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Postgenomik
(Teil
V)
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V. Proteomik, die Gesamtheit aller Proteine, ihrer
Aktivitäten und Regulationen
Proteomik ist eine aufwendige, aber notwendige Ergänzung für
die automatischen Methoden
Wie bereits gesagt, sind die automatischen Techniken bisher bei weitem
nicht für alle Gene einsetzbar. Das bedeutet, dass für viele
Gene auf diesen Wegen keine Informationen erhältlich sind und
zwar Informationen
über die Expressionshöhe der Gene (d.h. die Höhe ihrer Aktivität),
über die Regulation von Synthese und Abbau der von ihnen codierten
Proteine und
über nachträgliche (posttranslationale) Modifikationen (1).
Um diese Lücken zu schliessen, sind aufwendige Funktionsanalysen nötig.
Das Arbeitsfeld wird "Proteomik" genannt. Es umfasst alle Methoden
der Trennung, Identifizierung und Aktivitätsbestimmung von Proteinen
im grossen Massstab (2). Dazu gehört auch die Regulation der Aktivitäten,
d.h. die Bindung von Proteinen an Liganden, an andere Proteine (Protein-Protein-Bindungen)
oder an RNA und die Lokalisation der Reaktionspartner in der Zelle. Proteomik
umfasst damit auch Vorgänge, die für die neue Art der Entwicklung
von Medikamenten verwendet werden, wie die Bindung von Wirkstoffen, von
Antikörpern und Inhibitoren sowie Phänotyp-Analysen von Mutanten
(3) (s.später).
A) Rückblick: Proteomik gibt es seit 25 Jahren
Der Begriff "Proteomik" geht auf die 70er Jahre zurück. Damals
wurde
die 2-dimensionale (2D-) Gelelektrophorese entwickelt. Sie ermöglicht,
ein Proteingemisch (z.B. den Zellinhalt eines Gewebes oder eine Körperflüssigkeit)
in nur einem Arbeitsgang in eine grosse Zahl von Komponenten aufzutrennen
und das Ergebnis als 2-dimensionales Bild sichtbar zu machen. So konnte
man damals schon die Gesamtheit der
Proteine einer Zelllinie (noch nicht einer einzelnen Zelle!) analysieren
und
aus der erhaltenen Fleckenverteilung auf einen Blick erkennen, ob in
einer experimentellen Situation ein Protein fehlte, oder ob eins hinzugekommen
war. Die Flecken auf den Elektrophoreseplatten wurden katalogisiert,
um (damals schon) Datenbanken aller exprimierten Proteine zu erstellen
(3).
Die 2D-Methoden haben eine Reihe von Unzulänglichkeiten
Sie liefern keine quantitativen Daten
Leider liefert die Gelelektrophorese nur qualitative Daten. Quantitative
Werte lassen sich aus der Grösse der erhaltenen Flecken nur grob abschätzen,
oder sie müssen aufwendig mit Hilfe radioaktiver Markierungen gemessen
werden (1). Um Aufschlüsse über die Dynamik von Regelvorgängen
zu erhalten, braucht man jedoch Mengenangaben.
Sie zeigen mehrere Klassen von Proteinen nicht an
1) Keine seltenen Proteine
Seltene Proteine, also solche, die nur in einer geringen Stückzahl
in einer Zelle vorkommen, entgehen der Entdeckung mit
der 2D-Elektrophorese. Aber gerade den besonders seltenen Proteinen
kommt oft eine regulatorische Schlüsselposition zu. Da etliche
Regulationsbereiche hierarchisch aufgebaut sind, gehört es quasi
zum Prinzip, dass die Regulatoren für Funktionen der obersten
Ebene in der geringsten Stückzahl vorhanden sind, d.h. ein
Ausfall gerade
der seltensten Proteine kann die weitreichendsten Folgen haben (1).
2) Keine hydrophoben Proteine
Hydrophobe (wasserabstossende) Proteine sind in den
Elektrophoresemedien kaum löslich und daher mit Elektrophoresen nicht
trennbar. Sie sind meist Bestandteile von Membranen. Oft
sind sie so genannte Transmembranproteine, die die beiden Membranoberflächen
miteinander verbinden. Sie haben Schlüsselfunktionen
für die Übertragung von Informationen
durch Membranen hindurch, z.B. vom extrazellulären Raum in
das Zellinnere oder umgekehrt (1). Wie später ausgeführt
werden soll, sind gerade diese Proteine auch für die Aufklärung
der räumlichen Strukturen besonders unzugänglich. Andererseits
sind verschiedene Gruppen von Membranproteinen (z.B. die G-Proteine,
s.später)
die Nummer 1 unter den begehrten Zielstrukturen (Targets) für
die Suche nach Medikamenten.
