B) Nebenwirkungen werden erst spät thematisiert
Ohne Tests sind Dosisempfehlungen absurd
Vor über 40 Jahren begannen die Untersuchungen über die ethnische
Verteilung der verschiedenen erblichen Varianten (Polymorphismen) in der
Verträglichkeit von Medikamenten, auch über das Vorkommen von
schnellen und langsamen Acetylierern. Etwa so lange ist auch schon bekannt,
dass
der Anteil beider Gruppen in Westeuropa ungefähr gleich gross ist,
also jeweils 50%. (Die "schnellen" acetylieren etwa 2.5mal so
schnell wie die "langsamen"(9). Tests auf solche Veranlagungen, die jetzt
auf der Gen-Ebene geplant werden, wären also schon jahrzehntelang
auf der Stoffwechsel-Ebene möglich gewesen. Trotzdem wurde von
der Möglichkeit, vor einer Verschreibung solcher Medikamente zu testen,
kein Gebrauch gemacht! Bei einer Gleichverteilung zweier Reaktionstypen,
die sich um den Faktor 2.5 in ihrer Reaktionsgeschwindigkeit unterscheiden,
müssen genaue Dosisempfehlungen als Vortäuschung einer nicht
existierenden wissenschaftlichen Genauigkeit erscheinen.
Erschreckend hohe Zahlen von Opfern durch Nebenwirkungen
Erst seit wenigen Jahren existieren Studien über die Zahlen der
Opfer von Nebenwirkungen. In den USA gibt es ca. 2 000 000 durch Nebenwirkungen
bedingte Krankenhausaufenthalte und 106 000 Todesfälle pro Jahr (10,
zit. n. 11).), in der BRD hat der Pharmakritiker Peter Schönhöfer
schon 1992 eine Zahl von 5600 bis 8800 Todesfällen angegeben (12),
1999 wurden 10 000 genannt (13) und im Herbst 2002 hiess es auf dem Gesundheitsforum
der Süddeutschen Zeitung, es seien 25 000 Todesfälle und 210
000 schwer Geschädigte (14)*. Aber auch bevor diese erschreckend hohen
Zahlen auf dem Tisch waren, wusste man, dass es viele sein mussten. Das
wurde offensichtlich mit einem eigentümlich tatenlosen Fatalismus
hingenommen (s.u.).
* Der extreme Anstieg der letzten Zahl gegenüber
der von 1999 muss wohl auf einer gründlicheren Erhebung beruhen und
nicht auf einem derart starken Anstieg in den drei Jahren. Schönhöfer
z.B. hat die Fälle in Bremen gezählt und dann hoch gerechnet.
Die Hälfte der Nebenwirkungen sind sogar mit den bisherigen
Techniken vermeidbar
Jürgen Frölich, Direktor des Instituts für Klinische
Pharnakologie, Medizinische Hochschule Hannover, meint, dass mehr als die
Hälfte der Schäden vermeidbar wären, also bereits jetzt,
ohne Pharmakogenetik (14). Die werbenden Formulierungen der Industrie stellen
aber in Aussicht, mit Hilfe von Gentests künftig Nebenwirkungen weitgehend
oder sogar völlig ausschalten zu können (10). Die dadurch erzielten
Kosteneinsparungen sollen angeblich nicht nur die Tests finanzieren, sondern
auch die gesamte medizinische Versorgung verbessern. Es fragt sich, wie
eingespart werden kann, wenn die Preise für neu auf den Markt kommende
Medikamente horrende steigen und die Mittel für die Gesundheitsversorgung
knapper werden. (vgl. Postgenomik, Teil VIII)
Übrigens sieht Frölich eine wesentliche Ursache für die
Nebenwirkungen in einer unzureichenden Aus- oder Weiterbildung der Ärzte.
Er hat in einer Fragebogenaktion 160 Ärzten Fragen zur Dosierung der
17 am häufigsten verwendeten Medikamente gestellt. Nur die Hälfte
der Antworten war richtig (14).
Und das ist keineswegs neu! Die Arzneimittelkunde sei
für den Dschungel von 40 000 Medikamenten nicht ausreichend, meinte
schon 1998 Karl-Heinz Munter von der Arzneimittelkommision der Deutschen
Ärzteschaft, ebenfalls im Hinblick auf die Opfer durch Nebenwirkungen
(15). 1997 schrieb
die Deutsche Medizinische Wochenschrift in einem Editorial
unter der Überschrift: "Warum heute noch zu viele Diabetiker erblinden",
die ärztliche Fortbildung hinke dem aktuellen Forschungsstand um Jahre
hinterher (16). und 1995 erklärte die Arbeitsgemeinschaft
niedergelassener Ärzte, 2/3 der 28 000 Fussamputationen pro Jahr bei
Diabetikern seien vermeidbar. Der Grund sei, dass Diabetes bei der Medizinerausbildung
zu kurz komme und dass die Behörden an der Diabetikerversorgung kein
angemessenes Interesse zeigten (17).
