Beispielhafter Kampf gegen
Fremdenfeindlichkeit:
Vier Initiativen
als 'Botschafter für Toleranz' ausgezeichnet.
Beim Festakt zum ersten
Jahrestag der Gründung des "Bündnisses für Demokratie
und Toleranz" wurden vier Initiativen ausgezeichnet, die Lösungen
für die Bekämpfung von Rechtsradikalismus und Fremdenhass
entwickelt hatten. Viele Initiativen kritisieren, das vom Innenminister
ins Leben gerufene Bündnis sei vor Ort nicht päsent.
Neonaziszene verzeichnet Zuwachs. Dramatischer Anstieg rechtsextremer
Straftaten.
Fr.25.05.01 - Die Jugendgeschichtswerkstatt des Vereins "Miphgasch",
das Köpenicker Bündnis "Bunt statt Braun", die Aktion Courage
aus Bonn und die Initiative für ein gewaltfreies Miteinander aus
Neustadt sind am Mittwoch in Berlin bei der Jubiläumsfeier zum
ersten Jahrestag der Gründung des "Bündnisses für
Demokratie und Toleranz" als "Botschafter für Toleranz" geehrt
geworden. Die vier ausgezeichneten Initiativen hatten Lösungen
für die Bekämpfung rechtsextremen Gedankengutes und den
aktiven Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit entwickelt.
Die Jugendgeschichtswerkstatt des Vereins "Miphgasch" hatte am 26.
Januar mit einer "fahrenden Ausstellung" S-Bahn-Fahrgästen die
alltäglichen Lebensbedingungen jüdischer Bürger
während der Nazizeit vor Augen geführt. "Miphgasch" ist
hebräisch und heißt "Begegnung". Der 1995 gegründete
Verein hat sich zum Ziel gesetzt, Brücken zwischen
nichtjüdischen und jüdischen Jugendlichen zu bauen.
"Bunt statt Braun" ist ein Zusammenschluss von 20 öffentlichen und
freien Projekten der Kinder- und Jugendarbeit gegen die
NPD-Bundeszentrale in Köpenick. Mit Demonstrationen, Informationen
an Schulen und einer Ausstellung über Anne Frank will das
Bündnis über rassistische und ausländerfeindliche
Tendenzen aufklären und zu einem toleranten Klima in Köpenick
beitragen. Die Jugendlichen zeigten mit ihren eigenständigen
Aktionen ohne feste Organisationsform Selbstvertrauen und
Zivilcourage, hieß es zur Preisverleihung.
Zu den Preisträgern gehört auch die Aktion Courage aus Bonn,
durch deren Engagement 200 zusätzliche Lehrstellen in Unternehmen
mit ausländischen Inhabern geschaffen werden konnten.
"Initiative für ein gewaltfreies Miteinander" nennt sich der im
Spätsommer 2000 zusammengefundene lose Zusammenschluss von
Schülern in Neustadt. Anlass waren mehr als 35 Vorfälle
rechter Gewalt in kürzester Zeit, die die jungen Leute zum Teil
am eigenen Leibe erfahren mußten. Beharrlich versucht die
Initiative, "mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, über die
Grenzen von Vereinen und Vereinigungen, Parteien und Institutionen
hinweg, Zeichen gegen Gewalt und besonders gegen die Bedrohung von
rechter Gewalt und Ideologie zu setzen".
Die Bundesregierung wertet das vor einem Jahr gegründete
"Bündnis für Demokratie und Toleranz" als großen
Erfolg bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus. Viele
Initiativen sind jedoch enttäuscht: "Für uns ist das
Bündnis eine Absichtserklärung, keine Arbeitsplattform", sagt
Barbara Simon vom Antirassistisch-Interkulturellen Informationszentrum
in Berlin. Das von Innenminister Otto Schily ins Leben gerufene
Bündnis, so die Hauptkritik, ist vor Ort nicht präsent.
Das Bündnis ist mit einem bescheidenen Etat von 1,3 Millionen Mark
ausgestattet. "Wir verstehen uns nicht als neue Geldverteilungsstelle",
betont Geschäftsführer Wolfgang Arnold. Ziel sei die
Vernetzung vor Ort.