3) Keine stark elektrisch geladenen Proteine
Auch Proteine mit starken elektrischen Ladungen sind in der Elektrophorese
grundsätzlich schwer zu trennen, weil sie bei der Auftrennung
des Substanzgemisches entsprechend ihrer Ladung extreme Positionen einnehmen,
d.h. sie kommen entweder am äussersten positiven oder am äussersten
negativen Ende zu liegen. Davon betroffen sind die
stark basischen und die stark sauren Proteine, beides Proteingruppen,
denen gerade wegen ihrer Ladung besondere Funktionen
zukommen.
Zu den basischen Proteinen gehören die Histone. Sie bilden
– gebunden an die DNA – den Hauptbestandteil des Chromatins und sind wichtig
für die Ausbildung der Chromatinstrukturen, die grossräumig über
die Aktivierbarkeit ganzer Chromosomenabschnitte entscheiden.
Zu den sauren Proteinen gehören solche, die wegen ihrer Säuregruppen
die Bindung zwischen der DNA und den Histonen lockern können, und
damit eine Rolle bei der Regulation von Gen-Aktivitäten spielen.
4) Keine grossen und keine kleinen Proteine
Probleme in der 2D-Elektrophorese gibt es auch für grosse (über
100 kDa) und kleine Proteine (unter 20 kDa).
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Erläuterungen:
Dalton (Da) ist die Masseinheit für
die Molekularmasse. 1 Da entspricht (nicht ganz genau) der Masse eines
Wasserstoff-Atoms.
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Die alten 2D-Elektrophoresen haben also eine ganze Reihe von Unzulänglichkeiten.
Ausserdem lassen sie nur eine sehr begrenzte Zahl von Parallelanalysen
zu (1), sie sind also nur begrenzt automatisierbar.
Eine Schrotschuss-Methode für Proteine soll Abhilfe schaffen
Als Ausweg wird vorgeschlagen, die Proteine vorher zu spalten und danach
die Spaltprodukte zu analysieren, um so auf die Beschaffenheit der Proteine
zurückzuschliessen. Eine Art Schrotschuss-Methode für Proteine
also. (Der Begriff "Schrotschuss-Methode" ist bekannt geworden für
die Zerkleinerung der DNA als ein Schritt bei der Sequenzanalyse des Genoms.)
Mit einer solchen Protein-Schrotschuss-Methode könnten auch kleine,
grosse, saure, basische und Membranproteine identifiziert werden. Durch
die Zerlegung zu Bruchstücken wären sie auch für die neuen
Nanotechnologien zugänglich. Sie könnten dann in ultrafeinen
Kapillaren, die auf Mikrochips aufgeschweisst sind (s. später), mit
verschiedenen chromatographischen Verfahren aufgetrennt und charakterisiert
werden (4). Aber die Schrotschuss-Methode ist noch nicht eingeführt,
so dass auch über ihre Grenzen noch nichts gesagt werden kann.
B) Funktionsermittlung von Genen mit Hilfe der Proteomik
Es fällt auf, dass immer wieder gerade die wichtigsten Gruppen
von Proteinen methodisch besonders schwer oder nicht zugänglich sind.
Das ist nicht nur Zufall, denn oft sind es dieselben Besonderheien, denen
die Proteine einerseits ihre wichtige Rolle im Zellgeschehen verdanken
und andererseits ihre Randständigkeit bei den Trennungsmethoden (z.B.
Lipophilie, elektrische Ladung, Molekülgrösse, geringe Stückzahl).
Verschiedene Kombinationen von 2D-Elektrophorese mit neuen Techniken
Heute kann die 2D-Elektrophorese durch Kombinationen mit neuen Techniken
zu neuer Bedeutung gelangen.
Während einer 2D-Elektrophorese wandert jedes der
auf die Gelplatte aufgetragenen Protein an eine charakteristische Position.
