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Linde
Peters |
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Pharmakogenetik
(Teil
II)
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Ursachen für Nebenwirkungen
Nebenwirkungen haben viele
nicht genetische Ursachen: Nahrungsmittel - z.B. Grapefruit - andere Medikamente,
Lebensstil, Geschlecht. Mit Expressionsprofilen will man Toxizitäten
erkennen und Medikamente retten, denen die Zulassung versagt wurde.
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Nun wollen wir uns der zweiten der beiden im vorigen Absatz gestellten
Fragen zuwenden: Wie gross ist der genetische Anteil unter den Ursachen
für Nebenwirkungen?
Der Anteil der genetisch bedingten Ursachen wird mit 80-85% angegeben
(1). Das ist sicher schwer abzuschätzen und hängt nicht zuletzt
davon ab, von welchem Grad der Beeinträchtigung an man von Nebenwirkungen
spricht.
A) Bei komplexen genetischen Zusammenhängen sind keine einfachen
Lösungen möglich
Die Vermeidung von Nebenwirkungen durch Gentests ist nur dort möglich,
wo den Nebenwirkungen ein überschaubarer genetischer Mechanismus zugrundeliegt.
Die Verträglichkeit vieler Medikamente wird aber durch eine ganze
Anzahl unterschiedlicher Vorgänge und Umstände beeinflusst (vgl.
die hochkomplexen durch Giftstoffe ausgelösten Expressionsprofile
in diesem Teil II, Abschn. D 3 oder ausführlicher unter Postgenomik
Teil VII).
Aus Gentests lassen sich präzise Schlussfolgerungen über die
Wahl eines Medikamentes nur dann ziehen, wenn der Polymorphismus durch
ein spezifisches Gen verursacht wird. Aber angenommen so schreibt Masaru
Tomita (2)
- die Empfindlichkeit gegenüber einem
Medikament sei hoch, wenn ein Gen vom Typ A vorliegt,
- und sie sei ebenfalls hoch, wenn ein Gen
des Typs B an einem anderen Genort vorliegt.
- Nehmen wir an, jemand hätte sowohl
A als auch B, dann sei keineswegs sicher, dass die Empfindlichkeit dann
doppelt so hoch ist, sondern sie könne dann niedriger sein als bei
A oder B allein.
- Nehmen wir weiterhin an, es gäbe an
einem dritten Ort ein Gen vom Typ C, von dem bekannt ist, dass es im statistischen
Mittel mit einer niedrigen Empfindlichkeit verbunden ist.
- Wenn nun ein Patient A und C, aber kein
B hat, sei es möglich, dass die Empfindlichkeit hoch ist.
- Hat er aber B und C, aber kein A, so könne
die Empfindlichkeit sehr niedrig sein.
- Sind alle drei Gene vorhanden, so könne
die Empfindlichkeit wieder hoch sein.
"Diese nicht-monotone Natur genetischer Systeme
ist der Grund, warum es für das Verständnis zellulärer Vorgänge
von begrenztem Nutzen ist, sich allein auf statistische Analysen zu beziehen."
Dafür seien Computermodelle nötig (2).
B) Unterteilung der Nebenwirkungen nach ihren Ursachen
1) Vorgänge, die erblich bedingten Nebenwirkungen zu Grunde
liegen
a) Umwandlung einer Vorstufe des Wirkstoffes in die eigentliche, aktive
Form.
b) Entgiftungsreaktionen.
Dabei werden chemische Gruppen an das Molekül angehängt,
die es wasserlöslicher machen, so dass es leichter ausgeschieden
werden kann. Es gibt eine ganze Reihe solcher Reaktionen.
c) Abbauwege, z.B. Hydroxylierung oder hydrolytische Spaltung.
Es gibt über 100 Medikamente-abbauende Enzyme (3). Der Abbau
wird manchmal ebenfalls als Entgiftung bezeichnet, denn auch hierbei wird
die Wasserlöslichkeit erhöht.
Auf diese Abbauwege sind in besonderem Masse diejenigen
Medikamente angewiesen, die im Gehirn zur Wirkung kommen sollen, also Psychopharmaka.
Bei ihnen ist die Gefahr von Nebenwirkungen besonders gross, weil sie stärker
lipophil sein müssen, um die Blut-Hirn-Schranke überwinden zu
können. Das aber bewirkt, dass sie im unveränderten Zustand fast
nicht über die Niere ausgeschieden werden können. Ist das zuständige
Abbauenzym mutiert, kommt es daher zu besonders starken Nebenwirkungen
(3).
d) Beschaffenheit und Menge von Transportproteinen.
Hier spielen die Albumine eine wesentliche Rolle. Manche Medikamente
sind zu 90% an Albumine gebunden und in dieser Form nicht wirksam, d.h.
die Dosierung ist auf die aktiv bleibenden restlichen 10% des Medikamentes
eingestellt. Wird ein zweites Medikament mit ähnlichen Bindungseigenschaften
für Albumine eingenommen, so verdrängt eins das andere aus seiner
Proteinbindung, so dass es bei beiden zu erhöhten Konzentrationen
des freien Anteils im Blut kommt. Hierzu gehören:
- Gerinnungshemmer,
- Schmerz- und Rheumamittel auf Salicylsäurebasis
und
- Barbiturate.
Wird z.B. bei einem Herzinfarktpatienten, der Blutgerinnungshemmer erhält,
das Schlafmittel abgesetzt, so kann es zu schweren Blutungen kommen (4).
e) Von zentraler Bedeutung: die therapeutisch relevante Reaktion.
f) Die Beschaffenheit des Targets.
z.B. die Beschaffenheit der Bindungsstelle des Rezeptors, der die
therapeutische Reaktion vermittelt.
g) Ein oder mehrere Nebenwirkungen, die auf anderen Reaktionen des Medikamentes
beruhen und nicht mit der therapeutischen Reaktion in Zusammenhang stehen.
Angenommen, die angestrebte Wirkung besteht in der Inaktivierung einer
bestimmten Substanz (Zielsubtanz) und das Medikament erreicht das, indem
es diese Zielsubstanz phosphoryliert. Angenommen, es übt die gleiche
Aktivität (Phosphorylierung) auch auf andere Substanzen aus, die diese
Korrektur nicht brauchen, so können sich die unbeabsichtigten Veränderungen
als Nebenwirkungen bemerkbar machen.
