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.   BSE-Krise
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    Wahrscheinlich sind weit mehr Tiere an Rinderwahnsinn
   erkrankt als öffentlich bekannt ist
    von Linde Peters

    Mit der Erforschung von Rinderwahnsinn befasste Wissenschaftler gehen
    davon aus, dass die Zahl der BSE-Fälle im kontinentalen Europa bis zu 2000
    betragen müsse. Eine britische Studie errechnet schon 1997 für Deutschland 
    knapp 250 BSE-Erkrankungen.  Davon wurden in Deutschland nur fünf Fälle 
    bekannt.

Als 1993 in England ein Bauer an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit starb, in dessen Rinderherde BSE aufgetreten war, sagte schon damals ein deutscher Tierazt in einem Schlachthof: "Es gab eine Reihe von Rindern, bei denen die Diagnose nicht ganz klar war." (Stern 22/93) Seinen Namen wollte er jedoch nicht nennen. Wie gut er daran tat zeigt der Fall der Tierärztin Margrit Herbst, die1995 entlassen wurde, nachdem sie öffentlich gesagt hatte, ihr seien seit 1990 immer wieder Rinder mit BSE-Symptomen aufgefallen, sie hätte sich mit dieser Ansicht aber nicht gegen ihre Vorgesetzten durchsetzen können. (Taz 18.4.97) 1996 schrieb die Wissenschaftszeitschrift "Nature", dass die Zahl der BSE-Fälle im kontinentalen Europa 2000 betragen müsse, statt der zugegebenen 50. Das wurde aus der Zahl der aus England exportierten Tiere und dem tiermehlhaltigen Futter geschlossen. (Nature, Bd.382, S.4) Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Studie in einer britischen Tierärztezeitschrift: Danach konnten allein aus der Zahl der exportierten Tiere (also ohne die Berücksichtigung von exportiertem kontaminiertem Fleisch und Futter) 1600 BSE-Fälle für das übrige Europa hochgerechnet werden, davon würden, so hiess es, 243 auf die BRD entfallen (Taz 25.8.97). Bekannt wurden davon bei uns bis heute nur zehn. 

Schon 1997 wurde von der EU gerügt, dass in der BRD die Kontrollgesetze bei der Einfuhr von Fleisch nicht eingehalten würden. EU-Inspekteure hätten festgestellt, dass Stempel fehlten, unleserlich oder gar gefälscht waren (eine Fleischladung aus Irland war als deutsch deklariert worden). Hunderte Tonnen Fleisch seien ohne Wissen des zuständigen Tierarztes umdeklariert worden. (SZ 25.9.97) 

Jetzt entschuldigen sich viele der in die Schusslinie geratenen Verantwortlichen. Am Wochenende hatte die Bundesregierung eingestanden, die BSE-Gefahr unterschätzt zu haben. Rot-Grün sei mit zu großer Selbstsicherheit davon ausgegangen, dass Deutschland BSE-frei sei, sagte SPD-Generalsekretär Franz Müntefering am Sonntag in einem Interview. Auch habe es Lücken in der Zusammenarbeit zwischen Landwirtschafts- und Gesundheitsministerium gegeben. (dpa ) 

Fast ist man gerührt über soviel Ehrlichkeit. Aber das gehört mit zum Spiel, denn
grosse Publik- Relation-Firmen geben genaue Ratschläge für eine Schadensbegrenzung in solchen Fällen. Da wird konkret geraten, welche Themen
angesprochen werden sollen und welche nicht, in welchen Situationen ein Dementi
opportun ist oder doch lieber ein Eingeständnis. Die weltweit führende dieser
Agenturen heisst Burson & Marsteller. Sie hat Dikatatoren beraten (die von Chile,
Argentinien und Indonesien), sie beriet Union Carbide nach dem Unfall in Bophal,
Exxon nach dem Ölunfall und Schell nach den Hinrichtungen von Umweltaktivisten
in Afrika. Diese Spitzenfirma arbeitet bereits seit Jahren für eine
Fleisch-Kommission der britischen Regierung über BSE und hat 1994 einen
Info-Ordner speziell für Deutschland zusammengestellt. (Stichwort Bayer 1/98 und
Presseinformation Greenpeace, Juni 1997) Ist mit Hilfe solch fachlicher Beratung
die Talsohle eines Skandals durchschritten, geht alles weiter wie gehabt und das
nächste Desaster kommt bestimmt. 
 

 
. ..Erstellt am 10.01.2001

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