Auch unter Rot-Grün:
Kinderarmut nimmt
weiter zu
Nach einem Bericht der
Nationalen Armutskonferenz ist die Kinderarmut seit 1994 um mehr als
50 Prozent gestiegen. Inzwischen leben 1,1 Millionen Kinder und
Jugendliche von der Sozialhilfe. Jedes fünfte Kind ist laut
Deutscher Kinderschutzbund von Armut betroffen.
Mi.27.05.01 - Kinder sind in Deutschland für viele Familien nach
wie vor das Armutsrisiko Nummer eins. Außerdem nimmt Kinderarmut
weiter zu. Darauf hat die Nationale Armutskonferenz (NAK), in der
zahlreiche Sozialorganisationen zusammengeschlossen sind, am Dienstag
in Berlin hingewiesen. Inzwischen lebten 1,1 Millionen Kinder und
Jugendliche von der Sozialhilfe, sagte die stellvertretende
NAK-Vorsitzende Erika Biehn. 1994 seien es 871 000 gewesen. Im Osten
sei die Kinderamut größer als im Westen, im Norden
größer als im Süden, in Städten größer
als auf dem Land. Auch unter der rot-grünen Koalition habe sich
die Lage kaum verbessert. Biehn forderte eine weitere Erhöhung
des Kindergeldes. Es könne auch nicht akzeptiert werden, dass die
jetzt beschlossene Anhebung des Kindergeldes um 30 auf 300 Mark auf
die Sozialhilfe angerechnet werde. Sozialhilfe diene der
Existenzsicherung, das Kindergeld der Förderung und Entlastung der
Familie. Beides dürfe nicht in einen Topf geworfen werden.
In erschreckendem Maße habe sich der Gesundheitszustand von
Kindern aus "sozioökonomisch benachteiligten Familien" in der
Bundesrepublik in den vergangenen Jahren verschlechtert", konstatierte
Biehn. Bei Kindern aus armen Familien werde bei ärztlichen
Vorschuluntersuchungen extrem oft "die Notwendigkeit einer
Frühförderung" festgestellt. Die Politik der Bundesregierung
habe an der Situation sozial benachteiligter Kinder bislang nichts
geändert. "Es genügt nicht, einen Bericht vorzulegen,
sondern es müssen daraus Konsequenzen für die Sozialpolitik
gezogen werden", sagte Biehn mit Blick auf den Armuts- und
Reichtumsbericht.
Allerdings lässt sich Armut von Kindern und Jugendlichen nicht nur
am fehlenden Einkommen der Eltern festmachen. Apostolos Tsalastras,
Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt, erklärte, dass die
Chancengleichheit aller Kinder mindestens ebenso wichtig sei. "Die
Möglichkeit, an Bildungsmöglichkeiten zu partizipieren,
professionelle Unterstützung zu erhalten, in intakten
Familienstrukturen zu leben, nicht diskriminiert zu werden und an
gesellschaftlichen Ereignissen teilnehmen zu können, bieten
Chancen für die Überwindung von Armut", sagte er.
An diesen Bildungsmöglichkeiten teilzuhaben, ist jedoch gar nicht
so einfach. Die Bildung der Kinder und ihre Herkunft sind auch heute
scheinbar untrennbar miteinander verknüpft. "Damit werden noch
immer Zukunftschancen mit der Geburt vergeben", klagte Tsalastras. Das
deutsche Bildungssystem grenze benachteiligte Kinder und Jugendliche
aus. Der Staat müsse dafür sorgen, dass Familie und Beruf
besser vereinbar seien, forderte Tsalastras.
Tsalastras machte insbesondere auf die Situation von Migranten
aufmerksam, die "überproportional von Armut betroffen" seien. In
der Regel resultiere die Armut von Migrantenfamilien eben nicht aus
individuellen Versäumnissen oder Fehlern, sondern sei "durch
strukturelle Benachteiligungen begründet«. Alle
»harten Fakten« belegten ihre schlechte Ausgangslage.
Gerade Kinder aus Asylbewerberfamilien werden maßgebliche
Grundrechte vorenthalten. Auch die Regelungen des Kinder- und
Jugendhilfegesetzes, so Tsalastras, gelten für sie nur mit
Einschränkungen.
Im Zusammenhang mit Kinderarmut steht Deutschland auch im
internationalen Vergleich nicht gut da. In einer Studie von Unicef zu
Kinderarmut in 23 OECD-Staaten stellte sich eraus, dass jedes sechste
Kind von Armut betroffen ist, während in Deutschland nach
Schätzungen des Deutschen Kinderschutzbundes jedes fünfte
Kind betroffen sein soll. Am besten haben es die Kinder in Schweden:
Hier sollen lediglich 2,6 Prozent arm sein. Dagegen sind es in den USA
22,4 Prozent.
Wer aus einer armen Familie kommt, hat es schwer, aus dem Teufelskreis
auszubrechen: Nach Angaben der Unicef -Studie haben diese Kinder
geringere Chancen auf gute Schul- und Berufsausbildung, wohnen in
ärmeren Wohngegenden mit entsprechend schlechtem sozialen Umfeld,
in dem auch Drogenkonsum und Kriminalität an der Tagesordnung
sind. Auch sind sie es, die häufig die Schule abbrechen und
erhebliche Lernschwierigkeiten haben. Besonders Familien mit drei und
mehr Kindern sowie allein Erziehende seien überdurchschnittlich
von Armut bedroht, sagte Biehn.
Die Grünen bekräftigten am Dienstag ihre Forderung nach einer
staatlichen Kindergeldgrundsicherung in Höhe von 200 Mark
über das Kindergeld hinaus. Unterstützung erhielten sie vom
Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). In einem
Gutachten habe das Institut die Auffassung der Grünen
bestätigt, dass die Kosten der Kindergrundsicherung sloide durch
eine Reduzierung des steuerlichen Ehegattensplittings bei höheren
Einkommen finanziert werden könne, berichtete die
Grünen-Politikerin Ekin Deligöz am Dienstag in Berlin. Nach
dem DIW-Gutachten liege der Finanzbedarf für diesen Beitrag zur
Bekämpfung der Kinderarmut bei maximal sieben Millionen Mark
jährlich. Zur Gegenfinanzierung müssten etwa Alleinverdiener
mit 100.000 Mark Jahresbruttoeinkommen zehn Mark im Monat bezahlen.
(Quellen: dpa, ap, kna, ftd, jw, bz, fr)
Nationale Armutskonferenz (NAK)
Die Nationale Armutskonferenz (nak) ist ein Zusammenschluss der
Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege, bundesweit
tätiger Fachverbände und Selbsthilfeorganisationen und des
Deutschen Gewerkschaftsbundes. Die Konferenz gründete sich im
Herbst 1991 als deutsche Sektion des Europäischen
Armutsnetzwerkes.
http://www.nationale-armutskonferenz.de/
Sozialpolitische Bilanz, Armut von Kindern und Jugendlichen,
April 2001
Das Dokument liegt im Acrobat-Format (PDF-Datei) zum downloaden vor:
www.nationale-armutskonferenz.de/publications/sozpol_bilanz_01.pdf
Armuts- und Reichtumsbericht
dokumentiert wachsende gesellschaftliche Spaltung
Die von der Bundesregierung vorgelegte Untersuchung "Lebenslagen in
Deutschland" zeigt, dass jeder dritte Haushalt in Deutschland ein
Einkommen bezieht, das unter der Armutsschwelle liegt.[mehr... ]
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