2) Vorgänge und Strukturen, die eine Grundlage dafür sein
können, dass Nebenwirkungen auf eine komplexe Weise genetisch (mit)bedingt
sind
Hier wären zu nennen:
- die Blut/Hirnschranke,
- die Blut/Darmschranke,
- eine Reihe von Enzymen mit indirektem
Einfluss auf die therapeutische Reaktion,
- Signalstoffe,
- die Ausscheidung (meist durch den Urin
oder die Gallenflüssigkeit),
- Endlagerung in bestimmten Zellen (z.B.
in der Leber, in den Zähnen oder der Aderhaut des Auges (4)),
3) Nicht-genetische Ursachen für Nebenwirkungen
a) Einfluss von Nahrungsmitteln auf die Wirkung von Medikamenten
i) Fettreiche Nahrung erleichtert die Aufnahme fettlöslicher
(lipophiler) Wirkstoffe.
ii) Eisen- oder calciumreiche Nahrungsmittel wie z.B. Milch bilden mit
Antibiotika der Gruppe der Tetracycline unlösliche Verbindungen.
iii) Patienten, die gegen Depressionen mit Monoamin-Oxidase-Hemmern
behandelt werden, sollten Nahrungsmittel meiden, die Tyramin enthalten.
Tyramin ist die Vorstufe von körpereigenen blutdruckregulierenden
Substanzen und wird von dem Enzym Monoamin-Oxidase abgebaut. Die Substanzen
reichern sich bei Hemmung des Enzyms an, so dass es zu plötzlichen
dramatischen, z.T. lebensgefährlichen Blutdruckanstiegen kommen kann
(5-7).
Zu den für diese Patienten gefährlichen Nahrungsmitteln gehört
fast alles, was fermentiert oder gelagert wurde, also Käse, Wein,
Bier, Salami, Räucherfisch, aber auch Fertigsaucen, Fleischextrakte
und andere Fertigprodukte. Die Patienten sollen darauf achten, nur frische,
einfach zubereitete Speisen zu sich zu nehmen, keine überreifen Früchte,
keine wieder aufgewärmten Speisen.
iv) Patienten, die Blutgerinnungshemmer aus der Stoffreihe der Coumarine
(Warfarin in den USA, Marcumar bei uns) bekommen, sollten keine Nahrungsmittel
zu sich nehmen, die viel Vitamin K enthalten, weil Vitamin K die Blutgerinnung
verstärkt - es ist ein für die Gerinnung wichtiger Faktor - und
somit ein Gegenspieler des Medikamentes. Vitamin K ist in allen Blattgemüsen,
Kohlsorten und Blattsalaten enthalten.
Hohe Dosen an Vitamin E dagegen hemmen die Blutgerinnung, d.h. sie
verstärken die Wirkung der Coumarin-haltigen Medikamente.
v) Inhibitoren des Angiotensin-umwandelnden Enzyms ACE, die zur Blutdruckregulierung
verabreicht werden, führen zu einer Erhöhung des Kalium-Spiegels.
Die Patienten sollten daher Bananen vermeiden und ausserdem natürlich
keine Kaliumpräparate einnehmen (5).
vi) Grapefruit und einzelne Orangensorten enthalten eine Substanz, die
ein Medikamente-abbauendes Enzym aus der Gruppe der Cytochrom-P450-Oxidasen
hemmen (8-10). Dadurch wird die Wirkung einer ganzen Anzahl, z.T. viel
verschriebener Medikamente beeinträchtigt. Zu ihnen gehört:
- Vinblastin (gegen Prostatakrebs),
- Verkaufs-Hits wie das Psychopharmakum und
Beruhigungsmittel Valium,
- der wegen seiner Nebenwirkungen bekannt
gewordene Cholesterin-Senker Baycol,
- Cyclosporin, das immunsupprimierende Mittel,
das nach Organtransplantationen verabreicht wird,
- eine Reihe von Calciumkanal-Blockern, also
Substanzen, die die Wanderung von Calciumionen hemmen,
- und ein Wirkstoff, der nicht zu den Medikamenten
zu zählen ist: das Sexualstimulans für Männer: Viagra.
Die Wirkung der Grapefruit wurde vor gut 10 Jahren zufällig entdeckt.
Eigentlich wollte man den Einfluss von Alkohol auf die Medikamentewirkung
untersuchen. Der Grapefruitsaft wurde nur zur Überdeckung des Alkoholgeschmackes
gegeben. Wegen dieser Zufälligkeit der Entdeckung wird vermutet,
dass möglicherweise ähnliche Effekte bei anderen Früchten
noch unerkannt sind.
Janet Woodcock, Direktorin der Medikamente-Abteilung der US-amerikanischen
Food and Drug Administration (FDA) sagt hierzu: "Niemand weiss, wie oft
die Kombination von Medikamenten mit den falschen Nahrungsmitteln Probleme
verursacht. Nur wenige Ärzte berichten über Wechselwirkungen
nur wenige Verbraucher wissen, dass Nebenwirkungen durch die Ernährung
verursacht sein können, und einige Wechselwirkungen, wie die Wirkung
von Grapefrucht auf eine zunehmende Zahl von Medikamenten, sind erst unlängst
entdeckt worden" (5).
b) Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Medikamenten.
Bei der gleichzeitigen Einnahme verschiedener Medikamente kann es
zu deren gegenseitiger Beieinflussung kommen. Lt. Martin Wehling, Direktor
des Instituts für Klinische Pharmakologie am Klinikum Mannheim der
Universität Heidelberg, schlucken zwei Drittel aller Patienten in
der BRD täglich vier verschiedene Medikamente (11). Das ist bei Mehrfacherkrankungen
unvermeidlich, eine Situation, die bei älteren Menschen ausgesprochen
häufig ist.
Medikamente können sich gegenseitig beeinflussen,
i) dadurch dass sie um die Abbauenzyme konkurrieren oder um die Transportproteine
(s.oben unter A 4)
ii) dadurch dass einige Medikamente die Enzyme für ihren eigenen
Abbau und den Abbau anderer Medikamente induzieren,
iii) dadurch dass sie den Urin saurer machen, was die Ausscheidung schwach
basisch reagierender Substanzen beschleunigt.
iv) dadurch dass sie den Durchgang durch den Darmtrakt beschleunigen,
z.B. Metoclopramid. Wegen der verkürzten Verweildauer im Magen und
Darm verringert sich dann der Anteil des Wirkstoffes, der resorbiert wird.
c) Einfluss von Erkrankungen auf die Wirkung von Medikamenten (12)
i) Bei Erkrankungen der Leber oder Niere kann der Albumingehalt vermindert
sein so dass bei Medikamenten, die an Albumin gebunden werden, der Anteil
des freien Wirkstoffes im Blut höher ist (4), (s.a. B d).
ii) Ausserdem kann sich durch Lebererkrankungen der Abbau von Medikamenten
verlangsamen. Auch hier steigt dadurch der frei im Blut befindliche Anteil
des Medikamentes (4).
iii) Darmerkrankungen können die Blut/Darmschranke verändern
oder die Geschwindigkeit, mit der die Nahrung den Darm passiert (vgl. b
iv).
d) Krebs als mögliche Nebenwirkung
Krebsauslösende Wirkungen von Medikamenten wurden bei Steroiden
beobachtet. Hierzu gehören:
- Anabolika,
- immununterdrückende Medikamente,
- natürliche und künstliche Östrogene
und
- Ovulationshemmer.
