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 last update: boa München, Do. 28.02.2002 - 14:00 
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Do. 28.02.2002       

Sucht bekämpfen, nicht die Süchtigen

Bundesweites Modellprojekt zur Heroinabgabe beginnt
Experten zufolge kommt das Hilfsprogramm viel zu spät

Multizentrischer Modellversuch Heroingestützte Behandlung soll Zahl der
     Todesopfer eindämmen. Crack und Ecstasy sind auf dem Vormarsch.
     Die alles erschlagende Droge ist Alkohol.
Suchtstoffe und Rauschmittel und ihre Wirkung.
Kriminologe Sebastian Scheerer: Suchtgifte machen im Regelfall nicht süchtig.
Kiffen soll in der Schweiz legal werden.
Linktips zum Thema Drogen
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Modellprojekt zur kontrollierten Heroinabgabe

Besorgnis erregende Entwicklungen im Kampf gegen Drogen

Do. 28.02.02 - Das bundesweite Modellprojekt zur Heroinabgabe an Schwerstabhängige wird heute in Bonn gestartet. Es ist die erste von sieben Großstädten, die kontrolliert und unter strikter ärztlicher Aufsicht Heroin an Abhängige abgibt. Die Ausgabe der Droge ist mit der Pflicht zur Therapie verbunden. Bundesweit beteiligen sich 1200 Probanden in sieben Großstädten an dem Modellversuch. Die Aufnahme ist streng regelmentiert. Die Teilnehmer müssen mindestens 23 Jahre alt sein und seit über fünf Jahren Heroin spritzen. Das Modellprojekt kommt Experten zufolge bereits "zu spät".

Naturdrogen, neue Rauschgifte und Alkoholkonsum bei jungen Leuten sind auf dem Vormarsch. Der Boom von Ecstasy ist ungebrochen, Cannabis hat an Reiz nichts verloren.

Zehntausende Menschen sind von illegalen Drogen abhängig, Hunderttausende missbrauchen Alkohol, Nikotin und Medikamente. In Berlin rechnet das Büro der Drogenbeauftragten bei rund 3,4 Millionen Einwohnern mit 1,2 Millionen Abhängigen legaler und illegaler Drogen.

Mit dem Modellprojekt zur kontrollierten Heroinabgabe, neben bereits bestehenden Beratungseinrichtungen oder "Fixerstuben", soll die Zahl der Todesopfer eingedämmt werden. "Das Projekt will vor allem diejenigen Abhängigen erreichen, die von den bisherigen Hilfsangeboten gar nicht oder kaum erreicht werden konnten", sagte Suchtexperte Michael Krausz. Eine Hälfte der Abhängigen bekommt Heroin, die andere den Ersatzstoff Methadon. Für die Durchführung des Modellversuchs entschied sich der Bundestag aufgrund guter Erfahrungen in der Schweiz. Seit 1994 verordnen dort Ärzte Heroin. Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit meldet, dass sich der Gesundheitszustand der Süchtigen in den 21 teilnehmenden Städten deutlich verbessert habe. So gab es etwa weniger HIV-Fälle. Auch die Zahl der Todesfälle sank, da die Junkies kein von Dealern verunreinigstes Heroin mehr konsumieren. Sie leben seltener auf der Straße, rund 40 Prozent fanden Arbeit, die Beschaffungskriminalität ging zurück.

Experten kritisieren, dass die Beschänkung des deutschen Modellprojekts auf Schwerstabhängige zu einer "Zwei Klssen-Sucht" führe. Zudem hätten die Deutschen auf die Schweizer Erfahrungen zurückgreifen können, anstatt ein eigenes, teures Modellprojekt durchzuführen.

Für die Sozialdezernentin in Offenbach, Ingrid Buretty (Grüne), kommt der Versuch der kontrollierten Heroinabgabe wegen neuer Konsumgewohnheiten "viel zu spät". So ist zum Beispiel in Frankfurt Crack auf dem Vormarsch. Andere Bundesländer berichten von einer sinkenden Attraktivität von Heroin für Abhängige. In Ostdeutschland spielt die Droge eine untergeordnete Rolle. Dramatisch ist in den neuen Bundesländern der Ecstasy-Konsum.

