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"Waffenkollekte" Bundeswehr beteiligt
sich an riskanter Nato-Mission in Mazedonien Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) erklärte in der Bundestags-Debatte, die Befriedung des Balkan und die deutsche Beteiligung dienten nicht nur den Völkern dort: "Die Deutschen sind auf dem Balkan, weil sie ein eigenes nationales Interesse an der Stabilität in der Region haben." Außenminister Joschka Fischer räumte ein, daß der Einsatz für die Soldaten nicht unriskant sei und "keine Garantie für den Frieden biete". In Abwägung von Risiken und Chancen überwögen die Pro-Argumente: "Es geht um unsere Verantwortung für Frieden und Stabilität auf dem Balkan und um die Solidarität mit unseren wichtigsten Partnern in EU und Nato." Auch CDU-Chefin Angela Merkel findet das Ziel der Mission "gut und richtig" und CDU/CSU-Fraktionschef Friedrich Merz begründet die überwiegende Zustimmung der Union damit, weil eine breite Mehrheit für Bundeswehr-Einsätze "für uns zur Kultur der Politik in unserm Land gehört." Unmittelbar nach dem Bundestagsbeschluss sind auf dem Luftwaffenstützpunkt im oberbayerischen Penzing die ersten 47 Soldaten verabschiedet worden. Sie gehören zu den etwa 500 deutschen Soldaten, die sich am Nato-Einsatz zur Entwaffnung albanischer Rebellen beteiligen. Der Heidelberger Wissenschaftler Hermann Theisen hat wegen des Bundeswehr-Einsatzes in Mazedonien Strafanzeige gegen Bundeskanzler Gerhard Schröder, Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping (beide SPD) und Außenminister Joschka Fischer (Grüne) beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe erstattet. Die Entsendung der Bundeswehr nach Mazedonien verstoße gegen das Grundgesetz und den Nato-Vertrag, weil kein Mandat des UN-Sicherheitsrats vorliege, heißt es zur Begründung der Anzeige. Laut Theisen läßt der Nato-Vertrag "eine Selbstmandatierung der Nato für Nicht-Verteidigungszwecke bislang nicht zu". Ohne ausdrückliche Ermächtigung des UN-Sicherheitsrates sei eine Beteiligung der Bundeswehr an der Nato-Mission damit verfassungswidrig. Theisen beruft sich auf die deutsche Sektion der Juristenorganisation Isalana, die den Einsatz als rechtswidrig einstuft. Am Freitag hatte der Verband Entwicklungspolitik Deutscher Nichtregierungsorganisationen, VENRO, dem rund 100 Nichtregierungsorganisationen (NGOs) angehören, an den Bundestag appelliert, der Entsendung von Bundeswehrsoldaten nach Mazedonien nicht zuzustimmen. VENRO sieht die Gefahr, daß aus dem geplanten Einsammeln von Waffen eine zeitlich unbefristete Intervention wird und daß der Einsatz einer weiteren Militarisierung der deutschen Außenpolitik Vorschub leistet. Die NGO-Vertreter sind sich einig: Die Möglichkeiten "ziviler Konfliktbearbeitung" sind auf dem Balkan seit Jahren systematisch vernachlässigt worden. "Die Vermittlungsbemühungen der EU waren immer darauf gerichtet, den Einsatz der NATO möglich zu machen",so Eckehard Fricke, Geschäftsführer des Internationalen Christlichen Friedensdienstes EIRENE. Resultat dieses Vorgehens sei eine erneute "Schein-Zwangslage", in der es zumindest kurzfristig keine sichtbaren Alternativen zum militärischen Eingreifen gebe. Auch mehrere Friedensorganisationen machen Front gegen den Nato-Einsatz in Mazedonien und dringen stattdessen auf zivile Initiativen. Wenige Tage vor der