Chaostage
Schwere Unruhen beim
EU-Gipfel in Göteborg
Am Ende der
Protestaktionen gegen den EU-Gipfel bleiben nach Angaben der
Süddeutschen Zeitung ein durch eine Polizeikugel
Schwerverletzter, der am Sonntag noch mit dem Tod ringt, ein Polizist
mit Schädelbruch, 80 Verletzte insgesamt, 567 Festnahmen und
Sachschäden von mehr als 100 Millionen Kronen. Nervöse
Überreaktionen der Ordnungsmacht und die Gewaltbereit- schaft
kleiner Gruppen führten zur Eskalation der Situation rund um das
Konferenzzentrum, wo die Staats- und Regierungschefs der EU unter
anderem über Erwärmung der Atmosphäre, die
Osterweiterung und weitere Militarisierung der Europäischen Union
berieten. Innenminister Otto Schily (SPD) will prüfen, ob die
Reisefreiheit gewalttätiger Demonstranten eingeschränkt
werden kann.
Mo.18.06.01 - Einen Tag nach den schweren Ausschreitungen beim
EU-Gipfel in Göteborg haben am Samstag 25.000 Demonstranten unter
dem Motto "Für ein anderes Europa" gegen die Politik der
Europäischen Union friedlich protestiert. Am Freitagabend waren
bei schweren Auseinandersetzungen zwischen Globalisierungs- gegnern
und der Polizei im Zentrum der westschwedischen Stadt 77 Menschen zum
Teil schwer verletzt worden. Ein durch Polizeischüsse in die
Brust schwer verletzter Demonstrant musste nach einer Notoperation
künstlich beatmet werden. Sein Zustand sei "sehr kritisch",
erklärten die behandelnden Ärzte im Sahlgrenska- Krankenhaus.
Zwei weitere Demonstranten wurden durch Polizeischüsse ins Bein
getroffen. Augenzeugen hatten berichtet, ein Polizist habe in Notwehr
geschossen. Er habe einen Kollegen schützen wollen, der gestolpert
sei, als eine Gruppe von Polizisten von Randalierern verfolgt wurde.
Die Berliner tageszeitung (taz) berichtet dagegen in ihrer heutigen
Ausgabe, dass von Notwehr keine Rede sein kann: "Videoaufnahmen und
Fotoserien dieses schwerwiegenden Vorfalls von Göteborg zeigen
dies in aller Deutlichkeit", so die taz. Ein Polizist habe "mit
gezogener und offenbar entsicherter Pistole" herum gefuchtelt und auf
einen Demonstranten gezielt, der Pflastersteine wirft. Die
Polizeibeamten seien "mehr als ausreichend unter ihren Helmen und
hinter ihren Schilden gesichert" gewesen. "Nicht so die
DemonstrantInnen, auf die die Polizei fleißig Pflastersteine
zurückwarf. Auch nicht der 21-Jährige mit Bauchschuss, der am
Sonntag auf der Intensivstation zwischen Tod und Leben schwebte. "
Wie Beobachter berichten, handelten die Ordnungskräfte
überaus nervös und unnötig gewalttätig. Mit der
Folge, dass auch auf der Protestseite die Gewaltbereitschaft stieg.
Teile der Innenstadt Göteborgs verwandelten sich in ein
Schlachtfeld. Nach Angaben der taz wurden fast 100 DemonstrantInnen
ambulant behandelt, rund 900 verhaftet, hunderte ausgewiesen. Rund 100
Deutsche wurden bei der Einreise nach Südschweden ebenso gestoppt
wie eine unbekannte Anzahl von DänInnen und vermutlich ebenfalls
Deutschen, die am Samstag versuchten, von den Fähren aus
Dänemark in Göteborg an Land zu gehen.
Wegen der Unruhen wurde ein außerhalb des weiträumig
abgeriegelten Konferenzortes "Messehallen" geplantes Arbeitsessen der
15 Staats- und Regierungschefs abgesagt. Die Polizei erklärte, sie
könne die Sicherheit für die Spitzenpolitiker nicht mehr
garantieren und verfügte mit derselben Begründung, dass die
Regierungschefs von Belgien, Finnland, Irland und Luxemburg sowie deren
komplette Delegationen ihr Hotel zu wechseln hätten, was
beispiellos in der Geschichte der EU-Treffen ist.