- Ausserdem können gegen Krebs eingesetzte
Alkylierungsmittel (eine spezielle Form von Stoffwechselgiften) selbst
Krebs auslösen (4).
e) Allergien als mögliche Nebenwirkung
Die Zahl der Medikamente, die allergische Reaktionen auslösen
können, hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Dazu gehören
Antibiotika, Sulfonamide u.a.
f) Einfluss des Lebensalters auf die Wirkung von Medikamenten
Im Alter müssen die Dosierungen oft verringert werden, ebenso
bei Kindern. Andererseit verstoffwechseln Kinder manche Substanzen schneller
(4). Getestet wird aber an Patienten
mittleren Alters,die nur an einer Krankheit leiden (11)
,
während die meisten Patienten ältere Personen mit Mehrfacherkrankungen
sind. Wahrscheinlich sind bei Mehrfacherkrankungen wegen der Komplexität
des Krankheitsgeschehens die Rückschlüsse auf die Wirkung des
getesteten Medikamentes so erschwert, dass man für statistisch gesicherte
Aussagen eine wesentlich grössere Zahl von Versuchen brauchen würde.
g) Wirkungsunterschiede zwischen Frauen und Männern
Frauen haben einen anderen Stoffwechsel als Männer. Ihr
Magen arbeitet langsamer, Eiweiss dagegen verarbeiten sie schneller. Sie
reagieren auf viele Medikamente anders als Männer. Acetylsalicylsäure
(der Wirkstoff in ASS bzw. Aspirin) beugt nur bei Männern einem Herzinfarkt
vor, bei Frauen nicht. Sie wiegen weniger, haben einen höheren Fettanteil
und einen geringeren Anteil Blut. Da lipophile Substanzen im Fettgewebe
gespeichert werden können und der Anteil eines Wirkstoffes in der
Blutbahn für die Dosierung entscheidend ist, kann das von einiger
Bedeutung für die Dosierung sein. Trotzdem werden Medikamente in der
BRD fast nur an Männern getestet.
Auf der Grundlage solchermaßen an Männern erarbeiteten Daten
ist geplant für chronisch Kranke so genannte Gesundheitsmanagement-Programme
(DMP) einzuführen. Damit sollen die Patienten dazu bewogen werden,
bestimmte Auflagen für ihre Lebensführung einzuhalten. Die Programme
sollen auf der Grundlage neuester Erkenntnisse entwickelt werden. Inge
von Bönninghausen, Vorsitzende des Deutschen Frauenrates, zweifelt
daran, dass Geschlechtsunterschiede in die Richtlinien des DMP ausreichend
Eingang gefunden haben und sie fürchtet das frauenspezifische Besonderheiten
in die männerzentrierten Forschungsergebnisse keinen Eingang gefunden
haben. (11,13,14) Grund für das Ausklammern von
Frauen aus den Versuchen sind die monatlichen Hormonschwankungen und die
Möglichkeit von Schwangerschaften, die mit einem noch stärker
verändertem Stoffwechsel verbunden sind. Sogar Medikamente, die überwiegend
an Frauen verabreicht werden, werden an Männern getestet (13). Die
Bremer Landesbeauftragte für Frauen, Ulrike Hauffe meint: "Es ist
davon auszugehen, dass Frauen dauernd überdosiert werden und deshalb
eher an Nebenwirkungen erkranken" (13).
Auch hier ist wohl, ähnlich wie bei der Frage, Einfach- oder Mehrfacherkrankte
zu testen, der Wunsch nach überschaubaren, leichter interpretierbaren
Verhältnissen, der Grund dafür, dass die Testsituation vereinfacht
wird. Die so erhaltenen Ergebnisse sind dann aber auf Frauen nur bedingt
übertragbar und bedeuten ein erhöhtes Risiko für sie.
Besonders gravierend ist es jedoch, wenn auf Patienten ein Zwang ausgeübt
wird nämlich durch die in den Programmen vorgesehenen Sanktionen
solche für sie möglicherweise ungeeigneten oder falsch dosoerten
Medikamente einzunehmen.
h) Einfluss des Lebensstils
Auch der Lebensstil kann die Medikamentewirkung beeinflussen, z.B.
ob jemand raucht oder nicht (3), Alkohol zu sich nimmt, sich fettreich
ernährt u.ä.
i) Einfluss des Tag-Nacht-Rhythmus
Die Nebenwirkungen und auch die Heilwirkungen einer ganzen Reihe von
Medikamenten schwankt mit dem Tag-Nacht-Rhythmus. Dieser Teilbereich hat
wegen seiner Bedeutung eine eigene Bezeichnung erhalten, er wird Chronopharmakologie
genannt. Hierzu gehören
_ Blutdruckregulatoren (Hemmer des Enzyms Angiotensin-converting-enzyme),
_ Antihistaminika,
_ Calciumhemmer,
_ Schleimlöser,
_ Psychopharmaka,
_ Diuretika,
_ Acetylcholin und
_ Aspirin.
j) Einfluss von Begleitstoffen in den Tabletten und Dragees
Begleitstoffe, die als Füllsubstanzen für Tabletten oder
Dragees dienen, (meist Lactose (Milchzucker) oder Stärke) können
Einfluss darauf haben, wie schnell der Wirkstoff freigesetzt wird, und
damit die Spitzenkonzentrationen im Blut verändern. In den 70er Jahren
kam es zu einem Zwischenfall mit schweren Nebenwirkungen durch den Wirkstoff
Phytoin, nachdem der Begleitstoff Calciumsulfat gegen Lactose ausgewechselt
wurde. Eine dramatische Wirkung also durch den Ersatz einer als harmlos
geltender Substanzen durch eine andere ebenfalls harmlose! (4)
Sogar der Pressdruck der Tablettiermaschine kann Einfluss auf die Freisetzungsgeschwindigkeit
des Wirkstoffes aus der Tablette haben (4).
C) Diskussion der Ursachen von Nebenwirkungen
Bei weitem nicht alle Nebenwirkungen sind eine Frage der Gene
Diese lange, aber sicher unvollständige Liste soll zeigen, wie
vielfältig und schwer kontrollierbar Nebenwirkungen sein können,
und dass daher kaum zu erwarten ist, dass man sie alle mit Gentests in
den Griff bekommen kann. In einer Reihe von Fällen sind zwar schon
genetische Ursachen für Nebenwirkungen bekannt und ihre Zahl wird
sicher noch steigen, aber die vielen Nebenwirkungen, die entweder keine
genetischen Ursachen oder aber einen komplexen genetischen Hintergrund
haben, der nicht mit ein paar Tests eindeutig abgeklärt werden kann,
werden auf diesem Wege nicht aus der Welt geschafft werden können.