Die aus dem Jahr 1998 stammende Zahl von über 100 000 Todesfällen
pro Jahr in den USA wird heute - neben den Kosten für die Entwicklung
eines Medikamentes – regelmässig zitiert, um zu unterstreichen, wie
notwendig es sei, Gentests einzuführen, um gefährdete Personen
vorab erkennen und retten zu können.
Dabei stellen sich zwei Fragen:
1) Warum geschieht das erst jetzt? D.h. warum hat man nicht schon früher
Tests entwickelt, entweder auf der Stoffwechselebene oder durch Messung
von Dosis-Wirkungsverhältnissen?
2) Wie hoch ist der Anteil der genetischen Ursachen bei den Nebenwirkungen?
Und wie viele der genetischen Ursachen sind einfach genug gelagert, um
in einem Test klare Ja-Nein-Antworten zu liefern?
Warum wurde bisher nicht getestet?
Zur ersten Frage: Warum geschieht das erst jetzt?
An dieser Stelle möchte ich eine persönliche
Erinnerung einflechten: Es war, glaube ich, 1971, dass ich in einem Fachvortrag
im Rahmen einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Biologische
Chemie zum ersten Mal von genetisch bedingt unterschiedlichen Medikamente-Wirkungen
und ihren Häufigkeitsverteilungen bei verschiedenen Ethnien hörte.
In dem Vortrag wurde auch gesagt, dass etwa bei der Hälfte der Menschen
bei uns ein bestimmtes Medikament anders anschlägt. Dieses Medikament
bekam ich selbst. Ich fragte mich, zu welcher der beiden Gruppen ich denn
wohl zähle und welche Bedeutung dann wohl die Dosierungsangaben haben
mögen, die auf der Packung stehen. Und vor allem: warum hatte ich
bisher nichts davon erfahren? Warum versuchte man nicht zu testen, bei
welcher Dosis die zu erwartende Wirkung bei mir eintrat? Auf der gleichen
Tagung wurde ich Zeuge eines Gespräches über eine Verwandte eines
Kollegen, die nach einer Blutübertragung an Gelbsucht erkrankt war.
Der Gesprächspartner meinte, das sei eine sogenannte posttransfusionäre
Hepatitis, "das darf man eigentlich gar nicht laut sagen." Das war ein
Schlüsselerlebnis für mich. Ich nahm zum erstenmal wahr, dass
es im Medizin- und Pharmabereich Missstände gibt, die jeder weiss
und niemand aktiv angeht, und dass wissenschaftliche Sorgfalt Grenzen haben
kann, wenn sie an ein solches missliebiges Problem stösst.
Wer wäre zuständig gewesen für die Einführung
von Tests?
Sicher ist das nicht zuletzt eine Frage von Zuständigkeiten. Eigentlich
hätte die Industrie von sich aus zwei verschiedene Dosierungen angeben
müssen, möglicherweise mit Empfehlungen, zu Beginn der Therapie
definierte Bedingungen einzuhalten und die Wirkung besonders zu beobachten.
Eine Initiative hierzu hätte ausserdem kommen können:
- von den Ärzten,
- aus der nicht-industriellen medizinischen Forschung
- oder von Behörden.
Aber offenbar hatte niemand Lust, sich ausserhalb seiner Kompetenz mit
einem missliebigen Thema Unannehmlichkeiten zu schaffen.
Und die Industrie hatte kein Interesse daran, auf die Unzuverlässigkeit
ihrer Medikamente aufmerksam zu machen. Eine Auflage, Tests durchzuführen,
hätte früher wahrscheinlich dem Umsatz eines Medikamentes geschadet.
Diese Haltung ist auch in einer Äusserung des Chef-Managers von Human
Genome Sciences, William Haseltine erkennbar. 1998 war er noch skeptisch,
ob die Kopplung von Medikamentierung mit genetischen Tests von der Industrie
akzeptiert werden würde. Er meinte:
"Würde der Leiter eines pharmazeutischen Unternehmens die Idee
begrüssen, diagnostische Tests laufen zu lassen, um Menschen vor dieser
Art von Problemen zu schützen? Jeder, der sich Diagnosetests näher
angeschaut hat, weiss sie sind miserabel (lousy). (...) Sind Sie bereit,
die Belastung durch einen diagnostischen Test zu akzeptieren, der Ihr Medikament
betrifft, aber nur auf einen engen Sektor abzielt?" Der Autor des Artikels
fährt fort:
"Diese Art von Problemen erklärt, warum niemand auf die möglichen
Nebenwirkungen vieler Medikamente testet. ..." (18).
