„Experimentelle Musik“ 

Lust an Alchimie

Wer den weiten Raum der TU-Mensa betritt, meint, in ein alchimistisches Labor zu treten. Seit Jahren ist das schon so in Stephan Wunderlichs „Experimenteller Musik“, die als sechsstündiger Block mit verbissen radikaler Konstanz alle anderen Denkansätze Neuer Musik als Revisionismus ablehnt. Solche Konsequenz ist sinnvoll: Das Publikum, das in prozessuralem Wandelgang die Folge der Ereignisse abschreitet, weiß, auf was es sich einlässt. 

Zwölf kleine Konzerte tanzten den Reigen, nicht jede Darbietung vermochte dabei die Spannung zu halten. Doch als zum Beispiel der Niederländer Paul Panhuysen sein glitzerndes Spielzeug auspackte und es mit Solarzellen gleichsam auf einem Tisch-Jahrmarkt zu einem fiepsenden Ereignistaumel anregte, bot dies so viel inspirierende Anregung, dass flacher Liegendes in der Umgebung einfach überdeckt wurde. Manch anderes noch ließ Ohren (und Augen) spitzen: Die Gruppe Phren, ständiger Gast hier, produzierte mikrotonale Improvisationen, bar jeglicher Konvention und mit geradezu wollüstiger Lust an gestopft kieksenden Tönen und den Presswehen von dick-schlaffen Darmsaiten. Hans Rudolf Zeller ummalte sich selbst mit kräftigem Filz auf große Zeichenbretter, der junge Sebastian Preller erstellte mit Delay und Effektgerät subtile Rhythmusschleifen. Der Computer zieht verstärkt in diese experimentellen Zonen, manchmal überwog das Faszinosum des Machbaren durchaus die musikalische Substanz. 

Eine Überraschung, auch für die Abgehärtesten gibt es hier so etwas noch, folgte am Schluss: Luca Mitis „Kisha“ für jugoslawische Flöte und andere Gegenstände. Kisha heißt Regen, und dabei flogen sich die Nato-Angriffe auf Serbien bekanntlich nicht so leicht. Miti erzählte das ausführlich, umständlich, und irgendwann wurde klar, dass er nie zur bereit liegenden Flöte greifen würde. Leute aus dem Publikum wurden aufgefordert, mit ihm doch vom eingeschenkten Wein zu trinken, nur einer folgte zögernd. Letztes Abendmahl? Im Sinn-Loch entstand Betretenheit, das Bewusstsein, wie gerne wir uns doch da heraushalten, wo es an gefährliche Front geht. 

Der Rundlauf war zu Ende. Die Anarchie der Ereignisse hatte dabei durchaus integrative Funktion. Als ein kleines Kind, genervt vom Druck der „schallenden Ohrfeigen“, für den ganzen Raum vernehmlich ausrief „Ich hasse Musik“, da war man bereit, auch diese ungeplante akustische Zutat in das Gesamtgeschehen einzuordnen. 

REINHARD  SCHULZ , SZ vom 14.12.99
 
 

. EXPERIMENTELLE MUSIK 1999 | EXPERIMENTAL MUSIC 1999
11. Dezember 1999 | Samstagnacht 20 - 2 Uhr

Festival München TU-Mensa Arcisstraße 17

Jörg Burkhard / Jan Polacek, Heidelberg/Oberwaldbehrungen
Ron Kuivila, Wesleyan USA
hans w. koch, Köln
Luca Miti, Rom
Jost Muxfeldt, Berlin
Paul Panhuysen, Eindhoven

Das PHREN-Ensemble:
Carmen Nagel-Berninger / Inge Salcher / George Augusta / 
Michael Steimer / Michael Kopfermann 

Sebastian Preller, Elsdorf 
Roswitha Pross / Michaela Dietl 
Otfried Rautenbach / Matthias Maaß, Heidelberg

Theaterprojekt Milbertshofen:
Edith Rom / Gertraude Adamo-Rothe / Herbert Metzenleitner /
Stephan Wunderlich

Hans Rudolf Zeller

veranstaltet vom Verein für experimentelle Musik e.V.
 

Zusammenarbeit: Kulturreferat München,
Bayerisches Kultusministerium

weitere Informationen hier:
http://www.experimentelle-musik.info

 
 
 

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