Sondersitzung des Bundestags zum Mazedonien-Einsatz, hatten der Versöhnungsbund, das Komitee für Grundrechte und Demokratie und das Netzwerk Friedenskooperative die Bundestagsabgeordneten aufgefordert, gegen eine Bundeswehr-Beteiligung zu stimmen. Es sei zu befürchten, "dass aus dem Einsammeln von Waffen ein Kampf mit Waffen" wird, argumentieren die Initiativen in dem am Montag veröffentlichten Schreiben. Auch sei die Nato "als Konfliktschlichter ungeeignet, da sie die kosovo-albanische UCK unterstützte und deren grenzüberschreitende Aktionen nach Serbien und Mazedonien nicht verhinderte". Die Friedensorganisationen verlangen stattdessen eine politische Lösung. Dazu müsse der UN-Sicherheitsrat den Vereinten Nationen und der OSZE ein Mandat erteilen und Mittel bereitstellen. Am Militär-Einsatz in Mazedonien beteiligen sich insgesamt 3500 Nato-Soldaten. Der Auftrag der Truppen ist eng formuliert: Erstens sollen sie Waffen von den aufständischen UCK-Verbänden "einsammeln". Zweitens soll die Nato-Truppe eingesammelte Munition und Explosivstoffe direkt vernichten und Waffen in ein Drittland zur Vernichtung transportieren. Das alles in 30 Tagen. Das Mandat sieht keine Verlängerung vor. Aber die wäre möglich, wenn sich die Nato-Länder dazu einstimmig entschliessen und die Konfliktparteien sie darum bitten. Der Nato-Plan für die Einsammlung der Waffen albanischer Freischärler in Mazedonien birgt nach Analysen des Berliner Instituts für Transatlantische Sicherheit (Bits) erhebliche Risiken und Unwägbarkeiten. Zweifel seien angebracht im Hinblick auf Umfang und Art der Bewaffnung. So habe die Rebellen-Truppe UCK gegenüber Nato-Vertretern die Bereitschaft bekundet, 2300 Waffen abzuliefern. Das passe nicht zu Schätzungen der Regierung in Skopje und westlicher Geheimdienste über die tatsächliche Zahl bewaffneter Freischärler, die zwischen 3500 und 8000 schwankten. "Eine realistische Schätzung, was eingesammelt werden muss, um die UCK tatsächlich zu entwaffnen, liegt zwischen 7000 und 12 000 Waffen", schreibt Bits-Leiter Otfried Nassauer in seiner Bewertung der Nato-Operation "Essential Harvest". Eine zweite Schlüsselfrage gilt aus Sicht von Bits dem Verhalten anderer bewaffneter Gruppierungen, vor allem der "Albanischen Nationalen Armee" (ANA), die das Abkommen der wichtigsten mazedonischen Parteien nicht unterzeichnet haben. Es bestehe das Risiko, dass die ANA ihren Kampf für Groß-Albanien fortsetze. Dem könnten sich womöglich auch UCK-Kommandos anschließen, die sich an die Verpflichtungen ihrer Führung nicht gebunden fühlen. Schließlich sei die Zivilbevölkerung gefährdet, wenn sich die regulären mazedonischen Truppen während "Essential Harvest" in die Kasernen zurückzögen, das Nato-Kontingent aber keinen Auftrag zum Schutz Dritter habe. Auch der Balkanexperte und Direktor des Südosteuropa-Zentrums im griechischen Thessaloniki, Jens Reuter, sieht schwere Mängel der Nato-Mission für Mazedonien. Keiner wisse, über wie viel Militärgerät die Rebellen verfügen, und Kontrollmechanismen fehlten. Hinzu kommen die guten Kontakte der mazedonischen UCK zur albanischen Mafia, die regen Waffenhandel betreibt und für Nachschub sorgen kann. Fazit Reuters: "Es wird faktisch ins Belieben der Rebellen gestellt, wie viel Waffen sie abgeben." Auch das Risiko, dass die 3500 Nato-Soldaten in Kämpfe verstrickt werden, schätzt der Politologe hoch ein. Beim riskanten Nato-Einsatz in Mazedonien geht es um mehr, als