"Die alles erschlagende Droge ist Alkohol", sagte der Drogenbeauftragte von Schleswig-Holstein, Wolfgang Kröhn. Dabei greifen immer mehr junge Leute immer früher zur Flasche. "Mit 12 bis 13 Jahren haben immer mehr Kinder ihren ersten Rausch. Etwa 10 Prozent aller Schüler trinken regelmäßig." Sprungbrett für Drogenkarrieren: "Der Einstieg in Suchtstrukturen erfolgt meist über legale Drogen", sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marion Caspers-Merk. Neben 100000 Menschen, die als Folge des Rauchens sterben, werden jährlich 40000 Opfer ihrer Alkoholsucht.

Die Droge Ecstasy ist weiter auf dem Vormarsch. Im November wurden alleine in Lübeck 1,6 Millionen Ecstasy- Pillen sichergestellt. Die Zahl der Rauschgiftdelikte hat in einigen Ländern zugenommen. Neue Gefahren lauern: In Niedersachsen tritt immer öfter Liquid Ecstasy (Liquid E) auf. Die in Verbindung mit Alkohol teils tödliche Droge könnte sich nach Meinung von Fahndern in der Szene etablieren. Immer häufiger wird auch zu Naturdrogen, zum Beispiel Pilzen, gegriffen.

Razzien, verdeckte Ermittler, Videoüberwachung oder der Einsatz von Brechmitteln, der in Hamburg ein Todesopfer forderte: Im Kampf gegen Dealer setzen Behörden ein breites Szenario an Mitteln ein. Dennoch lassen sich mit Drogenschmuggel und -handel Millionen verdienen.
 

Detaillierte Informationen über Ziel, Durchführung, Kosten und Dauer des Modellprojekts Heroingestützte Behandlung .
http://www.bmgesundheit.de/themen/drogen/modellv/heroininfofebr02.htm
 

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Suchtstoffe und Rauschmittel und ihre Wirkung

Heroin:
Halbsynthetisches Opiat aus der Milch der Schlafmohn-Kapsel, das meist gespritzt, seltener inhaliert, auf Folie geraucht oder geschnupft wird.

Wirkung:
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Heroin als Arznei gegen schweren Husten und Schmerzen eingesetzt. Über die Blutbahn erreicht sein Wirkstoff Morphin rasch das Gehirn, wo er an Nervenzellen andockt. Morphin aktiviert das nachgeschaltete Dopaminsystem. Auf den raschen Kick mit starker Euphorie und Gleichgültigkeit gegenüber Außenreizen folgt eine beruhigende, schmerzstillende und einschläfernde Wirkung. Die Droge verursacht Sehstörungen. Atemfrequenz und Schleimproduktion sind gesteigert. Es kann zu Herzrhythmusstörungen, Erhöhung des Blutdrucks und Schüttelfrost kommen. Bei einer Überdosis wird das Atemzentrum gelähmt.

Nebenwirkungen:
Heroin macht sehr schnelle physisch und psychisch abhängig. Etwa sechs bis acht Stunden nach dem letzten Schuss treten quälende Entzugserscheinungen auf: Schüttelfrost, Schweißausbrüche, Erbrechen, schmerzhafte Muskelkrämpfe.

Konsum:
Schätzungsweise 120.000 Deutsche sind heroinabhängig, davon 30 Prozent Frauen. 50.000 Süchtige werden mit der Ersatzdroge Methadon behandelt.

Nachweis:
Im Urin ist Heroin nur kurzfristig nachweisbar.

Mortalität:
1999 starben in Deutschland laut BKA 936 Menschen.

Kokain:
Das aus dem Cocastrauch gewonnene Rauschgift kommt als Pulver oder in gepresster Form auf den Markt und wird überwiegend geschnüffelt. Kokain wirkt euphorisierend und enthemmend. Das Rauschgift führt schnell zu einer psychischen Abhängigkeit. Lang andauernder Konsum kann zu Depressionen oder Verfolgungswahn führen. Überdosierungen können Infarkte oder Schlaganfälle auslösen.