Von dieser Stelle kann es entnommen
und analysiert werden. So können z.B. alle Proteine,
die von den cDNAs einer DNA-Datenbank codiert werden, in einem zellfreien
System synthetisiert und in
einem einzigen Schritt auf einer 2D-Platte getrennt werden
(1), um sie anschliessend weiterzu charakterisieren. Das können spektroskopische
Messungen sein (z.B.
eine der verschiedenen Arten von Massenspektroskopie)
oder eine Analyse der Bindungspartner des Proteins. Dazu gehören auch
die Protein-Protein-Wechselwirkungen (s.u.).
a) Funktionsermittlung durch die Analyse von Bindungspartnern
Protein-Protein-Wechselwirkungen können Auskunft über die
Funktion eines Gens geben. Angenommen, von einem Gen ist noch keine Funktion
bekannt, man kennt aber das von ihm codierte Protein. Nehmen wir weiter
an, es gelingt, unter seinen Bindungspartnern ein Protein zu finden, dessen
Funktion bekannt ist, dann kann man vermuten, dass das unbekannte Gen eine
Funktion in der gleichen Reaktionskette haben könnte wie das bindende
Protein (5).
Um ein Gemisch aus zahlreichen Proteinen auf ihre Wechselwirkungen
mit den Proteinen z.B. denen einer bestimmten Zellart zu untersuchen, gibt
es verschiedene Methoden.
Z.B. fusioniert man Proteine mit einem chemischen
Verbindungsstück , das zwei Besonderheiten aufweist: Erstens hat
es eine Bindungsstelle, mit deren Hilfe das Protein an einen festen Träger,
z.B. kleine Agarosekörner gebunden werden kann (s. den Abschnitt über
die Techniken der Kombinatorischen Chemie), und zweitens enthält es
eine spezifisch spaltbare Bindung, z.B. eine, die nur durch das Enzym Thrombin
gespalten werden kann. Die Träger mit den über das Zwischenstück
fixierten Proteinen kann man nun z.B. in Zellkernextrakten inkubieren
und anschliessend die Bindungspartner analysieren (3).
Man kann die zu untersuchenden Proteine auch gentechnisch
mit einem Epitop versehen, d.h. mit einer Protein-Teilstruktur, die geortet
werden kann. Nach einer Inkubation dieser Proteine (wie im oben beschriebenen
Beispiel) kann man sie durch einen gegen das Epitop gerichteten Antikörper
präzipitieren und aus dem Niederschlag die bei der Präzipitation
mitgerissenen Reaktionspartner isolieren. Das Verfahren mit dem künstlich
eingebauten Epitop hat den Vorteil, dass man Antikörper gegen dieses
Epitop im Vorrat für viele solcher Untersuchungen herstellen kann.
Dadurch entfällt die zeitraubende Einzelherstellung von Antikörpern
gegen jedes zu untersuchende Protein. Allerdings braucht man für den
gentechnischen Schritt die für das Protein spezifische cDNA. Die Autoren
meinen aber, cDNAs würden in Kürze für die meisten menschlichen
Gene erhältlich sein (3).
Mit der Untersuchung von Protein-Protein-Wechselwirkungen
kann man auch Einblicke
in komplexe Mechanismen erhalten. z.B: stiess man durch Untersuchung der
Profilin-I-
und Profilin-II-bindenen Proteine (Erläuterung s.u.) im Mäusegehirn
auf zwei Sätze von Proteinen, von denen einer aus Signalmolekülen
für Muskelproteine bestand, und
der andere eine Membranfunktionen bei Endocytosen
hatte. Das zeigt, dass es eine
Beziehung geben muss zwischen den Signalwegen im Muskel
und dem Zusammenbau
von Mikrofilamenten, und dass Profilin eine Rolle dabei
spielt (3).
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Erläuterungen:
Profiline sind verbreitete Proteine
mit Bedeutung für die Ausbildung mechanischer Strukturen innerhalb
der Zelle (Cytoskelett, Mikrotubuli) und für die Muskelkontraktion.
Endocytose ist eine aktive Aufnahme
extrazellulären Materials in die Zelle hinein, wobei die Membranen
sich zu einem vorübergehenden Einlassweg formieren.
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b) Funktionsermittlung durch Klassifizierung der Proteinfamilien
Ein anderer Weg, einem Gen eine Funktion – zumindest grob – zuzusprechen
erfolgt über die Klassifizierung der Proteinfamilien (6). Die verschiedenen
Mitglieder einer Proteinfamilie haben oft ähnliche Funktionen und
erlauben dann einen Rückschluss auf die Funktion der dazugehörenden
Gene.