Davon ist das Bündnis weit entfernt: Ein Internetauftritt, das
"Lexikon der Initiativen", sollte einen Überblick geben. Allein,
eine eigene Website hat das Bündnis bisher nicht. Wer
Informationen sucht, muss das Innenministerium anklicken. "Eine
große PR-Kampagne macht keinen Sinn, wenn wir von
organisatorischer Seite nicht reagieren können." Tatsächlich
sind die vier Mitarbeiter der Berliner Geschäftsstelle
überfordert. Es gibt die Zusage, das Personal aufzustocken.
Anfang Juni soll über die Personalaufstockung verhandelt werden.
"Das Bündnis verstellt den Blick auf institutionelle
Hintergründe von Rassismus", sagt Pro-Asyl-Sprecher Heiko
Kauffmann . Der Staat könne von seinen Bürgern keine
Zivilcourage verlangen, wenn er selbst mit Sonderbestimmungen wie der
Residenzpflicht die Menschenrechte mit Füßen trete. "Die
Regierung muss erst einmal ihre Hausaufgaben machen."
Neonaziszene verzeichnet Zuwachs
Dramatischer Anstieg rechtsextremistischer Straftaten
Die Zahl rechtsextremistischer Straftaten ist sowohl in Thüringen
als auch in Baden-Württenberg im vergangenen Jahr dramatisch
gestiegen. In Thüringen wurden 65 Prozent mehr derartiger Delikte
registriert, im Südwesten verdoppelten sie sich fast. Dies geht
aus den Verfassungsschutzberichten beider Länder hervor, die am
Montag veröffentlicht wurden. Während in Thüringen 1999
noch 1.118 rechtsextremistische Delikte registriert wurden, waren es
2000 bereits 1.846. Wie Innenminister Christian Köckert (CDU) in
Erfurt sagte, verdoppelte sich die Zahl der Fälle, in denen
Körperverletzung im Spiel war, von 38 auf 78. In
Baden-Württemberg nahm die Zahl rechtsextremistisch motivierter
Gewalttaten von 61 auf 107 zu, die Straftaten insgesamt von 832 auf
1470. Einen erheblichen Anstieg gibt es auch bei den
einschlägigen Homepages im Internet. Der Verfassungsbericht
erwähnt unter anderem Anleitungen zur Herstellung von Rohrbomben
mit dem Hinweis, "eurem Hass mal freien Lauf zu lassen". Gewachsen ist
schließlich auch die Zahl der rechtsextremistischen Personen, die
von den Behörden als gewaltbereit eingestuft werden: Bundesweit
von 9000 auf 9700, im Land von 670 auf 800. Zu 95 Prozent sei dieser
Personenkreis der Skinheadszene zuzurechnen.
Rechtsextremismus findet immer mehr Anhänger unter jungen
Menschen. Das hat die nordrhein-westfälische Landesregierung bei
der Vorlage einer "Bilanz zur Bekämpfung des Rechtsextremismus"
festgestellt. Etwa 50 bis 60 Prozent der Neonazis und sogar 75 Prozent
der Skinheads seien 25 Jahre oder jünger. Sogar in der NPD seien
schon 30 Prozent der 850 Mitglieder in NRW zwischen 18 und 25, fast
dreimal mehr als ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung.
Auch in Niedersachsen haben Neonazigruppen und rechtsextreme Skinheads
überdurchschnittlich viele Anhänger dazugewonnen. Das geht
aus dem Jahresbericht 2000 des Landesamts für Verfassungsschutz
hervor. Innenminister Heiner Bartling äußerte sich besorgt
über das Wachstum der Szene und die Zunahme rechtsextremer
Gewalttaten. Er appellierte an den Medienkonzern Bertelsmann, die
Verbreitung von Neonazimusik über die Internet-Tauschbörse
Napster zu stoppen.