Crack:
Das Rauschgift ist chemisch behandeltes Kokain. Die Droge wird geraucht und gelangt blitzschnell ins Blut sowie ins Gehirn. Ähnlich wie beim Kokain besteht die Gefahr einer raschen psychischen Abhängigkeit. Allerdings kann Crack auch körperlich abhängig machen und beim Absetzen zu Entzugserscheinungen führen. Langzeitkonsum greift das Gehirn und die Organe an. Die heftige und schnelle Wirkung kann tödliche Folgen haben.

Rund 2,5 Prozent der Deutschen zwischen 18 und 59 Jahren haben schon Kokain zu sich genommen. Laut BKA gibt es etwa 330.000 regelmäßige Kokser und schätzungsweise 700 bis 1.200 Crackkonsumenten. 1999 starben in Deutschland laut BKA 189 Menschen in Verbindung mit Kokain.

Cannabis:
Haschisch und Marihuana sind die am weitest verbreiteten illegalen Drogen. Geraucht, gegessen oder getrunken führt das Rauschgift zu leichten Halluzinationen. Cannabis gilt als Einstiegsdroge. Bei langem, regelmäßigem Gebrauch kann sich eine psychische Abhängigkeit entwickeln. Bei Überdosierungen kann es zu Angstzuständen, starken Stimmungsschwankungen oder Sehstörungen kommen.

Etwa 2,1 Millionen Menschen konsumieren Cannabis häufig, davon etwa 270.000 regelmäßig. Cannabis selbst wirkt auch in hohen Dosen nicht tödlich. Zu Todesfällen kann es höchstens in Kombination mit anderen Drogen (Alkohol) oder im Strassenverkehr kommen.

LSD / Ecstasy:
Aus Arzneimitteln entstandene Designerdrogen. Lysergsäurediäthylamid (LSD) ist eine flüssige, halluzinogene Droge, die meist geschluckt wird. Ihre Wirkung tritt nach 45 Minuten ein und hält bis zu zwölf Stunden an. LSD unterbindet die Produktion des Hirnbotenstoffs Serotonin. Halluzinationen lösen die Trennung von Traum und Wirklichkeit auf, Raum- und zeitgefühl verändern sich. Es kann zu Verfolgungswahn und Todesangst kommen. "Echopsychosen" können auch ohne Drogen wiederkehren.

1999 wurden beim BKA 738 LSD-User registriert. LSD führt in vereinzelten Fällen durch Wahrnehmungsverust (Unfälle) zum Tod.

Der Konsum von Ectasy nahm Ende der 90er Jahre dramatisch zu. Die Droge wird synthetisch in Labors hergestellt und in Form von Tabletten, Kapseln oder Pulver eingenommen. Konsumenten fühlen sich aktiv und heiter. Ectasy stört den Glukosestoffwechsel im Gehirn und führt zum Absterben von Nervenenden. Schon wenige Tabletten können irreparable Hirnschäden verursachen. Ecstasy putscht auf, löst Depressionen und Halluzinationen aus. Ein Trip dauert bis zu 24 Stunden. Pro Jahr nehmen 1,2 Millionen der 18- bis 59-Jährigen Ecstasy. Hirnblutungen oder akutes Nierenversagen können zum Tod führen.

Alkohol
Eines der ältesten Rauschmittel der Welt, das bei der Vergärung von Früchten und Getreiden entsteht. Über das Blut gelangt Alkohol ins Gehiren. Schon ab 0,5 Promille lässt die reaktionsfähigkeit deutlich nach. Mit steigendem Pegel treten Gleichgewichts- und Sprachstörungen auf, das Erinnerungsvermögen schwindet. Schon 3,5 Promillle können zu einer Lähmung des Atmungszentrums und zum Tod führen. Regelmäßiges Trinken schädigt den Leberstoffwechsel, was eine Fettleber, Leberzirrhose, zu Folge haben kann. Hinzu kommt ein erhöhtes Risiko für Darm-, Magen- und Speiseröhrenkrebs sowie Gastritis und Herz-und Kreislaufleiden. Bei Frauen, die Alkohol schlechter abbauen können als Männer, fördert er Brustkrebs.

