Höchste Explosionsgefahr:
Mazedonien am Rande
eines Bürgerkriegs?
Nach dem Aussetzen der
Verhandlungen über eine Lösung des Konflikts in Mazedonien
hat die Nato vor einem Krieg gewarnt. Nato-Generalsekretär
Robertson dringt auf Abkommen zur Entwaffnung albanischer Rebellen.
Der Nato-Oberkommandierende für Europa, Joseph Ralston, warnt vor
den Risiken eines solchen Einsatzes. Der außenpolitische
EU-Vertreter Javier Solana reist vorzeitig wieder nach Skopje. Die
slawischen Parteien befürchten eine Spaltung Mazedoniens in eine
slawische und eine albanische Verwaltungseinheit.
Fr.22.06.01 - Nato-Generalsekretär George Robertson
bekräftigte am Mittwochabend in Washington die Bereitschaft der
Allianz, so bald wie möglich Soldaten nach Mazedonien zu
entsenden. Die albanischen und slawisch-mazedonischen Parteien
wüssten, "wie nahe das Land vor einem Bürgerkrieg" stehe,
sagte Robertson. Der mazedonische Präsident und Oberbefehlshaber
der Armee, Boris Trajkovski, hatte die Parteiengespräche am
Mittwoch wegen der Forderung der Albaner nach einer
Föderalisierung des Landes zunächst ausgesetzt. In der Nacht
zum Donnerstag führten beide Seiten dennoch Beratungen fort. Nach
Diplomatenangaben wurden dabei Fortschritte erzielt.
Der außenpolitische EU-Vertreter Javier Solana kehrte am
Donnerstag vorzeitig nach Mazedonien zurück, um die Verhandlungen
voranzubringen. Ursprünglich wollte Solana erst am heutigen
Freitag erneut nach Skopje reisen.
Die Nato möchte rund 3000 Soldaten nach Mazedonien entsenden,
sofern Skopje mit den Albaner-Rebellen ein Abkommen über deren
Entwaffnung schließt. Auch die Bundesregierung hat die
grundsätzliche Bereitschaft Deutschlands zur Beteiligung an einem
NATO-Einsatz in Mazedonien erklärt. Eine solche Mission
könnte entlang der Grenze zu Kosovo die Entwaffnung der
UCK-Rebellen überwachen, die seit Monaten mehrere Dörfer
besetzt halten. Obwohl die Allianz eine Beteiligung an Kampfhandlungen
ausschloss, warnte der Nato-Oberkommkandierende für Europa,
Joseph Ralston, vor den Risiken eines solchen Einsatzes.
Die USA erklärten sich unterdessen entgegen ihrer
ursprünglichen Haltung bereit, mehrere hundert US-Soldaten
für die geplante Nato-Mission zu entsenden. Frankreich ist
ebenfalls zur zeitlich begrenzten Entsendung eines Kontingents bereit.
Es könne sich dabei "um mehrere hundert Mann" handeln, hieß
es am Donnerstag in Paris. Auch Russlands Verteidigungsminister Sergej
Iwanow erklärte, Moskau sei bereit, Soldaten zu entsenden.
Trajkovski hatte am Mittwochabend von den albanischen Parteien
verlangt, ihre Forderung nach einer Föderalisierung des Landes
fallen zu lassen. Die slawischen Parteien befürchten eine Spaltung
Mazedoniens in eine slawische und eine albanische Verwaltungseinheit.
Der Chef der Demokratischen Albanerpartei DPA, Arben Xhaferi, warf
Trajkovski daraufhin vor, die Albaner dämonisieren zu wollen und
ein "Klima der Paranoia" zu schaffen.
Für die Dauer der Gespräche hatten sich Rebellen und
mazedonische Armee vergangene Woche zu einer Waffenruhe bereit
erklärt. Dennoch gab es weiter vereinzelte Gefechte. Die Armee
feuerte am Mittwochabend nach Angaben eines Sprechers bei Blace auf
"eine Gruppe von Terroristen". Um das von den Rebellen kontrollierte
Dorf Aracinovo bei Skopje war in der Nacht Gewehrfeuer zu hören.
Die Sprecherin des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen
(UNHCR) in Pristina meldete indessen, dass von den rund 150000 in
Skopje lebenden Albanern bereits 6000 in den Kosovo geflohen seien.