Nun noch einmal zurück zu den genetisch bedingten Ursachen
(Teil II A). Sie lassen sich in zwei Kategorien unterteilen:
Die erste Kategorie:
(das sind Punkt a) bis d) der Aufzählung in II A die hier kurz
wiederholt werden sollen):
a) Umwandlung der aktiven Form aus einer Vorstufe,
b) Entgiftungsreaktionen,
c) abbauende Enzyme,
d) Beschaffenheit der Transportproteine.
Alle vier Faktoren betreffen genetische Veranlagungen, die keinen Einfluss
auf die Art der therapeutischen Wirkung haben, sondern nur die im Körper
präsente Menge an Wirkstoff verändern. Die dadurch entstehenden
Unterschiede können im allgemeinen durch eine Anpassung der Dosierung
oder evtl. durch eine veränderte Zeitabfolge der Verabreichung ausgeglichen
werden. Hierbei gilt es, empfindliche Personen vor den toxischen Wirkungen
einer Überdosierung zu schützen.
Die zweite Kategorie:
Die Punkte e) bis g) ( in II
A) dagegen betreffen im Prinzip genetische Konstellationen, bei denen
der
Einsatz des betreffenden Medikamentes grundsätzlich in Frage gestellt
werden muss, entweder weil die therapeutische Reaktion nicht stattfindet,
oder weil Nebenwirkungen dadurch auftreten, dass das Medikament andere
Reaktionen eingeht, Reaktionen die mit der angestrebten Wirkung nichts
zu tun haben. Angenommen der Wirkstoff hat ausser der therapeutischen
Wirkung noch die, dass er in ein giftiges Produkt umgewandelt wird, das
Leberzellen abtötet. Auch dieser Vorgang kann genetischen Variationen
unterliegen. Daran sind aber andere Gene beteiligt als die, die die für
die therapeutische Wirkung verantwortlich sind. D.h. die therapeutische
und die toxische Wirkung sind nicht gekoppelt, sie können je nach
Kombination der Veranlagungen gemeinsam auftreten oder nicht.
Bei den hier genannten Fällen können Gentests gefährdete
Menschen vor Schäden schützen und die sogenannten Nicht-Ansprecher
(non responder) hofft man vor jahrelangen unwirksamen Therapien zu bewahren.
Damit kann kostbare Zeit für ihre Heilungschancen gewonnen
werden (15).
Man könnte auch sagen, auf der Basis der genetischen Unterschiede
der 1. Kategorie kommt man zu individuell passenden Dosierungen und auf
der Basis der 2. Kategorie zu einer geeigneten Auswahl von Medikamenten.
Was aber sind "massgeschneiderte" Medikamente? Das, was man bei normalem
Sprachverständnis darunter verstehen würde, ist gar nicht geplant.
Unter einem massgeschneiderten Anzug z.B. versteht man einen, der nach
den Maßen des Kunden für ihn hergestellt wurde und nicht einen,
der nach seinen Maßen unter den massenhaft produzierten Anzügen
von der Stange ausgesucht wird.
Leider wird die Diskussion über die pharmakogenetischen Unterschiede
meist nur pauschal, ohne die Unterscheidung in die zwei Kategorien geführt,
wenn z.B. generell von den Auswirkungen des genetischen Profils auf die
Wirkung gesprochen wird. Die Unterscheidung in die zwei Kategorien ist
aber wichtig für die Frage, wie in Zukunft eine Gesundheitsversorgung
für Menschen aller genetischen Konstellationen gewährleistet
werden kann und wie weit toxische Reaktionen bei neuen Substanzen durch
molekulare Tests vorhersagbar sein könnten.
D) Expressionsprofile und Medikamente-Wirkungen
1) Expressionsdaten erhöhen die Einsatzmöglichkeiten für
Medikamente
Expressionsprofile (s. Postgenomik, Teil
IV B)
geben Auskunft
darüber, welche Gene in einem bestimmten Augenblick aktiv sind. Sie
stellen eine Art Schnappschuss des Aktivitätsmusters dar. Wie dort
ausgeführt wurde, ändern sich die Profile mit dem physiologischen
Zustand und so können die Profiländerungen, die ein Medikament
verursacht, einen gewissen Aufschluss auf seine Wirkungsweise geben. Auf
diesem Wege können bisher unbekannte Wirkungen eines Medikamentes
sichtbar werden, die in manchen Fällen zu einer zusätzlichen
Einsatzmöglichkeit führen (15).
Beispiele:
Carbamazepin wurde ursprünglich gegen Neuralgien
des Nerven Trigeminus verschrieben. Später wurde entdeckt, dass es
auch gegen verschiedene Formen von Epilepsie eingesetzt werden kann (15).
Dopamin-Antagonisten, die mit dem Rezeptor für Dopamin
reagieren und ihn abschalten, wurden zunächst nur bei Schizophrenie
eingesetzt. Dann fand man eine Variante des Rezeptors, die mit einer Untergruppe
von Migräne assoziiert ist, sodass man nun diesen speziellen Migräne-Patienten
auch mit dem Mittel helfen kann (16). Es fragt sich allerdings, was
bei nicht psychisch kranken Patienten an dem Wirkort geschieht, an dem
das Mittel bei Schizophrenen zur Wirkung kommt. Könnte diese unnötige
Wirkung nicht die Grundlage für Nebenwirkungen sein? Schliesslich
werden Schizophrene durch Psychopharma nicht geheilt, sondern Bereiche
ihres Gehirns werden gedämpft, um die Wahnvorstellungen zu mindern.
Welche Einbussen bewirkt das aber bei einer Person mit normalen realitätsbezogenen
Vorstellungen?
So eine zusätzliche Anwendungsmöglichkeit ist natürlich
finanziell besonders lukrativ. Der Hersteller bringt damit praktisch ein
neues Medikament auf den Markt, hat aber nur einen Teil der Kosten einer
Neueinführung zu tragen.
