Hundert Szenen und Höllen
Der österreichische Journalist, Schriftsteller und Zeitkritiker Karl Kraus (1874-1936) veröffentlicht 1918/19 in drei Sonderheften zu seiner in Wien erscheinenden Zeitschrift »Die Fackel« sein dichterisches Hauptwerk, die Tragödie »Die letzten Tage der Menschheit«, eine satirisch-dramatische Darstellung Österreichs vom Sarajevo-Attentat bis zum Ende des Weltkriegs, die »nach irdischem Zeitmaß etwa zehn Abende umfassen« würde. In fünf Akten passieren fünf Jahre in bunter szenischer Folge Revue. Mehr als ein Drittel des Texts besteht aus Zitaten, die Zeitungsmeldungen und -anzeigen, Leitartikeln, Tagesbefehlen, Verordnungsblättern, Gerichtsurteilen und Gedichtsammlungen entstammen. Im Vorwort schreibt Kraus: »Der Inhalt ist von dem Inhalt der nur in blutigem Traum verwahrten Jahre, da Operettenfiguren die Tragödie der Menschheit spielten. Die Handlung, in hundert Szenen und Höllen führend, ist unmöglich, zerklüftet, heldenlos wie jene... Ein so restloses Schuldbekenntnis, dieser Menschheit anzugehören, (muß dennoch) irgendwo willkommen und irgendeinmal von Nutzen sein.« 1899 gründete Kraus die literarisch-politische Zeitschrift »Die Fackel«, die unregelmäßig, etwa dreimal im Monat, erscheint und in der er ab 1911 ausschließlich eigene Arbeiten publiziert. Mit beißendem Spott, mit Witz und Polemik prangert Kraus in seinen Glossen und Satiren politische und kulturelle Mißstände an, wendet sich gegen verlogene Moral und die manipulierte Presse. Neben Glossen und Satiren veröffentlicht er auch Epigramme, Gedichte und dramatische Werke.
 
 
Grunderlebnis Weltkrieg
"...Alles, was Karl Kraus in Jahrzehnten an Symptomatischem und Physiognomischem gelesen, gehört, gesehen und durchschaut hatte, schloß sich im Weltkrieg (...) zu neuer Erkenntnis zusammen. Sie dürfte einem Grunderlebnis zuzuschreiben sein. Für wie abscheulich und verworfen Karl Kraus die Bürgerwelt auch immer hielt, daß sie bereit war, dem Profit Millionen von Menschen zu opfern, hatte er bisher nicht gewußt. Es war auch das erste Mal, daß der Kapitalismus, seiner Tendenz folgend, die ganze Erde zum Schauplatz seiner Gier nach Maximalprofit zu machen, die Menschheit in einen globalen Konflikt stürzte. Die Konsequenzen die Kraus aus dem ihn tief aufwühlenden Ereignissen zog, waren fundamental.

Trotz aller Vorbehalte und mit Sorgen und Befürchtungen – die sich schnell als nur allzu berechtigt erweisen sollten und die er auf die Formel bringt, daß »die alten Gespenster« nur scheinbar vertrieben in Wahrheit noch da seien – tritt Karl Kraus nunmehr für die Revolution ein..."

Aus einem Text des 2003 verstorbenen Musikwissenschaftlers und Historikers Georg Knepler zum politischen Wirken von Karl Kraus
 
 

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