Etwa 1,5 Millionen Deutsche sind alkoholkrank, davon etwa zwei Drittel Frauen. Fast jeder Vierte unter den 18- bis 59-Jährigen trinkt aus ärztlicher Sicht zu viel. Im Jahr 2000 nahm jeder Deutsche statistisch gesehen 10,5 Liter reinen Alkohol auf. Rund 200.000 Jugendliche greifen bereits täglich zur Flasche. Jährlich sterben 42.000 Menschen an den direkten oder indirekten Folgen von übermäßigem Alkoholkonsum.

Tabak
Die Blätter der Tabakpflanze wurden schon von den Indianern geraucht. Tabak kam mit den Eroberern nach Europa. Hauptinhaltsstoff ist Nikotin, das über die Lunge ins Blut gelangt und damit nach sieben Sekunden das Gehirn erreicht. Weil Nikotin dem Botenstoff Acetylcholin ähnelt, dockt es an dessen Bindungsstelle auf den nervenzellen an, wo es Aufmerksamkeit und Gedächtnisfähigkeit steigert. Tabak fördert Bronchitis, Krebs sowie Herz- und Augenleiden und Osteoporose. Durch das Rauchen vermehren sich die Nikotinrezeptoren im Gehirn, sie verlangen nach mehr. Bei Ex-Rauchern sinkt die Rezeptorenzahl wieder, es bleibt aber ein Suchtgedächtnis. Ein Entzug führt zu depressiven Verstimmungen, Nervosität, Konzentrationsstörungen. Die psychische Abhängigkeit kann jahrelang anhalten.

9,5 Millionen Männer und 7,2 Millionen Frauen zwischen 18 und 59 Jahren rauchen - 35 Prozent davon mehr als 20 Zigaretten pro Tag. Schon ein Drittel der 14-bis 25-Jährigen sind starke Raucher. Jährlich sterben rund 111.000 Menschen an den Folgen des Rauchens - 43.000 allein durch Krebs und 37.000 durch Kreislauferkrankungen.

Bio-Drogen
Substanzen von Pflanzen mit psychoaktiven Wirkungen. Ihre Zahl wird auf 500.000 geschätzt, nur ein Fünftel ist erforscht. Die gebräuchlichsten sind die aus Pilzen gewonnen Substanzen Meskalin, Psilocybin, Muscarin, und Ibotensäure sowie Hyosciamin (aus Bilsenkraut), Atropin (Tollkirsche) und Sopolamin (Tollkraut). Khat, eine auf der arabischen Halbinsel gebräuchliche pflanzliche Droge, enthält Cathinon und Cathin. Die meisten Bio-Drogen erzeugen Halluzinationen Ihre Wirkung hängt von der Verfassung des Konsumenten, der Umgebung (dem "Setting") und der Qualität der Droge (dem "Set") ab, die je nach Wachstumsbedingungen, Reifegrad und Frische stark variieren. Langjähriger Konsum kann zu psychotischen Leiden führen.

Biogene Drogen machen nicht körperlich abhängig. Bei labilen Menschen kann es aber zu psychischen Krisen und Identitätsstörungen kommen. Halluzinogene Pilze scheinen in Mode zu kommen. Dem jüngsten Suchtbericht der Bundesregierung zufolge probierten sie gut 4 Prozent der 18- bis 29-jährigen Deutschen zum ersten Mal. Weil viele der Bio-Drogen auch giftige Sustanzen enthalten, kann eine Überdosis unter Umständen zum Tod führen.

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Kriminologe Sebastian Scheerer:
Suchtgifte machen im Regelfall nicht süchtig

Seit Jahren beschäftigt sich der Kriminologe Sebastian Scheerer (UNI Hamburg) mit den Bedrohungsszenarien der inneren Sicherheit. In seiner Christian-Broda-Vorlesung, die Scheerer im März 2001 in Wien hielt, untersuchte er das Drogen- und Weltbild, das die Drogenpolitik hegt. Zur Frage, ob Suchtgifte wirklich süchtig machen, sagte Scheerer in Wien:

"Die konventionelle Antwort auf diese Frage ist ein klares Ja. Der Aussage, 'du kannst Heroin gelegentlich nehmen, ohne jemals süchtig zu werden', widersprachen Anfang der siebziger Jahre neunzig Prozent der US-Amerikaner. Die Wissenschaftler sahen das übrigens ebenso. Da sie sich in Hunderten von Studien fast ausschließlich mit den Extremformen der Sucht befassten, bekamen sie von der Realität nur diesen Ausschnitt mit. Kielholz und Ladewig etwa vertraten in Die Abhängigkeit von Drogen (1973) die Überzeugung, dass Heroinkonsum unweigerlich zu 'charakterlicher Entkernung', 'Verflachung der Gesinnung', 'krankhaften Organveränderungen' und einem frühen Tod führe.

Aus diesem Drogenbild ergab sich, dass es im wohlverstandenen Interesse eines jeden Individuums liegen müsse, vor dem Kontakt mit Drogen bewahrt zu bleiben. Individuelle Freiheitsrechte konnten von einer Prohibition gar nicht verletzt werden. Andersherum ergab sich daraus, dass Menschen, die trotzdem Drogen konsumierten, dies unmöglich als informierte Bürger tun konnten, sondern allenfalls aufgrund einer gewissen Naivität, persönlicher Defizite, externer Zwänge oder Manipulationen. In Betracht kamen emotionale Störungen und soziale Missstände - etwa unerträgliche Lebens- und Arbeitsbedingungen oder eine ganz allgemeine Chancen- und Hoffnungslosigkeit. Ein gesunder mündiger Mensch konnte gar keine Drogen 'brauchen'. Soziologen wurden nicht müde zu erklären: Menschen nehmen Drogen, wenn sie gescheitert sind und aus der Realität fliehen wollen. Drogenkonsum sei eine 'rückzüglerische' Reaktion auf sozialen Misserfolg oder auf die immer schlimmer werdende Ausbeutung im 'Turbokapitalismus', weil der Mensch den durch den Kapitalismus geschaffenen Stress nicht mehr aus eigener Kraft aushalten könne, sodass 'die Arbeit nur noch zu bewältigen und das Leben nur noch zu ertragen (ist) durch chemische Fremdsteuerung'. Mit anderen Worten: Menschen tun, wenn sie zu Drogen greifen, eigentlich gar nicht, was sie wollen, und sie wollen eigentlich gar nicht, was sie tun. Konsumenten sind nicht die Akteure - das sind die Drogen -, sondern Opfer von eigenen Defiziten oder Defiziten ihrer Umwelt; von Dealern, die sie verführen oder durch präparierte Klebebildchen manipulieren, wenn nicht gar gewaltsam 'anfixen'. All diesen Erklärungsversuchen gemeinsam ist die tiefe Überzeugung, dass kein normaler Mensch ein vernünftiges und legitimes Bedürfnis nach dem Kontakt mit diesen Substanzen haben kann.

Die Struktur eines so organisierten moralischen Drogenuniversums führt allenfalls zur Kritik der Ineffizienz der Prohibition, nie aber zur Kritik der Prohibition als Freiheitsverletzung. Andere Ansätze kritisieren zwar die Prohibition, indem sie sie als Resultat einer sachwidrigen Lobby-Politik - etwa der Kunstfaserindustrie gegen den Hanfanbau - zu entlarven trachten. Mehr als ein schwacher Aufguss alter Stamokap-Lehren kommt dabei meistens nicht heraus. Die entscheidende Frage, ob das Verbot der Drogen zu begründen ist, rückt ihnen nicht in den Blick. (...)

Der Stand des Wissens hat sich aber in den letzten zwei Jahrzehnten grundlegend verändert.

Heute weiß man, dass Suchtgifte ihre Konsumentinnen und Konsumenten im Regelfall nicht süchtig machen. Das weiß man von Cannabis- und Heroin-, auch von Kokain- und sogar Crack-Konsumenten (1).

Auch das Wissen über die Motive und Bedingungen des Drogenkonsums hat sich grundlegend verändert. Im überwiegenden Normalfall sind es gewöhnliche Menschen, die aus ganz gewöhnlichen Motiven zu Drogen greifen. In aller Regel handelt es sich dabei um eine bewusste Entscheidung zur Freizeitgestaltung. Die Droge wird aufgesucht und bewusst und gewollt konsumiert. Nicht die Dealer, sondern die Konsumenten »verantworten« diese Entscheidung.

