| . | .."For peoples dignity and against neoliberalism" | ||
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15.12.2000
Den Körper als Waffe des Zivilen Ungehorsams Tutte Bianches, Ya Basta, Zapatismus und die Widerstandskultur in Italien |
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Spätestens seit den Protesten in Prag anläßlich des IWF / Weltbankgipfels sind die Bilder der Tutte Bianches, der weiß gekleideten und gepolsterten AktivistInnen aus Italien, wie ein Mythos um die ganze Welt gegangen. Hinter der Aktionsform verbirgt sich eine Suche nach einem Befreiungsprozess aus den Zwängen der kapitalistischen Welt. "Wir sind eine Armee von Träumern, deshalb sind wir unbesiegbar” schreiben die AktivistInnen auf ihren Transparenten und Broschüren. Nach Prag sind fast 900 AktivistInnen aus Italien mit einem Zug, dem Global Express, gekom- men. Davon haben sich ca. 100 aktiv an der Aktion der Tutte Bianches beteiligt. Hinter ihnen, eine grosse Menschenmenge zur Unterstützung, neben ihnen die Medien der ganzen Welt und vor ihnen die Robocops des Staates mit Panzern, Wasserwerfern, Schlagstöcken und Pfefferspray. Die sogenannte Demokratie des IWFs und der Weltbank hinter Panzer und Gitter. Der
Körper als Waffe des Zivilen Ungehorsams
Die Tutte Bianches sind gut ausgerüstet und benutzen dazu hauptsächlich billige Materialien und ihre Kreativität: Matratzen, alte Reifen, Baustellenhelme, Rettungsjacken, Armpolster aus Isomatten und Isolierband, Gasmasken, aber auch Luftballons, Wasserpistolen oder selbstgemachte Schutzschilder kann mensch in ihrem Repertoire finden. Wieso ? ” Gegen eine Welt in der das Geld alles regiert, bleiben uns nur noch unsere Körper, um gegen die Ungerechtigkeit zu rebellieren”, meint Don Vitaliano, ein Pfarrer, der auch unter den Tutte Bianches zu finden ist. ” Wir sind nicht bewaffnet, wir agieren als Menschen und setzen unsere Person ins Spiel. Wir fürchten uns vor der Polizeigewalt, deshalb schützen wir uns.” Diese Aktionsform begann vor knapp einem
Jahr in Italien und überraschte alle durch ihren Erfolg. Im Januar
2000 gab es bundesweite Mobilisierungen gegen Abschiebeknäste in Italien.
Mehrere zehntausend Menschen sind dafür auf die Straße gegangen.
Die Demonstration gegen den Abschiebeknast Via Corelli war ein besonderer
Erfolg. Die Tutte Bianches hatten ihre Entschlossenheit angekündigt
in den Abschiebeknast einzudringen und zu schliessen. Die mehrere Tausend
Tutte Bianches marschierten vorne und mussten stundenlang Auseinandersetzungen
mit der Polizei aushalten, bevor diese dann aufgeben musste und die Leute
ins Lager eindringen konnten. Abends kündigte der Innenminister
die
Die aufgeblasenen Reifen dienen dazu die Schlagstöcke der Robocops rückprallen zu lassen. ”Über 150 Tränengaspatronen haben wir bei dieser Aktion gezählt” grinst ein junger Aktivist. Die rauchenden Tränengaspatronen werden in Kisten oder unter Eimer geworfen, um sie zu neutralisieren. Es erinnert an eine Beschreibung Ghandis des zivilen Ungehorsams: ‘Feuer mit Wasser löschen’. Seit dem sind Tutte Bianches auf vielen Mobilisierungen
zu sehen: Antifaschistische Demos, Mobilisierungen gegen den OECD Gipfel
in Bologna oder gegen die Eröffnung der Gentechweltausstellung in
Genua bei der sie bis zum Eingang eingedrungen sind und die Ausstellung
zum Fiasko und nationalen Debatte gezwungen haben.
Zapatismus, Ya Basta und die Tutte Bianches Ya Basta ist nicht gleich Tutte Bianches.
Tutte Bianches ist hauptsächlich eine Aktionsform und ein Selbstverständnis.
In ihr erkennen sich verschiedene Menschen, Gruppierungen und politische
Strömungen; und prägen somit die Gestaltung der Form.
