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   Gentechnik, Medikamente und die Verknappung
  der medizinischen Grundversorgung
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Gentechnisch erzeugte Arzneimittelwirkstoffe sind im Schnitt fünfmal so teuer wie konventionell hergestellte.
Welche Rolle spielen die teuren neuen Medikamente in einer Zeit allgemeiner Verknappung in der medizinischen Grundversorgung?
Einer der Pluspunkte, die für die Gentechnik ins Feld geführt werden, ist die Produktion neuer Medikamente und dies ist eines der ganz wenigen Felder, in denen sie auch Erfolge vorzuweisen hat, wenn auch bisher nicht viele. Mit Gentechnik können Eiweißstoffe hergestellt werden, die vorher nicht zugänglich waren. Nach Einbau der entsprechenden Gen-Konstrukte können Bakterien, Hefen, menschliche Zellkulturen oder die Euter von Säugetieren zu Produktionsstätten für sie werden. Der Anteil der gentechnisch hergestellten Wirkstoffe liegt immer noch unter 1% , aber auf dieses eine Prozent entfallen 5% der Arzneimittelkosten. Sie sind also im Schnitt fünfmal so teuer. Mit der Diskussion über die damit verbundenen Möglichkeiten in der Medizin hat die Industrie den Einstieg in die Akzeptanz der Gentechnik geschafft.

Sind neue Heilungsmöglichkeiten nicht etwas grundsätzlich Positives? D.h. ist ein Widerstand gegen solche Patente moralisch zu verantworten? Um auf diese Frage zu antworten, müssen wir erst einmal fragen, wie es heute mit der Umsetzung neuer Möglichkeiten in unserem Gesundheitssystem bestellt ist. Wir alle wünschen, daß möglichst viele Menschen gesund bleiben und, daß den anderen, den Kranken und Verletzten effektiv geholfen werden kann. Dazu gehören aber nicht nur neue Methoden, sondern für den Großteil der Patienten besteht der Hauptnutzen in einer guten medizinischen Grundversorgung und der Anwendung der bereits verfügbarer Therapien. Aber gerade hier finden seit einiger Zeit aus Kostengründen erhebliche Kürzungen statt. Immer häufiger wird von einer sich herausbildenden Zwei-Klassen-Medizin gesprochen.

