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Ausmaß der
radioaktiven Verseuchung unklar
Die
atomare Kettenreaktion in der Uranverarbeitungsanlage Tokaimura sei in
den frühen Morgenstunden gestoppt worden, sagte ein Regierungssprecher
am Freitag in Tokio. Für die 313000 Einwohner, die mehr als einen
Tag lang ihre Häuser nicht verlassen durften, wurde am Nachmittag
der Hausarrest aufgehoben. Genaue Zahlen der Strahlenbelastung konnten
die Anwohner des rund 100 Kilometer nordöstlich von Tokio gelegenen
Tokaimura am Freitag weder von ihrer örtlichen Regierung, noch von
der Zentralregierung in Tokio erfahren. Tausende Japaner ließen sich
aus Angst vor radioaktiver Verseuchung untersuchen. Sie standen vor Gesundheitszentren
und Kliniken Schlange. Die Schulen blieben geschlossen. Der Zugverkehr
ruht nach wie vor. An die Bauern erging die Anweisung, keine Feldfrüchte
zu ernten.
Vermutlicher Hergang
der Nuklear-Katastrophe
Was
der zuständige Abteilungsleiter der Atomfirma JCO in Tokaimura, einer
Tochter des Konzerns Sumitomo Mining, an Einzelheiten über den vermutlichen
Ablauf des Atom-Unfalls enthüllt, übersteigt das Vorstellungsvermögen:
Angeblich sollen die drei in der Atomanlage eingesetzten Arbeiter, das
auf fast 19 Prozent hochgradig angereicherte flüssige Uranhexaflourid
nicht in den dafür vorgesehenen Eingangstank, sondern in einen Eimer
aus rostfreiem Stahl geschüttet. Der wurde normalerweise zu Reinigungsarbeiten
verwendet. Dann gossen die Arbeiter die gefährliche Brühe aus
dem Eimer per Hand direkt in den mit Salpetersäure gefüllten
Endspeicher - und umgingen damit den als Sicherheitssperre gedachten Zwischenspeicher.
Dieser hätte dafür gesorgt, daß nicht mehr als die zulässige
- und ungefährliche Menge von 2,4 Kilogramm Uran in den Endspeicher
gelangt wäre. Statt dessen waren es dann über 16 Kilogramm. Etwa
die Hälfte davon reicht aus, um eine atomare Kettenreaktion auszulösen.
Keiner der drei an der Operation beteiligten Arbeiter war zur Beaufsichtigung
des Umgangs mit Kernbrennstoff qualifiziert.
Weitere Kettenreaktion
nicht ausgeschlossen
Europäische Wissenschaftler
schließen nicht aus, daß die Kettenreaktion noch einmal in
Gang kommt. Immerhin dürfte die Menge an Uran im Behälter noch
erheblich sein. "Wie nahe an der Kritikalität die Mischung
noch ist, hängt von der Form des Behälters ab", sagt Michael
Sailer vom Ökoinstitut in Darmstadt. Auch Mycle Schneider, der den
Weltinformationsdienst Energie in Paris leitet, wehrt sich gegen die Aussage,
daß man "alles unter Kontrolle" habe. "Ich bin skeptisch solange
nicht jemand den Behälter untersucht hat", sagt Schneider.
Sicher
ist nur der Störfall
Nicht nur in Japan kommt
es immer wieder zu schweren Störfällen. Und sie betreffen auch
nicht nur Altanlagen, wie den Tschernobyl-Reaktor oder andere Einrichtungen
des früheren Ostblocks. Im modernsten französischen Reaktortyp
Civaux-1, der gerade erst in Betrieb genommen war, kam es Anfang Mai zu
einem Zwischenfall: Große Mengen Wasser aus dem Hauptkühlkreislauf
gingen verloren. Ursache: Ein schwerer Konstruktionsfehler.
Quellen:
dpa, SZ, FR und ARD-Tagethemen vom 01.u. 02.10.99 |
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