"Bündnis für
Demokratie ist gescheitert"
Dramatischer Anstieg
von rechtsextremistischen
Straf-und Gewaltaten
Verfassungsschützer sprechen von "Ansätzen zu terroristischer
Gewalt". Die rechtsextremistische NPD gewinnt trotz Debatte um ein
Parteienverbot neue Mitglieder. Wegen der erheblichen Zunahme der Zahl
rechter Gewalttaten, ist nach Ansicht vieler antirassistischer
Initiativen, das von Innenminster Schily vor einem Jahr ins Leben
gerufene "Bündnis für Demokratie und Toleranz" gescheitert.
Linke Gruppen gründeten in Berlin eine "Plattform gegen Rassismus
in Staat und Gesellschaft".
Mi.30.05.01 - Allein in Berlin wurde laut Verfassungschutzsbericht
für das Jahr 2001 eine Steigerung rechtsextremistisch motivierter
Straftaten von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr registriert. Der
rechtsextremistischen NPD gelang es, in Berlin neueParteimitglieder zu
werben. Zählte die Partei 1999 noch 220 Mitglieder, kamen im
vergangenen Jahr 20 neue hinzu. Das entspricht einer Steigerung von
neun Prozent. Gleichzeitig stieg auch die Zahl der unorganisierten
Neonazis von 225 auf 280 - ein Plus von 24 Prozent. Als gewaltbereit
stufte der Berliner Verfassungsschutz 830 Personen der rechten Szene
ein. Davon gehörten 550 zur Gruppe der Skinheads. Im Vorjahr lag
die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten noch bei 740 Personen.
Was dem Verfassungsschutz besonders Sorgen bereitet, ist offenbar eine
neue Qualität der Gewalt von Rechtsextremisten. Demnach stieg nicht
nur die Zahl der Gewalttaten gegen Personen um zehn auf nunmehr 39.
Zudem gebe es eine Diskussion innerhalb der Szene, ob man mit
terroristischen Aktionen seine politischen Ziele verfolgen sollte. Die
Verfassungsschützer sprechen von "Ansätzen zu terroristischer
Gewalt". Waffen- und Sprengstofffunde bestärken die Experten in
dieser Annahme.
Auch in Thüringen und in Baden-Württemberg ist die Zahl
rechtsextremistischer Straftaten im vergangenen Jahr dramatisch
gestiegen. In Thüringen wurden 65 Prozent mehr derartiger Delikte
registriert, im Südwesten verdoppelten sie sich fast. Dies geht aus
den Verfassungsschutzberichten beider Länder hervor, die am
Montag veröffentlicht wurden. Während in Thüringen 1999
noch 1.118 rechtsextremistische Delikte registriert wurden, waren es
2000 bereits 1.846. Wie Innenminister Christian Köckert (CDU) in
Erfurt sagte, verdoppelte sich die Zahl der Fälle, in denen
Körperverletzung im Spiel war, von 38 auf 78. In
Baden-Württemberg nahm die Zahl rechtsextremistisch motivierter
Gewalttaten von 61 auf 107 zu, die Straftaten insgesamt von 832 auf
1470. Einen erheblichen Anstieg gibt es auch bei den
einschlägigen Homepages im Internet. Der Verfassungsbericht
erwähnt unter anderem Anleitungen zur Herstellung von Rohrbomben
mit dem Hinweis, "eurem Hass mal freien Lauf zu lassen". Gewachsen ist
schließlich auch die Zahl der rechtsextremistischen Personen, die
von den Behörden als gewaltbereit eingestuft werden: Bundesweit
von 9000 auf 9700, im Land von 670 auf 800. Zu 95 Prozent sei dieser
Personenkreis der Skinheadszene zuzurechnen.
Rechtsextremismus findet immer mehr Anhänger unter jungen
Menschen. Das hat die nordrhein-westfälische Landesregierung bei
der Vorlage einer "Bilanz zur Bekämpfung des Rechtsextremismus"
festgestellt. Etwa 50 bis 60 Prozent der Neonazis und sogar 75 Prozent
der Skinheads seien 25 Jahre oder jünger. Sogar in der NPD seien
schon 30 Prozent der 850 Mitglieder in NRW zwischen 18 und 25, fast
dreimal mehr als ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung.
