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Sozialpolitische Bilanz der Wende
Kritische Auseinandersetzung mit Programm und Wirklichkeit der 'konservativen
Erneuerung'
1985, BRD, 30 Minuten, Farbe, U-Matic-Video,
Konzeption: BOA; Video-Collage: Carl Meurer; Produktion: BOA-Videokooperative
Zum Film:
"Das Muster, das sich im internationalen Rahmen zwischen den Metropolen
und der unterentwickelten Peripherie mehr und mehr eingespielt hat,
scheint sich auch im Innern der entwickelten kapitalistischen
Gesellschaften zu wiederholen: Die etablierten Mächte sind
für ihre eigene Reproduktion, auf die Arbeit und
Kooperationsbereitschaft der Verarmten und Entrechteten immer weniger
angewiesen." (Jürgen Habermas)
Beste Voraussetzungen also für konservative Systemveränderer,
unter der Parole 'Weniger Sozialstaat - mehr Freiheit', den sozialen
Kompromiß, der nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder von den
Gewerkschaften erkämpft werden mußte, aufzukündigen und
die sozialen Problemlasten, die seit dem 19. Jahrhundert mit guten
Gründen dem Staat übereignet worden waren, wieder dem 'Markt'
anzuvertrauen.
Mehr Freiheit meint in diesem Zusammenhang, Freihändigkeit des
Kapitals, mit der die Spaltung der Gesellschaft in einen produktiven
Kern von Beschäftigten und eine wachsende Minderheit von aus dem
Produktionsprozeß Ausgegrenzten, in Subkulturen und Ghettos
Abgeschobenen, vorangetrieben wird. Die inneren Widersprüche
dieser Klassen- und Ellenbogengesellschaft modernen Zuschnitts, hoffen
die Strategen der 'konservativen Erneuerung' und
'geistig-moralischen Wende', durch Ausspielen des Interessenegoismuses
der in Lohn und Arbeit stehenden Mehrheit, gegen das Elend der sozial
ausdifferenzierten Minderheit in Griff zu halten. Diesem Bestreben
wollen die Gewerkschaften entgegenwirken. Durch die Mobilisierung ihrer
Mitglieder versuchen sie in der Arbeitnehmerschaft die Solidartradition
der Arbeiterbewegung wieder zu beleben. Mit zahlreichen Aktions- und
Demonstrationsveranstaltungen setzen sie unmißverständlich
Signale, daß sie die Spaltung und Rationalisierung der
Gesellschaft durch das herrschende Kapital und ihre politische Lobby
nicht kampflos hinnehmen, zumal es die satzunggemäße Aufgabe
der Gewerkschaften ist, alles zu tun, damit die Ursachen der
wirtschaftlichen Abhängigkeit und gesellschaftlichen
Unterlegenheit der Arbeitnehmer beseitigt werden.
Die Frage, wie die von der sozialen Kahlschlagspolitik der
Bundesregierung vor allem betroffenen Arbeitslosen, Sozialrentner und
Behinderten, die Situation einschätzen und was sie von den
Gewerkschaften erwarten, fand bei einem Hearing des bayerischen
DGB-Landesverbandes, zu dem auch namhafte Sozialexperten im Sommer 1985
nach München geladen waren, unmißverständliche
Antworten.
Auf dieser Veranstaltung machte die Vizepräsidentin der
Bundesanstalt für Arbeit, Frau Engelen-Kefer, darauf aufmerksam,
daß es in der Bundesrepublik nicht an Geld mangelt, um die
sozialen Probleme zu bewältigen, sondern die Gründe für
die einschneidenden Kürzungen im Sozialbereich in einer
veränderten politischen Philosophie zu suchen sind, die die
Umverteilung von unten nach oben propagiert, mit dem Ergebnis,
daß die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer
werden.
Karl Weißhäupl, Vorsitzender des Verbandes der Kriegsopfer,
Behinderten und Sozialrentner, klagte die Industrie an, sie würde
mit staatlichen Subventionen rationalisieren und so neben
Arbeitsplätzen auch Sozialabgaben einsparen, die
schlußendlich in der Rentenkasse fehlen, während mit dem
Einsatz von Produktionsrobotern Höchstgewinne erzielt werden.
Die erschütterndsten Eindrücke vom sozialen Rückschritt,
sowie von der Entdemokratisierung und Einschränkung der
Arbeitnehmerrechte in diesem Lande, vermittelten den anwesenden
Gewerkschaftsfunktionären und Betriebsräten aus ganz Bayern
die engagierten Redebeiträge der geladenen Arbeitslosen, Rentner
und Behinderten. Ihre Forderungen an das versammelte Auditorium war
unüberhörbar: Es sei höchste Zeit, daß sich die
Gewerkschaften wieder kämpferischer zeigen!
Die B.O.A.-Videokooperative war bei diesem Hearing mit der Kamera dabei
und berichtet darüber in ihrem Film "Sozialpolitische Bilanz der
Wende". Mit zusätzlichen Filmbeiträgen hat sie das Thema
vertieft, so daß nun ein interessantes Kalaidoskop von Meinungen
und Fakten vorliegt, mit dem sich Diskussionen zur angesprochenen
Problematik der 'sozialen Wende' anregen lassen. (boa, 1985)
* * *
Film-Rezension:
"Sozialpolitische Bilanz der Wende" ist ein typisches Produkt aus dem
Hause B.O.A. Die Aufzeichnung einer DGB-Landesbezirkstagung , gezielt
von TV-Schnipseln aus dem umfangreichen Archiv der Münchner
zerlöchert, ergibt eine Satire auf Programm (1982) und
Wirklichkeit (1985) der "Wende".
Da bezeichnete sich einst eine neue Regierung als "Rettungskommando" im
Video kommentiert von einem Mainzelmännchen mit Kindertrompete:
Werbefernsehen! Während derart, aber durchaus auch mit sachlichen
Argumenten, die "Wende" sich als Seifenblase entpuppt, bekommen
zugleich auch die Gewerkschaften ihr Fett ab. Ein Video voller
kämpferischer Töne gegen den Sozialabbau, das sich
vornehmlich an Gewerkschaftsgruppen wendet.
Wolfgang Trostorf, SZENE Berlin, Nr. 9/86
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