Gentechnik-Debatte:
Kontroverse
Diskussion bei Parteien und Regierung
Nach dem Aufruf von
Bundespräsident Johannes Rau zu einem kritischeren Umgang mit der
Biomedizin, gibt es kontroverse Reaktionen in den Parteien. Rau hatte
Beschränkungen bei der Genforschung gefordert und sich gegen die
Präimplantations-Diagnostik (PID) ausgesprochen und damit eine
heftige Debatte über die Bio-Medizin ausgelöst.
Bundeskanzler Schröder betont den wirtschaftlichen Nutzen der
Gentechnik. Bei CDU und SPD keine einheitliche Haltung zur Bio-Medizin.
Di.22.05.01 - Die Debatte über den Einsatz der Gentechnik und
biomedizinischer Verfahren in Deutschland hat sich verschärft.
Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) forderte, die Chancen
der Biotechnologie zu nutzen. Die Ministerin schloss vor allem eine
Forschung an überzähligen befruchteten Eizellen nicht aus.
Bundespräsident Johannes Rau hatte dagegen vergangene Woche in
seiner "Berliner Rede" Forschung an Embryonen abgelehnt und eine
Grundsatzentscheidung des Parlaments zur Embryonenforschung gefordert.
Rau sagte: "Wo die Menschenwürde berührt ist, zählen
keine wirtschaftlichen Argumente." Bundeskanzler Schröder
unterstützte am Wochenende zwar die Auffassung Raus, dass die
Würde des Menschen Maßstab für die moralischen Grenzen
bei der Nutzung der neuen Technologie sei, warnte aber, die Debatte zu
verkürzen. Schröder forderte, auch die Bedürfnisse
kranker Menschen sowie die Wahrung wirtschaftlicher Chancen zu
berücksichtigen. "Und schließlich gehört es zu unserer
moralischen Verantwortung, dass wir uns um Arbeit und Wohlstand
kümmern", sagte Schröder in einem Interview des
Nachrichtenmagazins Spiegel. Die Biotechnologie sei "die
Schlüsseltechnologie dieses Jahrhunderts", betonte der Kanzler.
"Ohne sie werden wir kaum den Wohlstand sichern, den unsere Kinder und
Enkel vielleicht auch gern haben möchten." Schon heute halte
Deutschland einen internationalen Spitzenplatz, mehr als jedes
fünfte europäische Biotech-Unternehmen habe hier seinen Sitz.
Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Jürgen Rüttgers
kritisierte die Äußerungen Schröders scharf. "Der
Bundeskanzler darf die Menschenwürde nicht der Ökonomie
opfern", sagte er der Süddeutschen Zeitung. Er betonte, Embryonen
dürften nicht getötet werden, auch nicht mit dem Hinweis,
dass dies vielleicht später zu wissenschaftlichen Fortschritten
führe. Wer wie Schröder darauf hinweise, dass man mit der
Gentechnik Menschen helfen könne, habe zwar Recht. "Wir sind aber
noch nicht an dem Punkt, wo wir diese Frage abschließend
beantworten können."
In der Debatte über die Gentechnik zeichnet sich bei der SPD nach
Angaben von Generalsekretär Franz Müntefering noch keine
einheitliche Linie ab. Auch sei noch nicht klar, ob der SPD-Vorstand
einen gemeinsamen Antrag zum Bundesparteitag im November in
Nürnberg vorlegen werde, sagte Müntefering am Montag nach
einer Sitzung des Parteivorstands. Zunächst sollten am 11. Juni
die Bundesministerinnen Herta Däubler-Gmelin (Justiz), Ulla
Schmidt (Gesundheit) und Edelgard Bulmahn (Forschung) versuchen, eine
gemeinsame Position auszuarbeiten.
Der SPD-Vorstand begrüßte die Rede Raus.
SPD-Generalsekretär Franz Müntefering sagte, die Rede sei
eine Hilfe für die Orientierung in der Debatte. Bundeskanzler
Schröder habe es in einer Aussprache im Vorstand
begrüßt, dass es in der SPD unterschiedlichePositionen
gebe. Müntefering betonte, die Debatte um die Gentechnologie sei
eine Herausforderung der besonderen Art, die man nicht mit festen
Positionen führen könne. Irgendwann, in nicht allzu ferner
Zukunft, müsse aber über das Thema entschieden werden.
Auch Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD)
begrüßte Raus Rede. Die SPD-Politikerin, die zur Gentechnik
eine restriktive Haltung einnimmt, sagte, für die nun notwendige
breite gesellschaftliche Diskussion solle man sich Zeit lassen.
Für neue Gesetze zur Gentechnik gebe es zurzeit keinen
Entscheidungsbedarf. Däubler-Gmelin hält Forschung und
Gentests an Embryonen für unvereinbar mit dem Grundgesetz. Diese
Auffassung teilt auch der frühere Verfassungs-Richter
Ernst-Wolfgang Böckenförde.
