B.O.A.-NACHRICHTEN
 last update: boa München, Mi.19.06.2002 - 14:00 
  [ Übersicht ] [ Ticker ] [ Medien-Termine ] [ Medien-Nachrichten ]
 

.
  zur Übersicht
Mi. 19.06.2002      

Bemühungen um Lösung des Nahostkonflikts
erleiden empfindlichen Rückschlag

Zwanzig Tote bei Selbstmordanschlag in West-Jerusalem

Fast 200 Tote bei Anschlägen in diesem Jahr. Israel erwägt Ausweisung führender Palästinenser. Ex-CDU-Minister Blüm hat das Vorgehen der israelischen Armee in den palästinensischen Gebieten erneut als Vernichtung dargestellt. Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel: "Unfassbar und eine Beleidigung sämtlicher Holocaust-Opfer".

Bisher blutigster Anschlag auf Bus könnte Folgen für Arafat haben.Israels
     Ministerpräsident Scharon macht den Palästinenserpräsidenten persönlich für
     die Selbstmordattentate verantwortlich und will mit ihm unter keinen Umständen
     verhandeln. Die Palästinenserführung verurteilte den Anschlag.
Allein in diesem Jahr etwa 30 Selbstmordanschläge und Feuerüberfälle von
     Palästinensern mit annähernd 200 Toten.
Heftige Reaktionen auf Blüms erneute Vorwürfe gegen Israel. Der Ex-CDU-Minister
     wirft Israels Armee 'Vernichtungsaktionen' vor. Zentralratspräsident, Paul Spiegel,
     spricht von "ungeheuerlichen Äußerungen".
Israel erwägt Ausweisung führender Palästinenser
Link-Empfehlungen zum Thema Nahost-Konflikt
 
 
 
 
 
 
 
 
 

°

[ zurück ]   [ Ticker ]   [ nach oben ]   

Nach Anschlag: Bemühungen um Lösung des Nahost-Konflikts in Frage gestellt

Mi.19.06.02 - Der bisher schwerste palästinensische Selbstmordanschlag auf einen israelischen Linienbus hat am Dienstag die internationalen Bemühungen um eine diplomatische Lösung des Nahostkonflikts in Frage gestellt. Ein Palästinenser zündete am Morgen in einem mit vielen Schülern besetzten Linienbus im Süden Jerusalems eine schwere Bombe. Durch die gewaltige Explosion wurden 17 Israelis und der Attentäter auf der Stelle getötet und 50 Fahrgäste verletzt. Zwei Opfer starben später im Krankenhaus. Zu der Tat am Dienstag bekannte sich die radikal-islamische Hamas- Organisation.

Erst vor knapp zwei Wochen waren bei einem Autobomben-Anschlag auf einen Linienbus bei Megiddo in Nord-Israel 17 Israelis und der Attentäter getötet worden.

Der 33. Anschlag in Israel in diesem Jahr hat nicht nur großes Leid über unschuldige Familien gebracht, sondern kann auch weit reichende politische Konsequenzen haben. Selbst die Ausweisung von Palästinenserchef Jassir Arafat wird nicht mehr ausgeschlossen. Schon nach dem Anschlag von Megiddo am 5. Juni, bei dem 17 Israelis getötet worden waren, waren israelische Einheiten in das Hauptquartier von Palästinenser-Präsident Arafat vorgerückt und hatten in dessen Schlafzimmer geschossen.

Erstmals fuhr Ministerpräsident Ariel Scharon am Dienstag zum Ort eines Anschlages. Die Leichen lagen aufgereiht und mit Laken zugedeckt am Straßenrand. Angesichts der neuen Gewalt drückte er seine Empörung über die jüngsten Forderungen der Palästinenser nach einem unabhängigen Staat aus: "Über welche Art von Palästinenserstaat reden sie? ... Das Schreckliche, das wir heute sehen, ist eine Fortsetzung des palästinensischen Terrorismus, und dieser Terrorismus muss bekämpft werden. Das ist es, was wir tun", sagte Scharon vor Journalisten.

Das Attentat von Jerusalem ereignete sich am Vorabend einer mit Spannung erwarteten Erklärung von US-Präsident Bush, in der er nach eigenen Angaben Leitlinien Washingtons für eine Beendigung des Nahostkonflikts darlegen wollte. Nach US-Medienberichten wird Bush keinen detaillierten Friedensplan vorlegen. Stattdessen wolle er seine Bedingungen für die Anerkennung eines Staates Palästina erläutern, darunter die Reorganisation der palästinensischen Selbstverwaltung. Es sei möglich, dass Bush Außenminister Colin Powell schon Anfang kommender Woche erneut in den Nahen Osten schicke, um eine internationale Nahostkonferenz vorzubereiten.

