Unterschätzte Gefahr:
Zivile Labors
erzeugen unfreiwillig potentielle Biowaffen
Australische Experten
für Tierseuchen hatten einen Forschungsauftrag mit friedlichem
Nutzen: Sie sollten eine biologische Methode entwickeln, um bei
Mäuseweibchen die Fruchtbarkeit zu senken. Doch das Ergebnis war
keine harmlose Methode, um Mäuse unfruchtbar zu machen, sondern
die Vorlage für eine hoch potente Biowaffe. Die zivile Nutzung
moderner Bio- und Gentechnologie habe weltweit die Möglichkeiten
verbessert, mit denselben Methoden biologische Waffen herzustellen, so
der britische Friedensforscher Malcolm Dando von der Universität
Bradford.
Di.12.06.01 - Die australischen Forscher Ron Jackson und Jan Ramshaw
vom CSIRO (Commonwealth Scientific and Industrial Research
Organisation) wollten eigentlich nur Mäuse unfruchtbar machen. Sie
nahmen das für Mäuse schwach pathogene Mäusepockenvirus
und transportierten damit sowohl Gene für das Eiweiss von
Mäuse-Eizellen als auch das Gen für den Botenstoff
Interleukin-4. Die Eiweisse sollten eine Immunreaktion gegen die
Eizellen hervorrufen und sie dadurch ausschalten und das Interleukin
sollte das Immunsystem der Mäuse aktivieren, um den Prozess zu
verstärken. Zur Überraschung der Forscher starben alle
Mäuse innerhalb von neun Tagen. Das Interleukin hatte ihr
Immunsystem ausgeschaltet, statt es zu aktivieren. Auch eine
Schutzimpfung half nicht wesentlich: Sie wirkte nur bei der Hälfte
der Tiere, ein Drittel starb trotz Impfung.
"Das modifizierte Virus verhindert sogar, dass immunisierte Tiere die
Gedächtniszellen ihres Immunsystems mobilisieren können",
folgern die Australier. "Würde jemand nach demselben Prinzip ein
Menschenpockenvirus verändern und als Biowaffe einsetzen,
könnte man nicht einmal impfen", so Ramshaw in der Fachzeitschrift
Nature (Bd.411, S.235, 2001).
"Die zivile – legitime – Nutzung moderner Bio- und Gentechnologie hat
weltweit die Möglichkeiten verbessert, mit denselben Methoden
biologische Waffen herzustellen", so der britische Friedensforscher
Malcolm Dando von der Universität Bradford bei einem Symposium
über Biowaffen im Deutschen Hygienemuseum in Dresden. Die
unfreiwillige Erzeugung einer potenziellen Biowaffe im Labor hatte
schon die American Society for Microbiology auf den Plan gerufen: Beim
kalifornischen Gentech- Unternehmen Maxygen in Redwood hatte ein
Wissenschaftler durch Mischen von Genfragmenten ein Darmbakterium
erzeugt, das 32000mal weniger empfindlich für Antibiotika ist als
die natürliche Variante. Auf Bitten der Fachgesellschaft wurde der
Mikrobenstamm wieder zerstört.
Während noch vor einigen Jahren den Biowaffen nur ein geringes
Bedrohungspotenzial attestiert wurde, hat sich die Lage jetzt klar
verändert. Krankheit heißt die neue Genwaffe. Viele
Fantasien seien heute schon Realität, berichtet Jan van Aken vom
Sunshine Project in Hamburg, einer internationalen Organisation zur
Bekämpfung biologischer Waffen: tödliche Viren und Bakterien,
gegen die Impfungen und Antibiotika nichts mehr ausrichten können,
Krankheitskeime, die schwer erklärbare Symptome hervorrufen und
nicht nachgewiesen werden können.
Wie zweischneidig die Bioforschung ist, zeigt van Aken an einem
Beispiel: Mit dem Botulinum-Toxin werden in der Medizin erfolgreich
Muskelprobleme behandelt, gleichzeitig sei die Substanz aber ein
potentes Gift. Und um bestimmte Pilzgifte nachweisen zu können,
müssen diese zunächst einmal hergestellt werden. Dies sei
zurzeit ein "zentrales Forschungsfeld". Auch die Entwicklung eines
Impfstoffes gegen Milzbrand komme defensiv daher. Aber den Impfstoff
benötige eben auch ein Angreifer. So hätten russische
Forscher das Anthrax-Bakterium, den Erreger des Milzbrandes,
mittlerweile so verändert, dass weder Impfungen noch
Nachweisverfahren ansprächen. Die Wissenschaftler hätten ihn
durch ihre Arbeit praktisch unsichtbar gemacht.
Weil Biowaffen-Forschung verboten ist, gibt es kaum Hinweise auf die
Produzenten. Van Aken zitiert aber westliche Geheimdienstquellen. Diese
gingen von zehn bis 25 Ländern aus, die gegen die
B-Waffen-Konvention verstießen. In der defensiven Forschung
spielten die USA und Großbritannien, aber auch Deutschland eine
wichtige Rolle. "Unter dem Mantel der defensiven Forschung", warnt Jan
van Aken, könne aber schnell auch ein offensives Potenzial
entwickelt werden.
Van Aken hat das Symposium in Dresden initiiert – auch deshalb, weil im
November die sechste Konferenz zur Überprüfung der
B-Waffen-Konvention in Genf stattfindet. Die Konvention ist seit 1975
in Kraft, 143 Staaten haben sie unterzeichnet, darunter Deutschland.
Sie verbietet es, Organismen oder deren Toxine zu entwickeln,
herzustellen oder zu lagern, um sie militärisch zu nutzen, erlaubt
aber all dies, um sich vor Biowaffen zu schützen. Da es bisher
keine Regelungen gibt, wie die Einhaltung der B-Waffen-Konvention
kontrolliert werden soll, ist sie nur begrenzt wirksam.
(Quellen: sz, fr, sunshine project )
Ausführliche Informationen über Biowaffen
liefert das Sunshine-Project unter der Webadresse:
http://www.sunshine-project.org
Biologische Waffen - Forschungsprojekte der Bundeswehr
Was forscht die Bundeswehr, welche Universitäten arbeiten ihr zu?
Eine Zusammenstellung von Zahlen und Fakten über "biologische
Abwehrforschung" in Deutschland.
Im Interner unter:
http://www.sunshine-project.org/deutsch/publications/bk7de.html
Biologische Waffen im 21. Jahrhundert
Tagung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden (9. Juni 2001)
http://www.sunshine-project.org/deutsch/publications/dresden.html
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