Inspiriert wurden die AktivistInnen, als
sie selbst bis in den chiapanekischen Dschungel Südmexikos anläßlich
eines interkontinentalen Encuentros gereist sind. ”Am Anfang haben wir
vorhergehende Formen der Direkten Aktion diskutiert, der Sabotage, der
revolutionären Gewalt usw. Wir haben daraus geschlossen, dass
unter den aktuellen Bedingungen der Zivilgesellschaft, der Gebrauch unserer
Körper als Waffe die Kräfte derjenigen Menschen freisetzen könnte,
die zu den alten Formen und Schemen nicht geantwortet haben. Es ist eine
kreative Form die andere Seite in ein Problem mit einzubeziehen. Mit gewaltfreien
Mittel der Direkten Aktion, bleibt die Sprache der Gewalt auf die Seite
der Polizei und des Staates. Klassische Demonstrationen beeindrucken
sie nicht mehr, jetzt sind wir als BürgerInnen ungehorsam, sie schlagen
zurück, aber wir
Diese konfrontative Haltung macht Sinn: das
tiefverwurzelte (Selbst)bild des Staates als Institution, die die Interessen
aller vereint, ist im neoliberalen Zeitalter stark am bröckeln, in
Italien auf jeden Fall früher als in der BRD. Ein offen in Erscheinung
tretender Interessengegensatz zwischen legitimen Bedürfnissen von
BürgerInnen und staatlichen Maßnahmen sind eine gute Voraussetzung
für emanzipative Prozesse, weg von der Forderung an den Staat, sozial
abfedernd zu agieren oder ökonomisch steuernd zu
In einem Flugblatt schreiben sie: ”Wir haben
uns eine neue Herausforderung gesetzt: aus dem Boden zu sprießen,
um uns auf diese Weise in den Aufbau der Gesellschaft einzubringen, um
die Selbstverwaltung und Selbstorganisation zu fördern, die in den
letzten Jahren aufgebaut wurde. Wir wollen uns vom Widerstand in
eine Offensive bewegen, hin in die Arena der Träume, der Rechte, der
Freiheit, für die Eroberung der Zukunft, die heute
Wie die Zapatistas erkennt Ya Basta, dass
die Befreiungsprozesse notwendigerweise kontinuierlich in Frage gestellt
und neu definiert werden müssen . ”Wir gehen mit Fragen auf unseren
Lippen”, sagen sie, ” nicht mit Befreiungsstrategien, die als absolute
Wahrheit festgelegt werden. Diese Tabus, die die Bewegungen der Vergangenheit
charakterisiert haben, müssen hinter uns gelassen werden”.
Die Rolle der Kommunikation: Die Unsichtbaren sichtbar machen Die weißen Overalls werden als Symbol
der Unsichtbarkeit getragen, als Idee der ‘nicht-Identität’ (siehe
‘sans papiers’). Die Aktionsform hat eine stark symbolische Wirkung und
kommunikative Stärke. Für sie entspricht der Aufbau einer Gesellschaft
der Praxis einer sicheren Identität, aber mit offenen Beziehungen.
Sie versuchen viele anzusprechen und in den Konflikt mit einzubeziehen,
dazu wollen sie ”Kommunikationsräume erobern”.
Organisation und ‘Centri Soziale’ Organisisiert sind die AktivistInnen zum
größten Teil in ihren ‘sozialen Zentren’, besetzte und selbstverwaltete
Häuser oder Gelände, die in vielen Städten zu finden sind.
Wie schon erwähnt, findet mensch hier Leute, die sich zu Ya Basta
zählen oder nur zum sozialen Zentrum oder beides. Auf der Straße
sind aber alle unter ‘Tutte Bianches’ zu finden. Der wohl größte
und beeindruckendste Centro Soziale ist der Leoncavallo in Mailand, der
eine
Die Centri Soziale sind alle untereinander vernetzt und mobilisieren oft gemeinsam, wie z.B. nach Prag. In jedem Centro Soziale bestehen kleine Bezugsgruppen, die bestimmte Rollen in der Aktion der Tutte Biaches üben und sich Gedanken zur Schutzkleidung machen. Grüne Züge Eines der Erfolge der Italienischen AktivistInnen
ist es, mit sogenannten ‘Grünen Zügen’ zu Proteste reisen zu
können. Erkämpft haben sie sich dieses Recht durch Direkte Aktion.
Die Überlegung ist unkompliziert: ”Wir wollen dort protestieren, wo
sich die Macht konzentriert und viele sich gemeinsam artikulieren wollen.
Wir sehen es als legitim an, dorthin mit öffentlichem Transport billig
oder umsonst reisen zu dürfen.” Die AktivistInnen verhandeln mit der
Bahn über einen Zug. Die Leute die mitfahren, können nach Selbsteinschätzungeinen
Beitrag zahlen oder auch nicht, das Geld wird dann an die Bahn gegeben.
In anderen Ländern wie Frankreich und die Niederlande hat die Idee
auch schon Fuß gefasst. Der Transport ist innerhalb Italien immer
erfolgreich, nach anderen europäischen Städten manchmal problematisch
wie zuletzt nach Nizza, wo der Global Express von der französischen
Armee und den CRS angehalten wurde.
Perspektiven Die Tutte Bianches sind gerade dabei, ihre
Aktionsform auf ‘internationalen Bühnen’ wie Prag, Nizza (gescheitert)
und Davos vorzustellen. Sie gewinnen an Dynamik und Unterstützung.
Die Aktionsform greift auch schon auf andere Länder über. In
Spanien sind kurz nach Prag im Rahmen von den Antirepressionsaktionen gegen
den tschechischen Staat auch weiß gepanzerte Menschen auf den Straßen
von Madrid zu sehen gewesen. Englische Reclaim-the-Streets-AktivistInnen
haben schon überlegt, ganz durchsichtige Rüstungen zu bauen,
in denen nackte Frauen auf die Polizei losgehen - um die Polizisten mit
der Idee zu konfrontieren, eine nackte Frau zu schlagen - und die Rüstungen
mit kleinen drahtlosen Kameras auszurüsten, die dann die Bilder aus
ihrer Sicht live ins internet einspeisen. Was auf jeden Fall deutlich wird
ist, dass die Aktionsform ausgebaut werden kann und dass mehr Menschen
sich sie aneignen können. Im Juni 2001 tagt der G7 in Genua, und mit
anderen Italienischen Gruppierungen haben sie auch dort vor Präsenz
zu zeigen. Offizielle Aufrufe gibt es bislang noch nicht, aber viele europäische
AktivistInnen wissen schon
el desaparecido
Quellen: Artikel von Jess Ramrez Cuevas in La Jornada (Mexiko) ”der Körper als
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