B.O.A.-NACHRICHTEN
 last update: boa München, MI. 08.05.2002 - 14:00 
  [ Übersicht ] [ Ticker ] [ Medien-Termine ] [ Medien-Nachrichten ]
 

.
  zur Übersicht
Mi. 08.05.2002      

"Kollabierende Schule"

GEW-Vorsitzende Stange fordert, das ganze Schulsystem grundlegend zu ändern

Leistungsdruck und Auslese an Schulen führe zu enormen Versagungsängsten bei Schülern

Stange fordert für jeden Schüler einen individuellen Bildungsplan, zudem seien bis
     zur achten Klasse keine Zensuren notwendig.
Pädagogikprofessor Klaus-Jürgen Tillmann: "Das einschneidende
     Schulversagenserlebnis, das 40 Prozent der Schüler erleben, ist institutionell
     definiert".
Philosoph Peter Sloterdijk: "Wie viele Menschen, bin auch ich ein typisches Opfer
     der Schule..."
Schüler Thomas Mann: "Ich verabscheute die Schule..."
PISA-Studie: Alle Länder mit Spitzenleistungen haben Ganztagsschulen.
Pädogische polis - "Laborschule" in Bielefeld.
 
 
 
 
 
 
 
 
 

°

[ zurück ]   [ Ticker ]   [ nach oben ]   

Versagungsängsten vorbeugen

Mi.08.05.02 - Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Stange, hat in der Chemnitzer "Freien Presse" die bisherigen Konsequenzen aus dem Erfurter Amoklauf als reine "Oberflächenreparaturen" kritisiert. Sie forderte, das ganze Schulsystem grundlegend zu ändern. Der derzeitige Leistungsdruck und die Auslese an den Schulen, so Stange, führten zu enormen Versagensängsten bei den Schülern. Stange forderte für jeden Schüler einen individuellen Bildungsplan. Die Gewerkschaftsvorsitzende sprach sich dafür aus, bis zur achten Klasse keine Zensuren zu vergeben. Die Lernschritte könnten mit den Eltern und Schülern besprochen werden. Stange: "Wir brauchen dringend mehr Zeit für Gespräche mit Kindern und Jugendlichen." Man müsse "daher wegkommen von dem Halbtagsstress in der Schule." Bei einer Ganztagsschule habe man "mehr Zeit, mit den Schülern ins Gespräch zu kommen." Die Lehrer bräuchten "eine bessere psychologische und auch methodische Ausbildung", fordert Stange. Die Welt der Kinder und Jugendlichen habe sich verändert. Stange: "Die Schule muss mehr Erziehungsfunktionen wahrnehmen." Stange plädierte außerdem dafür, Schüler und Lehrer zu Konfliktberatern auszubilden. Die Politiker forderte sie auf, langfristig zu denken und mehr Geld in die Schulen zu investieren.

°

[ zurück ]   [ Ticker ]   [ nach oben ]   

Schulversagen

Nach dem Amoklauf von Erfurt bekommt die Sitzenbleiber-Misere neue Aufmerksamkeit. Denn neben anderen Ursachen zählt inzwischen auch dieses Motiv zu dem Mosaik von auslösenden Faktoren: Den Täter hat seine schulische Erfolglosigkeit gequält. Robert Steinhäuser nahm zweimal vergeblich Anlauf zum Abitur. Schließlich wurde er vom Gymnasium verwiesen - ohne Schulabschluss. In seinem Schulhaus erschoss er Monate später gezielt Lehrer.

Renommierte Schulforscher wie der Bielefelder Pädagogikprofessor Klaus-Jürgen Tillmann wollen keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Scheitern des Schülers Steinhäuser und seiner Tat herstellen. Gleichwohl merken sie an, dass Durchfallen, Aussortieren und Herabstufen Wesensmerkmale der deutschen Schule sind. "Das einschneidende Schulversagenserlebnis, das 40 Prozent der Schüler erleben, ist institutionell definiert", sagt Tillmann.

Auslese und Scheitern gehören zur deutschen Schule wie das Pult zum Klassenzimmer. Sitzenbleiben und Absteigen heißen die Disziplinen, in denen die deutschen Schüler führend in der Welt sind.

