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 last update: boa München, Sa. 23.06.2001 - 13:00 
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Mazedonien am Rande eines Bürgerkriegs?

Nach dem Aussetzen der Verhandlungen über eine Lösung des Konflikts in Mazedonien hat die Nato vor einem Krieg gewarnt. Nato-Generalsekretär Robertson dringt auf Abkommen zur Entwaffnung albanischer Rebellen. Der Nato-Oberkommandierende für Europa, Joseph Ralston, warnt vor den Risiken eines solchen Einsatzes. Der außenpolitische EU-Vertreter Javier Solana reist vorzeitig wieder nach Skopje. Die slawischen Parteien befürchten eine Spaltung Mazedoniens in eine slawische und eine albanische Verwaltungseinheit.

Fr.22.06.01 - Nato-Generalsekretär George Robertson bekräftigte am Mittwochabend in Washington die Bereitschaft der Allianz, so bald wie möglich Soldaten nach Mazedonien zu entsenden. Die albanischen und slawisch-mazedonischen Parteien wüssten, "wie nahe das Land vor einem Bürgerkrieg" stehe, sagte Robertson. Der mazedonische Präsident und Oberbefehlshaber der Armee, Boris Trajkovski, hatte die Parteiengespräche am Mittwoch wegen der Forderung der Albaner nach einer Föderalisierung des Landes zunächst ausgesetzt. In der Nacht zum Donnerstag führten beide Seiten dennoch Beratungen fort. Nach Diplomatenangaben wurden dabei Fortschritte erzielt.

Der außenpolitische EU-Vertreter Javier Solana kehrte am Donnerstag vorzeitig nach Mazedonien zurück, um die Verhandlungen voranzubringen. Ursprünglich wollte Solana erst am heutigen Freitag erneut nach Skopje reisen.

Die Nato möchte rund 3000 Soldaten nach Mazedonien entsenden, sofern Skopje mit den Albaner-Rebellen ein Abkommen über deren Entwaffnung schließt. Auch die Bundesregierung hat die grundsätzliche Bereitschaft Deutschlands zur Beteiligung an einem NATO-Einsatz in Mazedonien erklärt. Eine solche Mission könnte entlang der Grenze zu Kosovo die Entwaffnung der UCK-Rebellen überwachen, die seit Monaten mehrere Dörfer besetzt halten. Obwohl die Allianz eine Beteiligung an Kampfhandlungen ausschloss, warnte der Nato-Oberkommkandierende für Europa, Joseph Ralston, vor den Risiken eines solchen Einsatzes.

Die USA erklärten sich unterdessen entgegen ihrer ursprünglichen Haltung bereit, mehrere hundert US-Soldaten für die geplante Nato-Mission zu entsenden. Frankreich ist ebenfalls zur zeitlich begrenzten Entsendung eines Kontingents bereit. Es könne sich dabei "um mehrere hundert Mann" handeln, hieß es am Donnerstag in Paris. Auch Russlands Verteidigungsminister Sergej Iwanow erklärte, Moskau sei bereit, Soldaten zu entsenden.

Trajkovski hatte am Mittwochabend von den albanischen Parteien verlangt, ihre Forderung nach einer Föderalisierung des Landes fallen zu lassen. Die slawischen Parteien befürchten eine Spaltung Mazedoniens in eine slawische und eine albanische Verwaltungseinheit. Der Chef der Demokratischen Albanerpartei DPA, Arben Xhaferi, warf Trajkovski daraufhin vor, die Albaner dämonisieren zu wollen und ein "Klima der Paranoia" zu schaffen.

Für die Dauer der Gespräche hatten sich Rebellen und mazedonische Armee vergangene Woche zu einer Waffenruhe bereit erklärt. Dennoch gab es weiter vereinzelte Gefechte. Die Armee feuerte am Mittwochabend nach Angaben eines Sprechers bei Blace auf "eine Gruppe von Terroristen". Um das von den Rebellen kontrollierte Dorf Aracinovo bei Skopje war in der Nacht Gewehrfeuer zu hören. Die Sprecherin des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) in Pristina meldete indessen, dass von den rund 150000 in Skopje lebenden Albanern bereits 6000 in den Kosovo geflohen seien. Viele befürchteten, auch in der Nähe der Hauptstadt könne es zu Gefechten zwischen albanischen Rebellen und Armee kommen. Seit Beginn der blutigen Auseinandersetzungen in Mazedonien sind nach UNHCR-Angaben etwa 18.000 Menschen aus dem Kampfgebiet geflohen.

