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 last update: boa München, Mo.10.06.2002 - 14:00 
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Mo. 10.06.2002      

Noch immer mehr als 800 Millionen Menschen unterernährt

Hungerbekämpfung zentrales Thema des Welternährungsgipfels in Rom

Mehr als fünf Jahre nach dem ersten Welternährungsgipfel hat sich die Situation der Hungernden in der Welt nicht wesentlich verbessert. Ernährungswissen- schaftler Prof. Krawinkel: "Hunger auf der Welt ist wesentlich eine Folge ungleicher Handelsbeziehungen".

An der UN-Konferenz nehmen Dutzende Staats- und Regierungschefs aus
     Entwicklungsländern teil, aber nur zwei aus wichtigen Industrieländern.
     Forderung nach Menschenrecht auf "angemessene Ernährung für alle" sorgte
     im Vorfeld des viertägigen Gipfels für Diskussionen. USA lehnen Verankerung
     des Rechts auf Ernährung für alle ab. FAO-Genraldirektor Jacques Diouf: Es
     gibt mehr als genug Nahrung für die Erdbevölkerung von sechs Milliarden. Das
     Problem sei, die Hungernden damit zu versorgen.

40 000 demonstrierten in Rom gegen Hunger und Mangelernährung.
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Recht auf angemessene Ernährung für 800 Millionen Hungernde

Mo.10.06.02 - Die Bekämpfung des Hungers ist das zentrale Thema des Welternährungsgipfel, der heute (Montag) in Rom beginnt. Die Konferenz war ursprünglich für den vergangenen November geplant gewesen, wurde aber aus Furcht vor Anschlägen nach dem 11. September verschoben.

Auf der viertägigen Konferenz der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) beraten der Generalsekretär der Vereinten Nationen (UNO), Kofi Annan, sowie zahlreiche Staats- und Regierungschefs über Wege zur Versorgung der Menschheit mit ausreichend Nahrungsmitteln.

An der Konferenz nehmen Dutzende Staats- und Regierungschefs aus Entwicklungsländern teil, aber nur zwei aus wichtigen Industrieländern.

Die FAO hat die internationale Gemeinschaft aufgefordert, jährlich 24 Milliarden Dollar für die Bekämpfung des Hungers in der Welt auszugeben. Sollte nicht mehr in den Kampf gegen den Hunger investiert werden, könne es im Jahr 2015 noch immer 600 Millionen hungernde Menschen geben.

Mehr als fünf Jahre nach dem ersten Welternährungsgipfel hat sich die Situation der Hungernden dieser Welt nicht wesentlich verbessert: noch immer sind rund 800 Millionen Menschen unterernährt. Das 1996 gesteckte Ziel [ 1 ], die Zahl der Hungernden bis zum Jahr 2015 um die Hälfte zu reduzieren, ist in weite Ferne gerückt.

"Es ist schwer zu verstehen wie bei den heutigen Möglichkeiten der Telekommunikation, des Verkehrs, Internets und Fernsehens Menschen wohlhabend und reich sein können und an anderen Orten der Welt verhungern", sagte Jacques Diouf, der Generaldirektor der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO). Denn es gebe mehr als genug Nahrung für die Erdbevölkerung von sechs Milliarden, das Problem sei, die Hungernden damit zu versorgen.

"Nahrung sollte nicht als Instrument politischen oder wirtschaftlichen Drucks eingesetzt werden." So steht es im Entwurf der Schlusserklärung des Ernährungsgipfels 2002. Daraus wird die weitergehende Forderung nach einem freiwilligen Verhaltenscodex mit einem Menschenrecht auf "angemessene Ernährung für alle" abgeleitet. Im Vorfeld der viertägigen UN-Konferenz hat diese Forderung Diskussionen ausgelöst [ 2 ] . Während die Europäische Union, der Vatikan und die Entwicklungsländer die Verankerung des Rechts auf Ernährung für alle unterstützen, lehnen die USA es ab. Schließlich ist das vor 42 Jahren verhängte amerikanische Wirtschaftsembargo gegen Kuba nach wie vor in Kraft. Schon beim ersten Gipfel hatte dieses Thema für Zündstoff gesorgt, als der kubanische Staatschef Fidel Castro von einem "humanitären Verbrechen" sprach, das an seinem Land begangen werde.

Viele Ansätze zur Hungerbekämpfung schlugen fehl. So zerstörten billige Importe Bauern, die nur einen schlechten Zugang zu den Weltmärkten haben, in ärmeren Regionen die Lebensgrundlage. Auch der Einsatz von gentechnisch veränderten Lebensmitteln, für den sich die USA einsetzen, ist umstritten.