In Niedersachsen haben Neonazigruppen und rechtsextreme Skinheads
überdurchschnittlich viele Anhänger dazugewonnen. Das geht
aus dem Jahresbericht 2000 des Landesamts für Verfassungsschutz
hervor. Innenminister Heiner Bartling äußerte sich besorgt
über das Wachstum der Szene und die Zunahme rechtsextremer
Gewalttaten. Er appellierte an den Medienkonzern Bertelsmann, die
Verbreitung von Neonazimusik über die Internet-Tauschbörse
Napster zu stoppen.
Nach einem Bericht Verfassungsschutzes hat die NPD trotz der breiten
Debatte um ein Parteienverbot bundesweit einen Mitgliederzuwachs um 8
Prozent auf 6.500 verzeichnet. In Niedersachsen stieg die Zahl der
Mitglieder von Neonazi- und rechtsextremen Skinheadgruppen 2000 um
fast 15 Prozent von 1.100 auf 1.250. Bundesweit nahm die Zahl ihrer
Anhänger um rund acht Prozent von 9.000 auf 9.700 zu. Die Zahl
rechtsextremer Gewalttaten wuchs dem Bericht zufolge bundesweit um 34
Prozent, in Niedersachsen wurde ein überdurchschnittlicher Anstieg
um 61 Prozent von 80 auf 129 Delikte verzeichnet.
Trotz dieser verheerenden Entwicklungen wertet die Bundesregierung das
vor einem Jahr von Bundesinnenminister Otto Schily ins Leben gerufene
"Bündnis für Demokratie und Toleranz" als großen
Erfolg bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus. Viele
Initiativen sind jedoch enttäuscht: "Für uns ist das
Bündnis eine Absichtserklärung, keine Arbeitsplattform",
sagt Barbara Simon vom Antirassistisch-Interkulturellen
Informationszentrum in Berlin. Das Bündnis, so die Hauptkritik,
ist vor Ort nicht präsent. Neun linke Gruppen haben nun am Freitag
in Berlin eine "Plattform gegen Rassismus in Staat und Gesellschaft"
vorgestellt, mit der künftig "stärker in die Mitte der
Gesellschaft" hineinwirkt werden soll.
Fanny-Michaela Reisin von der Internationalen Liga für
Menschenrechte sagte in Berlin, das "Bündnis für Demokratie
und Toleranz" der Bundesregierung sei gescheitert. Rechtsextreme
Gewalttaten hätten im vergangenen Jahr erheblich zugenommen;
daran habe auch der Appell von Bundeskanzler Gerhard Schröder zu
einem "Aufstand der Anständigen" nichts geändert. Staatliche
Aufrufe zu mehr Toleranz stünden im schroffen Gegensatz zu den
"diskriminierenden Gesetzen" und einer "menschenfeindlichen
Abschiebepraxis". "Verdeckte und offene Feindseligkeiten gegen
Flüchtlinge und Migranten, besonders gegen Minderheiten, sozial
Schwache und Andersdenkende sind alltäglich", heißt es in
dem Aufruf der Plattform. Zu den Unterzeichnern zählen neben der
IG Medien die Flüchtlingsräte aus fünf
Bundesländern. Die Plattform warnt vor einem "Abbau von
Bürgerrechten beim Kampf gegen den Rechtsextremismus". Mit
Versammlungsverboten und einer Verschärfung des Strafrechts gehe
der Staat nicht nur gegen Neonazis vor, sondern behindere zugleich
das Engagement "radikaldemokratischer, antifaschistischer und
antirassistischer Organisationen".
(Quellen: bz, ap, dpa, partisan, sz, taz)
Internationale Liga für Menschenrechte (ILMR)
Als Nicht-Regierungsorganisation handelt die Internationale Liga
für Menschenrechte unabhängig von staatlichen und
nichtstaatlichen Institutionen. Sie wendet sich gegen die Rücknahme
rechtsstaatlicher Errungenschaften im Straf- und Polizeirecht, fordert
die Wiederherstellung des uneingeschränkten Grundrechts auf Asyl
und den Erlaß eines Antidiskriminierungsgesetzes. Sie betrachtet
den Kampf gegen Rechtsextremismus nicht allein als Aufgabe von Polizei
und Justiz, sondern als eine gesamtgesellschaftliche. Ihren Beitrag
dazu leistet sie durch Aufklärung, Sensibilisierung und durch die
aktive Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte.
Mehr unter:
http://www.ilmr.org
"Bündnis für Demokratie und Toleranz - gegen
Extremismus und Gewalt"
http://www.buendnis-toleranz.de
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