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  Ist Gentechnik ein Mittel gegen den Hunger in der Welt?
  
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Redebeitrag von Linde Peters zu „Genmanipulation: Die Vermarktung des Lebendigen“, beim Politischen Samstagsgebet am 30.09.2000 in München
 
Das Hauptargument für den Einsatz der sogenannten grünen Gentechnik ist heute: Ohne Gentechnik können wir die steigende Zahl von Menschen nicht ernähren. Wir bräuchten diese Technik im Kampf gegen den Hunger in der Welt.

Ein Blick zurück:

1974 sagte Henry Kissinger, damals Aussenminister der USA: „In 10 Jahren wird kein Mann, keine Frau und kein Kind mehr hungrig zu Bett gehen.“ Das war die Prognose für 1984. Wir wissen, dass es anders gekommen ist.

Damals setzte man grosse Hoffnungen in die sogenannte Grüne Revolution genauso wie heute in die Gentechnik. In den armen Ländern sollten Hochleistungssorten gepflanzt werden, um die Erträge zu erhöhen

Die Erträge erhöhten sich z.B. in Indien aber nur vorrübergehend. Und sanken dann wieder.

In Mexiko konnten die Erträge zwar deutlich gesteigert werden. Aber der Hauptanteil dieser Steigerung kam nur den 4% Grossbauern zugute und die erhöhten den Anbau von Viehfutter. D.h. sie produzierten für den Markt und nicht für die Ernährung der Hungernden. Auf solche Weise ist es dazu gekommen, dass auf 80% der Ackerböden in der 3. Welt für den Export, also für uns, produziert wird. Das zeigt, dass Hunger ein Verteilungsproblem ist und kein Problem einer landwirtschaftlichen Technologie.

Wenn jemand sagt, das Hungerproblem liesse sich über den Markt lösen, ist das grundlegend falsch. Zu einem Markt gehören Bedarf UND GELD. Deshalb sind die mittellosen Hungernden in der Welt kein Markt für Brot oder Reis. Wo völlige Armut herrscht, ist kein Markt. Also kann der Markt hier auch nicht helfend eingreifen.
 

Übrigens war der Einsatz von Gentechnik zunächst gar nicht für die 3. Welt gedacht gewesen. 1997 sagte ein Vertreter des Konzerns Novartis: „Die Entwicklungsländer sind ... kein Markt für uns.“ Das Hauptziel war, Monopole auf den hiesigen Märkten zu erringen, mit einer Kombination aus Gentechnik und den dazugehörenden Patenten. Aber der Widerstand der Verbraucher machte einen Strich durch diese Rechnung. Deshalb wurde die Verantwortung für die Ernährung der Armen in die Argumentation aufgenommen. Und da man mit der moralischen Argumentation in der Medizin so gut gefahren war, versuchte man es hier auch.

Und man fand eine geeignete Personengruppe: 

In den Hungerzonen erblinden jährlich 500 000 Kinder wegen Vitamin-A-Mangel. Diese Kinder sollten mit einer neuen Reissorte gerettet werden. Der sogenannten Goldene Reis ist eine gentechnisch veränderte Reissorte mit mehr Provitamin A, das den Körnern eine orange-goldene Farbe verleiht. 

Aber in den betroffenen Ländern ist man hierüber anderer Meinung:

Philippinische Nichtregierungsorganisationen erklärten dazu öffentlich: „Dieser sogenannte Goldene Reis hat keinen Nutzen, denn Vit.-A-Mangel ist die Folge allgemeiner Mangelernährung, Armut und Umweltzerstörung. Nichts von dem wird durch den Goldenen Reis verbessert.“ Vitamin A ist in vielen Gemüsen enthalten. Man müsste die Menschen mit ortsnah angelegten Gemüsegärten versorgen, meinten sie. 

Eine andere Alternative ist der Einsatz von reinem Vit.A. In Indien versetzen einige Firmen das Speisesalz damit. Warum also Gentechnik?

Die Preise für Reis sind in Indien in den letzten 10 Jahren um 60 % gestiegen, so dass immer mehr Menschen keine zweite Mahlzeit am Tag bekommen.
„Goldener Reis wird nicht in der Reichweite der Armen sein“, schrieb der Präsident eines indischen Ernährungsforums in einer Londoner Zeitung.
 Das Problem ist also ein zunehmender Reismangel und nicht die falsche Reissorte.

Um glaubwürdig zu erscheinen, kündigten die Konzerne an, von armen Bauern keine Lizenzen zu verlangen. Ja, wer will da noch etwas dagegen sagen? Aber in andere Werbekampagnien stecken sie auch Geld. Warum also nicht einen Lizenzversicht für diese Werbung?
In einer kanadischen Zeitschrift (The Globe and Mail) fragt eine Journalistin: „Welche Krise soll hiermit gelöst werden? Die Krise der Mangelernährung oder die Krise der Glaubwürdigkeit der Industrie?“ 

(Ein anderes Beispiel für einen solchen Missbrauch von Moralargumenten aus Profitgründen: 1997 schrieben 40 Firmen und Verbänder der USA an Präsident Clinton: Die amerikanische Landwirtschaft „trägt die grosse Verantwortung, eine stets wachsende Weltbevölkerung zu ernähren und zu kleiden.“ Mit diesem Argument sollte den EU-Staaten verboten werden, sich gegen Gentechnik-Sorten zu wehren. Aber wo bleibt diese Verantwortung, wenn im Irak als Folge des Embargos 500 000 Kleinkinder an Hunger und Krankheiten sterben?)
 

