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Fr. 14.06.2002      

"Rückschlag für die Hungernden"

Welternährungsgipfel in Rom ist ohne konkretes Ergebnis zu Ende gegangen

Welternährungsfragen hätten bei den Regierungen der Industrienationen keine hohe Priorität, kritisiert der Leiter der Entwicklungszusammenarbeit von World Vision Deutschland. Weltweit sterben täglich rund 100.000 an den Folgen von Unterernährung.

Nichtregierungsorganisationen üben scharfe Kritik. Das Abschlussdokument der
     Konferenz zeige keinerlei Lösungen für die dringlichsten Probleme auf, so dass
     sich der Hunger in der Welt nur noch verschlimmern werde.
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Scharfe Kritik zum Abschluss des Welternährungs-Gipfels

Fr.14.06.02 - Mit einer Bekräftigung seiner bisherigen Ziele ist der Welternährungsgipfel in Rom am Donnerstag zu Ende gegangen. Die Zahl der Hungernden müsse bis 2015 von derzeit 800 Millionen auf die Hälfte reduziert werden, forderte der Generaldirektor der Welternährungsorganisation (FAO), Jacques Diouf, in seiner Abschlusserklärung. Kritiker betonten, dies sei schon beim ersten Gipfel 1996 vereinbart worden, ohne dass bislang Fortschritte erzielt worden seien.

Diouf verteidigte die Beschlüsse des Gipfels. "Nehmen wir von jetzt an den Kampf gegen die Zeit auf, setzen wir uns Ziele, beweisen wir gemeinsam, dass wir den Krieg gegen Hunger und Armut, gegen Skepsis und Egoismus gewinnen können», rief er den rund 6.600 Teilnehmern aus 181 Ländern zu. Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi warb derweil um Verständnis dafür, dass unter den 74 anwesenden Staatsoberhäuptern nur wenige aus Industrienationen stammten. Ein Vier-Tage-Programm schrecke vielbeschäftigte Politiker ab.

Kritiker beklagten indessen ein mangelndes Interesse an dem Gipfel. Umwelt- und Agrarorganisationen, die zeitgleich eine eigene Konferenz abgehalten hatten, sprachen von einer "kollektiven Enttäuschung" über das Abschlussdokument. Dieses zeige keinerlei Lösungen für die dringlichsten Probleme auf, so dass sich der Hunger in der Welt nur noch verschlimmern werde.

Die Welthungerhilfe wertete den Gipfel als "Rückschlag für die Hungernden" und die Abschlusserklärung als "Dokument des Scheiterns". Das Schlussdokument enthalte nichts wirklich Neues; längst getroffene Vereinbarungen würden teilweise in neue Worte verpackt, teilweise sogar weiter verwässert, erklärte die Welthungerhilfe. Die Regierungen der Entwicklungsländer würden zu wenig in die Verantwortung für die Hungerbekämpfung in ihren Ländern genommen. Landreformen und andere strukturelle Veränderungen seien im Schlussdokument kein dringliches Thema mehr - eine Kursänderung, die auf Betreiben von Entwicklungsländern durchgesetzt worden sei. Dies sei ein Rückschlag vor allem für Frauen, die in vielen Ländern kein Land besitzen dürften oder keine Kredite bekommen könnten, gleichzeitig aber das Überleben ihrer Familien sichern müssten.

Weltweit hungern laut den Vereinten Nationen mehr als 800 Millionen Menschen, rund 100.000 sterben täglich an den Folgen von Unterernährung. Die internationale Gemeinschaft habe zu wenig Hungernden zu halbieren, wie es beim letzten Gipfel im November 1996 für das Jahr 2015 als Ziel gesetzt wurde, bemängelt Albrecht Hartmann, Leiter der Entwicklungszusammenarbeit von WORLD VISION Deutschland. "Das ist auch eine Folge vernachlässigter Maßnahmen zur Ernährungssicherung und zur Entwicklung ländlicher Räume seitens der Industrieländer", kommentiert Hartmann die enttäuschende Bilanz des Welternährungsgipfels in Rom.

"Bauern in Entwicklungsländern brauchen leichteren Zugang zu Land, höherwertige Agrartechnik und das Wissen, wie widerstandsfähige Produkte angebaut und anschließend vermarktet werden." Auch würden, so Hartmann, die armen Länder häufig immer noch von den Agrarmärkten ausgeschlossen. "Hohe Zölle und landwirtschaftliche Subventionen bei uns machen es vielen Ländern schwer, auf dem Weltmarkt zu bestehen."

"Leider nimmt die Öffentlichkeit humanitäre Katastrophen nur selektiv wahr", ergänzt Hartmann. Dass aber ein Großteil der Bevölkerung ständig Hunger leide, interessiere nur wenige, konkrete Aktionen dagegen gebe es kaum. Welternährungsfragen hätten bei den Regierungen der Industrienationen keine hohe Priorität. Mit Ausnahme Spaniens habe kein Industriestaat einen Staats- oder Regierungschef zum Gipfel nach Rom geschickt.

World Vision beklagt auch die leidige Diskussion beim Ernährungsgipfel um Nahrung als Menschenrecht. Organisationen wie Germanwatch verwiesen auf die wichtige Rolle, die auch multinationale Unternehmen im Kampf gegen den Hunger spielen müssten.

Umstritten war auf dem Gipfel vor allem die Forderung nach einem Ausbau der Forschung für gentechnisch veränderte Landwirtschaftsprodukte. Diese gefährdeten die biologische Vielfalt, warnten die Kritiker. Bisher haben 56 Staaten, darunter auch Deutschland, einen international verbindlichen Vertrag über gentechnisch veränderte Pflanzen unterschrieben, der deren multilateralen Austausch ermöglichen soll.