nur um das Einsammeln von Waffen, schreibt Korrespondent Martin Winter
in der Frankfurter Rundschau vom 23. August: "Mazedonien ist der
Testfall für die gemeinsame europäische Außen- und
Sicherheitspolitik." Zuschnitt, Auftrag und Kommandostruktur der
Nato-Einsatztruppe in Mazedonien ähnelten" auffällig jener
EU-Eingreiftruppe, die ab 2003 der europäischen Außenpolitik
einen militärischen Arm beigeben soll." Geburt aus dem Geiste der militärischen Gewalt Es ist ein gewaltätiges Europa, das da im Entstehen ist - ein Europa, das jeden Zweifel an dem Nutzen des Militärs für die Gestaltung einer zivilen politischen Ordnung erstickt. [mehr... ] Informationen zur Militarisierung der Europäischen
Union VENRO EIRENE Netzwerk Friedenskooperative "Die Waffenkollekte, an der sich die Bundeswehr in Mazedonien beteiligen soll, ist etwas anderes als Pilzesammeln unter verschärften Bedingungen. Es geht um die riskante Beseitigung der üblen Folgen aus vorangegangenem gefährlichem Tun: Im Krieg gegen Milosevic waren die albanischen Kämpfer für den Westen nützliche Idioten. Zu spät hat man sich klar gemacht, dass es sich um gefährliche Idioten handelt. Jetzt also muss die Nato dem Waffenbruder-Bastard die Waffen wieder wegnehmen, die man ihm seinerzeit, weil der Feind des Feindes Milosevic als Freund galt, zugeschanzt hat. "Essential Harvest" heißt das, oder ins Deutsche übersetzt: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Freilich werden die UCK-Rebellen dabei nicht so servil sein wie der biblische Dulder Hiob, der das widersprüchliche Handeln des Herrn auch noch mit dem Satz kommentierte: 'Der Name des Herrn sei gepriesen.' Die politische Formel für den Mazedonien-Einsatz heißt 'Verantwortung übernehmen'. Zur Verantwortung gehört aber zuvorderst die unangenehme Diskussion über die Frage, wie es dazu gekommen ist, dass diese Verantwortung jetzt so aussieht, wie sie aussieht, und wer die (Mit-)Verantwortung dafür hat, dass es in Mazedonien so zugeht, wie es zugeht. " Heribert Prantl, "Der parlamentarische Waffensegen", Süddeuschte Zeitung, 30.08.01 http://szarchiv.diz-muenchen.de/REGIS_A12877843 "Der Einsatzplan der Nato ist (...) nicht
nur unrealistisch, unehrlich und nicht zu Ende gedacht, es fehlt auch
das UNO-Mandat. Hans-Christian
Ströbele, grüner Bundestagsabgeordneter in eine
Gastkommentar für die "tageszeitung" am 25.8.200: Bastarde auf dem Balkan "Bisher hat keine NATO-Intervention ethnische Säuberungen in der einen oder der anderen Richtung verhindern können. Statt dessen wurden die Interventionen zu Engagements, deren Ende nicht abzusehen ist und die im Domino-Stil neue Krisen in den benachbarten Ländern erzeugen. Vielleicht ist es an der Zeit, die Frage zu stellen, ob mit den gutgemeinten Interventionen der NATO schlechte Situationen tatsächlich nur noch schlimmer gemacht werden?" Brian Barder, ehem. britischer Botschafter, in
"The Guardian". Wieder einmal versteht der Westen nicht, worum es geht: Mehr unter: Mazedonien galt als multiethnischer Musterstaat Mehr unter: Mazedonien am Rande des Krieges Hintergründe, Berichte und Nachrichten zum Mazedonien-Konflikt [ mehr... ] Kosovo-Konflikt:
Albanische Extremisten zerschlagen Hoffung auf Frieden Mo.02.07.01: Fr.29.06.01:
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