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 last update: boa München, Di. 11.09.2001 - 09:15 
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Interessenskonflikte

Renomierte Medizinjournale beklagen, dass die Pharmaindustrie Forschungsergebnisse verfälscht.

Die Herausgeber von dreizehn der weltweit führenden Medizinjournale warnen davor, dass zahleiche publizierte wissenschaftliche Pharma-Studien auf Druck der Auftraggeber geschönt oder gar unterdrückt wurden. Medizinforscher würden zunehmend von der Pharmaindustrie wirtschaftlich abhängig. Eine fatale Entwicklung hinsichtlich des massgeblichen Einflusses der Veröffentlichung klinischer Studien auf ärztliche Therapievorschläge.

Di.11.09.01 - Seit langem klagen Mediziner über Probleme, die sie durch Publikationen bekommen, die anderen missfallen. Immer häufiger versuchten Pharmahersteller, Kontrolle über die Veröffentlichung von klinischen Studien mit ihren Präparaten zu gewinnen, bestätigte kürzlich die Washington Post. Altbekannt ist etwa der Fall einer zu Knoll gehörenden Firma, die in den USA Jahre lang die Veröffentlichung der Ergebnisse einer Studie der University of California verhinderte. Diese zeigten, dass ein billigeres Nachahmerpräparat genauso wirksam ist wie ein teureres Schilddrüsenhormon der Firma.

Nun schlugen auch die Herausgeber von dreizehn der weltweit führenden Medizinjournale - unter anderem vom "New England Journal of Medecine" (NEIM), vom Journal of American Medical Assoziation (JAMA) und vom britischen Magazin "Lancet" - am Montag Alarm . Bis vor kurzem bestimmten unabhängige, akademisch geschulte Forscher die Entwicklung von Untersuchungen, die Probandenauswahl und die Interpretation der gewonnen Daten, stellen die Medizinjournal-Herausgeber fest. Der wachsende Konkurrenzdruck am Pharmamarkt habe jedoch bei der Industrie zur Erkenntnis geführt, dass private Forschergruppen "den Job für weniger Geld und mit weniger Ärger" machen könnten als unabhängige Forscher. In den USA seien im Vorjahr etwa 60 Prozent der Zuschüsse von pharmazeutischen Konzernen an solche privaten Gruppen gegangen und lediglich 40 Prozent an unabhängige Akademiker.

In dem Maß wie die verschiedenen Forschergruppen um Aufträge und Probanden konkurrierten, könnten die Sponsoren die Teilnahmebedingungen an Untersuchungen diktieren, die Forscher hätten am Ende kaum noch Einfluss auf den Zuschnitt einer Studie, kaum oder keinen Zugang zu den Daten und nur begrenzte Teilnahme an deren Auswertung, monieren die Autoren vom Internationalen Komitee der Medizin-Journal-Herausgeber. Vereinzelt müssten Wissenschaftler Verträge unterschreiben, die dem Unternehmen alle Rechte über die Studienergebnisse einräumen. Halten sich Forscher nicht daran, drohen ihnen teure Schadenersatzprozesse.

"Diese Bedingungen sind drakonisch für Forscher mit Selbstachtung. Aber viele haben sie akzeptiert, weil sie genau wissen, dass, wenn sie sich weigern, der Sponsor doch einen andern findet, der es macht", stellen die Herausgeber bitter fest. Und selbst wenn der Wissenschaftler anfangs die Studie selbstständig vornehme und die Daten auswerte, werde sie eher beerdigt als veröffentlicht, wenn am Ende das Produkt des Auftraggebers ungünstig dastehe.

Der Einfluss der Pharmafirmen auf die medizinische Forschung hat inzwischen Ausmaße angenommen, die Gegenmaßnahmen erfordern. Mit Blick auf den maßgeblichen Einfluss der Veröffentlichung klinischer Studien in medizinischen Fachzeitschriften auf ärztliche Therapievorschläge hat sich das Internationale Komitee der Medizin-Journal-Herausgeber strengere Veröffentlichungsregeln gesetzt. Eine von der Pharma- Industrie gesponserte Studie soll demnach nur dann erscheinen können, wenn die Autoren vor der wissenschaftlichen Begutachtung ("peer review") nachweisen, dass sie ihre Studie frei von Einschränkungen durch den Sponsor machen konnten. Obwohl die innere Unabhängigkeit eines Forschers auch damit nicht garantiert ist, versprechen sich die Chefredakteure von ihrer Maßnahme eine Verbesserung. Denn prinzipiell ist die Industrie an einer – Umsatz steigernden – Publikation klinischer Studien mit ihren Arzneien in den angesehenen Journals interessiert.

Natürlich haben auch die Fachzeitschriften Interessen: Sie alle leben von Anzeigen der Firmen, gegen die sie sich nun wehren. Die American Medical Association, Herausgeber von JAMA, hat im Jahr 2000 mit Werbung 40,6 Millionen Dollar Umsatz gemacht; den Profit des New England Journal schätzte die New York Times 1999 auf 20 Millionen Dollar. Die Aktion der Medizin-Journale ist somit auch Selbstschutz, denn das Anzeigengeschäft hat eine fragile Grundlage. Der Preis für die Werbeseite einer Zeitschrift wird vor allem durch ihre Reputation bestimmt: Wenn sich bei den Lesern der Verdacht festsetzen würde, eine Fachzeitschrift drucke oft durch Industrieeinflüsse verzerrte Studien, ginge mit der Glaubwürdigkeit auch deren Profit herunter.

(Quellen: sz, fr, taz)



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