Sie können aber auch grosse Unterschiede aufweisen, völlig
unterschiedlich reguliert werden und volkommen andere Funktionen haben.
Das trifft z.B. für die grosse Familie der Serin/Threonin-Phosphatasen
zu (7). (s. hierzu den Abschnitt über räumliche
Strukturen, Teil VI).) Da diese Strategie zu den Homologiemethoden
gehört, weist sie auch die damit zusammenhängenden Unzulänglichkeiten
auf (s. Teil II: Spleissvarianten
erschweren Homologievergleiche; Teil
III, F und Teil IV, A).
c) Funktionsermittlung über das phylogenetische Profil
Zu Aussagen über die funktionelle Verknüpfung eines Proteins
gelangt man ausserdem über ein so genanntes phylogenetisches Profil.
Das ist das Muster aus der Anwesenheit und Abwesenheit eines Gens in allen
bereits sequenzierten Genomen verschiedener Lebewesen. (Bisher
sind 130 verschiedene Genome entweder bereits aufgeklärt oder in Arbeit
(8, 9). Haben zwei Proteine dasselbe phylogenetische Profil, so
kann man auf funktionelle Ähnlichkeit schliessen. Eine Verfeinerung
dieser Methode führt zu ganzen Netzwerken von Proteinen, die miteinander
in Beziehung stehen (5).
C) Projekte und Organisationen im Bereich der Proteomik
Die Zahl der insgesamt vorgeschlagenen Projekte ist gross. Darunter
sind umfassende von internationaler Reichweite und kleine, die sich nur
über einen Arbeitskreis erstrecken. Es gibt Vorschläge denen
zwar eine sinnvolle Gliederung der Forschungsarbeiten zugrunde liegt, die
aber von einer weniger sinnvollen Realität bereits überholt wurden
und daher bereits zum Zeitpunkt des Erscheinens nicht mehr realisierbar
waren. Andere überschneiden sich
mit den Arbeiten zur Aufklärung der Raumstruktur von Proteinen,
für die eigene Projekte existieren. Zahl und Art der Initiativen sind
ohne systematische Ordnung aus dem Boden geschossen. Die im folgenden aufgeführten
Projekte haben grosse Organisationen hinter sich und werden ihre Ziele
wohl durchsetzen (und finanzieren) können.
a) Ein Proteom-Projekt und eine dazugehörige Organisation (HUPO
analog zu HUGO)
Als Parallele zum Genomprojekt haben einige Wissenschaftler ein Konzept
erstellt für ein Human Proteome Project (2). Ziel des Projektes ist
(in Analogie zur Gen-Kartierung der DNA) eine Kartierung aller Zellfunktionen
zu erstellen.
Im Februar 2001 wurde dieses Projekt (wiederum analog zu den entsprechenden
Einrichtungen für die DNA-Forschung) durch eine Human Proteome Organisation
(HUPO) ergänzt, mit dem Ziel, die internationale Zusammenarbeit zu
unterstützen und das Verständnis für diesen Wissenschaftszweig
zu fördern. HUPO soll gewährleisten, dass Vorteile
aus den Ergebnissen der Proteomik voll genutzt und finanziell umgesetzt
- "kapitalisiert" - werden (10).
Da sich die meisten Krankheiten auf der Ebene der Proteine manifestieren,
ist die Proteomik prädestiniert für medizinische Forschung. Als
Forschungsziele werden vorgeschlagen,
-
die Beteiligungen bestimmter Proteine oder Proteinkomplexe an Krankheiten
zu untersuchen,
-
Markerproteine zu finden, die eine Diagnose bald nach dem Ausbruch der
Krankheit ermöglichen (z.B. Krebs),
-
Diagnosen zu erarbeiten, die Prognosen über eine Krankheit erlauben
und die es möglich machen, sowohl den Krankheitsverlauf als auch den
Heilungserfolg
zu verfolgen, und
-
Proteine zu finden, die sich als Targets bei der Suche nach Medikamenten
eignen (s. später) (10).
b) SWISS-PROT, eine Datenbank für Proteinsequenzen und eine Organistion
für ihre Nutzung
Eine weitere wichtige Einrichtungen im Bereich der Proteomik ist die
Datenbank für Proteinsequenzen, genannt SWISS-PROT. Sie wird vom SIB
(Schweizer Institut für Bioinformatik) und dem EBI (Europäisches
Bioinformatik-Institut) gemeinsam betrieben. Auf der Grundlage dieser Datenbank
soll eine automatische Deutungsmethode erarbeitet werden, mit der man die
Funktionen aller Proteine aus ihren Aminosäuresequenzen ableiten möchte.
