| Ob man eine Odelgrube zu einem Atombunker umbauen könnte?
Der Experte am Telephon empfiehlt dem Anrufer, wegen der möglicherweise
giftigen Gase doch lieber den Keller des Nachbarn aufzuzuchen. Eine Mutter,
besorgt darüber, daß bei einem Atomschlag die Kinder in der
Schule von ihr abgeschnitten seien, beruhigt der Experte mit dem Hinnweis,
daß dem Ernstfall doch immer eine Vorbereitungszeit in Form einer
Krise verausgehe. Deutlich erleichtert hängt die Frau den Hörer
auf. Diese Frage- und Antwortspiele zur Atombombe stammen aus der BR-Hörfunksendung
"Das Notizbuch", und sie muten nicht weniger absurd an als der Ausschnitt
aus einem amerikanischen Schulungsfilm der fünfziger Jahre, der das
Überleben bei einem Picknick demonstriert: Die Familie wirft Geschirr
und Essen in die Luft und kriecht unter die Tischdecke.
Solche Szenen finden sich in dem Dokumentarfilm Wer schießt hier wo? der Videogruppe B.O.A., der zunächst einmal eindringlich klar macht, daß sich die Waffentechnologie in den knapp vierzig Jahren, in denen wir mit der Bombe leben, ständig weiter entwickelt hat, während das Gespräch über den Schutz der Zivilbevölkerung auf dem Stand von 1950 stehen geblieben ist. Aus dieser Einsicht ergibt sich aber nicht die Forderung nach einem effektiveren Zivilschutz: die Vernichtungswaffen sind mittlerweile so schnell einsetzbar, so zielgenau und von solcher Zerstörungswirkung, daß Schutzmaßnahmen von vornherein sinnlos wären. Das einzige Mittel gegen den Atomkrieg: ihn verhindern. Angesichts der "Machbarkeit" kleiner begrenzter Atomkriege ist, wie Robert Jungk es in dieser Dokumentation formuliert, die Friedens- zu einer Überlebensbewegung geworden. Zu zeigen, wie und warum wir von Rüstung abhängig sind, und welche neue Abhängigkeiten das Weiterrüsten wiederum mit sich bringt - darum vor allem geht es in Wer schießt hier wo? Die Dokumentation arbeitet zum größten Teil mit Material aus dem deutschen Fernsehen: es zeigt auf bestürzende Weise, wie oft da auch bei kritisch gemeinten Beiträgen Bilder verwendet werden, die die Ästhetik moderner Waffensysteme herausstellen. Aber es finden sich auch Ausschnitte aus Sendungen, die man nicht oft genug zeigen kann: Ewta ein Interview mit einem der Väter der Neutronenbombe, der ganz sachlich erläutert, daß diese Waffe nie für die Verteidigung, sondern von Anfang an für den Angriff gedacht war. Genau darin liegt der besondere Verdienst der Dokumentation: Öffentlich zwar zugängliche aber sonst zu sehr verstreute Informationen zu versammeln und daraus neue Einsichten zu gewinnen. Mit dem von Videogruppen gedrehten Material von den jüngsten Friedensdemonstrationen in München, Bonn und Berlin werden schließlich die Dunkelstellen der offiziellen Berichterstattung ausgeleuchtet. Wer schießt hier wo? spiegelt den aktuellen Stand der Debatte und stellt Zusammenhänge her, wie sie im Fernsehen nicht zu sehen sind. Die Dokumentation ist deshalb auch ein gelungenes Beispiel dafür, wie sich Gruppen, die kaum Zugang zu den Medien haben, selbst Öffentlichkeit schaffen können. (In München im Werkstattkino; eine Kassette mit der Dokumentation kann bei der Videokooperative B.O.A. ausgeliehen werden.) CHRISTIAN BAUER, SZ v.23.Juli 1982 |