180 Milliarden Dollar (190,5 Milliarden Euro) müssten jährlich investiert werden, um die Landwirtschaft, Infrastruktur und Dienstleistungen in den Entwicklungsländern so auszubauen, damit im Jahr 2015 weltweit nur mehr 400 Millionen hungern. Statt wie bisher die Zahl der Unterernährten um sechs Millionen pro Jahr zu reduzieren, müssten 22 Millionen besser mit Nahrung versorgt werden. Bekämpfe man die Nahrungsmittelknappheit mit denselben Mitteln wie bisher, werde das Ziel des ersten Welternährungsgipfels erst 2030 erreicht, erklärte die FAO. Trotzdem sollen die Beschlüsse des ersten Gipfels vom November 1996 jetzt in der italienischen Hauptstadt bekräftigt und nicht abgeändert werden.

Während des offiziellen FAO-Gipfels halten Umwelt- und Agrarorganisationen bei Rom eine parallele Konferenz ab.
 
 

[ 1 ]
Erklärung von Rom zur Welternährungssicherheit 1996
Wir, die Staats- und Regierungschefs*), oder unsere Vertreter, die auf Einladung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen auf dem Welternährungsgipfel versammelt sind, bekräftigen das Recht jedes Menschen auf Zugang zu gesundheitlich unbedenklichen und nährstoffreichen Nahrungsmitteln in Einklang mit dem Recht auf angemessene Ernährung und dem grundlegenden Recht eines jeden Menschen, frei von Hunger zu sein.

Wir bekunden unseren politischen Willen und unsere gemeinsame und nationale Verpflichtung zur Erreichung von Ernährungssicherheit für alle und zu fortlaufenden Anstrengungen zur Beseitigung des Hungers in allen Ländern mit dem unmittelbaren Ziel, die Zahl der unterernährten Menschen spätestens bis zum Jahr 2015 auf die Hälfte des gegenwärtigen Standes zu verringern. Weiter unter:
http://www.verbraucherministerium.de/welternaehrung/welternaehrungssicherheit_1996.htm
 
 

[ 2 ]
What is the right to food?
Debate on the right to food is likely to be lively at the World Food Summit:
five years later:
http://www.fao.org/worldfoodsummit/english/newsroom/focus/focus6.htm

Das Recht auf Nahrung im Rahmen von Strategien zur Beseitigung von Hunger
Prof. Asbjörn Eide, Norwegisches Institut für Menschenrechte
http://www.verbraucherministerium.de/workshop-615/speeches/eide.shtml
 
 

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40 000 demonstrieren vor Welternährungsgipfel in Rom

Mo.10.06.02 - Etwa 40 000 Menschen sind am Samstag durch die Straßen von Rom gezogen und haben vor dem Welternährungsgipfel die Vereinten Nationen (UNO) aufgefordert, ihre Taktik im Kampf gegen den Hunger zu ändern.

Die Proteste richteten sich vor allem gegen den Anbau genetisch veränderter Nahrungsmittel. Außerdem forderten die Demonstranten schnellere Nahrungsmittelhilfen im Falle von Hungersnöten in der Dritten Welt.

Aus Furcht vor Ausschreitungen waren rund 5000 Sicherheitskräfte im Einsatz. Nach Angaben des italienischen Fernsehens kam es jedoch nicht zu Zwischenfällen.

Die Demonstranten in Rom kamen aus Afrika, Europa, Lateinamerika und Asien. Bauern aus Mexiko und Indonesien trugen Weizengarben, Globalisierungskritiker unter anderem aus Deutschland führten gelbe Fahnen und Transparente mit sich, auf denen die gentechnische Veränderung von Pflanzen [ 3 ] verurteilt wurde. "Wir sind hier, um der FAO zu sagen, dass sie die (Welthandelsorganisation) WTO aus der Landwirtschaftspolitik schaffen soll", sagte ein Bauer aus Kalkutta in Indien. Der französische Bauer und Globalisierungsgegner Jose Bove sagte: "Es ist nicht ein Problem der Menge an Lebensmitteln, sondern es ist nur ein ökonomisches und politisches Problem."
 
 

(Quellen: dpa, ap, rtr, fr)

 
 

[ 3 ] Es ist eine Frage von enormer politischer und ökonomischer Bedeutung, ob genveränderte Nahrung ein wirksamer und angemessener Beitrag im Kampf gegen die Unterernährung sein kann. (...) Die Frontlinien des Streits über die Nutzung der Biotechnologie verlaufen zwischen den USA, Kanada, Argentinien und Australien einerseits, die auf volle Liberalisierung setzen, und der Europäischen Union und Japan andererseits, die den Markt ihrer Lebensmittel hoher Qualität ausweiten und eine strenge Herkunftskontrolle der genmanipulierten Nahrung wollen. Hinzu kommen Länder der Dritten Welt mit einer eigenen Position. Diese wollen sich nicht noch weiter ausbeuten lassen und möchten eigene Besitzrechte an den Genen der Pflanzen ihres Territoriums gewahrt sehen.