2)"Rettung" von Medikamenten durch Expressionsprofile
Ausserdem könnte für manche Wirkstoffe, die wegen zu hoher
Nebenwirkungen nicht zugelassen wurden, ein Personenkreis gefunden werden,
bei dem die Nebenwirkungen vertretbar niedrig ausfallen, so dass eine selektive
Zulassung für sie denkbar ist. Das ist ein viel diskutiertes Thema
und wird als "Rettung" von Medikamenten bezeichnet (17). Davor wird aber
auch gewarnt. William Haseltine betont, dass pharmazeutische Unternehmen
die genetischen Technologien dazu verwenden sollten, das sicherst mögliche
Medikament zu finden, aber nicht versuchen sollten, durchgefallene Kandidaten
durch Ausrichtung auf ausgewählte Patienten zu retten, denn die diagnostischen
Tests können unzuverlässig sein, so dass es bei einigen Patienten
trotzdem zu lebensbedrohlichen Reaktionen kommen könnte. Ausserdem
seien die zahlreichen Gene, die mit der Reaktion von Medikamenten zu tun
haben, schwer zu entziffern. Auch die Lebensumstände, wie die Ernährung
und die Einnahme anderer Medikamente, könnten viel dazu beitragen,
wie jemand auf ein Medikament reagiert. "Man muss die ganze Person berücksichtigen",
sagt Haseltine (18).
Die Forderung, gefährliche Medikamente nach entsprechend ausgefallenen
Tests doch zuzulassen muss auch vor dem Hintergrund gesehen werden, dass
wiederholt gefordert wird, die Zahl der vorgeschriebenen klinischen Versuche
wegen der hohen Kosten zu verringern. Das bedeutet, dass man sich mit einer
geringeren statistischen Absicherung für Nebenwirkungen zufrieden
geben will (s.u.). Ist ein Medikament aber bereits einmal "durchgefallen",
so ist eigentlich besondere Vorsicht geboten, d.h. für seine Zulassung
ist eher eine höhere statt einer verringerten Zahl von Versuchen nötig.
3) Expressionsprofile für Toxizitätsprüfungen
Will man auf molekularer Ebene vorhersagen, welche Medikamente toxisch
sind, muss man wissen, welche Gene bei seiner Wirkung mit einbezogen sind.
Dazu vergleicht man die Expressionsprofile mit und ohne Wirksubstanz.
In einem Tierversuch wurden mit drei Chemikalien (Acetaminophen, Benzo(a)pyren
und Clofibrat) toxische Schäden gesetzt und dann zu verschiedenen
Zeiten danach die Expressionsprofile aufgenommen. Es stellte sich heraus,
dass die Zahl der Gene, die mit Aktivitätsänderungen auf diese
Substanzen reagierten, unüberschaubar hoch war.
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Erläuterungen:
Acetaminophen ist der Wirkstoff für
schmerzlindernde und fiebersenkende Medikamente, der in den USA die häufigste
Ursache für Leberzirrhose ist; Benzo(a)pyren ist ein krebsererregendes
Umweltgift und Clofibrat ist ein Lipidsenker; der zu Nierenversagen führen
kann.
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Einige Zahlenangaben aus dieser Arbeit: Insgesamt wurden Veränderungen
bei 1777 Genen gefunden, ausschliesslich auf Acetaminophen (A) reagierten
davon 488, ausschliesslich auf Benzo(a)pyren (B) 273 und ausschliesslich
auf Clofibrat (C) 258; auf A und B gemeinsam reagierten 114, auf B und
C gemeinsam: 84 , auf A und C: 245 und auf alle drei Wirkstoffe reagierten
315 Gene (19).
Bei so hohen Zahlen beteilgter Gene ist klar, dass hier nicht das
viel gepriesene Verstehen der molekularen Zusammenhänge im Spiel ist.
Das zeigt gleichzeitig, dass Hunderte von Reaktionen im Körper auf
ein einzelnes Medikament oder ein Gift anspringen oder abgeschaltet werden
- und wie wenig wir davon wissen, was im Einzelnen abläuft.
( s.a. Postgenomik, Teil VII).
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E) Genetische Unterschiede beim Abbau von Medikamenten: die Cytochrom-P450-Oxidasen
Manche Abbausysteme haben ein breites Aktivitätsspektrum, d.h.
sie reagieren mit vielen verschiedenen Substanzen, während andere
Abbausysteme spezifisch auf einzelne Stoffklassen gerichtet sind. Zu
den Systemen mit breitem Spektrum gehören die Cytochrom-P450-Oxidasen.
Sie sind das für den Abbau von Medikamenten mit Abstand wichtigste
Enzymsystem und verstoffwechseln den grössten Teil aller Medikamente
(je nach Angabe 25 bis 67% (3,12,20), indem sie die Substanzen
hydroxylieren und dadurch wasserlöslicher machen. Vier der acht
hauptsächlichen P450-Enzyme des Menschen sind polymorph (12),
d.h.
sie haben bei mindestens 1% der Menschen (oft bei wesentlich grösseren
Bevölkerungsanteilen) veränderte Eigenschaften. Eine genetische
Abweichung in einem solchen Breitband-Abbausystem verändert die Verträglichkeit
einer grossen Zahl von Medikamenten in gleicher Weise. Inzwischen kennt
man 57 P450-Enzyme (21).
Wegen des breiten Wirkungspektrums wird das Cytochrom-P450-System
von der Industrie dafür eingesetzt, Kandidaten für Medikamente
möglichst früh auf Toxizität zu prüfen. Dafür
ist eine Automatisierung praktisch unverzichtbar. Klassische Toxizitätstests
an Zellkulturen oder gar Tieren sind auf einem frühen Stadium der
Medikamente-Entwicklung wegen der dann noch sehr hohen Zahl von Substanzen
nicht machbar. (5 000 "Kandidaten" am Anfang der Pipeline ergeben
im Durchschnitt nur ein zugelassenes Medikament.) Deshalb sucht
man nach Tests auf molekularer Ebene.
Einer Umfrage zufolge führen alle Pharmaunternehmen Tests
mit P450-Cytochromen durch, 1995 machte jede zweite Firma diese Tests schon
auf der Stufe der Leitsubstanzen, im Jahr 2000 war der Anteil der Firmen,
die auf dieser frühen Stufe testeten, auf 80% gestiegen (12,22). Unterm
Strich heisst das, dass die ganz überwiegende Mehrzahl ansonsten
aussichtsreicher Wirkstoffkandidaten nur dann zu Medikamenten weiterentwickelt
wird, wenn sie mit den P450-Enzymen reagiert. Das bedeutet zwangsläufig,
dass sie in ihren chemischen Eigenschaften untereinander ähnlich sind.
Die Industrie hält sich also aus Angst vor Flops eng an eine
relativ begrenzte Kategorie von Substanzen!