Diese negative Schulerfahrung machte auch Andreas Schleicher. Er wollte unbedingt aufs Gymnasium. Aber dann kam er ins Straucheln. In der vierten Grundschulklasse sackten seine Leistungen ab. Und es war keinesfalls klar, ob er die Versetzung ins Gymnasium überhaupt schaffen würde. Bange Momente für den Hamburger Schüler Schleicher. Das war vor 27 Jahren.

Heute ist Schleicher Pisa- Chef der OECD, jener Organisation also, die in dem internationalen Vergleichstest die Schulleistungen von 32 Staaten unter die Lupe genommen hat...

Mehr unter: http://www.taz.de/pt/2002/05/08/a0150.nf/text.name,ask0NUNwF.n,0
 
 

°

[ zurück ]   [ Ticker ]   [ nach oben ]   

"Es gibt drei oder vier Themen, über die Menschen a priori ungern reden: der Tod, die Schule und die Mütter. Und in dieser Triade ist vielleicht die Schule noch das Unangenehmste. (...)

Wie viele Menschen, bin auch ich ein typisches Opfer der Schule, die permanent Menschen Fragen beantwortet, die noch nicht gestellt wurden. Diese Schule ist daher der Herd einer Langeweile, von der man sich nie erholt, weil man dort ständig Berufslangweilern begegnet. Und wenn man den Langweiler präzis definiert als denjenigen, der Fragen beantwortet, die nicht gestellt wurden, dann versteht man, warum die Intelligenz, die kindliche vor allem, verleimt und verklebt und beleidigt wird. Man kommt nie wieder im Leben - es sei denn durch irgendeine heilsame Katastrophe - an den Punkt, wo man denken kann, als hätte man nie einen Lehrer gehabt. Bei mir hat das eine Blockade im Bereich der Naturwissenschaften hervorgerufen. Wir hatten in den naturwissenschaftlichen Fächern lauter Superlangweiler und die haben bei mir die Liebe zur Physik und zur Mathematik nachhaltig zerstört. "

Peter Sloterdijk, Philosoph, in einem Interview
mit der Frankfurter Rundschau (30.06.2001)

 
 

°

[ zurück ]   [ Ticker ]   [ nach oben ]   

Ich verabscheute die Schule
...und tat ihren Anforderungen bis ans Ende Genüge. Ich verachtete sie als Milieu, kritisierte die Manieren ihrer Machthaber und befand mich früh in einer Art literarischer Opposition gegen ihren Geist, ihre Disziplin, ihre Abrichtungsmethoden. Meine Indolenz, notwendig vielleicht für mein besonderes Wachstum; mein Bedürfnis nach viel freier Zeit für Müßiggang und stille Lektüre; eine wirkliche Trägheit meines Geistes, unter der ich noch heute zu leiden habe, machten mir den Lernzwang verhaßt und bewirkten, dass ich mich trotzig über ihn hinwegsetzte...

Thomas Mann über seine Schulzeit, aus dem "Lebensabriss"
 
 

°

[ zurück ]   [ Ticker ]   [ nach oben ]   

PISA-Studie

Für die "PISA"-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wurden rund 180.000 Schüler aus 32 Staaten im Alter von 15 Jahren getestet, darunter etwa 5000 Deutsche. Im Vergleich landeten sie in allen drei Leistungskategorien - Lesen, Rechnen und Naturwissenschaft - jeweils auf einem der hintersten Plätze (20. bis 25.). Spitzenreiter sind dagegen Finnland, Korea, Kanada und Japan. Besonders erschreckend für die Schulforscher: Gut jeder fünfte deutsche Schüler (22,6 Prozent) erreicht bei der Lesekompetenz nur die niedrigste Leistungsstufe. Die Fähigkeit, einen Text zu lesen und den Sinn zu verstehen, gilt aber als eine der wichtigsten Voraussetzungen, um sich im Leben und Beruf zurecht zu finden und sich auch mathematische und naturwissenschaftliche Kenntnisse anzueignen. Eine Lehrlings-Einstellungsprüfung, wie sie bei den Kammern heute üblich sind, würden diese Schüler nicht bestehen.