Viele befürchteten, auch in der Nähe der Hauptstadt
könne es zu Gefechten zwischen albanischen Rebellen und Armee
kommen. Seit Beginn der blutigen Auseinandersetzungen in Mazedonien
sind nach UNHCR-Angaben etwa 18.000 Menschen aus dem Kampfgebiet
geflohen.
Es gibt Vermutungen, die Rebellen benutzen die Bewohner in den
Albaner-Dörfern nicht nur als lebende Schutzschilde, sondern
schrecke auch nicht davor zurück, eine Massenflucht von Zivilisten
als Druckmittel einzusetzen.
Der mazedonische Ministerpräsidente Ljupco Georgievski hatte sich
vor einer Woche noch dafür stark gemacht, die UCK-Rebellen
militärisch zu zerschlagen; er wollte sogar den Kriegszustand
ausrufen und warf Trajkovski vor, Armee und Polizei dem Westen zu
Gefallen zurückzuhalten.
Die einst südlichste jugoslawische Teilrepublik hatte während
der Kriege in Slowenien, Kroatien, Bosnien und um den Kosovo als „Oase
des Friedens" und sogar als Zufluchtsort gegolten. Heute geht es dort
nicht bloß um mehr oder weniger Rechte für die albanische
Volksgruppe. Und es geht auch nicht nur um einen Konflikt zwischen
albanischem Nationalismus auf dem Balkan und dem Staatsinteresse der
slawischen Mazedonier. Die Krise ist vielmehr auch von den Interessen
des organisierten Verbrechens bestimmt, das sich auf dem Balkan
Freiräume einzurichten trachtet.
EU-Balkan-Koordinator Bodo Hombach zeigte sich zutiefst beunruhigt
über die Krise in Mazedonien. Dadurch seien der Friedensprozess
und die wirtschaftliche Entwicklung in der gesamten Region
gefährdet, sagte Hombach in Zagreb.
(Quellen: afp, ap, rtr, fr, sz)
last update: Sa. 23.06.01
+++ Waffenstillstand in Mazedonien zusammengebrochen +++
Regierungstruppen greifen Stellungen der albanischen Rebellen an +++
Separatisten drohen mit Vergeltung +++
Der für die Friedensgespräche in Mazedonien
ausgerufene Waffenstillstand ist nach nur elf Tagen zusammengebrochen.
Die mazedonische Armee griff am Freitag mit Artillerie, Panzern und
Kampfhubschraubern Stellungen der albanischen Rebellen in den Bergen
nahe der Hauptstadt Skopje an. Überall im Kampfgebiet brannten
Häuser. Hundete Albaner flohen ins benachbarte Kososvo.
Die Rebellen wollen nun Mazedoniens Hauptstadt Skopie angreifen. "Wenn
sie Krieg haben wollen, dann können sie einen haben",
erklärte Albaner-Kommandant Hoxha. Skopie liegt nur rund 15
Kilometer von der Frontlinie entfernt.
Die neue Eskalation bringt EU und Nato in Bedrängnis. Einen
massiven Militäreinsatz wollen beide Bündnisse auf keinen
Fall - aber wie der Balkan-Staat sonst befriedet werden kann,
weiß in Brüssel keiner.
Die EU-Kommission in Brüssel äußerte die Hoffnung, dass
sich Slawen und Albaner vor dem Rat der EU-Außenminister am
Montag über Verfassungsreformen einigen könnten. Bei dem
Treffen werden der mazedonische Ministerpräsident Ljubco
Georgievski und möglicherweise auch Präsident Boris
Trajkovski erwartet, um über Fortschritte im Reformprozess zu
berichten. Die EU hat der mazedonischen Regierung bis Ende Juni Zeit
gegeben, um erste Erfolge zu erzielen. Sollte ein Abkommen bis Montag
nicht zu Stande kommen, ist das weitere Vorgehen der EU noch unklar.
(ap, rtr, az, bz)
Mazedonien am Rande des Krieges
Dem südlichen Balkan drohen neue blutige Wirren. Es besteht die
Gefahr, dass albanischer Nationalismus auch Mazedonien zerstört –
ausgerechnet jene ex-jugoslawische Teilrepublik, die vor einem
Jahrzehnt als einzige friedlich zu staatlicher Selbstständigkeit
gefunden hatte. [ mehr...
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