N.J.Paik, Video-Synthesizer, 1969/92
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Nam June Paik
TV-Bra for Living Sculpture
(for Charlotte Moormann),
1969/75
play sound
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Nam June Paik
One Candle/Eine Kerze, 1988
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Nam June Paik
Turtle, 1993
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SIEH
DEIN RECHTES AUGE MIT DEINEM LINKEN AUGE.
Kunsthalle Bremen
14. November – 23. Januar 2000
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Nam June Paik ist weltweit als "Vater der
Videokunst" bekannt. Darüber hinaus gilt er als "Renaissancekünstler
des 20. Jahrhunderts", der in seinem Werk Wissenschaft und Kunst, Philosophie
und Technik, Unterhaltung und Ernst verknüpft. In seinen Texten und
Aphorismen bezieht er Position zu Fragen der Mediengeschichte und -zukunft.
So beschrieb er bereits 1974 in einem Bericht für die Rockefeller
Foundation die Vision des "Electronic Highway", einer global vernetzten
Datenautobahn. Im Mai 1999 zählte die Kunstzeitschrift "ARTnews" Paik
neben Picasso, Duchamp oder Rauschenberg zu den "25 einflussreichsten Künstlern
dieses Jahrhunderts".
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Als Sammlungsort für Medienkunst dokumentiert
die Kunsthalle Bremen in ihrer umfangreichen Ausstellung mit über
100 Arbeiten die wichtigsten Werkphasen in Paiks Schaffen. Neben Arbeiten
auf Papier – von frühen Kompositionen über Aktions-Partituren
bis zu Collagen und Zeichnungen – werden große Video-Installationen
gezeigt: Die "Schildkröte" (1993) wird aus 166 TV-Monitoren geformt.
Außerdem werden einzelne Video-Bänder, darunter die von ca.
10. Millionen Zuschauern gesehene ARD-Sendung "Paik bei Bio" aus dem Jahr
1984 präsentiert. Die Ausstellung stellt Paiks Tätigkeit in Deutschland
in den Vordergrund.
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Nach seinem Musik- und Kompositionsstudium
in Japan und Deutschland wurde der 1932 in Seoul geborene Koreaner durch
spektakuläre Fluxus-Konzerte bekannt, angeregt durch den Avantgarde-Musiker
John Cage und den Kreis um Karlheinz Stockhausen und Mary Bauermeister
in Köln.
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Paiks bildkünstlerische Tätigkeit
setzte 1963 mit der Ausstellung Exposition of Music – Electronic Television
in der Wuppertaler Galerie Parnass ein. Hier zeigte er erstmals TV- und
Klangobjekte, die erst durch das Eingreifen des Betrachters als Kunstwerk
vollendet werden: So etwa Random Access, eine Arbeit, die
aus an die Wand geklebten Schnipseln von Tonbändern besteht, welche
der Besucher nach dem Zufallsprinzip mit einem freien Tonband-Tonkopf "abspielen"
und so zu neuen Musikstücken collagieren kann.
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Schon früh fand sich bei Paik neben
aggressiven Fluxusgesten, die zum Beispiel in der Dekonstruktion von Musikinstrumenten
bestanden, die kreative Kontemplation, so etwa in Zen for Film.
In Analogie zu John Cage, der die Stille als Nicht-Klang in seine Musik
einbezog, entdeckte Paik die Leere des Bildes für seine Kunst: Ein
unbelichteter Film soll als "Anti-Film" den Betrachter dazu anhalten, der
Bilderflut von außen eigene Bilder von innen entgegenzusetzen.
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Als Komponist elektronischer Musik entschloss
sich Paik bald, auch visuell mit Elektronik zu arbeiten. In dem Robot
K 456 setzte er seine Erfahrungen aus beiden Bereichen um. Mit ihm
plädierte Paik für eine Humanisierung von Technik, denn er macht
den Menschen nicht überflüssig, sondern unentbehrlich, da er
von mindestens vier Personen bedient werden muß. Auch wird Robot
K 456 oft krank und stockt mitten im Satz. 1982 hatte er in New York
sogar einen Verkehrsunfall. Er exemplifiziert Paiks Liebe zu "antitechnologischer
Technologie".
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Bereits seit den frühen 60er Jahren
manipulierte Paik Fernsehgeräte, indem er etwa Fernsehbilder durch
das Auflegen von Magneten verzerrte. 1969 entwickelte er dann mit dem japanischen
Elektroingenieur Shuya Abe einen Video Synthesizer, der sich
heute im Besitz der Kunsthalle Bremen befindet. Mit ihm konnten erstmals
in der bildenden Kunst künstliche Bilderwelten erstellt und gleichzeitig
Bilder in jeder Form, Farbe und Bewegungsfolge verfremdet werden. Paik
komponierte Bilder in langsamen und schnellen Frequenzen - Bilderrausch
und Leere wechselten einander ab. Die Behandlung und Wahrnehmung von Zeit
wurde zum zentralen Thema seiner Videos.