Das ist insbesondere für solche Proteine gedacht, für die es
auf dem Wege
der Homologievergleiche keine Deutungsmöglichkeiten gibt. Bisher
geht man aber auch hier von bereits Bekanntem aus: Sind die Funktionen
mehrerer Mitglieder einer Proteinfamilie bereits bekannt, so untersucht
man, ob sich darin Gemeinsamkeiten finden lassen. Und diese, allen anderen
bekannten Familienmitgliedern gemeinsamen Anteile ihrer Funktion schreibt
man dann dem zu untersuchenden neuen Protein sozusagen auf Verdacht zu
(11). Die Hoffnung ist, durch die Wiederholung solcher Zuschreibungen auf
allgemeingültige Gesetzmässigkeiten zu stossen, die dann ab-initio-Schlussfolgerungen,
d.h. Schlussfolgerungen aus der Sequenz, ermöglichen sollen.
Weitere Ziele der Datenbank SWISS-PROT sind:
- alle menschlichen Polymorphismen auf der Protein-Ebene zu deuten,
- über posttranslationalen Modifikationen zu informieren,
- mit Links auf Struktur-Informationen zu verweisen,
- und Beziehungen dieser Informationen zu biologischen Reaktionswegen
anzuzeigen. (12)
c) Eine Proteomik-Initiative für die peripheren Aufgaben
Im Juli 1999 haben SIB und EBI (wiederum gemeinsam) die Human Proteomics
Initiative (HPI) gegründet, mit dem Ziel, eine zentrale Informationsstelle
zu bilden, an der alle erhältlichen, bedeutenden wissenschaftlichen
Informationen zusammengeführt und der Wissenschaft zur Verfügung
gestellt werden können. Gedacht ist an eine Dokumentation für
Proteinfamilien und an ein Informationszentrum für Diagnosen. Das
ist
deshalb von besonderer Bedeutung, weil die Informationen bisher in
völlig unterschiedlichen Datenbanken untergebracht sind, mit verschiedenen
Formen von Such-Routinen und verschiedenen Arten der Datenausgabe.
Die koordinierende Aufgabe soll ein Programm mit der Bezeichnung
InterPro übernehmen (11).
Für die HPI waren zwei Phasen vorgesehen:
1) In den ersten neun Monaten (bis März 2000) wurden alle
erhältlichen Informationen aus insgesamt
14 500 Veröffentlichungen
zusammengetragen (13).
2) Von da ab – als 2. Phase bezeichnet – soll die Forschung kontinuierlich
weiter verfolgt werden, um alle fundierten
Daten über Proteine
freizugeben.
Ziel der HPI ist die Deutung sämtlicher menschlicher Proteinsequenzen,
d.h. die Deutung von jedem Protein, das zu irgendeinem Zeitpunkt, in
irgendeiner Situation und irgendeiner Zelle eines Menschen exprimiert werden
kann, einschliesslich aller posttranslationalen Modifikationen und aller
Polymorphismen.
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Erläuterungen:
Polymorphismen sind Abweichungen von
der Standardsequenz mit einer Häufigkeit von mindestens 1%. Diese
für Mutanten vergleichsweise grosse Häufigkeit soll gewährleisten,
dass sie keine schädlichen Auswirkungen haben, denn sonst hätte
die Selektion bewirkt, dass sie seltener sind.
Posttranslationale Modifikationen
sind Veränderungen an den Proteinen, die nach der "Übersetzung"
aus der Messenger-RNA (mRNA) entstehen, die also nicht durch die Gene für
diese Proteine verursacht werden.
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Der Aufgabenbereich von der HPI wurde in sechs Teile unterteilt:
1) Deutung aller bekannten menschlichen Proteine,
2) Deutung der Säuger-Proteine, die zu menschlichen Proteinen
ortholog
sind (d.h. ihnen in Herkunft und Funktion
entsprechen),
3) Deutung aller bekannten menschlichen Polymorphismen auf der
Proteinsequenz-Ebene,
4) Deutung aller bekannten post-translationalen (s.o.) Modifikationen
menschlicher Proteine,
5) enge Verknüpfungen mit Informationen über Strukturen,
6) Gruppierung und Klassifizierung aller bekannten Proteine von
Wirbeltieren (11).