Es gibt Vermutungen, die Rebellen benutzen die Bewohner in den Albaner-Dörfern nicht nur als lebende Schutzschilde, sondern schrecke auch nicht davor zurück, eine Massenflucht von Zivilisten als Druckmittel einzusetzen.

Der mazedonische Ministerpräsidente Ljupco Georgievski hatte sich vor einer Woche noch dafür stark gemacht, die UCK-Rebellen militärisch zu zerschlagen; er wollte sogar den Kriegszustand ausrufen und warf Trajkovski vor, Armee und Polizei dem Westen zu Gefallen zurückzuhalten.

Die einst südlichste jugoslawische Teilrepublik hatte während der Kriege in Slowenien, Kroatien, Bosnien und um den Kosovo als „Oase des Friedens" und sogar als Zufluchtsort gegolten. Heute geht es dort nicht bloß um mehr oder weniger Rechte für die albanische Volksgruppe. Und es geht auch nicht nur um einen Konflikt zwischen albanischem Nationalismus auf dem Balkan und dem Staatsinteresse der slawischen Mazedonier. Die Krise ist vielmehr auch von den Interessen des organisierten Verbrechens bestimmt, das sich auf dem Balkan Freiräume einzurichten trachtet.

EU-Balkan-Koordinator Bodo Hombach zeigte sich zutiefst beunruhigt über die Krise in Mazedonien. Dadurch seien der Friedensprozess und die wirtschaftliche Entwicklung in der gesamten Region gefährdet, sagte Hombach in Zagreb.

(Quellen: afp, ap, rtr, fr, sz)



last update: Sa. 23.06.01

+++ Waffenstillstand in Mazedonien zusammengebrochen +++ Regierungstruppen greifen Stellungen der albanischen Rebellen an +++ Separatisten drohen mit Vergeltung +++

Der für die Friedensgespräche in Mazedonien ausgerufene Waffenstillstand ist nach nur elf Tagen zusammengebrochen. Die mazedonische Armee griff am Freitag mit Artillerie, Panzern und Kampfhubschraubern Stellungen der albanischen Rebellen in den Bergen nahe der Hauptstadt Skopje an. Überall im Kampfgebiet brannten Häuser. Hundete Albaner flohen ins benachbarte Kososvo.

Die Rebellen wollen nun Mazedoniens Hauptstadt Skopie angreifen. "Wenn sie Krieg haben wollen, dann können sie einen haben", erklärte Albaner-Kommandant Hoxha. Skopie liegt nur rund 15 Kilometer von der Frontlinie entfernt.

Die neue Eskalation bringt EU und Nato in Bedrängnis. Einen massiven Militäreinsatz wollen beide Bündnisse auf keinen Fall - aber wie der Balkan-Staat sonst befriedet werden kann, weiß in Brüssel keiner.

Die EU-Kommission in Brüssel äußerte die Hoffnung, dass sich Slawen und Albaner vor dem Rat der EU-Außenminister am Montag über Verfassungsreformen einigen könnten. Bei dem Treffen werden der mazedonische Ministerpräsident Ljubco Georgievski und möglicherweise auch Präsident Boris Trajkovski erwartet, um über Fortschritte im Reformprozess zu berichten. Die EU hat der mazedonischen Regierung bis Ende Juni Zeit gegeben, um erste Erfolge zu erzielen. Sollte ein Abkommen bis Montag nicht zu Stande kommen, ist das weitere Vorgehen der EU noch unklar. (ap, rtr, az, bz)




Mazedonien am Rande des Krieges
Dem südlichen Balkan drohen neue blutige Wirren. Es besteht die Gefahr, dass albanischer Nationalismus auch Mazedonien zerstört – ausgerechnet jene ex-jugoslawische Teilrepublik, die vor einem Jahrzehnt als einzige friedlich zu staatlicher Selbstständigkeit gefunden hatte. [ mehr... ]
 
 


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