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Zur gleichen Zeit entstand das erste Videoobjekt
für die Cellistin Charlotte Moorman, die in Paiks Werk zu einer Art
Kunstfigur wurde: Für sie entwarf er 1975 den TV-Bra for Living
Sculpture. Dieser Büstenhalter besteht aus 2 kleinen Monitoren,
auf denen man während des Auftrittes ein Video, ein Fernsehprogramm
oder das Publikum selbst sehen konnte. Mit diesem und ähnlich skandalumwitterten
Auftritten Charlotte Moormans ließ Paik Sinnlichkeit in die Konzertsäle
einziehen, trug die sexuelle Revolution in den Bereich der Musik.
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Anfang der 70er Jahre setzten dann seine
Multi-TV-Installationen ein. Im zentralen Raum der Ausstellung wird der
TV
Garden (1975) präsentiert, der innerhalb eines Zyklus‘ zu den
vier Elementen die Erde bezeichnet: Die in unterschiedlichen Winkeln auf
dem Rücken liegenden, nach oben strahlenden 25 Fernseher zeigen das
Videoband "Global Groove". Ein Dschungel aus echten Pflanzen überwuchert
die TV- Lichtinseln. Das Einzelbild tritt als reine Farb- und Bewegungskomposition
in den Hintergrund. Erscheinen Natur und Technik zunächst unvereinbar,
so verschmelzen sie hier miteinander. Dabei wirkt die Technik gegenüber
der Natur in ihrer Eindimensionalität auffällig beschränkt.
Die Videoarbeit wurde 1977 auf der Dokumenta VI gezeigt.
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Paiks monumentale Schildkröte
von 1993 verbindet die sich scheinbar ausschließenden Bereiche von
Technik und Tierwelt. Das urtümliche Reptil, das eine ausgesprochen
lange Lebensdauer erreicht, wird gleichsam zur Projektionsfläche für
bunte Bilderwelten unserer kurzlebigen Mediengesellschaft. Auch hier erscheint
die Macht der Bilder relativiert.
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Als Nomade zwischen den Kontinenten schuf
Paik bis heute neben Werken von westlicher, optischer Überfülle
immer auch Videoarbeiten von östlicher, kontemplativer Stille: Arbeiten
mit "zu viel" und "zu wenig", von neuer Technologie einerseits und Minimalisierung
bzw. Verweigerung andererseits, stehen sich wie Yin und Yan in seinem Werk
gegenüber.
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Die TV-Buddhas zählen zu seinen
populärsten Werken. In diesen "Closed-Circuit-Installationen" sitzt
immer eine Buddha-Statue einem Monitor gegenüber und wird durch eine
hinter dem Monitor aufgestellte Kamera live aufgenommen. Sie leitet ihre
Impulse an den Monitor weiter, wo das Brustbild des Buddha zu sehen ist.
Gleich dem menschlichen Auge tastet die Kamera die Statue ständig
neu ab. Paik thematisiert hier menschliche Wahrnehmung und mediale Wirklichkeit,
Realität und Bild. Der Betrachter muß die eingeschränkte
Repräsentation des Wirklichen durch die Medien erkennen.
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Neben dem ersten Video-Buddha
(1974) aus dem Stedelijk Museum Amsterdam rekonstruiert die Ausstellung
erstmals die aufwendige Installation eines Video-Buddha, die Paik 1976
für die "musica nova" und die Kunsthalle Bremen realisierte.
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Mit der Nische für Bremen,
die Paik 1998 für die Wiedereröffnung der renovierten Kunsthalle
eigens schuf, schließt sich der Bogen eines Werkes aus 40 Jahren.
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Wulf Herzogenrath, der Direktor der Kunsthalle
Bremen, hat bereits 1976 eine erste Retrospektive zu Nam June Paik an seinem
damaligen Wirkungsort, dem Kölnischen Kunstverein, eingerichtet und
1982 die erste Monographie zu Paik im Verlag Silke Schreiber, München
veröffentlicht.
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Nach der großen Ausstellungstournee
Basel/Zürich, Düsseldorf, Wien (1991) und dem vielbeachteten
Auftritt im Deutschen Pavillon ("Goldener Löwe") auf der Biennale
in Venedig (1993) ist dies die erste umfassende Ausstellung, und zwar vor
der breit angelegten Retrospektive, die im Guggenheim Museum in New York
im Februar 2000 eröffnet wird.
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Nam June Paik – Fluxus/Video; 400 Seiten,
800 Abb. Duplex/Farbe, Engl. Broschur; DM 49,--,
Druck: Hauschild GmbH Bremen, Distribution
Walther König
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text: Kunsthalle Bremen,1999
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