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(1) K.H.Lee, Proteomics: a technology-driven and
technology-limited discovery
science, Trends
in Biotechnology, Bd. 19, S. 217-222 (Juni 2001).
(2) A. Abbot, A post-genomic challenge: learning
to read patterns of protein synthesis,
Nature Bd. 402 S.715-720
(Dez. 1999).
(3) A. Pandey u. M. Mann, Proteomics to study genes
and genomes, Nature,
Bd. 405, S. 837-846
(Juni 2000).
(4) M. A. Moseley, Current trends in differential
expression proteomics: isotopically
coded tags, Trends in
Biotechnology, Bd. 19 (Suppl.), S.10-16, Okt 2001).
(5) D. Eisenberg, E.M. Marcotte, I. Xenarios u.
T.O. Yeates, Protein function in the
post-genomic era,
Nature, Bd. 405, S. 823-826 (Juni 2000).
(6) P. Spence u. R. Aurora, From reductionist to
constructionist, but only if we
integrate, Pharmainformatics,
Supplement-Band der "Trend"-Zeitschriften von
Elsevier Science Ltd.,
S. 37-39, 1999. (Die Autoren sind von Monsanto).
(7) J. Skolnick u. J. S. Fetrow, From genes to protein
structure and function: novel
applications of computational
approaches in the genomic era, Trends in
Biotechnology Bd. 18 S.
34-39 (Jan. 2000).
(8) D. Lockhart u. E.A. Winzeler, Genomics, gene
expression and DNA arrays, Nature,
Bd.405, S.827-836 (Juni
2000). (Die Autoren sind von Novartis).
(9) P.M. Dean, E.D.Zanders u. D.S. Bailey, Industrial-scale
genomics-based drug design
and discovery, Trends
in Biotechnology, Bd.19, S.288-292 (Aug.2001). (Der Autor ist
von De Novo Pharmaceuticals).
(10) http://www.healthtech.com/2001/hpr/hpr_pressrelease.htm
Pressemitteilung der
Human Proteome
Organisation, Feb. 2001.
(11) C. O´Donovan, R. Apweiler u. A. Bairoch, The
human proteomics initiative (HPI),
Trends in Biotechnology,
Bd. 19, S. 178-181 (Mai 2001).
(12) L.L. Ilag, Conquering the proteome, Bericht der 5.
IBC-Konferenz: Proteomics und
der Proteome conference,
18.–20. Febr. 2002 in Genf, Drug Discovery Today, Bd. 7,
S. 550-553 (Mai
2002).
(13) R. Apweiler u. A. Bairoch, The human proteomics initiative
of SIB and EBI (Aug.
1999) http://bioinformer.ebi.ac.uk/newsletter/archives/5/hpi.html
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VI. Die Raumstruktur der
Proteine
Die Aufklärung der räumliche Strukturen von Proteinen ist
ein ganz entscheidendes Problem der postgenomischen Forschung. Die Kenntnis
der räumlichen Beschaffenheit, besonders die der aktiven Zentren und
Bindungsstellen, ist unverzichtbar für das ursächliche Verstehen
der Funktionen und sie bildet die Grundlage für die Bindung möglicher
Wirkstoffe und damit für die neue Art, Medikamente zu entwickeln.
Aber gerade hier gibt es Probleme, deren Lösung noch in den Anfängen
steckt.
[ mehr
]
VII. Entdeckung von Medikamenten
mit den neuen Technologien
Das Hauptziel aller geschilderter Bemühungen, die Funktion der
Gene aufzuklären, ist es, auf eine neue Art Wirkstoffe zu finden,
die als Medikamente Verwendung finden können. Neu ist dabei in jedem
Fall die Art der Suche. Die Wirkstoffe selbst sind generell nicht neuartig.
Grundsätzlich geht es darum, auf der Grundlage der Kenntnisse aus
der Genomsequenz mit Hilfe automatischer Methoden Substanzen zu finden,
die in ein Krankheitsgeschehen eingreifen können. [
mehr
]
VIII. Wieviel kostet die
Entwicklung eines Medikamentes?
Die angegebenen Kosten für die Entwicklung eines Medikamentes sind
astronomisch hoch und steigen weiter an. Aufgrund der letzten Studie
vom
November 2001 liegen sie bei 802 Mio.$. Verbraucherorganisationen
kommen zu anderen Ergebnissen. [mehr
]
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Erstellt am 26.07.02 / ergänzt am 25.03.03 |
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