Der Paragraph 25 der Schlusserklärung. ruft die FAO auf, Forschung und Entwicklung von Biotechnologie zwecks Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktivität in Entwicklungsländern zu fördern. Dies entspricht einer Forderung der USA und stößt bei Nichtregierungsorganisationen auf heftige Kritik. Fred Kalibwani aus Simbabwe sprach von einer "Tragödie für Afrika", die Ernährungssicherheit in die Hände multinationaler Unternehmen lege. Diese aber, so kritisiert "Germanwatch" aus Deutschland, kommen in der Schlusserklärung gar nicht vor. Vandana Shiva aus Indien sagte: "Neues Saatgut und Pestizide werden immer teurer. Die Bauern verschulden sich und verkaufen ihre Organe, ihre Nieren, ihre Kinder."

"Hunger ist eine der schlimmsten Verletzungen der Menschenwürde. In einer Welt des Überflusses liegt es in unserer Macht, den Hunger zu beenden. Das Versagen, dieses Ziel zu erreichen, sollte uns alle mit Scham erfüllen", kritisierte UN-Generalsekretär Kofi Annan.

Die UN schätzt die Zahl der Hungernden auf 816 Millionen Menschen, davon leben 777 Millionen in Entwicklungsländern und mehr als 38 Millionen in so genannten Schwellenländern. In Teilen des südlichen Afrikas steht in den kommenden Monaten die schlimmste Hungerkatastrophe der letzten zehn Jahre bevor. Davon könnten bis zu 13 Millionen Menschen betroffen sein. Laut FAO müssten jährlich 22 Millionen Menschen vom Hunger befreit werden und jeder Teilnehmerstaat des Gipfels musste 25,5 Milliarden Euro aufbringen, um das Ziel der "Internationalen Allianz gegen Hunger" zu erreichen. Dazu FAO-Chef Jacques Diouf: "Davon ist die Realität aber weit entfernt."
 
 

(Quellen:ap, afp, dpa, taz, jw, ots)

 
 

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Fünf Jahre nach dem letzten Gipfeltreffen dieser Art im Jahre 1996 sollte die diesjährige Konferenz eine Zwischenbilanz ziehen über die Umsetzung des damals verabschiedeten Aktionsplans, mit dem die Anzahl der Hungernden bis 2015 auf etwa 400 Millionen Menschen verringert werden sollte. Daß die Bilanz mit weiterhin 815 Millionen unterernährten Menschen extrem negativ ausfallen mußte, war schon zu Beginn des Welternährungsgipfels am Montag klar. "Der Aktionsplan von 1996 ist nicht gescheitert mangels politischen Willens und Ressourcen, sondern weil er eine Politik unterstützt, die zu Hunger führt und die wirtschaftliche Liberalisierung für den Süden unterstützt", heißt es in dem Abschlußdokument der NGOs.

Regierungen und internationale Organisationen hätten seit 1996 auf Globalisierung und Liberalisierung der Märkte gesetzt, mit der Folge, daß die strukturellen Gründe für Hunger und Unterernährung verstärkt würden. Märkte in den Entwicklungsländern seien für Agrarprodukte zu Dumpingpreisen geöffnet, soziale und wirtschaftliche Unterstützungssysteme privatisisert worden. Ressourcen und Produktionsprozesse befänden sich nun in den Händen von wenigen Multis. "Die Überstülpung von intensiven, außenabhängigen Produktionsmodellen hat die Umwelt und die Lebensbedingungen unserer Gemeinschaften zerstört", lautet eine andere Kritik.

Die offizielle Erklärung des FAO-Gipfels läßt nicht annehmen, daß sich diese Situation ändern könnte. Sie redet der Handelsliberalisiserung, neoliberalen strukturellen Anpassungsprogrammen, Biotechnologie und genetischer Ingenieurskunst das Wort, anstatt auf eine Stärkung der lokalen Produktion durch die Armen selbst zu setzen und sich um Menschenrecht auf Nahrung zu bekennen.

Der Vorschlag der Nichtregierungsorganisationen liegt im Gegensatz zu der in Rom proklamierten Internationalen Allianz gegen Hunger in dem Ansatz der "Nahrungssouveränität". Das bedeutet, "das Recht von Völkern, Gemeinschaften und Ländern, ihre eigene Politik in Landwirtschaft, Beschäftigung, Fischerei und Ernährung zu definieren". Die "Ernährungssouveränität" verlange unter anderem eine Priorität der Nahrungsproduktion durch Kleinbauern für lokale Märkte mit umweltfreundlichen Methoden, den ungehinderten, von der Gemeinschaft und nicht durch "Marktkräften" geregelten Zugang zu Wasser, Land, Wäldern, Fischgründen und anderen Produktionsmitteln, staatliche Investitionen zur Unterstützung der Produktion durch Familien und Gemeinschaften.
(taz, 14.06.02 http://www.taz.de/pt/2002/06/14/a0147.nf/text.name,asklJeMMQ.n,0)

 
 


Mo.10.06.02
Hungerbekämpfung ist zentrales Thema des Welternährungsgipfels in Rom
Mehr als fünf Jahre nach dem ersten Welternährungsgipfel hat sich die Situation der Hungernden in der Welt nicht wesentlich verbessert. Ernährungswissenschaftler Prof. Krawinkel: "Hunger auf der Welt ist wesentlich eine Folge ungleicher Handelsbeziehungen". USA lehnen Verankerung des Rechts auf Ernährung für alle ab.
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