Ein Berater von Palästinenserführer Jassir Arafat drängte Bush am Dienstag, der raschen Ausrufung eines Palästinenserstaates zuzustimmen. Wie die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa mitteilte, "beschwor" Nabil Abu Rudeineh Bush, einen Palästinenserstaates zu proklamieren und internationale Truppen zur Überwachung der Grenze zu entsenden. Außerdem sei die Rückkehr zu Verhandlungen der einzige Weg zu Sicherheit und Stabilität. Scharon hat Verhandlungen ausgeschlossen, so lange die Gewalt andauert.

Nach dem Besuch von Scharon bei US-Präsident George W. Bush hatten israelische Kommentatoren geschrieben, dass Scharon in Washington keine Garantie für Arafat abgegeben habe. Scharon wolle noch ein oder zwei schwere Anschläge abwarten und Arafat dann ausweisen. Scharon macht den Palästinenserpräsidenten persönlich für den Terrorismus verantwortlich und will mit ihm unter keinen Umständen verhandeln.

Die Palästinenserführung verurteilte den Anschlag. Die Palästinenser seien gegen das Töten von israelischen und palästinensischen Zivilisten, sagte Kommunalminister Sajeb Erekat. Israel könne die Palästinenserführung nicht für den Anschlag verantwortlich machen, weil es mit seinen Militäroperationen in den Palästinensergebieten die Fähigkeit der Sicherheitskräfte zerstört habe.

Zugleich bemühte sich Erekat um Schadensbegrenzung. Er hoffe, dass der Anschlag keine Auswirkungen auf die Nahost-Pläne von Bush habe. Der US-Präsident wollte eigentlich in dieser Woche die von Israelis, Palästinensern und Arabern seit langem mit Spannung erwartete Haltung der US-Regierung zum Nahost-Konflikt darlegen.

Die israelische Regierung kündigte nach intensiven Beratungen eine "Reaktion" auf den Anschlag an. Außenminister Schimon Peres kehrte vorzeitig von einer Auslandsreise zurück. Verteidigungsminister Benjamin Ben-Elieser ordnete noch am Dienstag den schnellen Bau eines Sperrzaunes um Teile Jerusalems an.

Bereits am Montag waren die israelischen Sicherheitskräfte in höchste Alarmstufe versetzt worden, nachdem der Geheimdienst vor fünf Selbstmordattentätern im Raum Jerusalem und Haifa gewarnt hatte. Der erste sprengte sich am Montagmorgen in Nord- Israel in die Luft und verletzte dabei glücklicherweise niemand.

Seit der großen Militäroperation im Westjordanland vom April rückt die israelische Armee bei ihrer Jagd auf mutmaßliche militante Palästinenser praktisch tagtäglich in palästinensische Städte und Dörfer ein. Alle Ausgangssperren, die radikale Einschränkung der Bewegungsfreiheit von zwei Millionen Palästinensern, Kontrollposten, palästinensische Kollaborateure und Geheimdienstinformationen haben das Blutbad von Jerusalem jedoch nicht verhindern können.

Die internationale Gemeinschaft reagierte mit Empörung auf den Anschlag in Jerusalem. US- Präsident George W. Bush sagte nach Angaben eines Sprechers, diese Terroristen, die unschuldige Männer, Frauen und Kinder töteten, seien Feinde des Friedens. Der Sprecher fügte hinzu, der Anschlag habe keinen Einfluss auf den Zeitpunkt, an dem Bush seine Vorstellungen über eine Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes bekannt geben werde.

UN-Generalsekretär Kofi Annan verurteilte die Tat "auf das Schärfste" und bedauerte, dass die Bemühungen um eine Lösung des Nahostkonflikts einen empfindlichen Rückschlag erlitten hätten. Bundesaußenminister Joschka Fischer meinte, die Tat sei "durch nichts zu rechtfertigen" und ein weiterer Versuch, die Chance auf eine politische Lösung zu zerstören. EU-Ratspräsident Josep Piqué nannte die Täter "Feinde des Friedens und des palästinensischen Volkes".

Die EU setzte unterdessen drei weitere radikale Palästinenserorganisationen auf ihre Liste von Terrorgruppen. Während der bewaffnete Arm der Hamas und der Islamische Dschihad bereits früher von der EU als Terrororganisationen eingestuft worden waren, kamen jetzt die Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden hinzu. Die Gruppe, die zum Umfeld von Arafats Fatah-Organisation gehört, hat sich zu zahlreichen Anschlägen bekannt. Auf die Terrorliste setzte die EU auch die Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) und die Volksfront für die Befreiung Palästinas - Generalkommando (PFLP-GC).