Die "neuen, massgeschneiderten Wundermittel" werden demnach voraussichtlich
chemisch gleichartiger sein als die bisherigen Medikamente. Grundsätzlich
neu ist nur, dass einige, durch Tests ermittelte Patienten - zu ihrem eigenen
Schutz - von der Verabreichung ausgeschlossen werden können. Die
Medikamente selbst gehören den gleichen Stoffklassen an wie bisher,
sie werden nur auf eine andere Weise ausgesucht.* Die Verfechter der
neuen Methoden sagen, diese Auswahlmethoden seien gezielter auf das Krankheitsgeschehen
gerichtet. Richtig ist, dass die Targets (Zieltrukturen), die beim Herausfischen
von Leitsubstanzen die Funktion von Angelhaken haben, aus krankheitsspezifischen
molekularen Zusammenhängen entnommen wurden. Wie wir später sehen
werden, ist die Reaktion der Wirkstoffe im realen Krankheitsgeschehen,
d. h. im Körper der Patienten, aber nicht immer so, wie es nach den
Ergebnissen auf der molekularen Ebene erwartet wurde.
____________
*Neuerdings werden auch wieder Medikamente auf Proteinbasis
konzipiert. Protein-Medikamente galten nach Einführung der Gentechnik
als die neue Hoffnung, sie erwiesen sich aber als schwer handhabbar und
für den ambulanten Einsatz wenig geeignet.. Heute gibt es von ihnen
eine kleine Anzahl, mit z.T. sehr hohen Umsätzen für bestimmte
gravierende Indikationen. Man denkt zwar auch an den Einsatz von DNA als
eine neue Form von Impfstoff und evtl. an eine therapeutische Verwendung
einiger RNAs. Das Gros der Medikamente gehört aber nach wie vor zur
Klasse der organisch-chemischen Verbindungen mit einem bestimmten Grad
an Lipophilität und einer Molekularmasse unter 500 Da (Dalton). (1
Da entspricht nicht ganz genau, aber weitgehend der Masse eines Wasserstoffatoms.)
Die eingeschränkte chemische Vielfalt der künftigen Medikamente
bringt Gefahren mit sich:
1) Wenn fast alle der neuen Medikamente von demselben Enzymsystem
abgebaut werden, so bedeutet das für Patienten mit Gen-Varianten in
diesem Bereich, dass sie dann gleich eine ganze Reihe von Medikamenten
nicht vertragen. Zwar gibt es eine grosse Zahl verschiedener P450-Komponenten,
die für verschiedene Medikamente spezifisch sind, es gibt aber einzelne
P450-Enzyme mit herausragender Bedeutung, die jeweils eine Anzahl wichtiger
Medikamente abbauen.
Eins der P450-Enzyme (mit der Bezeichnung CYP2D6) baut
Antidepressiva, Antipsychotica, ß-Blocker, Herzrhythmus-Regulatoren
und das Schmerzmittel Codein ab, insgesamt 40 verschiedene Medikamente
(21). Ein Polymorphismus der Komponente verändert die Wirksamkeit
dieser Medikamente, z.T. in entgegengesetzter Weise: bei manchen kommt
es wegen eines gestörten Abbaus zu Überdosierungseffekten (wie
beim Antidepressivum Prozac), während andere wirkungslos werden, wie
z.B. das Schmerzmittel Codein, weil seine Umwandlung zum eigentlichen Wirkstoff,
dem Morphin, gestört ist. Diese Variante von CYP2D6 kommt bei 7% der
Kaukasier (also der Weissen) vor (23,24).
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Erläuterungen: CYP = Cytochrom-P450-Oxidase
(vgl. auch die entspr. Erläuterung in Abschnitt A).
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Bei diesen Überlegungen ist zu bedenken, dass die Beobachtungen
bereits jetzt gemacht wurden, also bei den bisherigen Medikamenten, die
nicht im Frühstadium ihrer Entwicklung vorsortiert wurden. Die Anteile
der von solchen Polymorphismen betroffenen Menschen reicht für einzelne
P450-Komponenten und einzelne Ethnien bis 23% (22).
2) In vielen medizinischen Situationen sind Mehrfach-Medikamentierungen
unumgänglich. Werden gleichzeitig mehrere Medikamente eingenommen,
die über das gleiche System abbaubar sind, so können sie miteinander
um die Abbaustellen konkurrieren. Je grösser die chemische Ähnlichkeit
von Medikamenten, desto grösser die Gefahr einer erhöhten gegenseitigen
Beinflussung von Aktivitätshöhe und Verweildauer im Körper.
Es gibt Medikamente, die die Aktivität von Cytochrom-P450-Enzymen
unterdrücken, z.B.Mittel gegen Pilze (Azol-Fungizide) und das Antibiotikum
Erythromycin (25). Das kann gefährlich werden, wenn ausserdem Medikamente
eingenommen werden, die vom gleichen P450-Enzym abgebaut werden. Dazu gehören
viele Mittel die in der Chemotherapie bei Krebs eingesetzt werden. Auch
diese Art von Gefahren steigen natürlich, wenn fast nur noch P450-abbaubare
Mittel entwickelt werden.
Eine kleine, aber vielleicht interessante Abschweifung vom
Thema: Was hat die Natur bewegt, ein Enzymsystem zu schaffen, das nur dazu
da zu sein scheint, nicht in der Natur vorkommende Chemikalien abzubauen?
Oder anders gefragt: welche Aufgabe haben diese Enzyme in der Natur? Einige
Schritte der (Embryonal)-Entwicklung werden von Substanzen reguliert, die
ähnlich wie Medikamente eine niedrige Molekularmasse haben und
relativ lipophil sind (u.a. Retininsäure, Steroide und Derivate hochungesättigter
Fettsäuren). Diese Entwicklungsregulatoren werden von P450-Enzymen
kontrolliert, indem sie bei Nichtbedarf abgebaut werden. In Übereinstimmung
damit wurden Zusammenhänge gefunden zwischen einer P450-Varianten
(CYP1B1) und Entwicklungsstörungen. Interessanterweise wurde für
das Gen dieses P450-Enzyms gezeigt, dass es durch Dioxin induziert werden
kann (21). Über diesen Weg kann Dioxin also in die Regulation
der Embryonalentwicklung eingreifen. Möglicherweies verbirgt sich
hinter diesen Fakten eine Erklärung dafür, auf welche Weise die
so genannten Xeno-Östrogene (zu denen auch Dioxin gehört) ihre
die weiblichen Sexualhormone imitierende Wirkung ausüben, obwohl sie
keinerlei chemische Verwandtschaft mit weiblichen Hormonen haben. Es könnte
sein, dass sie nicht - wie angenommen die Wirkung weiblicher Hormone
haben, sondern dass sie durch eine Induktion der Cytochrom-P450-Oxidasen
die Konzentrationen einiger Entwicklungsregulatoren verringern und über
diesen Weg die Wirkung weiblicher Hormone imitieren. Für einen solchen
Mechanismus spräche auch, dass die durch Xeno-Östrogene verursachten
Schäden bei Männern schon vor der Geburt entstehen, auch wenn
sie erst in der Pubertät sichtbar werden (26). Ein weiteres
Indiz für einen Zusammenhang zwischen P450-Enzymen und spezifisch
weiblichem Stoffwechsel könnte sein, dass für einige P450-Enzyme
bei Frauen vor der Menopause etwa 50% höhere Konzentrationen gefunden
wurden als bei Männern (27) (s. Xeno-Östrogene
hormonell wirksame Chemikalien).