Heute weiß man, dass die große Mehrheit der DrogenkonsumentInnen sich von Lebensplänen, Karrieremustern und dem gesellschaftlichen Weiterkommen keineswegs verabschiedet hat.

Wenn sie Drogen nehmen, versinken sie nicht in ihrer eigenen Höhle, sondern feiern mit anderen, was es zu feiern gibt: das Ende einer anstrengenden, aber erfolgreichen Arbeitswoche, die Möglichkeit, unter Freunden und Bekannten aus sich herauszugehen, neue und interessante Erfahrungen zu gewinnen. Man zieht sich nicht zurück, sondern verfolgt die alten legitimen Ziele mit neuen, innovativen Mitteln. Es ist nicht die Pathologie, sondern die sich verändernde Normalität der Gesellschaft, die es den Bürgern aus nachvollziehbaren Gründen nahe legt, sich mehr als früher für psychoaktive Substanzen zu interessieren. (...)

Heute wissen wir, dass die verbotenen Drogen im Normalfall weder zu einer besonderen Abhängigkeit noch zu einer selbstzerstörerischen Sucht führen, dass sie weder die Individuen noch die Gesellschaft auf eine qualitativ andere Weise berühren als der Konsum anderer Substanzen.

KonsumentInnen illegaler Drogen gelingt es in aller Regel, ihren Konsum unter Kontrolle zu halten, sodass er nicht mit ihren alltäglichen Verpflichtungen und Bedürfnissen konkurriert. Sie gehen ihrer Arbeit nach und pflegen ihre Beziehungen, sie geraten in Probleme und wieder heraus, und sie leben in aller Regel weder besser noch schlechter, weder produktiver noch unproduktiver, weder glücklicher noch unglücklicher als andere Menschen.

Wo es markante Abweichungen zum Negativen gibt, sind sie meist nicht Folge des Drogenkonsums, sondern der feindlichen Reaktionen der Umwelt darauf, also von Strafverfolgung und Diskriminierung. Wir wissen, dass es bis jetzt keine Droge gibt, die den Menschen unwiderruflich in ihren Bann zieht.

Wir wissen, dass der Normalfall der kontrollierte Konsum als Freizeitvergnügen ist. Drogen sind keine fremde Macht.

Eine künftige Drogenpolitik muss die Legitimität der Nachfrage nach psychoaktiven Substanzen anerkennen. So wie die Gesetzgebung heute die grundsätzliche Legitimität einer homosexuellen Orientierung anerkennt. Wer sein Leben für eine Zeit oder für länger so einrichten will - bitte schön, das Recht dazu hat jeder volljährige Bürger. Wenn ihr wissen wollt, ob eure Religionsgemeinschaft, eure Freunde oder eure Familie das gut finden, dann müsst ihr sie schon selbst fragen. Wenn ihr über spezielle Risiken aufgeklärt werden wollt, fragt das Gesundheitsministerium, fragt das Finanzamt. Fragt Vereine und Interessengruppen, Selbsthilfegruppen und studiert die Literatur des Abend- und des Morgenlandes.(...) "

(1) L. Zimmer, J.P. Morgan, Marijuana Myths, Marijuana Facts, New York/San Francisco 1997; W.H. Harding, Kontrollierter Heroingenuss - ein Widerspruch aus der Subkultur gegenüber herkömmlichem kulturellem Denken, in: Völger/Welck (Hg.), Rausch und Realität, Reinbek 1982; H. Hess, Rauschgiftbekämpfung und desorganisiertes Verbrechen, in: Kritische Justiz, 1992; D. Waldorf, C. Reinarman, S. Murphy, Cocaine Changes, Philadelphia 1991; P. Cohen, Crack in the Netherlands, in: Reinarman/Levine (Hg.), Crack in America, Berkeley 1997; M. Lap, F. Polak, Gründe für eine Legalisierung: Das Gesundheitsargument, in: Nolte/Quensel/Schulze (Hg.), Wider besseres Wissen, Bremen 1996