°

[ zurück ]   [ Ticker ]   [ nach oben ]   

Fast 200 Tote bei Anschlägen in diesem Jahr

Allein in diesem Jahr hat es in Israel insgesamt etwa 30 Selbstmordanschläge und Feuerüberfälle von Palästinensern mit annähernd 200 Toten gegeben. Dazu gehörten neben dem Attentat vom Dienstag:

5. Juni in Megiddo: Ein mit Sprengstoff beladener PKW explodiert neben einem Linienbus. Bilanz: 18 Tote, darunter der Dschihad- Attentäter.

7. Mai bei Tel Aviv: Ein Palästinenser lässt in der Billiardhalle eines Unterhaltungszentrums in Rischon Lezion bei Tel Aviv eine Bombe hochgehen. Mit ihm sterben 15 Besucher.

31. März in Haifa: In einem Restaurant neben einer Tankstelle zündet ein Hamas-Mann einen um den Leib gebundenen Sprengsatz. Der Attentäter und 15 Israelis sterben.

27. März in Netanja: Bei einem Mahl zum jüdischen Passah-Fest werden in einem Hotel 29 Israelis von einer Bombe zerrissen, mehr als 100 verletzt. Auch der Hamas-Attentäter stirbt beim bislang schwersten Anschlag seit Beginn der zweiten Intifada.

9. März in Jerusalem: Ein Hamas-Extremist zündet in einem Café eine mit Schrauben gespickte Bombe. Mit ihm sterben elf Gäste.

2. März Jerusalem: Im westlichen Stadtteil Beit Israel reißt ein 18-jähriger Selbstmordbomber neun Israelis mit in den Tod. Unter den Opfern sind fünf Kinder.

°

[ zurück ]   [ Ticker ]   [ nach oben ]   

Blüm wirft Israels Armee "Vernichtungsaktionen" vor

Mi.19.06.02 - Der CDU-Politiker Norbert Blüm hat die israelische Regierung scharf attackiert und Israels Ministerpräsidenten Ariel Scharon "blindwütiges Zurückschlagen" in den Palästinensergebieten vorgeworfen. "Ich kann in den Aktionen der israelischen Armee keinen Abwehrkampf gegen den Terrorismus sehen - sondern nur Vernichtung", sagte Blüm dem Magazin "Stern". Der Ex-Arbeitsminister hatte bereits in der Vergangenheit von einem "hemmunglosen Vernichtungskrieg" gesprochen und nahm im "Stern" diese Wortwahl nicht zurück. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, sprach von "ungeheuerlichen Äußerungen".

"Wenn Kinder getötet werden, wenn eine Mutter mit ihrem lebensgefährlich erkrankten Kind nicht in die Klinik darf, dann nenne ich das Vernichtung", sagte Blüm dem "Stern". In Israel und in den Palästinensergebieten finde ein Kampf statt, "bei dem offenbar keine Regeln und humanitären Rücksichten gelten, auch nicht die des Kriegs-Völkerrechts". Zu der Frage, ob ihm zuvor in einem Schreiben an Israels Botschafter Schimon Stein das Wort "Vernichtungskrieg" nicht nur "rausgerutscht" sei, sagte Blüm: "Ich habe nach einem Wort gesucht, das diese blindwütige Rache ausdrückt, mit der Israels Premier Scharon vorgeht". Er beziehe das Wort ausdrücklich auf Scharon, sagte Blüm weiter.

Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Jürgen Rüttgers wies Blüms Äußerungen in zwei wesentlichen Punkten zurück. Am Rande des CDU-Parteitages in Frankfurt am Main sagte Rüttgers, Blüm habe Unrecht, wenn er in den Aktionen der israelischen Militärs keinen Abwehrkampf gegen den Terrorismus, sondern nur Vernichtung sehe. Israel habe das Recht, sich gegen Selbstmordattentäter zu wehren.

Insbesondere aber widerspreche er Blüm, wenn er sage, der Vorwurf des Antisemitismus werde auch als Knüppel benutzt. "Alle, die das böse Wort vom 'Knüppel' des Antisemitismus benutzen, ermöglichen es den Ewiggestrigen, sich dahinter zu verstecken", erklärte Rüttgers. Das habe Blüm nicht bedacht.