Viele Jahre lang machte also niemand einen Schritt in diese Richtung
und jetzt wimmelt es plötzlich von Plädoyers für genetische
Tests: In zahllosen Pressemitteilungen, Seminaren, Diskussionsveranstaltungen,
im Fernsehen sowie auch in der Fachpresse, in Übersichtsartikeln und
in den Einleitungen zu Originalartikeln wird das Wohl der betroffenen Patienten
und die Qualität der medizinischen Versorgung der ganzen Bevölkerung
beschworen. Sogar eine Kostensenkung wird in Aussicht gestellt, weil falsche
Therapien dadurch künftig vermieden würden (19) – was bei den
schier ins Unermessliche steigenden Preisen für neu zugelassenen Medikamente
nicht gerade naheliegend erscheint. Viele Wissenschaftler aus der Industrie
und aus öffentlichen Einrichtungen machen sich heute für Gentests
stark. Das Thema "Gentests" für "massgeschneiderte Medikamente" ist
heute "in". Aber wer hat das angestossen? Wer hat aus welchem Grunde Grünes
Licht in diese Richtung gegeben und in den Jahren zuvor zu den horrenden
Zahlen an Nebenwirkungen absichtlich und beharrlich geschwiegen?
Die Problematik war bekannt
Es gibt ein Medikament, bei dem man versucht hat, auch
ohne Test an einzelnen Personen, die Dosisempfehlungen den Erfordernissen
anzupassen: Das Magen-Darm-Medikament Omeprazol ist für 20% der Menschen
im Orient schlecht verträglich, verglichen mit nur 4% bei den Kaukasiern
.(das sind die aus Europa stammenden Völker, also die so genannten
Weissen). Der Grund dafür ist ein Polymorphismus bei einem der P450-Cytochrome
(s. Teil III). Diese
Unverträglichkeit hat zu entsprechenden Dosisempfehlungen speziell
für orientalische Länder geführt (20). Hier wird also die
Herkunft der Menschen statt eines Gentests als Kriterium für ihre
wahrscheinliche genetische Konstitution genommen. Ein weiteres Indiz dafür,
dass man sich der Problematik sehr wohl bewusst war, aber Tests als Auflage
scheute.
Heute gelten Tests nicht als Zweifel an der Medikamentesicherheit,
sondern als Image-Plus durch High-Tech
Die nun nach Bekanntwerden der hohen Zahlen von Todesfällen geführten
lebhaften Diskussionen sind offensichtlich Bestandteil einer veränderten
Situation. Genetische Tests tragen heute das Etikett "High-Tech im Dienste
der Patienten" und bedeuten damit ein Image-Plus. Es wird sogar argumentiert,
die Kombination mit einer Testmöglichkeit könne ein Wettbewerbsvorteil
sein, wenn z.B. ein Konkurrenzpräparat ebenfalls Nebenwirkungen verursacht,
deren genetische Ursachen aber (noch) nicht aufgeklärt seien und daher
nicht ausgetestet werden könnten (1).
Das durch die neu in Gang gekommenen Diskussionen geschärfte Problembewusstsein
geht jetzt sogar so weit, dass gefordert wird, zwischenzeitlich - solange
noch nicht in allen Fällen Gentests zur Verfügung stehen - auch
nicht-genetische Tests zu entwickeln, um betroffene Menschen ab sofort
schützen zu können (1). Das ist das, was man seit 30 –50 Jahren
schon hätte tun können.
Die Vergangenheit wird ausgeklammert
Die jahrelange Unterlassung wird heute keineswegs diskutiert. Es wird
beharrlich so getan, als sei die Möglichkeit zu testen und die damit
verbundene Vermeidung von Nebenwirkungen nur den wissenschaftlichen Fortschritten
der letzten Jahre zu verdanken. So heisst es: "In einigen wenigen Fällen
beginnen genetische Tests, ihren Weg in die klinische Praxis zu finden
und ermöglichen damit einen aktiven Start in die individualisierte
Therapie"(1). Gerade das alte Beispiel der schnellen und langsamen Acetylierer
wird heute von der Industrie ohne Angabe darüber, seit wann das Phänomen
bekannt ist(!), parallel zu neuen Befunden als Argument dafür aufgeführt,
dass die genetischen Kenntnisse über Varianten der N-Acetyltransferase
eine "wichtige Information für die korrekte Dosierung darstellen"
(so Hoffmann-LaRoche auf einer Internet-Seite) (21).
Es mutet schon eigentümlich an, wenn jetzt die Forderung, dass
einige Medikamente – je nach Veranlagung des Patienten - unterschiedlich
dosiert werden müssten, als das Ergebnis neuester Forschung verkauft
wird, und wenn dann genau die altbekannten Beispiele auf den Tisch kommen,
nämlich die Gene für Cytochrom-P450-Oxidasen und die Acetyltransferasen.