boa-Chronik/1982/83/86: Video am Puls der Zeit, BOA-Video-Kooperative
<<chronologie     <<<home
 
Video am Puls 
der Zeit 
 

.
.
.
Abbildungen:
Videostudio der B.O.A.-Videokooperative, 1979

.
.
.
.

 ...mehr als nur eine alternative Tagesschau...
.
.
.
.
.
.

.
 


.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

 "Wir zeigen Euch, wie wir es sehen, und dann wollen wir wissen, was Ihr dazu meint."
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
 Aufheben von festgefahrenen Blickwinkeln
.
.
.
.
.
.
 
 

.

(...) Ihnen geht es um Information, Dokumentation und um die Aufdeckung der eingefahrenen Kommunikationsstrukturen der Medien und ihrer Manipulationstechniken.
Genauer: Die Leute von der B.O.A. produzieren  Video-Filme, Filme, die ihnen in Politik und Gesellschaft wichtig erscheinen: Aufrüstung und Kriegsgefahr, Startbahnbau, Umweltverschmutzung und Hausbesetzer oder auch über den letzten SPD-Parteitag, ihre neueste Produktion.
.
Es geht ihnen aber nicht darum, nur fertige Filme zu den jeweiligen Themen auf den Markt zu werfen und so die Zuschauer in den üblichen Medienkonsumzwang zu drängen, - für sie ist Videoarbeit mehr als nur eine alternative Tagesschau zu machen.
Zuerst einmal die Archivierung: Sie sammeln alles was sie kriegen können: Primärinformation von Betroffenen, sekundäre aus der Berichterstattung der Medien und natürlich auch eigene Aufnahmen. Damit dieses Archiv nicht nur ein wüstes Durcheinander von Filmschnippseln bleibt, um es für sie selbst und vor allem auch für Aussenstehende erschließbar und bearbeitbar zu erhalten, katalosieren und ordnen sie diese Sammlung mit moderner Datenverarbeitung.
.
Denn wer hier herkommt, um sich Informationsmaterial über das Thema zu holen, das ihn interessiert, kriegt ersteinmal keinen fertigen Film vor die Nase gesetzt, sondern unter Anleitung, Zugang zum Archiv. Den eigentlichen Film darf er sich dann nach eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen selber zusammenstellen.
.
Natürlich hat B.O.A. auch eigene Produktionen und vor allem sehr präzise Vorstellungen über die Art des Filme-Machens. Primär geht es ihnen, neben der reinen Information, darum aufzuzeigen, wie in den herkömmlichen Medien manipuliert wird. Manipuliert vor allem durch Weglassen, durch geschicktes Anordnen von Informationen, aber auch durch Herausreißen aus dem (gesamtpolitischen) Zusammenhang.
Nun, diese Manipulationdurchbrechung versuchen sie vor allem durch neue, von der üblichen Mache abweichenende, Zusammenstellung von Information zu erreichen oder auch durch Kombination von offiziellem Medienmaterial mit dem von Betroffenen. Also etwa Szenen aus der Tagesschau mit Videobändern von Demonstranten und Hausbesetzern. Was dabei herauskommt sind neue, ungewöhnliche Blickwinkel und vor allem, das ist ihnen wichtig, keine fertigen Nachrichten-Dogmen, die sagen, wie es wirklich ist, sondern Meinungen. "Wir zeigen Euch, wie wir es sehen, und dann wollen wir wissen, was Ihr dazu meint."
.
Aufheben von festgefahrenen Blickwinkeln, zeigen, daß nicht alles so ist, wie es "Heute" zeigt und Anregungen zu Diskussionen liefern - das ist es, was B.O.A. will.
.
Wo man die Filme sehen kann: Im Werkstatt-Kino (Fraunhoferstraße) haben sie einen Großbildschirm aufgebaut, dort führen sie auch regelmäßig ihre Produktionen vor. Außerdem kann man sich die Cassetten ausleihen, und zwar Kopien auf allen Cassettengrößen und -normen. Auch eine Form von Monopoldurchbrechung auf dem Informationsektor. Wer kein Abspielgerät hat, kann sich auch eine ganze Ausrüstung ausleihen. Nicht nur zum Abspielen, sondern auch Kameras zum Selber-Produzieren. Damit unterstützen sie eben auch Projekte, die sich solch teure Anlagen nicht leisten können, die aber trotzdem Informations- und Aufklärungsarbeit machen wollen. Wichtig ist ihnen auch, daß sie vollkommen autonom arbeiten, ohne irgendwelche Unterstützung von offiziellen Stellen. Damit umgehen sie die Beeinflussung, die immer mit geschenktem Geld einhergeht. (...)
.
Buch-Magazin, August 1982

 
 

