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. ...Pipeline-Monopoly im Kaukasus
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  Hexenküche Kaukasus
   Ölboom, ethnische Zerklüftung und der Kampf um die Vorherrschaft 
 
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   Hundertausende Menschen sind auf der Flucht, Artillerie und Kampfflugzeuge beschießen Häuser, Marktplätze und Flüchtlingstrecks im Kaukasus. Russische Streitkräfte verwüsten Tschetschenien zum zweiten mal in fünf Jahren. Zur gleichen Zeit stürmen in Jerewan Terroristen ins armenische Parlament und erschießen vor laufenden Fernsehkameras den Premierminister, den Parlamentspräsidenten und sechs weitere Menschen. Unmittelbar vor diesem Amoklauf hatte der stellvertretende US-Außenminister Strobe Talbott Jerewan besucht, auf einer Reise durch die Hauptstädte des Kaukasus.
  Hat der Zufall hier Regie geführt? Oder gibt es verborgene Zusammenhänge im Hintergrund des großen Ringens um die Beherrschung des Kaukasus? In diesem Gebiet von der Größe Polens ringen vier anerkannte Staaten, fünf von Seperatisten beherrschte Regionen, sieben nordkaukasische Republiken Russlands, über hundert Völker und Tausende von Clans. Russland grenzt an den Kaukasus, doch auch die Amerikaner und Europäer, Türken und Iraner haben ihre Leidenschaft für die Region wieder- oder neu entdeckt, gemeinsam mit den größten Ölkonzernen der Welt. Allen wird in diesem Raum alles zugetraut, wenn es darum geht, zum Ziel zu kommen.  Auf die Frage, wer wem warum welchen Krummdolch in den Rücken stößt, gibt es stets zahlreiche Antworten. Beweise gibt es selten. 
    Das Gebiet zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer ist für die Öl- und Gastländer Zentralasiens der Ausgang zur Welt. Als wäre die Geschichte 1990 stehen geblieben, spielen Russen und Amerikaner die Hauptrollen im Pipline-Monopoly. Den kaukasischen Völkern sind die Nebenrollen zugewiesen. Russen und Amerikaner versuchen einander in der besten Tradition des Kalten Kriegs einzudämmen.
    Im zweiten Tschetschenienkrieg will Russland seine Herrschaft über den Nordkaukasus wiederherstellen. Rußland hat Grund, beunruhigt zu sein. Der Angriff tschetschenischer Kämpfer auf die Nachbarrepublik Dagestan im August bedrohte die Pipeline von Baku bis an den Schwarzmeerhafen Noworossijsk. Die Destabilisierung Dagestans gefährdete auch die internationale KTK-Pipeline, durch die das kasachische Öl vom Kaspischen Meer nach Noworossijsk gepumpt werden soll. Fast alle russischen Kaukasusrepubliken sind von Kämpfen lokaler Clans erschüttert. Die russische Regierung weiß, daß sich Ölfirmen aus dem KTK-Projekt zurückziehen, wenn sie die zerfranste Südgrenze nicht befrieden kann. 
  Die Strategen im Weißen Haus in Washington wollen die kaspische Region für den Weltmarkt erschließen, um die Vorherrschaft des Nahen Ostens beim Öl und Russlands beim Gas langfristig  aufzubrechen. Deshalb kommt es ihnen darauf an, daß das Öl nicht durch Länder fließt, die selbst Rohstoffe exportieren und in Amerika als unsichere Kantonisten gelten: Russland und der Iran. Der Südkaukasus und  die Türkei sind von den USA als Tor zur Welt der kaspischen Rohstoffe auserkoren.
  Durch Georgien wurde daher bereits eine Pipline gebaut, die alle aufständischen Regionen des Landes sorgsam umgeht. Washington hat Freude an der Haltung des ehemaligen sowjetischen Außenministers Schewardnadse, der heute mit seiner Heimat in die Nato strebt. Auch verfügt Schewardnadse über einen guten Draht zu den Tschetschenen. Wichtig ist, daß der georgische Präsident die Anschläge überlebt, die beinahe regelmäßig auf ihn verübt werden, denn über Georgien soll auch die fast 2000 Kilometer lange Pipeline von Baku zum türkischen Hafen Ceyhan führen. Bill Clintons Berater für kaspische Fragen kündigte kürzlich in Ankara an, die große Pipeline sei imstande, nicht nur das aserbajdschanische, sondern auch das kasachische und turkmenische Öl zu transportieren. Eine Unterwasserleitung durchs Kaspische Meer soll das möglich machen. Die russische KTK-Trasse wäre damit hinfällig.
   Ein großes Problem läßt sich jedoch kaum lösen: Die neuen Nationalstaaten im Kaukasus sind zu schwach, um ihre Territorien wirksam zu kontrollieren. Hochgerüstete Clans benutzen das Selbstbestimmungsrecht der Völker als Keule, um immer kleinere staatliche Einheiten zu bilden, in denen sie zu Herrschern aller Ressourcen werden. (...) Soziale Entwurzelung und ethnische Zerklüftung, Massenkriminalität und Geiselnahmen drohen ganze Landstriche unbererrschbar zu machen.
 
 
 

Quelle: Die Zeit vom 04.11.99
 

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