Frankfuter Rundschau vom 10.06.02

Mi.20.02.02
Entwicklungsländer gründen Allianz gegen Biopiraterie
Der Versuch transnationaler Konzerne, den genetischen Reichtum anderer Länder zu patentieren und daraus kommerzielle Exklusivrechte abzuleiten, soll abgewehrt werden. Hintergrundberichte zum Thema Biodiversität und Biopiraterie.
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Nun macht ein Gipfeltreffen nur Sinn, wenn im Vorfeld klar ist, was das Treffen erreichen soll und kann. Was ist zu tun? Die konkreten Rezepte sind vielfältig: An erster Stelle steht die Armutsbekämpfung. Der Teufelskreis aus Hunger und Armut ist nur zu durchbrechen, wenn konsequent international Schulden abgebaut und gleichzeitig in den betroffenen Ländern eine verantwortungsvolle Regierungspraxis entwickelt wird. Erst der Schuldenabbau wird den enormen Druck von Entwicklungsländern nehmen, anstelle von Nahrungsmittel für die Bevölkerung vorzugsweise für den Export (Tabak, Kakao, Kaffee) zu produzieren. Vor Ort heißt Armutsbekämpfung, Land- und Wasserrechte als öffentliche Güter zu sichern sowie lokalen und regionalen Handel zu ermöglichen. International ist die Situation nur zu verbessern, wenn die Industrieländer, insbesondere die USA und Europa, aufhören, ihre eigene Landwirtschaft mit hohen Beträgen zu subventionieren und von den anderen Ländern zu fordern, weder dies zu tun, noch Importzölle zu erheben. Weiterhin verlangen die Entwicklungsländer zurecht, dass ihnen der Zugang zu den europäischen und US-Märkten geöffnet wird, so wie sie angehalten werden, ihre Märkte zu öffnen. Die Nicht- Regierungsorganisationen fordern vom Gipfel eine Konvention zu Ernährungssouveränität sowie Handel mit Nahrungsmitteln und Landwirtschaft, die in das Regelwerk der Welthandelsorganisation aufgenommen wird; denn Hunger auf der Welt ist wesentlich eine Folge ungleicher Handelsbeziehungen - zu unserem Vorteil. Die Wende von der Massenproduktion zur Produktion agrarischer Qualitätsprodukte in Deutschland ist u.a. ein Schritt zur Entlastung der internationalen Märkte von der Überproduktion Europas und der USA.

In der Entwicklungszusammenarbeit steht die Förderung der ländlichen Entwicklung im Vordergrund. Neben Programmen für die Kleinbauern und ihre Familien, die den Löwenanteil der Nahrungsmittel in Entwicklungsländern produzieren, gehören Programme für soziale Grundsicherung, Infrastruktur und Dezentralisierung; hinzu kommen muss die Aids-Bekämpfung. Wo es nicht gelingt, diese Seuche durch Prävention, Therapie und Hilfe für die Infizierten und ihre Angehörigen zu überwinden, rückt Ernährungssicherheit in weite Ferne.

Schließlich kann auch Forschung in den betroffenen Ländern und hier einen Beitrag leisten, etwa Züchtungsforschung in Zusammenarbeit mit Kleinbauern aus Entwicklungsländern, Umwelt- und Ernährungsforschung. Der mögliche Beitrag der Gentechnik wird nach heutigem Kenntnisstand häufig überschätzt; neben unbekannten Risiken wissen wir wenig über den tatsächlichen Nutzen etwa eines erhöhten Vitamin-A- und Eisengehalts in Reis. Die Erfahrung mit der Grünen Revolution zeigt, dass Steigerung der Erträge kein isoliertes Ziel sein kann, denn heute haben wir weltweit genug Nahrungsmittel für alle Menschen - wenn sie ihnen denn zur Verfügung ständen.

Prof. Michael Krawinkel in der Frankfurter Rundschau vom 11.06.02.
Prof. Krawinkel lehrt "Ernährung in Entwicklungsländern" am Institut
für Ernährungswissenschaft der Gießener Justus-Liebig-Universität.

 
 


Di.30.04.02
Entwicklungsländer profitieren nur begrenzt vom Welthandelssystem
Unctad-Bericht: Stark gestiegener Anteil der Entwicklungsländer am weltweiten Exportgeschäft hat sich nicht in einem entsprechenden Wohlstands- und Einkommenszuwachs niedergeschlagen. In den Entwicklungsländern muss den einheimischen und regionalen Wachstumskräften mehr Beachtung geschenkt werden, um die Abhängigkeit vom Außenhandel zu verringern.
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