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. ..Mord, Brandstiftung, Plünderung, Raub und Vertreibung
.   09./10.11.1938:
  "Reichskristallnacht" - Novemberpogrom
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   Die Ereignisse während der sogenannten "Reichskristallnacht" waren eine konsequente Fortführung und Radikalisierung einer bereits 1933 begonnenen NS-"Judenpolitik" die die zunehmende Ausgrenzung, Entrechtung und Demütigung jüdischer Bürger sowie  ihrer Aus- bzw. Vertreibung aus Deutschland betrieb. Durch die gesetzlich vorgeschriebene Anmeldepflicht jüdischer Vermögen über 5.000 Reichmark im April 1938 und die Kennzeichnung jüdischer Wirtschaftbetriebe einen Monat später,  wurde die definitive Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben vorbereitet.
   Anknüpfungspunkte für die "Reichskristallnacht" boten zwei "Aktionen" der Sicherheitspolizei und der Gestapo im Verlauf des Jahres 1938. Zum einen war dies die sogenannte "Juniaktion", in der mehr als 10.000 "Asoziale" in die Konzentrationslager eingewiesen wurden, darunter rund 1.500 Juden, die zu einer Gefängnisstrafe von mehr als einem Monat verurteilt waren. Erkennbar ist hier bereits die Intention, die im November in noch viel größerem Maßstab verwirklicht wurde, nämlich durch Terror und KZ-Haft sowohl die Austreibung der jüdischen Bürger als auch die "Arisierung" ihres Besitzes zu erzwingen. 
   Ende Oktober wurden etwa 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit verhaftet und an die polnische Grenze deportiert, wo sie, da Polen die Einreise verweigerte, im Niemandsland umherirrten. Unter den Deportierten befanden sich auch die Eltern des 17 jährigen Juden Herschel Grünspan, der am 7.November 1938 aus Protest gegen die Verfolgung der Juden und seiner aus Deutschland vertriebenen Angehörigen, den Legationssekretär Ernst vom Rath an der dt. Botschaft in Paris niederschoß.
   Der reichsweite Pogrom vom 9./10.11.1938 ("Reichskristallnacht" -Novemberpogrom) gegen die Juden im Deutschen Reich wurde am Abend des alljährlichen Treffens der NSDAP-Führerschaft nach Zustimmung Hitlers von Minister Goebbels durch eine Rede ausgelöst, in der er, auf das Pariser Attentat bezugnehmend, in übelster Weise gegen die Juden hetzte. Anschließend gaben die SA-Führer von München aus telefonisch entsprechende Befehle an ihre Stäbe und Mannschaften durch. Die offizielle Propaganda suchte (vergeblich) den Pogrom als spontane Antwort der Bevölkerung auf den Tod des deutschen Diplomaten auszugeben. In einem barbarischen Terrorakt setzten SA- und NSDAP-Mitglieder die Synagogen in Brand, deren Trümmer später z.T. gesprengt wurden. Sie zerstörten etwa 7000 Geschäfte jüdischer Einzelhändler und verwüsteten Wohnungen der Juden. Sie töteten mehr als tausend Menschen. Die Zahl derer, die infolge von Leid und Schrecken umkamen, ist nicht bekannt. An den Aktionen beteiligten sich auch Angehörige der HJ und weiterer NS-Organisationen. Behörden insbesondere der Polizei und Feuerwehr ermöglichten, daß  die SA-Befehle ohne administrative Behinderung durchgeführt werden konnten. Der Mob nutzte die Chance zur Plünderung. Bei der nichtjüdischen Bevölkerung sind die Reaktionen auf den "Novemberpogrom" größtenteils durch Ablehnung gekennzeichnet, die sich jedoch weitgehend auf die Art und Weise des Vorgehens gegen die Juden bezog. Kritisiert wurden daher weniger die antijüdischen Maßnahmen oder die physische Gewalt gegen Menschen an sich, sondern die Ungeregeltheit und die Öffentlichkeit des Tuns sowie die "unnötige Vernichtung von Werten". Dies deckte sich auch mit der Einschätzung der staatlichen Bürokratie, der Justiz aber auch von NS-Führern wie Hermann Göring. Der zweite Mann des Staates beklagte den materiellen Schaden und die auftretenden "versicherungsrechtlichen Probleme" und fügte an, es wäre besser gewesen, "200 Juden zu erschlagen" als "solche Werte zu vernichten". Die Morde und gewalttätigen Exzesse des November 1938 machten deutlich, daß auch die letzten Schranken und Hemmungen gefallen waren. SS und Gestapo organisierten die Verschleppung einer nicht exakt festgestellten Zahl jüdischer Männer und Jugendlicher (etwa 26 000) in die KZ Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen. Die von der SS verhafteten Juden waren in den Konzentrationslagern einer bis dahin nicht gekannten Brutalität und Grausamkeit ausgesetzt. Viele von ihnen kamen dort infolge von körperlichen und psychischen Schikanen, von Medikamentenentzug u.a. um - innerhalb weniger Wochen gab es allein unter den in Dachau eingelieferten Juden 185 Tote. Anderen wurde der Verzicht auf Eigentum abgezwungen. Die Masse der Inhaftierten kam erst nach Auswanderungserklärungen frei. 
   Die Reichskristallnacht bezeichnet den Übergang Übergang zur forcierten Vertreibung der Juden ins Ausland und den Beginn der mit Enteignung identischen abschließenden Phase der Arisierung. Deutschland sollte »judenfrei« werden. Die Koordinierung aller Maßnahmen lag in den Händen von Göring und erfolgte nach einer Besprechung am 12.11.1938 im Gebäude des Reichsluftfahrtministeriums in Berlin unter Beteiligung von Goebbels, Heydrich sowie einigen Ministern und Vertretern der Wirtschaft (Versicherungen). Es ergingen Verordnungen und Erlasse über die »Sühneleistung« der Juden in Höhe von 1 Mrd. RM, über die Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben, die Schließung aller jüdischen Geschäfts- und Handwerksbetriebe, das Verbot des Besuchs von Theatern, Konzerten und Kinos, den Ausschluß der jüdischen Kinder von öffentlichen Schulen und der jüdischen Studenten von Hochschulen, die Einschränkung der öffentlichen Fürsorge, des Wohnrechts und der Bewegungsfreiheit, den Einzug der Führerscheine, den Zwangsverkauf jüdischen Eigentums an Grundstücken, Gebäuden, Geschäften und Produktionsmitteln sowie die Beschränkung der Verfügungsrechte über Wertpapiere, Kunst- und weitere Wertgegenstände, Berufsverbote für jüdische Hebammen, Zahn- und Tierärzte u.a. Heilberufe (sämtl. zwischen 12.11.1938 und 17.1.1939). Schließlich erteilte Göring Heydrich den Auftrag, die »Judenfrage« durch »Auswanderung oder Evakuierung« zu lösen (24.1.1939).
   Der Pogrom erzeugte im Ausland weltweit Proteste von Organisationen und Einzelpersonen, die wirkungslos blieben, trug aber zum Ende der britischen Appeasement-Politik bei.
 