Spiegel erklärte, wer angesichts des erneuten Selbstmordanschlags mit 20 Toten und mehr als 50 Verletzten in den Aktionen des israelischen Militärs keinen Abwehrkampf gegen den Terrorismus sehe, habe "jeden Realitätssinn verloren". Entschiedene Kritik sei akzeptabel und wichtig. Wer aber die Grausamkeiten und den Terror der palästinensischen Seite sowie Ursache und Wirkung in diesem Konflikt hartnäckig übersehe, der beweise eine "beispiellose Doppelmoral". Der erneute Versuch Blüms, Israel als den einzigen Übeltäter und sogar Verbrecher in diesem Konflikt darzustellen, sei "Rassismus pur".

Mit dem wiederholten Gebrauch des Begriffs Vernichtung stellt Blüm laut Spiegel "bewusst eine nicht vorhandene Verbindung zwischen dem heutigen Kampf gegen den Terrorismus in Israel und dem Treiben des Nazi-Terrors" her. Damit werde der Versuch gemacht, historische Wahrheiten zu relativieren sowie aus einstigen Opfern und ihren Nachkommen vergleichbare Täter zu machen. Dies sei "unfassbar und eine Beleidigung sämtlicher Holocaust-Opfer". Spiegel begrüßte die Distanzierung des CDU-Vorstands von den "Entgleisungen Norbert Blüms".

°

[ zurück ]   [ Ticker ]   [ nach oben ]   

Israel erwägt Ausweisung führender Palästinenser

Mi.19.06.02 - Als Reaktion auf die jüngsten palästinensischen Selbstmordanschläge erwägt Israel die Ausweisung führender Palästinenser. Sollte diese Maßnahme beschlossen werden, würde sie aber nicht Palästinenserpräsident Jassir Arafat betreffen, sagte ein Vertreter der israelischen Regierung. Derweil protestierte die Palästinenserführung gegen die Absicht Israels, einen Teil der Autonomiegebiete bis auf weiteres zu besetzen.

"Wir verurteilen die israelische Aggression und die Eskalation gegen unsere Städte, die Autonomiebehörde und das palästinensische Volk", hieß es in einer in Gaza verbreiteten Mitteilung. Zugleich betonte die Palästinenserführung, sie wolle sich weiter um den Friedensprozess bemühen.

Das Büro von Regierungschef Ariel Scharon hatte zuvor mitgeteilt, die Armee werde "bald" einige palästinensisch kontrollierte Gebiete einnehmen. Die Soldaten würden so lange dort bleiben, wie der palästinensische "Terror" anhalte. Bislang hatte die Armee bei ihrem Einrücken in Palästinenserstädte stets von "punktuellen Operationen" gesprochen, bei denen die Soldaten nach Beendigung einer bestimmten Mission wieder abgerückt seien.

In der Nacht zu Mittwoch übernahm die Armee nach palästinensischen Angaben die vollständige Kontrolle über Dschenin und das benachbarte Flüchtlingslager im Westjordanland. Wenig später drangen Soldaten nach Kalkilija im Norden des Westjordanlandes vor, wie ein Armeesprecher mitteilte. Demnach rückte die Armee dagegen aus Nablus wieder ab, nachdem sie dort erst Stunden zuvor eingerückt war.
 
 

(Quellen:ap, dpa, afp, rtr)

 
 

°

[ zurück ]   [ Ticker ]   [ nach oben ]   

Link-Empfehlungen zum Thema Israel-Palästina

Dossier zum Nahostkonflikt [spiegel]
Aktuelle Berichterstattung sowie umfassende Themenübersicht zu Hintergrundinformationen:
http://www.spiegel.de/politik/0,1518,k-729,00.html

Nachrichten-Ticker der israelischen Tageszeitung "haArez"
Aktuelle Agentur- und Pressemeldungen zum Nahost-Konflikt. Außerdem israelisches Radio- und TV:
http://hagalil.de/nahost-politik/

Naher Osten, Israel/Palästina
Chronologie des "Friedensprozesses" sowie eine aktualisierte und kommentierte Link-Liste von israelischen und palästinensischen Organisationen nebst Zeitungen.
http://www.friedenskooperative.de/themen/isra-000.htm

Israel /Palästina - Geschichte, Konflikte, Kriege
Aktueller Informationsdienst des IZ Sozialwissenschaften:
http://www.social-science-gesis.de/Information/Themen/FOKUSplus/
Israel/Geschichte.htm

 
 


[ zurück ]   [ Ticker ]   [ nach oben ]   


  zur Übersicht


 

PicoSearch

| Nachrichtenticker |

 | kunst&kult | philosophie | wissenschaft | gesellschaft | diverses | öko | medien | links

| home | home(no frame) |

B.O.A.-Künstlerkooperative
Gabelsbergerstr.17, D-80333 München, Telefon/Fax : 089- 280621,
boa-kuenstlerkooperative@t-online.de


FastCounter by bCentral