Ein anderes Projekt will ich noch kurz erwähnen, die sogenannte Terminator-Technologie. Diese damit erzeugten Sorten gedeihen nur einen Sommer, bei der Wiederaussaat gehen sie ein. 
Man kann sich keine bessere Garantie dafür vorstellen, dass die Bauern gezwungen sind, jedes Jahr neues Saatgut zu kaufen. 
Und bei keinem anderen Projekt wird so deutlich, dass die Bauern und damit auch die Menschen, die sie versorgen, gravierende Nachteile davon haben. 
Deshalb kam es zu einem weltweiten Sturm der Entrüstung. 

Die bereits angeschlagnen Konzerne beeilten sich zu erklären, das sei nur dazu gedacht, dass Erntereste auf dem Acker nicht den Anbau des nächsten Jahres verunreinigen. Für so einen geringfügigen Zweck entwickelt man keinen so hochkomplizierten Mechanismus wie diesen. 
Im Zuge der Akzeptanzprobleme hat der Konzern Monsanto erklärt, sie wollten keine Terminator-Pflanzen in der 3. Welt einsetzen. Aber genau das hatten sie ursprünglich vor, denn bei uns gibt gibt es andere Möglichkeiten, die Bauern von einer Wiederaussaat der eigenen Ernte abzuhalten.

Im vergangenen Jahr gab es übrigens eine ganze Reihe neuer Patentanmeldungen für verschiedene Terminator-Sorten. Die Firmen dementieren also nach aussen hin ihre Pläne mit dem Terminator, hoffen aber in Wirklichkeit auf andere Zeiten und bereiten sich bereits darauf vor..
 

Und nun noch stichwortartig etwas über Gefahren der Grünen Gentechnik.

1.Gentechnisch veränderte Sorten sind immer Hochleistungssorten mit einer besonders geringen genetischen Vielfalt. Sie sind generell krankheitsanfälliger und bedeuten eine konkrete Gefahr für die Versorgung in der Zukunft.

2.Bei herbizidresistenten Pflanzen wird mehr gespritzt. Rückstände und Abbauprodukte der Herbizide bleiben aber in der Pflanze zurück, denn Pflanzen haben keine Ausscheidungsorgane. Sie können im Menschen wieder ihre Giftwirkung entfalten.

3. Die neuen Gene produzieren Eiweissstoffe, die in diesen Nahrungsmitteln bisher nicht vorkamen. Das kann Allergien verursachen. Es soll aber künftig neue Konstrukte geben, die kein Eiweiss bilden.

4. Viele unserer Nahrungspflanzen stammen von giftigen Wildformen ab. Die seit Jahrtausenden weggezüchtete Giftproduktion kann durch Gentechnik wiederbelebt werden.

5. Pollen von Gentech-Sorten fliegt weiter als vorausgesagt und kann verwandte Arten befruchten.

6. Pflanzen mit gentechnisch eingebautem Herbizid, das sind die Bt-Sorten, sind für viele nützliche Insekten tödlich.
So wurde nachgewiesen, dass Bt-haltiger Pollen die Larven des Monarchfalters vergiftet. Die Industrie hat die Bedeutung der Ergebnisse in Abrede gestellt, weil zur Larvenzeit des Falters keine Pollen fliegen. Die Versuche zeigen aber doch, dass hier eine Giftwirkung konkret vorhanden ist und ökologische Schäden verursachen kann.

7. Eine echte Gefahr kann aus einem Mehrfacheinabu von Genen erwachsen. Es ist grundsätzlich nicht möglich, Saatgutsorten rein zuhalten. Jetzt schon werden Verunreinigungen mit Gentech-Sorten bekannt. Das wird zunehmen und es wird Pflanzen geben, die mehrere Fremd-Gene enthalten.
Auch im Labor werden zusätzliche Gene eingebaut werden, in Pflanzen, die bereits gentechnisch verändert sind.
Im Experiment zeigte sich, dass sich die verschiedenen Gene in solchen fällen gegenseitig abschalten mit z.T.überschiessenden Wirkungen, die den Stoffwechsel durcheinanderbringen können, mit unvorhersehbaren Folgen.
Das Phänomen wurde Cosuppression genannt. Das sage ich, um zu zeigen, dass es beschrieben und benannt wurde, aber bisher weiss man nicht, wie es entsteht, und was man dagegen tun kann. 

Mit unvorhersehbaren Folgen.
 
 


 

. .. Erstellt am 10.01.01

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