Nach einem Bericht Verfassungsschutzes hat die NPD trotz der breiten
Debatte um ein Parteienverbot bundesweit einen Mitgliederzuwachs um 8
Prozent auf 6.500 verzeichnet. In Niedersachsen stieg die Zahl der
Mitglieder von Neonazi- und rechtsextremen Skinheadgruppen 2000 um
fast 15 Prozent von 1.100 auf 1.250. Bundesweit nahm die Zahl ihrer
Anhänger um rund acht Prozent von 9.000 auf 9.700 zu. Die Zahl
rechtsextremer Gewalttaten wuchs dem Bericht zufolge bundesweit um 34
Prozent, in Niedersachsen wurde ein überdurchschnittlicher Anstieg
um 61 Prozent von 80 auf 129 Delikte verzeichnet.
(Quellen: ap, dpa, partisan, taz)
Update am 26.05.01:
Hannover dpa - Randalierende Skinheads haben am Donnerstag in Hannover
und Langenhagen Ausländer durch die Innenstädte gehetzt und
angegriffen. Ein Iraner erlitt Schnitt- und Platzwunden. Ein Italiener
entkam anderen Rechtsradikalen nur knapp. Bei anschließenden
Auseinandersetzungen wurde ein Polizist am Auge verletzt. Die Polizei
räumte inzwischen Fehler ein. Die Beamten hätten zu lange mit
Festnahmen gezögert, sagte Polizeipräsident Klosa. "Wer sich
als Skinhead stark alkoholisiert und mit Hakenkreuzfahne bewegt,
gehört sofort eingesperrt." Erst mehr als zwei Stunden nach ersten
Hinweisen wurden sieben Skinheads festgenommen.
"Bündnis für Demokratie ist gescheitert"
Neun linke Gruppen haben am Freitag in Berlin eine "Plattform gegen
Rassismus in Staat und Gesellschaft" vorgestellt. Das "Bündnis
für Demokratie und Toleranz" der Bundesregierung sei gescheitert,
sagte Fanny-Michaela Reisin von der Internationalen Liga für
Menschenrechte. Rechtsextreme Gewalttaten hätten im vergangenen
Jahr erheblich zugenommen; daran habe auch der Appell von Bundeskanzler
Gerhard Schröder zu einem "Aufstand der Anständigen" nichts
geändert. Staatliche Aufrufe zu mehr Toleranz stünden im
schroffen Gegensatz zu den "diskriminierenden Gesetzen" und einer
"menschenfeindlichen Abschiebepraxis". "Verdeckte und offene
Feindseligkeiten gegen Flüchtlinge und Migranten, besonders gegen
Minderheiten, sozial Schwache und Andersdenkende sind alltäglich",
heißt es in dem Aufruf der Plattform. Zu den Unterzeichnern
zählen neben der IG Medien die Flüchtlingsräte aus
fünf Bundesländern. Die Plattform warnt vor einem "Abbau von
Bürgerrechten beim Kampf gegen den Rechtsextremismus". Mit
Versammlungsverboten und einer Verschärfung des Strafrechts gehe
der Staat nicht nur gegen Neonazis vor, sondern behindere zugleich das
Engagement "radikaldemokratischer, antifaschistischer und
antirassistischer Organisationen". Dies hätten zuletzt die
Ereignisse in Berlin am 1.Mai gezeigt. Die Plattform wolle künftig
"stärker in die Mitte der Gesellschaft hineinwirken", sagte
Reisin. Weitere Aktionen und Aufrufe seien geplant, mit dem Ziel, eine
"breite Bewegung gegen den Neonazismus" in Gang zu bringen.
Quelle: sz;http://szarchiv.diz-muenchen.de/REGIS_A12334436
Berliner Verein "Miphgasch"
http://www.miphgasch.de/
Köpenicker Bündnis "Bunt statt Braun"
http://www.bunt-statt-braun.de/
"Aktion Courage", Bonn
http://www.aktioncourage.org
"Initiative für ein gewaltfreies Miteinander ", Neustadt
http://www.gewaltfreimiteinander.de/
"Bündnis für Demokratie und Toleranz - gegen
Extremismus und Gewalt"
http://www.buendnis-toleranz.de/
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