Die Architekten der neuen Medikamente brüsten sich damit, dass
die Zahl der Targets von jetzt ca. 500 auf bis 10 000 steigen wird (28,29).
Targets sind einereits die Zielstrukturen, die für die Entwicklung
der Medikamente verwendet werden, sie sind aber auch später die Angriffspunkte
in der Zelle, an denen die Wirkung der Medikamente ansetzen soll. Verschiedene
Targets bedeuten verschiedene Wirkmechanismen, d.h., dass jeweils andere
körpereigene chemische Faktoren und Reaktionswege an der Wirkung beteiligt
sind und das wiederum bedeutet, dass für jedes Target eigene Nebenwirkungen
auftreten können. Wie schon gesagt wurde, gibt es für neue
Targets keine molekularen Systeme zur Voraberkennung von Toxizität.
Solche müssen für jedes Target neu erarbeitet werden.
Will man trotzdem das grosse Versprechen wahrmachen, dass die neuen
Medikamente sicherer seien es wird sogar behauptet, dass Nebenwirkungen
"eliminiert" werden könnten(!) (17) so muss für jedes einzelne
Target der genetische Hintergrund erforscht werden. Kennt man die vom Mainstream
abweichenden Gen-Varianten und ihre Funktion, so muss man ihre Häufigkeitsverteilung
in den verschiedenen Ethnien bestimmen. Dafür braucht man gross angelegte
Massentestprogramme.
Hier werden Widersprüche erkennbar, zwischen hochfliegenden Erwartungen
und den mit sehr viel Mühe, Zeit und Geld verbundenen Realisierungsmöglichkeiten.
Eine grosse künftige Vielfalt von Medikamenten wird in Aussicht gestellt
mit einem breiten Fächer von Möglichkeiten, mit einer Verzehnfachung
der Zielstrukturen und mit Varianten für alle Menschen mit abweichenden
pharmakogenetischen Eigenschaften. In der konkreten Arbeit zur Verwirklichung
dieser Vorhaben schränkt man aber sogar die bisherige Vielfalt noch
ein, aus Angst vor (noch?) nicht zu bewältigenden Schwierigkeiten
und finanziellen Risiken. Eine nie dagewesenen Sicherheit wird versprochen
und eine maximale Vielfalt - sogar von einer ultimativen Zahl von Medikamenten
wird gesprochen (das soll die Zahl aller denkbaren Liganden (Bindungspartner)
für alle denkbaren Targets sein) (30) und dann passiert es,
1) dass sogar die bisherige chemische Vielfalt noch eingeschränkt
werden muss, weil mit molekularen Tests anders keine ausreichende Sicherheit
zu gewährleisten ist,
2) dass die allgemeine Versorgung sich zu verschlechtern droht, weil
die Preise für die Medikamente rasant steigen und weil die Gentests
zu einer Aufsplittung der Märkte führen, was die Preise zusätzlich
erhöht, und
3) dass wegen der hohen Kosten die Zahl der klinischen Versuche verringert
werden soll, was trotz Gentests eine Verrringerung der Sicherheit bedeutet,
da dann nur ein geringerer Teil der nicht testbaren (weil unerwarteten)
Nebenwirkungen gefunden werden kann.
Die Industrie geht mit der Genetik der Nebenwirkungen sehr vereinfachend
um: Die Schlichtargumentation lautet etwa so: Liegt ein bestimmter Polymorphismen
vor, so erfolgt die Reaktion des Wirkstoffes, liegt ein anderer vor, erfolgt
sie nicht (z.B. (3)). Wie später an einem Beispiel gezeigt werden
soll, ist die Feststellung des Polymorphismus so ziemlich das einzige,
was dabei wirklich sicher ist. Die Wirkung eines Medikamentes erfolgt
selten nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip, sondern die Wirkungsstärke
schwankt und zwar auch bei derselben Person von Messung zu Messung, sie
schwankt stärker zwischen zwei Personen. Erst diese Differenz
zwischen der intra- und der interpersonellen Schwankung kann
für genetische Überlegungen herangezogen werden, aber zuvor muss
abgeklärt werden, ob nicht eine der zahlreichen aufgelisteten nicht-genetischen
Ursachen für eine Abweichung von der Norm in Frage kommt. (vgl. B,
3 "Nicht-genetische Ursachen von Nebenwirkungen")
Ist die genetische Ursache für eine untypische Wirkungsweise erwiesen,
muss der genetische Hintergrund erforscht werden. Das ist eine langwierige
Aufgabe, für die, wenn man die bisher aufgeklärten Beispiele
als Vergleich heranzieht, wahrscheinlich ein mehrjähriges Forschungsprogramm
erforderlich ist. Auftretende Kontroversen müssen unter den Wissenschaftlern
ausgetragen werden. Das macht weitere Versuche nötig, bis die erarbeiteten
Fakten von der Mehrheit der Fachleute als fundiert angesehen werden. Dieser
Forschungsaufwand ist für jedes der auf 3000 bis 10 000 geschätzten
Targets (28) von neuem zu leisten. Wenn die Pharmaindustrie verspricht,
die Produktionskosten würden sich mit den automatischen Methoden verbilligen,
so sollten diese Forschungskosten mit einbezogen werden, die übrigens
überwiegend aus öffentlichen Mitteln bezahlt werden.
Bisher sind die Mechanismen nur für eine Hand voll Wirkstoffe bekannt.
Und von diesen wenigen Beispielen ausgehend wird verallgemeinernd argumentiert,
die meisten Nebenwirkungen oder Nichtansprechbarkeiten auf ein Medikament
würden sich künftig in ähnlicher Weise auf molekularer Ebene
erklären lassen. Manches an dieser Diskussion erinnert an den Stand
des Wissens über erblich bedingte Erkrankungen zu Anfang der 80er
Jahre. Damals kannte man eine Reihe monogenetischer (durch ein Gen verursachter)
Krankheiten oder Unverträglichkeiten gegenüber Chemikalien (31).
Auch damals wurde angenommen, das bisher Gefundene sei erst der Anfang
einer grossen Zahl ähnlich gelagerter, einfacher Krankheitsursachen,
was zu entsprechenden Prognosen führte. Man hat gefürchtet, dass
z.B. in der Chemischen Industrie ab der 80er Jahre detaillierte Tests für
verschiedene genetisch bedingte chemische Unverträglichkeiten zur
Verfügung stehen würden (32).
