. ..Alles unter Kontrolle?
.    01.10.1999
  Tokaimura/Japan: 
  Atomare Kettenreaktion angeblich gestoppt
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Ausmaß der radioaktiven Verseuchung unklar
Die atomare Kettenreaktion in der Uranverarbeitungsanlage Tokaimura sei in den frühen Morgenstunden gestoppt worden, sagte ein Regierungssprecher am Freitag in Tokio. Für die 313000 Einwohner, die mehr als einen Tag lang ihre Häuser nicht verlassen durften, wurde am Nachmittag der Hausarrest aufgehoben. Genaue Zahlen der Strahlenbelastung konnten die Anwohner des rund 100 Kilometer nordöstlich von Tokio gelegenen Tokaimura am Freitag weder von ihrer örtlichen Regierung, noch von der Zentralregierung in Tokio erfahren. Tausende Japaner ließen sich aus Angst vor radioaktiver Verseuchung untersuchen. Sie standen vor Gesundheitszentren und Kliniken Schlange. Die Schulen blieben geschlossen. Der Zugverkehr ruht nach wie vor. An die Bauern erging die Anweisung, keine Feldfrüchte zu ernten.

Vermutlicher Hergang der Nuklear-Katastrophe
Was der zuständige Abteilungsleiter der Atomfirma JCO in Tokaimura, einer Tochter des Konzerns Sumitomo Mining, an Einzelheiten über den vermutlichen Ablauf des Atom-Unfalls enthüllt, übersteigt das Vorstellungsvermögen: Angeblich sollen die drei in der Atomanlage eingesetzten Arbeiter, das auf fast 19 Prozent hochgradig angereicherte flüssige Uranhexaflourid nicht in den dafür vorgesehenen Eingangstank, sondern in einen Eimer aus rostfreiem Stahl geschüttet. Der wurde normalerweise zu Reinigungsarbeiten verwendet. Dann gossen die Arbeiter die gefährliche Brühe aus dem Eimer per Hand direkt in den mit Salpetersäure gefüllten Endspeicher - und umgingen damit den als Sicherheitssperre gedachten Zwischenspeicher. Dieser hätte dafür gesorgt, daß nicht mehr als die zulässige - und ungefährliche Menge von 2,4 Kilogramm Uran in den Endspeicher gelangt wäre. Statt dessen waren es dann über 16 Kilogramm. Etwa die Hälfte davon reicht aus, um eine atomare Kettenreaktion auszulösen. Keiner der drei an der Operation beteiligten Arbeiter war zur Beaufsichtigung des Umgangs mit Kernbrennstoff qualifiziert.

Weitere Kettenreaktion nicht ausgeschlossen
Europäische Wissenschaftler schließen nicht aus, daß die Kettenreaktion noch einmal in Gang kommt. Immerhin dürfte die Menge an Uran im Behälter noch erheblich sein. "Wie nahe an der Kritikalität die Mischung noch ist, hängt von der Form des Behälters ab", sagt Michael Sailer vom Ökoinstitut in Darmstadt. Auch Mycle Schneider, der den Weltinformationsdienst Energie in Paris leitet, wehrt sich gegen die Aussage, daß man "alles unter Kontrolle" habe. "Ich bin skeptisch solange nicht jemand den Behälter untersucht hat", sagt Schneider. 

Sicher ist nur der Störfall
Nicht nur in Japan kommt es immer wieder zu schweren Störfällen. Und sie betreffen auch nicht nur Altanlagen, wie den Tschernobyl-Reaktor oder andere Einrichtungen des früheren Ostblocks. Im modernsten französischen Reaktortyp Civaux-1, der gerade erst in Betrieb genommen war, kam es Anfang Mai zu einem Zwischenfall: Große Mengen Wasser aus dem Hauptkühlkreislauf gingen verloren. Ursache: Ein schwerer Konstruktionsfehler. 

Quellen: dpa, SZ, FR und ARD-Tagethemen vom 01.u. 02.10.99

. Seitdem man mit Kernspaltung hantiert, haben sich weltweit sechzig solcher Unfälle wie in Tokaimura ereignet.

   09.10.1999, Atomunfall  schwerer als bisher angenommen | Volltext |

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