 

Quellen:
"Enzyklopädie des Nationalsozialismus", hrsg. von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß, 2. Aufl. München 1998 (1997), S. 679-680.

"Der historische Ort der 'Reichskristallnacht' - Novemberpogrom 1938", 
LpB Baden-Württemberg1998

Fr, 09.11.99, Im Blickpunkt, "Ende einer Legende", neueste Forschungsergebnisse
 
 


 

Die Reichspogromnacht wurde nach 1945 nur sehr unzulänglich aufgearbeitet,
die meisten Täter wurden amnestiert
 

(...) Das (1938) von der Regierung Hitler inszenierte Pogrom gegen die Juden war ein Frontalangriff auf die Rechtsgarantien des Strafgesetzbuchs: Landfriedensbruch, Körperverletzung, Brandstiftung, Freiheitsberaubung und Totschlag wurden zum Inhalt staatlicher Tätigkeit. Die öffentliche Gewalt operierte als kriminelle Vereinigung. Verfügungen des Justizministeriums sorgten dafür, dass die Ahndung der Vergehen und Verbrechen grundsätzlich unterblieb. (...)

Die Ausschreitungen während der Pogromnacht waren 1945 Gegenstand einer Fülle von Gerichtsverfahren. Die Erneuerung der strafrechtlichen Schutzposition der Juden stand dabei im Zentrum. In dem wenige Monate nach der Zerschlagung des Dritten Reichs ergangenen Urteil  des Landgerichts Darmstadt vom 14. Dezember 1945 wurden die Angeklagten, die sich in Großzimmern am 9.November 1938 gegen die Juden zusammengerottet hatten, "als eigenverantwortliche Haupttäter qualifiziert", die sich nicht damit herausreden konnten, sie hätten nur "einem Befehtl gehorcht und diesen ausgeführt".