Die Wirklichkeit sah aber so aus, dass sich die Zahl der Fälle,
die eindeutig zugeordnet werden kann, kaum erhöhte, sondern dass man
auf komplexere Zusammenhänge stiess, die keine Aufteilung in klar
umrissene Personengruppen erlaubten und daher keine praktikablen Tests
ermöglichten.
Es liegt in der Natur der Sache, dass, wenn ein neues Gebiet für
die Erforschung zugänglich wird, dass dann die einfach gelagerten
Fälle zuerst aufgeklärt werden. Das könnte heissen, dass
auch in der Pharmakogenetik künftige Forschung eher komplexere Zusammenhänge
aufdecken wird als die bisher bekannten. Es gibt aber auch die Meinung,
dass sich ein grundsätzlicher Unterschied abzuzeichnen beginnt zwischen
den hochgradig multifaktoriellen Ursachen für viele Krankheiten einerseits,
und den auf Einzelreaktionen beruhenden Ursachen für Medikamente-Unverträglichkeiten
andererseits, dass also die Pharmakogenetik einfacher strukturiert sein
könne als die Genetik der erblichen Erkrankungen (33).
Für einfache Zusammenhänge in der Pharmakogenetik spricht,
dass bei der Wirkungsweise und beim Abbau von Medikamenten offenbar wirklich
einzelne Reaktionen die Hauptrollen spielen, so dass
man nur die Gene im Hintergrund dieser Reaktionen aufgespüren muss.
Am Zustandekommen der komplexen Krankheiten dagegen ist oft eine grosse
Zahl von noch unbekannten Reaktionen beteiligt. Tatsächlich kennt
man schon eine begrenzte Anzahl von Fällen, in denen die Wirkunterschiede
von Medikamenten mit definierten Genveränderungen erklärt werden
können.
Für komplexe Zusammenhänge spricht, dass wie die
Analyse der Expressionsprofile zeigt (vgl. D, 3
"Expressionsprofile und Medikamente-Wirkungen") einzelne Wirkstoffe
die Aktivität von Hunderten von Genen beeinflussen. Das bedeutet,
dass im Hintergrund der teilerforschten Geschehnisse in grosser Zahl andere,
noch unbekannte Reaktionen ablaufen, die zu komplexen Zusammenhängen
zwischen der genetischen Konstellation und der Medikamentewirkung führen
könnten.
Die komplexe Sicht wird auch von Autoren aus der Industrie und der
renomierten Stanford-Universität in Kalifornien vertreten:
"Die Reaktion auf Medikamente wird höchstwahrscheinlich an die
Muster multipler, polymorph exprimierter Vererbungslinien gebunden sein,
und weniger an einzelne dafür verantwortliche Polymorphismen (22)."
und
an anderer Stelle: "Jedes Medikament interagiert nach dem Eintreten
in den Körper mit zahlreichen Proteinen, wie Trägerproteinen,
Stoffwechselenzymen und vielen Arten von Rezeptoren. Diese Proteine bestimmen
die Aufnahme des Medikamentes, die Verteilung, Aussscheidung, die Zielstruktur
der Wirkung und die pharmakologische Antwort. Darüberhinaus lösen
Medikamente im weiteren Verlauf Sekundärreaktionen aus, die auch von
Patient zu Patient variieren können. Als Folge davon können mehrfache
Polymorphismen in vielen Genen die Reaktion auf das Medikament beeinflussen,
weshalb eine Suche nach den verantwortlichen Genen über das ganze
Genom erfolgen muss" (22).
Für den Fall, dass die erblichen Unterschieden der Medikamentewirkungen
auf mehr als einer genetischen Komponente beruhen, stünde man sehr
schnell vor einer nicht mehr zu bewältigenden Komplexität. Wenn
sich die Wirkungen der Komponenten gegenseitig beeinflussen, braucht man
für eine statistisch abgesicherte Analyse der genetischen Effekte
für jede der möglichen genetischen Kombinationen eine ausreichende
Zahl von Versuchspatienten. Die Zahl der dafür benötigten Patienten
steigt exponentiell mit der Zahl der beteiligten Genvarianten (33).
Generell ist festzustellen, dass mit zunehmender Erforschung des Genoms
immer mehr komplexe Zusammenhänge auftauchen, die bisher als fest
angenommene Regeln durchbrechen, wie z.B. das alternative Spleissen (vgl.
Postgenomik,
Teil II: Alternatives Spleissen - mehrere Proteine
aus einem Gen)
und die immer
deutlicher werdende Bedeutung nachträglicher (epigenetischer) Modifikationen,
die zu metastabilen Zuständen von Genen führen kann. Ein solches
Gen kann in benachbarten Zellen desselben Gewebes aktiv oder inaktiv sein.(34-36)
Die Steuerung der Genaktivität in einem Gewebe ist dann nicht mehr
die Regulierung der Aktivitätshöhe, sondern die Zahl der aktiven
Zellen. Im Laufe des Lebens erworbene epigenetische Veränderungen
können sogar an die nächste Generation vererbt werden. (35,37-42)
Damit wird zumindest für einzelne Fälle eine Hypothese von
Lamarck aus dem frühen 19. Jahrhundert wiederbelebt, die seit hundert
Jahren als widerlegt galt. Wir sollten auch für das Zusammenwirken
von Krankheitsursachen und Symptomkorrektur durch Medikamente eher davon
ausgehen, dass die Zukunft mehr Komplexes als Einfaches bringen wird.
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I. Historischer Rückblick
und Vorgeschichte der Pharmakogenetik
Unter Pharmakogenetik versteht
man die Vererbung von Eigenschaften, die mit der Wirkungsweise und Verträglichkeit
von Medikamenten zu tun haben. Dazu gehört ein Teil der Nebenwirkungen
und die Abbaugeschwindigkeit der Medikamente.
Nebenwirkungen von Medikamenten
verursachen jährlich 25 000 Todesfälle bei uns. Seit 100 Jahren
weiss man, dass die Ursache ein Enzymausfall sein kann. Den Begriff "Pharmakogenetik"
gibt es seit 50 Jahren Warum macht man Gentests erst jetzt? [
mehr
]
III) Die Bedeutung von SNPs
und Haplotypen
SNPs gruppieren sich zu Haplotypen,
die bei Kaukasiern, also Weissen, aber nicht bei Afrikanern, sehr einheitlich
sind. Das verbilligt Gentests, erschwert aber die Lokalisation von Genen
und lässt auf Besonderheiten bei der Evolution der Menschen schliessen.
[
mehr ]
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Erstellt am 09.02.03 - Letzter Nachtrag am 10.05.03 (Teil II, E) |
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