Während die Akteure der Riots von Fotografen und TV-Kameraleuten
auf Schritt und Tritt verfolgt wurden, gingen die gewaltfrei
vorgebrachten Proteste gegen die Globalisierung und die Schuldenkrise
der Dritten Welt, gegen den Euro und "Fort Europa" in der
Bildberichterstattung völlig unter. Dabei gab es einen
"Gegengipfel" mit zahlreichen Veranstaltungen, die seit Tagen in der
Stadt abgehalten wurden. Im Stadtzentrum, auf beiden Seiten des alten
Stadtgrabens, war ein Zeltdorf errichtet worden, in dem
Umweltschützer, Gloablisierungsgegner, der schwedische
Gewerkschaftsdachverband LO, Anarcho-Syndikalisten und andere Gruppen
Podiumsdiskussionen, Kulturveranstaltungen und Vorträge anboten.
Die versteckt hinter dreifachen Verteidigungslinien,
Metallgitterzäunen, spanischen Reitern und Container- Barrikaden
tagenden EU-Staats- und Regierungschefs vereinbarten in Göteborg
eine engere Zusammenarbeit im Kampf gegen politische Gewalttäter.
Für den schwedischen Premierminister Göran Persson haben die
Krawalle "alles überschattet, was wir auf dem Gipfel erreicht
haben....Sie (die Gewalttäter) wollen die Demokratie
zerstören. Das dürfen wir nicht zulassen".
Zusammen mit der französischen und der belgischen Regierung will
Persson ein Verteidigungskonzept entwickeln. Die Innen- und
Justizminister der drei Staaten sollen federführend für die
Europäische Union (EU) überlegen, wie Europas
Polizeikräfte gemeinsam gegen das Konzept der gewaltbereiten
Demonstranten vorgehen können. Unter dem Eindruck der Ereignisse
in Göteborg hat das schon lange diskutierte Projekt einer
schlagkräftigen europäischen Polizeitruppe plötzlich
wieder neuen Schub bekommen.
Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder kündigte harte
Gegenmaßnahmen an, die u.a. Reiseverbote für Polit-Hooligans
umfassen könnten. Innenminister Otto Schily (SPD) will
prüfen, ob die Reisefreiheit gewalttätiger Demonstranten
eingeschränkt werden kann.
Zum Abschluss des Gipfels stellten die Teilnehmer einen Zeitplan
für die EU-Erweiterung auf. Die Verhandlungen mit den am besten
vorbereiteten Kandidaten sollten bis Ende nächsten Jahres
abgeschlossen werden, heißt es in der Erklärung.
Außerdem hat der EU-Gipfel in seinen Schlussfolgerungen auch eine
"Strategie für nachhaltige Entwicklung" verabschiedet. Die
Regierungschefs haben das ehrgeizige Versprechen abgelegt, dass
Wirtschaftswachstum nicht mehr auf Kosten der Umwelt gehen darf und die
Lebensqualität künftiger Generationen beachtet werden soll.
Allerdings sind die Regierungschefs noch weit hinter dem Konzept der
EU-Kommission zurückgeblieben, die dem Gipfel ein forsches Papier
zur nachhaltigen Entwicklung vorgelegt hat. Darin wird eine gemeinsame
EU- Energiesteuer und die Abschaffung der Kohle- und Tabaksubventionen
vorgeschlagen. Der Gipfel hat diese Probleme ausgeklammert und den EU-
Regierungen aufgegeben, eigene nationale Pläne zur nachhaltigen
Entwicklung zu erarbeiten.
