| . | Für indische Bauern und Kleinproduzenten ein Grund zur Freude | |
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Patent für die Nutzung von Neembaum-Öl widerrufen Ein Urteil gegen die Bio-Piraterie? Wieviel hat Rechtsprechung mit Moral zu tun? . |
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Am 9. und 10. Mai fand im Europäischen Patentamt (EPA) die Einspruchsverhandlung über das Neem-Patent EP 0 436257 statt. Das Patent umfasste den Einsatz von extrahiertem Neem-Öl gegen Pilzbefall bei Pflanzen. Das war als Erfindung deklariert worden, obwohl die Methode in Indien lange zuvor bekannt war. "Der Neem-Baum wurde in Indien seit alters her vielfältig genutzt. Viele verschiedene Präparate aus Blättern, Blüten, Samen, Rinde und Wurzeln wurden bei Hauterkrankungen, Malaria, Pocken, Lepra, zur Empfängnisverhütung, Desinfektion und in der Landwirtschaft verwendet. Trotz dieser alten Kenntnisse und Praktiken wurden in den letzten Jahre zahlreiche Neem-Patente für Konzerne aus Industrieländern erteilt.Damit gehen die Vertriebsrechte an die Konzerne, indische Präparate dürfen nicht mehr gehandelt werden.Die Monopol-Erzeugnisse aber sind für indische Bauern unerschwinglich. "Damit wurde ihnen etwas genommen, was sie früher immer hatten. Das ist Diebstahl an den Ärmsten," sagte Vandana Shiva in der Verhandlung. Das Urteil ist für alle davon
betroffenen indischen Bauern und Kleinproduzenten ein Grund zu großer
Freude. Aber welche Bedeutung hat es für diese Form der Enteignung
in der Zukunft? Der Neembaum ist nur ein Paradebeispiel für eine große
Zahl industriell interessanter Pflanzen in den Ländern des Südens.
Das Besondere im Neem-Fall ist, daß in den 80er Jahren in Indien
hierzu Versuche angestellt und veröffentlicht wurden, die auch westlichen
Ansprüchen genügen. Damit wird die Unrechtmäßigkeit
auch bei der bisher üblichen Interpretation offensichtlich. Es ist
völlig unverständlich, wie das Patent hatte erteilt werden können.
Wenn sich die in einigen Wochen zu erwartende Urteilsbegründung nur
auf diese Veröffentlichungen bezieht - und nach einigen Äußerungen
ist das zu erwarten, - so bleibt der Rechtsanspruch von nicht schriftlich
niedergelegtem, nicht experimentell nachgewiesenem traditionellem Wissen
wieder einmal ausgeklammert, mit der Folge, daß diese Form des Diebstahls
fortgesetzt werden kann. Der Widerruf kann dann dem EPA als werbewirksames,
liberales Aushängeschild dienen, ähnlich wie es beim Nabelschnur-Patent
der Fall war.
Vor fast einem Jahr fand im EPA nämlich eine vergleichbare Einspruchsverhandlung statt, gegen ein Patent auf Nabelschnur-Blut. Aus der Nabelschnur entnommenes Blut kann therapeutisch gegen Leukämie eingesetzt werden.Das Patent verlieh dem Inhaber ein Monopol für diese Verwendung. Begründet wurde das mit einer besonderen Methode für eine Kältekonservierung. In der Verhandlung wurde nachgewiesen, daß diese Methode nicht neu war, und das Patent wurde widerrufen. Die Urteilsbegründung berief sich ausschließlich auf diesen Punkt. Kein Wort über die ethische Frage, ob menschliche Zellen und medizinische Verfahren patentiert werden dürfen. Heute führt das EPA dieses Urteil zu seiner Image-Verbesserung an. Dabei war auch das ein Widerruf eines Patentes, das eigentlich nie hätte erteilt werden dürfen. Bei der Neem-Verhandlung sagte der
Vertreter der Patent-Inhaber: "Das ist keine Frage der Moral, sondern eine
Frage der Patentierbarkeit". Darf also eine Patentierung unmoralisch sein?
Darf Recht unmoralisch sein? Wer Recht von Moral trennen will, macht Gesetze
zu reinen Machtinstrumenten. Das kann nicht Recht sein. Daß Gesetze
de facto zum Durchsetzen von Macht benutzt werden, zeigt Defizite in unserem
Rechtssystem und sollte kein Anlaß sein, sich ganz von der Moral
zu verabschieden. Die Patent-Rechtsprechung muß auch soziale, ethische
und moralische Aspekte berücksichtigen. Entsprechende Formulierungen
gibt es im Patentrecht, sie dürfen nicht ungenutzt bleiben.
Linde Peters
Einspruchsverhandlung
gegen das Neem-Patent EP 0 436257 B1
Weitere Hintergrundinformationen zum
Neem Patent Widerspruch
und im Internet unter:
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| . | ..20.05.2000 |