Das andere
Video
woanders

Unvermindert produktiv zeigt sich die alternative Videoszene, obwohl laut Eigeneinschätzung schon vor Jahren bereits, kurz nach ihrer Entstehung in die Krise geraten. CUT-IN, "Video-Informationsdienst für den subversiven Bandzug", das monatliche Blatt von und für die über 100 video-aktiven Gruppen und Enzelpersonen feiert dieser Tage sein 5jähriges, obwohl auch hier seit Jahren nicht nur von Krise, sondern gar von der Einstellung des Projektes gesprochen wird. Angesichts von soviel Dauerkrise darf der Sympathisierende auf die Krisenfestigkeit der Videoszene schließen.
B.O.A. ist eine Münchner Künstlergalerie, in der experimentelle Musik, Grafik oder Videoinstallationen ebenso ihren Platz haben wie die kontinuierliche Produktion und der Verleih von politisch engagierten Videodokumentationen. Neu im Programm ist eine im Herkunftsland Japan mehrfach ausgezeichnete Dokumentation über biologischen Landbau. Weniger die Analyse herrschender Methoden als die Alternative am Beispiel einer Bauernfamilie steht in Die Erde lebt im Mittelpunkt.
  Eine andere Arbeit, Sozialpolitische Bilanz der Wende ist ein typisches Produkt aus dem Hause B.O.A.: Die Aufzeichung einer DGB-Landesbezirkstagung, gezielt von TV-Schnipseln aus dem umfangreichen Archiv der Münchner zerlöchert, ergibt eine Satire auf Programm (1982) und Wirklichkeit (1985) der "Wende". Da bezeichnete sich einst eine neue Regierung als "Rettungskommando" - im Video kommentiert von einem Mainzelmännchen mit Kindertrompete: Werbefernsehen! Während  derart, aber durchaus auch mit sachlichen Argumenten, die "Wende" sich als Seifenblase entpuppt, bekommen zugleich auch die Gewerkschaften ihr Fett weg. Ein Video voller kämpferischer Töne gegen den Sozialabbau, das sich vornehmlich an Gewerkschaftsgruppen wendet.  Szene, Berlin, 9/86
 
 
 


 
subversiver Bandzug...
          am Puls der Zeit

 

 
Abb.:
P.A.Defilla, 
Experimentalfilmer und -Musiker, 1976,
mit dem ersten tragbaren 
Bandspulen-Videorecorder von SONY

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

...ungewöhnliche Blickwinkel

 
 

 
 

Oben: Video-Still aus
Mond aus grünem Käse
von Arthur Letzl
Multivision für 4 Monitore und Recorder
Produktion: BOA, 1984

 
B.O.A. Video-Kooperative

Um unabhängige und autonome Medienarbeit geht es der B.O.A.-Video-Kooperative, die bereits seit 1976 mit Video arbeitet. Erklärtes Ziel der Gruppe ist die unabhängige Dokumentation und eine von kommerzieller und staatlicher Informationsvermittlung abweichende Berichterstattung. Inhaltliche Schwerpunkte der B.O.A.-Arbeit sind dabei Themen wie Rüstung, Ökologie, Dritte Welt, Innere Sicherheit, Ausländerpolitik, Wohnungsnot usw.
B.O.A. verleiht jedoch nicht nur Bänder, sondern gibt nicht-kommerziellen Gruppen auch Hilfestellung durch Geräteverleih. Außerdem beteiligt sich B.O.A. in bestimmten Fällen auch an der Produktion und organisiert Vorführungen und Diskussionen. Die jüngste Produktion der Kooperative ist eine Dokumentation zum Thema "Wohungsbau in München", ein in Zusammenarbeit mit der Mieterinitiative Lehel erstelltes Tape über den Knöbelblock, jenes Wohnviertel, das zwischen dem Völkerkundemuseum und der Kanalstraße liegt. Gezeigt wird, wie zunächst die Münchner Rückversicherung und jetzt der Brau-Löwe und Bau-Hai Schörghuber mit dem ganzen Viertel und seinen Bewohnern spekuliert haben, und wie insbesondere der Münchner Stadtrat und der zuständige Bezirksausschuß mit Unschuldsmiene dabei zugeschaut haben. Ausnahmesweise werden in der B.O.A.-Produktion einmal Namen genannt, was besonders verdienstvoll ist. Das Band trägt den Titel Des Brauers Lust ist des Mieters Frust.
B.O.A. produziert ständig neue Tapes (...) Eines davon ist In Ulm, um Ulm und Ulm herum, eine Video-Reportage über die gewaltfreie Blockade des Ulmer Pershing-Atomraketen-Depots am 12.12.82 und zu Ostern 1983. (...) Eine der neuesten Produktionen ist auch Toxtethh, ein Film über das menschliche und wirtschaftliche Desaster in Liverpool. Im Sommer 1981 geschahen dort die schwersten Aufstände, die England seit langem erlebt hatte. Ein Jahr danach machten sich Angelika Jakob und Christoph Wirsing auf den Weg, um die Hintergründe und Folgen der Aktionen zu recherchieren. Den Ablauf der Gewaltfreien Aktion Großengstingen dokumentiert der gleichnamige Film, der (...) eine neue Qualität des Widerstandes aufzeigt. Auch dieses Tape ist eine B.O.A.-Produktion.
Fast schon ein Klassiker ist das Band Wer schießt hier wo?, das wohl die bisher größte Beachtung gefunden hat. In 90 Minuten werden die technischen, ideologischen und politischen Gründe der atomaren Nachrüstung dargestellt. Das Band lief bereits mehrfach im Werkstattkino und ist in jedem Fall eine interessante Informations- und Diskussionsgrundlage.
Münchner Stadtzeitung, Juli 1983


 
 
 
 kunst&kult  philosophie   wissenschaft   gesellschaft   diverses   news   archiv 

  chronologie     nach oben       home

B.O.A.-Künstlerkooperative
Gabelsbergerstr.17, D-80333 München, Tel.089-394366/Fax.- 280621
boa-kuenstlerkooperative@t-online.de