Die Mehrzahl der leistungsschwachen Schüler ist männlich und stammt aus sozial schwachen Milieus. So hat ein Akademikerkind laut PISA eine viermal höhere Chance auf einen Gymnasial- oder Realschulabschluss als ein Arbeiterkind. Anders als in anderen Ländern gelingt es den deutschen Schulen demnach offenbar nicht, herkunftsbedingte Nachteile oder Sprachprobleme von Ausländerkindern beim Lernen auszugleichen. Angesichts dessen forderte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde, Keskin, dass alle ausländischen Kinder nach ihrem dritten Lebensjahr einen Platz im Kindergarten oder einer Tagesstätte bekommen, damit sie noch vor Schulbeginn die deutsche Sprache lernen.

Selbst die besten deutschen Schüler lagen im internationalen PISA-Vergleich unter dem Durchschnitt. Gleichwohl gibt es der Studie zufolge in keinem anderen Land so krasse Diskrepanzen zwischen guten und schlechten Schülern wie in Deutschland. Alle Länder mit Spitzenleistungen haben Ganztagsschulen. Auch werden dort die Kinder nicht wie in Deutschland üblich als Zehnjährige auf verschiedene Schulformen verteilt. Sie besuchen mindestens bis zur neunten Klasse gemeinsam die Schule.

OECD-Pisa Deutschland:
http://www.mpib-berlin.mpg.de/pisa/

Zusammenfassung zentraler Befunde der Pisa-Studie:
http://www.mpib-berlin.mpg.de/pisa/pdfs/ergebnisse.pdf

Ergebnisbericht:
http://www.mpib-berlin.mpg.de/pisa/html-dt/Buch.htm
 
 

°

[ zurück ]   [ Ticker ]   [ nach oben ]   

"Noten sind die einzige Möglichkeit für die LehrerInnen, die SchülerInnen zu dem zu zwingen, was sie und die Kultusbeamten sich ausgedacht haben." (Susanne Thurn, Schulleiterin an der Laborschule Bielefeld in einem taz-Interview vom 31.08.1999)

"Sie fragen ihre Lehrer: Warum? und Wozu? und prüfen die Antworten ohne Respekt." (Hartmut von Hentig, Gründer der Laborschule, Quelle: FR 10.9.1999)

Pädogische polis - "Laborschule" in Bielefeld
Leben und Lernen ohne Zensuren und "Sitzenbleiben"

Um neue Wege des Lernens zu lehren und zugleich zu erproben entstand vor siebenundzwanzig Jahren in Bielefeld auf Initiative des Pädagogen Hartmut von Hentig die "Laborschule". Das Prinzip dieses wissenschaftlichen Versuchsprojektes ist es, ein Ort zu sein, "wo Kinder und Jugendliche gern Leben und Lernen"

Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-kuenstlerkooperative/divers02.htm
 
 

(Quellen: br, fp, taz, mdr, boa-archiv)

 
 

[ zurück ]   [ Ticker ]   [ nach oben ]   

Mo.29.04.02
Nach Amoklauf in Erfurter Gymnasium: Politiker wetteifern mit schnellen Antworten
Experten warnen vor einfachen Lösungen. Ehemaliger Schüler hatte am Freitag in Erfurter Gymnasium 16 Menschen und sich selbst getötet.
[ mehr... ]

Fr.03.05.02
Amoklauf in Erfurt entfacht Debatte über Gewalt in den Medien
Medienforschung: Kein kausaler Zusammenhang zwischen Medienkonsum und gewalttätigem Handeln. Runder Tisch soll Kodex gegen Gewalt erarbeiten. Amokläufer war abgeglitten in eine eigene künstliche Welt der Gewalt.
[ mehr... ]

Do.10.05.02
Bundesregierung plant schärfere Auflagen für Videos und Computerspiele
Als Reaktion auf die Bluttat von Erfurt beschloss das Kabinett eine Neuregelung des Jugendschutzes. Wissenschaftler sehen Zusammenhang zwischen gewalttätigen Computerspielen und Aggressionen.
[ mehr... ]
 
 

[ zurück ]   [ Ticker ]   [ nach oben ]   


  zur Übersicht


 

PicoSearch

| Nachrichtenticker |

 | kunst&kult | philosophie | wissenschaft | gesellschaft | diverses | öko | medien | links

| home | home(no frame) |

B.O.A.-Künstlerkooperative
Gabelsbergerstr.17, D-80333 München, Telefon/Fax : 089- 280621,
boa-kuenstlerkooperative@t-online.de


FastCounter by bCentral