Hierzu einige Beispiele: 
1. Seit einigen Jahren ist Erythropoietin, ein blutbildendes Hormon, auf dem Markt. Für einen Teil der Dialysepatienten mit Nierenversagen ist es eine große Hilfe und verbessert ihre Lebensqualität. Aber bei jedem Dritten dieser Patienten wurden die Nieren durch  freiverkäufliche Schmerzmittel zerstört. In Schweden und Australien wurde daraufhin für diese Mittel die Rezeptpflicht eingeführt und schon wenige Jahre später sank die Zahl der Dialysepatienten. Bei uns dagegen fiel ein entsprechender Antrag vor zwei Jahren erneut durch. Es ist dieselbe Industriebranche, die an beiden Medikamenten verdient und in deren Interesse die Rezeptpflicht abgelehnt wird.
2. Auf der anderen Seite gibt es gerade in der Versorgung mit starken Schmerzmitteln Engpässe bei uns. Jedes Jahr begehen 3 - 4000 Schmerzpatienten Selbstmord. Von den Krebspatienten mit starken Schmerzen bekommen nur 5% Morphiumpräparate. Unser Betäubungsmittelgesetz ist zu streng und muß für diese Menschen gelockert werden.
3. Eine Vereinigung von Diabetologen gab bekannt, daß zwei Drittel der Amputationen bei Zuckerkranken mit einer besseren Grundversorgung vermieden werden könnten. Es fehlt an einer eingehenden Unterweisung der Patienten und in vielen Fällen auch an der entsprechenden Fortbildung der Ärzte.
4. Beim 9. Internationalen Krebskongress 1997 wurde festgestellt, daß für viele Krebsformen die Überlebenschancen von Klinik zu Klinik um 30% schwanken. Hier, so wurde gesagt, bestünde Forschungsbedarf darüber, welche Kombination von Therapien in welchem Fall die beste ist. Eine solche Art von Forschung gilt aber als Therapie-Optimierung und wird nicht aus den Forschungsetats bezahlt, sie muß von der Gesundheitsfürsorge, also auch von den Kassen finanziert werden. Deshalb unterbleibt sie. Zwei Jahre später hat sich daran offenbar nicht viel geändert, denn im April vorigen Jahres sprach der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, Prof. Lothar Weißbach von einem Chancenunterschied von 20% zwischen kleinen und großen Kliniken in Deutschland. Durch mehr Wissenstransfer ließe sich das ausgleichen, meinte er.
5. Auch bei der Chemotherapie fehlen Erfolgsstudien. Ein Mathematiker, der jahrzehntelang als Medizin-Statistiker gearbeitet hatte, schrieb, daß diese Therapien in bestimmten Krankheitsstadien keine Aussicht auf Erfolg bieten, aber aus Mangel an konkreten Erkenntnissen hierüber trotzdem eingesetzt werden.
6. Gegen Multiple Sklerose mit schubartiger Verlaufsform gibt es seit einigen Jahren ein neues, gentechnisch hergestelltes Medikament, Betaferon. Damit kann der Krankheitsverlauf beträchtlich verzögert werden. Fachleute raten, es so früh wie möglich zu verabreichen. Von den 40 000 Patienten bekommt es aber nur jeder vierte, weil es 30 000 DM pro Jahr und Patient kostet. Jetzt wurde Betaferon auch für die schleichende Verlaufsform der Krankheit zugelassen. Diese Erweiterung wurde in der Presse als großer Erfolg bezeichnet, weil dadurch auch für den anderen Patientenkreis die Heilungsmöglichkeiten verbessert würden. Aber was nützt eine solche Erweiterung der Heilungsmöglichkeiten, wenn auch bisher der größte Teil der Patienten das Mittel gar nicht bekommt?
Diese Reihe könnte noch lange fortgesetzt werden: Tausende sterben durch Nebenwirkungen von Medikamenten oder weil eine Therapie zwar existiert, aber nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort zugänglich ist. Bei Krebs haben wissenschaftliche und technische Fortschritte die Heilungschancen verbessert, aber die Zahl der Erkrankungen hat sich seit 1950 verdoppelt, seit der Jahrhundertwende sogar vervierfacht, und die Zahlen steigen weiter. Über die Ursachen wird zu wenig geforscht und wo sie erkannt sind, wird nicht danach gehandelt. Oft wird unsere erhöhte Lebenserwartung als Grund genannt. Das ist unrichtig: Krebs nimmt nachweislich in jedem Lebensalter zu, auch bei Kindern. 
Auch eine gute Drogenpolitik kann Leben retten und Hospize können bei alten Menschen viel Leid mindern. Der Ruf nach Sterbehilfe basiert zum großen Teil auf unzureichender Grundversorgung und der Angst, den Angehörigen zur Last zu werden. Aber die Finanzierung von Hospizen wird heruntergefahren. 
In einer Situation gedeckelter Gesundheitsausgaben, ist jede Einführung eines teuren neuen Mittels mit einem Abbau an anderer Stelle gekoppelt. Die Pharmaindustrie wirbt, damit, daß jedes ihrer Produkte zusätzliche Hilfe für Leidende bedeute und jeder, der dem nicht zustimme, handele unethisch oder zynisch. Sie wirbt mit der Hilfe für bestimmte Patientengruppen und verschweigt die Gesamtsituation und das Leiden derer, die durch das Raster der neuen Rationierung fallen.

Was wir brauchen, ist eine Verteilung der Mittel, die von den Bedürfnissen der Patienten ausgeht, und nicht von den Innovationswünschen der Industrie.
 


 

. .. Erstellt am 10.06.00

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