie man gemeinhin
das Einfrieren der bilateralen Beziehungen mit Österreich nennt, ein
Ende zu machen."
Kritische Resonanz fand die Verurteilung
Pelinkas auch in Schweden durch ein Statement des Verbandes Studieförbudet
Näringsliv och Samhälle. Nur aus Deutschland sind bisher keine
öffentlichen Reaktionen bekannt.
(Quellen: Standard v.13.07.00
u.Jungle World v.02.08.00)
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