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. ...Ernst der Lage nicht erkannt
.    09.12.1999:
  NS-Zwangsarbeiter: Industrie und Bundesregierung
  pokern und drohen den  Opfern.
  Jetzt droht der Boykott deutscher Industrieprodukte.
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   Mehr als 2000 Unternehmen profitierten von der Sklavenarbeit. Für die 12 Millionen Deportierten, ein Drittel aller Beschäftigten, zahlten sie so gut wie keinen Lohn, strichen jedoch dank Hitlers Rüstungswahn riesige Gewinne ein. Das Kapital, das sie so ungeniert horten konnten, war für nicht wenige Firmen nach 1945 der Grundstock für ihr Wirtschaftswunder. Lediglich 60 Unternehmen wollen sich heute an der Stiftung zur Entschädigung der Zwangsarbeiter beteiligen. 
Seit über einem Jahr pokern Bundesregierung und Industrie mit den Opfern. Nun stehen die Entschädigungsverhandlungen vor dem Scheitern. Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte in einem Brief an US-Präsident Bill Clinton das Angebot von acht Milliarden Mark als das definitiv letzte bezeichnet. Empört über diese schäbige Offerte, drohen die Opfer und ihre Vertreter nun mit Boykottmaßnahmen gegen deutsche Industrieprodukte. Gegen die Anwälte der Opfer wird von deutscher Seite der unglaubliche Vorwurf erhoben, sie würden die Verhandlungen verschleppen, um so auf Kosten ihrer Mandanten, die eigenen Honorare hochzutreiben. Und der Verhandlungsführer der deutschen Seite, Otto Graf Lambsdorff, fordert die US-Regierung auf, die Kläger-Anwälte zu beeinflussen. Im Deutschlandfunk (df vom 09.12.99)  sagte er, die Anwälte müssten zur Vernunft gebracht werden. Er werde in der kommenden Woche nicht zur nächsten Gesprächsrunde in die USA reisen, wenn bis dahin keine verhandlungsfähige Reaktion auf das deutsche Angebot von acht Milliarden Mark vorgelegt werde, betonte Lambsdorff. Diese Offerte werde nicht mehr erhöht. Jetzt sei die andere Seite am Zug. Lambsdorff warnte vor einer Beschädigung der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Sollte es keine Einigung geben und zu den angedrohten Boykotten kommen, könnten die Auswirkungen nicht auf die Wirtschaft beschränkt bleiben, sagte Lambsdorff.
Wolfgang Gibowski, Sprecher der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft, hält den Anwälten der Opfer vor, sie hätten "den Ernst der Lage nicht erkannt".
Damit die deutsche Industrie den Ernst ihrer Lage endlich begreifen möge, hat die Berliner "tageszeitung" (taz, http://www.taz.de) in ihrer Ausgabe vom 8. Dezember einen Auszug aus einer Firmenliste veröffentlicht, die das American Jewish Committee (AJC) zusammengestellt hat. In dieser Zusammenstellung werden Firmen bzw. deren Rechtsnachfolger dokumentiert, die während des "Dritten Reiches" Zwangsarbeiter beschäftigt hatten und sich bisher nicht am Entschädigungfonds beteiligen.
Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in München, Knobloch, verwies darauf, dass bisher nicht einmal zwei Prozent der Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt hätten, zu Zahlungen bereit seien.
 In den nächsten Tagen wird die taz eine Reihe von Firmen aus der Verweigerungsfront porträtieren, die ein breites Konsumenteninteresse ansprechen. Vielleicht kann die Souveränität des Käufers bewirken, was Appelle nicht schaffen. "Denn der Kampf um die Anerkennung des Leidens und der Würde der ehemaligen Zwangsarbeiter ist nicht nur eine Sache der Anwälte und der Regierungen, die sie heute vertreten."

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  "Es geht doch letztlich nur noch um eine symbolische Geste. Von Moral kann man schon deswegen nicht mehr sprechen, weil es von der Industrie ja keine freiwillige Initiative gegeben hat. Die Verhandlungen über Entschädigungszahlungen sind nur unter Druck aus den USA zu Stande gekommen. Eine wirklich nennenswerte materielle Entschädigung ist es auch nicht, denn wenn man hochrechnet, was den Zwangsarbeitern, insbesondere den Sklavenarbeitern angetan wurde, welche Leistung sie tatsächlich erbracht haben, dann müsste man über ganz andere Summen sprechen. Also geht es letzlich nur noch um eine symbolische Geste. Weil wir uns im Bereich der Symbole bewegen, und das scheint immer noch nicht von allen Beteiligten begriffen worden zu sein, ist es wichtig, daß eine zweistellige Zahl,, zehn Milliarden Mark, zustande kommt, weil sie einen hohen Symbolwert besitzt. Der Schaden, der der deutschen Industrie im Falle eines Scheiterns der Verhandlungen droht, ist ungleich größer als die zwei Milliarden Differenz, um die es jetzt noch geht. Die deutsche Industrie hat jährlich einen Gewinn, zu dem diese Summe in keinem Verhältnis steht."

Salomon Korn, Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden

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Die komplette Liste mit Firmen, die während des "Dritten Reiches" Zwangsarbeiter beschäftigt haben und sich bisher (Wissensstand 07.12.99) nicht am Entschädigungsfonds beteiligen, kann abgerufen werden unter der 
 


Web-Adresse des American Jewish Committee (AJC):
 http://www.ajc.org


 


Auf der homepage der AJC finden sich noch weitere aktuelle Informationen zum Thema" NS-Zwangsarbeit und Entschädigungsverhandlungen".
 

.  Qellen: dpa, dfunk, AZ und FR vom 09.12.99; taz  vom 08.12.99 sowie boa-Archiv,  ..

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