Die CDU wird in der Debatte über die Gentechnik vorerst keine
einheitliche Position formulieren. CDU-Generalsekretär Laurenz
Meyer sagte am Montag in Berlin, es sei falsch, mit schnellen Antworten
auf die aktuelle Diskussion zu reagieren. Meyer begrüßte
die Position von Bundespräsident Johannes Rau. In einigen Punkten
bestehe in der Union jedoch Diskussionsbedarf. In der CDU werde die
Diskussion über die Biomedizin offen geführt, sagte Meyer:
"Das ist ein Thema, bei dem es bei einer möglichen Abstimmung im
Bundestag keinen Fraktionszwang geben darf." Seine Partei müsse
klären, "wo unsere Position zum Leben in Bezug auf Ungeborene und
Kranke ist". Meyer ließ offen, ob die CDU in Zukunft zu einer
einheitlichen Position finden werde. Man könne heute nicht
absehen, in welche Richtung sich die Diskussion entwickeln werde.
Im Umgang mit der Gentechnik verlangen die Grünen enge Grenzen zum
Schutz des Embryos, wollen aber auch alle positive Chancen dieser
Technik nutzen. Am vergangenen Dienstag hatte die Grünen-Fraktion
bei zwei Gegenstimmen und zwei Enthaltungen ein von der früheren
Gesundheitsministerin Andrea Fischer vorgelegtes Positionspapier
verabschiedet. Darin stellen sich die Grünen gegen das
Aussortieren erbgeschädigter Embryonen schon im Labor – die so
genannte Präimplantationsdiagnostik (PID) – und gegen die
Forschung mit embryonalen Stammzellen. Fischer betonte, dass die
grünen Abgeordneten in Gewissensfragen nicht an das
Positionspapier gebunden sind.
CSU-Chef Edmund Stoiber warnte vor „Schnellschüssen" bei der
Beurteilung der Gentechnik. Leben dürfe nicht für anderes
Leben verfügbar gemacht werden.
Die FDP lehnt die Vorbehalte des Bundespräsidenten ab. FDP-
Generalsekretärin Cornelia Pieper sagte, ihre Partei setze sich
für die Forschung an embryonalen Stammzellen ein. Damit stellt
sich die FDP hinter die Forderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft
(DFG) nach begrenzter Zulassung der Embryonenforschung.
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD)
stellt sich ebenfalls auf die Seite der DFG: Der Forschung an
importierten embryonalen Stammzellen sollte "Spielraum" gegeben werden,
sagte er im DeutschlandRadio Berlin. Er begründete dies mit
Hoffnungen auf Erfolge im Kampf gegen Hirn- und Nervenkrankheiten.
Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe hält dagegen die
Forschung an menschlichen Embryonen für grundsätzlich nicht
vertretbar. "Der Verbrauch von Menschen ist nicht zu rechtfertigen",
sagte der Präsident der Bundesärztekammer am Montag der
Deutschen Presse-Agentur (dpa).
Der Mediziner Frank Ulrich Montgomery , Menschenrechtsbeauftragter der
Bundesärztekmmaer sagte gegenüber der Frankfurter Rundschau,
er befürchte, die Bundesregierung werfe "wegen kurzfristiger
wirtschaftlicher Vorteile alle ethischen Maximen über Bord". Eine
Zulassung der Präimplantationsdiagnostik ( PID, Gentests an im
Reagenzglas gezeugten Embryonen ) werde zu einem blühenden Handel
mit Embryonen führen, "und dies ist letztlich der Grund, warum
sich der Kanzler so sehr darum kümmert". Die Regierung wolle
über die PID die Zulassung der embryonalen Stammzellenforschung
und des therapeutischen Klonens erreichen. Montgomery sagte, er hoffe,
die Worte Raus fielen bei "fortschrittswütigen Politikern und
Wissenschaftlern" auf fruchtbaren Boden.
Der Mediziner warf auch Teilen der Bundesärztekammer
"Opportunitätsethik" vor. So sei die Ärztevertretung
zunächst ein engagierter Gegner der PID gewesen. Nachdem in der
Gesellschaft eine Zustimmung für das Verfahren zu erkennen gewesen
sei, "waren einige plötzlich dafür".
(Quellen: ap, dpa, kna, avs, sz, taz, fr)
Die "Berliner Rede" des Bundespräsidenten
Bundespräsident Johannes Rau hat in seiner "Berliner Rede"
(18.05.01) vor Machbarkeitswahn in Forschung und Wissenschaft gewarnt
und einen Fortschritt nach menschlichem Maß gefordert.
Rede-Auszüge unter:
http://szarchiv.diz-muenchen.de/REGIS_A12334436
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Berliner Symposium über Fortpflanzungsmedizin
Wissenschaftler, Politiker und andere interessierte Teilnehmer
diskutieren im Mai vergangenen Jahres drei Tage lang Fragen u.a. zum
Embryonenschutzgesetz, zur Präimplantationsdiagnostik (PID),
zur Transplantation embryonaler Stammzellen sowie zum Klonen
menschlicher Zellen.
Eines machte der Diskussions-Marathon des Berliner Symposiums
besonders deutlich: Bei dem angestrebten neuen Gesetz handelt es sich
um weit mehr, als um Regelungen, die unfruchtbare Paare betreffen. Ein
Fortpflanzungsmedizingesetz wird wesentlich das Menschenbild in unserer
Gesellschaft prägen.
Berichte, Reden und Meinungen vom Symposium unter:
http://www.dialog-gesundheit.de/imdialog/veranstaltungen/00/fortpfl/meinungen.htm.
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