Scheerers Vortrag ist bei "jungle world" abrufbar unter:
http://www.jungle-world.com/_2001/24/sub01.htm

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Kiffen soll in der Schweiz legal werden

15.11.01 Bern, Schweiz - Die Ständerätliche Gesundheitskommission (SGK) folgte bei der Revision des Betäubungsmittelgesetzes weitgehend der vom Bundesrat vorgeschlagenen Legalisierung des Cannabiskonsums mit einer knappen Mehrheit von sechs zu vier Stimmen. Anbau und Handel werden aber nur bedingt straffrei, wie Kommissionspräsidentin Christine Beerli (FDP/BE) mitteilte. Straffrei werden der Eigenkonsum und die Beschaffung von Cannabisprodukten, wie die Präsidentin der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) sagte. Kiffen bleibe aber unerwünscht, sagte Beerli. Deshalb soll mit Prävention signalisiert werden, "dass wir das nicht gut finden". Die Kommissionsmehrheit sei dennoch zum Schluss gelangt, dass der Cannabiskonsum nicht schädlicher sei als die legalen Genussmittel Tabak und Alkohol. Letzerer verursache sogar wesentlich grössere gesundheitliche und soziale Schäden. So seien wegen Cannabis-Konsums kaum Probleme am Arbeitsplatz bekannt .

Anbau und Verkauf von Drogenhanf bleiben grundsätzlich strafbar. Der Bundesrat kann aber in einer Verordnung regeln, unter welchen Bedingungen auf eine Strafverfolgung verzichtet werden kann. So werde es unter strengen staatlichen Kontrollen möglich sein, Hanf mit entsprechendem THC-Gehalt anzubauen und in Läden zu verkaufen, allerdings nur in kleinen Mengen, sagte Beerli. Als Kontrollbehörde sei die eidgenössische Alkoholverwaltung vorstellbar. Dieser müssen Anbau- und Verkaufsmengen gemeldet werden. Wer mit Drogenhanf einen Wirtschaftszweig betreiben wolle, stehe ständig unter dem "Damoklesschwert" der Kontrolle, sagte Beerli. Import und Export, Werbung, Verkauf an Minderjährige und Personen aus dem Ausland bleiben verboten.

Eine Lizenzierung von Produktions- und Verkaufsstellen sowie eine "saftige" Besteuerung wäre laut Beerli zwar die sauberste Lösung. Dies sei aber wegen internationaler Abkommen nicht möglich.

Verankert werden im BetmG die laut Beerli erfolgreichen vier Säulen der Schweizer Drogenpolitik: Prävention, Therapie, Schadensverminderung und Repression. Bei den harten Drogen ändert sich am geltenden Recht nichts: Sie bleiben verboten, der Konsum wird allerdings geduldet, wie es das Opportunitätsprinzip vorsieht. Verfolgt wird weiterhin der organisierte Handel mit Heroin und Kokain, wenn er nicht dem Eigenbedarf dient.

Festgeschrieben werden zudem die Ziele der ärztlich kontrollierten Heroinabgabe. Der ärztlichen Verschreibung von Heroin für Schwerabhängige hat das Schweizer Volk in einem Referendum bereits 1999 die Zustimmung erteilt.

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Linktips zum Thema Drogen

Drogen und Sucht - ein Führer durch's Internet
(Drogen-Projekt der FH-Fulda)
Der Führer richtet sich an Personen, die sich über die Wirkungsweise von Drogen informieren wollen, an Menschen, die über den Konsum Näheres erfahren wollen und an Leute, die sich für Prävention und Rehabilitation interessieren.
http://www.fh-fulda.de/projekte/drugs/anfang4.htm

Als Zip-File:
http://www.fh-fulda.de/projekte/drugs/drugs.zip
 

Drogen und Sucht:
Linkzusammenstellung des Bundesministerium Gesundheit (BMG)
http://www.dialog-gesundheit.de/weg/surf/drog.htm

Cannabis Legal
Argumente für eine realistische Drogenpolitik
http://www.cannabislegal.de
 
 

(Quellen: dpa, bmg, taz, ap, dw, boa-archiv)

 
 

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