Diese in der Rechtsprechnung vorherrschende Position begann Ende der vierziger Jahre in dem Maße zu schwinden, in dem die juristischen Herrschaftseliten des Nationalsozialismus in ihre Stellungen zurückkehren. In jener Zeit trat der bekannte Strafrechtler Professor Reinhart Maurach im Einsatzgruppen-Prozess der USA als Gutachter auf und qualifizierte die Massenverbrechen an den Juden als legale Notwehr in einem totalen Krieg. Die Vernichtung der Juden durch die mobilen Tötungskommandos der SS wurde in eine legale Handlung verkehrt. Das Straffreiheitsgesetz von 1949, von der Regierung Adenauer eingebracht und von einer breiten Mehrheit im Deutschen Bundestag verabschiedet, amnestierte bestimmte nationalsozialistische Straftäter, auch jene, die Körperverletzung mit Todesfolge begangen hatten. Die Proklamation von Straffreiheit entsprach in bestimmten Maße der rechtsfeindlichen Position des NS-Justizministeriums von 1938, das die brandschatzende Truppe vor Sanktionen bewahrte.

Die Auswirkungen dieses Gesetzes waren weitreichend. Sie können an einer Entscheidung des Landgerichts Frankfurt vom 31.Dezember 1954 verfolgt werden. In der Pogromnacht hatte der Angeklagte mit einer Gruppe Jugendlicher einen jüdischen Kaufmann in Usingen heftig attackiert und "unter Schlägen auf die Straße getrieben. Die Ehefrau des Kaufmanns erhielt einen Stoß, so dass sie die Treppe herunterfiel und sich beide Knochen des Unterarms brach". Der Angeklagte wurde zu der äußerst niedrigen Strafe von zehn Monaten Gefängnis wegen Landfriedensbruchs verurteilt. Die Strafe wurde aber dank des Straffreiheitsgesetzes nicht wirksam.

Begründet wurde die milde Entscheidung des Landgerichts mit der Behauptung, dass der Angeklagte, der ein aktivistischer Nationansozialist der ersten Stunde war und schon 1929 der Hitlerjugend angehörte, bloßes Werkzeug der politischen Führung ohne eigene Überzeugung gewesen sei. Das Gericht stellte fest, dass "derVerurteilte von höheren Stellen zu dieser Tat missbraucht worden ist". Die Fiktion der inneren Distanz von überzeugten Nazis zu ihrem Regime bildete über Jahrzehnte die Grundlage einer Fülle von Entscheidungen in NS-Prozessen gegen Einsatzgruppen-Täter, KZ-Chargen und SS-Ärzte. Noch im Auschwitz-Prozess galt der Adjutant des Lagerkommandanten Robert Mulka, der eine steile SS-Karriere hinter sich hatte, der Zyklon-B bestellte, der Aufsicht an der Rampe des Vernichtungslagers führte und an der Entscheidung über Leben und Tod der Angekommenen beteiligt war, für das Frankfurter Landgericht als bloßer Gehilfe ohne eigenen Täterwillen. Diese "Streichelstrafen für Mörder-Nazis" (Ernst Bloch) waren für den Umgang mit NS-Verbrechen charakteristisch. (...)
 

Aus Joachim Perels - "Streichelstrafen für Nazi-Mörder", Süddeutsche Zeitung vom 9.November 2005. Perels lehrt Politische Wissenschaft an der Universität Hannover.
 


 

Auschwitz: 'Allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung'

Im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordeten die Nazis von 1940 bis 1945 zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen, die meisten davon Juden. Das Lager wurde am 27. Januar 1945 von der sowjetischen Armee befreit.... 

Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/auschw_1.htm#top
http://auschwitz.info/
http://www.auschwitz.org.pl/
 
 
 
 

Die Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944 haben am Holocaust mitgewirkt...

sagt der Münchener Historiker Johannes Hürter. Er hat damit eine kontroverse Debatte um die Rolle der hingerichteten Wehrmachtsoffiziere entfacht... 

Mehr in der taz vom 28.01.06: 
http://www.taz.de/pt/2006/01/28/a0175.1/text
http://www.taz.de/pt/2006/01/28/a0171.1/text

Johannes Hürter, 41, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt "Wehrmacht in der nationalsozialistischen Diktatur" am Münchener Institut für Zeitgeschichte. 
 
 
 

 

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