Die Grünen im Europaparlament zeigten sich enttäuscht
über die Ergebnisse des Treffens in Göteborg. "Nationale
Egoismen haben über gemeinsame Interessen gesiegt", sagte die
Fraktionsvorsitzende Heidi Hautala. Auch die Umweltorganisation
"Friends of the Earth" sieht in dem EU-Beschluss "zwar viele gute
Absichten, aber noch keine konkreten Maßnahmen". Ganz anders das
Urteil der Organisation "Greenpeace": Endlich habe das Prinzip der
Nachhaltigkeit Platz auf der Agenda der Europäischen Union
gefunden, sagte Europa-Direktor Hans Wolters. Das sei ein Signal der
Hoffnung.
Am Donnerstag abend protestierten mehr als 10.000 Menschen gegen
US-Präsident George W. Bush, der zu einem kurzen USA-EU-Gipfel in
die Stadt gekommen war. Neben dem Protest gegen Washingtons Sabotage an
den internationalen Klimaverhandlungen wurde vor allem die
US-Außenpolitik gegenüber Palästina, Kolumbien und Kuba
kritisiert. Bereits am Mittwochabend wartete auf den
US-Präsidenten eine "Bush not welcome"-Demo und davor ein
spezieller Gruß von Attac: das "bisher größte
Mass-Mooning". Auf gut deutsch: die jungen Leute streckten dem Gast
ihre nackten Hintern entgegen. Der sah davon freilich nichts. Er
saß mit korrekt gekleideten EU-Spitzen auf Gut Rada zusammen,
während sich Attac-Leute zehn Kilometer entfernt vor Bushs Hotel
entblößten.
Hoffnungen der Europäer, dass sich die USA im Streit über das
Kyoto-Protokoll bewegen würden, zerschlugen sich am Donnerstag.
Der Streit zwischen der EU und den USA über die
Klimaschutz-Politik schwelt weiter. Nach dem Treffen zwischen den
Spitzen der Europäischen Union und dem amerikanischen
Präsidenten Bush in Schweden hieß es in einer gemeinsamen
Erklärung, man sei uneins über das Kyoto-Protokoll zum
Klimaschutz, das eine Reduzierung der Treibhaus-Gase vorsieht. Bush
bekräftigte noch einmal seine ablehnende Haltung, die er mit
negativen Folgen für die Industrie in seinem Land begründet.
Dennoch, so EU-Ratspräsident Persson, wird es weiter
Gespräche über den Klimaschutz geben. Der Klimawandel
betreffe schließlich die ganze Welt, jedes Land habe mit den
selben Problemen zu kämpfen, egal ob es für oder gegen Kyoto
sei.
In den wirtschaftspolitischen Gesprächen einigten sich die USA und
die EU darauf, eine neue Welthandelsrunde in Gang zu setzen. Damit soll
nach dem Scheitern der letzten Runde im Jahre 1999 in Seattle ein neuer
Anlauf genommen werden. Dabei müssten die Erfordernisse der
Entwicklungsländer ausreichend berücksichtigt werden,
hieß es.
(Quellen: fr, partisan, sz, jw, indymedia.org, br, dr)
Berichte vom EU-Gipfel in Göteborg 2001:
http://sweden.indymedia.org/
http://www.germany.indymedia.org/
http://www.gbg2001.org
http://www.motkraft.net/gbg2001/tysk/dindex.htm
Hier gehts zum nächsten
Gipfel:
Treffen des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Salzburg:
So.01.Juli bis Di. 03. Juli 2001
http://www.antiwef.org
Weltklimakonferenz in Bonn:
Mo.16. bis Fr.27. Juli 2001
http://www.risingtide.de
G8-Gipfel in Genua:
Fr. 20. bis So. 22. Juli 2001
http://www.genoa-g8.org/
http://italia.indymedia.org
Weltbank und IWF Treffen in Washington, DC:
Fr. 28.09 bis Do. 04.10.01
The International Monetary Fund (IMF) and World Bank will
be holding their Joint Annual General Meetings in Washington, DC
from September 28 to October 4, 2001.
http://www.www.50years.org/s28/call.html
http://dc.indymedia.org/
Internationaler Protestkalender:
http://www.protest.net/
Peoples' Global Action:
http://www.agp.org
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