Bild
und Nachbild
Als ein hervorstechendes
Merkmal künstlerischer Moderne gilt ihre Tendenz zum Einschnitt und
der dadurch möglichen Kombination noch der gegensätztlichen Formen
und Inhalte. Statt ausgewogener Harmonie wie beim klassischen Kunstwerk
herrscht in ihr das Fragment und die Paradoxie vor. Jene spezifisch moderne
Betonung des unterbrechenden Eingriffs hat im Film seine markante Manifestation
gefunden. Beruht doch die Kunst der Kinematographie zentral darauf, daß
jedes einzelne Bild durch seinen Nachfolger sowohl ausgelöscht als
zugleich bewahrt wird. Erst mittels Destruktion des Einzelbildes und seiner
Verschmelzung zu einem von ihm völlig losgelösten Dritten kommt
filmische Ästhetik überhaupt zustande. Dieser fast schon alchemistische
Verwandlungsprozeß ist das Operationsfeld der Filmmontage.
Das Leitmotiv von
Carl Meurers Bildcollagen ist es, jenes Prinzip der Montage - ihr Ineinander
von Zerstörung und Konstruktion - auch innerhalb der bildenden Kunst
fruchtbar werden zu lassen. Damit steht er keineswegs allein da, erinnert
sei in diesem Zusammenhang an die Arbeiten von Max Ernst, Hannah Höch,
Jiri Kolar oder John Heartfield, aber die Werke Carl Meurers greifen die
Stilmittel der Montage in einer Periode auf, wo diese, wie der Kinofilm
selbst, im Strom der digitalen Bilderzeugnisse zu verschwinden scheint.
Denn obwohl auch die Bildsprache der virtuellen Inszenierungen des Computers
aus dem Kino und seiner Montagetechnik hervorgegangen ist, gleicht ihr
Verhältnis mehr jener Verwandschaftsbeziehung, wie sie beispielsweise
zwischen Gibbon und Mensch besteht. Während sich nämlich das
Verfahren der Montage - und damit auch die daran orientierte Collage -
aus Unterbrechung und dem betonten Wechselspiel von Bild und Nachbild ergibt,
folgt der ästhetische Reiz digital bearbeiteter Bilder aus der nur
ihnen möglichen Verwischung der Unterschiede zwischen Bild und Nachbild.
Anschaulich zeigt das die mittlerweile allenthalben eingesetzte Digitaltechnik
des sogenannten "morphing": Unmerklich läßt sie aus einem Menschenkopf
einen Löwenkopf werden, der dann seinerseits zu einem Pferdekopf mutiert.
Kann allein schon
angesichts dessen die stets aktuelle Entwicklungen sensibel registrierende
und verabeitende Kunst Carl Meurers die Bildercollagen traditionellen Zuschnitts
nicht unmittelbar weiterführen, so kommt dazu noch ein weiterer Aspekt.
Galt zur Zeit von Höch, Heartfield oder Ernst die Collage an sich
bereits als revolutionäre Kunstform - auch dies übrigens eine
Parallele zum Film - ist sie zwischenzeitlich hauptsächlich in der
Werbung anzutreffen. Als bloßer Lieferant von Werbegags aber hat
sich ihr Zweck radikal verdreht. Aus einem Medium, das durch seine schockierenden
Kombinationen probeweise neue Perspektiven des Denkens und Handelns eröffnen
sollte, ist eine Ikone der unendlichen Spirale des Konsums geworden. Meurers
Arbeit reagiert auf die skizierten Erscheinungen nun dadurch, daß
sie schon beim Herstellungprozeß der Collagen grundsätzlich
neue Wege geht. Mittels einer Reihe von Carl Meurer selbst entwickelter
Collagiertechniken - der Künstler nennt sie "Laqueage" bzw. "Coaqueage"
- sucht er sowohl dem kritischen, weil Unterscheidungen und Widersprüche
provozierenden Impetus klassischer Collage zu entsprechen als auch dem
in den digitalen Bildmedien sich abzeichnenden Zug zur Mehrdeutigkeit durch
die Diffusion der Ränder zwischen Bild und Nachbild gerecht zu werden.